Als Sexualpraktik (sexuelle Praktiken) werden alle Handlungen bezeichnet, die subjektiv der Befriedigung des Sexualtriebs dienen.
Darunter fallen nicht nur offensichtlich sexuelle Handlungen, wie die Manipulation der Genitalien, sondern alles, was für die Beteiligten sexuell stimulierend ist. Viele dieser Praktiken können daher auch in nichtsexuellen Zusammenhängen auftauchen (zum Beispiel der Kuss).
Betrachtet man das gesamte Reich der Säugetiere, ist wohl die häufigste sexuelle Praktik der vaginale Geschlechtsverkehr in der a tergo Stellung und im weiteren Sinne Balzrituale, also fortpflanzungsorientierte Techniken. Evolutionsforscher bewerten die selten beobachtete Missionarsstellung (Gesicht zu Gesicht) teilweise als progressives Spezifikum.
Häufig kommt bei Säugetieren ein oraler Kontakt mit Geschlechtsteilen und Afterbereich vor. Biologen haben außerdem ein gewisses Maß an homosexueller Praxis bei allen beobachteten verschiedengeschlechtlichen Arten festgestellt, manchmal als Ersatzhandlung bei Mangel an paarungsbereiten gegengeschlechtlichen Individuen. So versuchen sich paarungsbereite Stiere bei Mangel an Kühen zuweilen gegenseitig zu besteigen und vice versa. Bei manchen Affenarten ist die eigene sowie gegenseitige Manipulation der Geschlechtsteile üblich - unabhängig davon, ob das andere Tier fremd- oder gleichgeschlechtlich ist, etwa bei den Bonobos. Es gibt mittlerweile zahlreiche Beobachtungen und Belege darüber, dass das Sexualleben bei vielen Tierarten äußerst kreative Komponenten hat, mitunter kurios anmutende: so die nasale Penetration bei Delphinen.Olivia Judson: Die raffinierten Sexpraktiken der Tiere, Heyne, Juli 2006, ISBN 3453600142. Das Buch befasst sich mit den neuesten Erkenntnissen über das Sexualverhalten der Tiere, etwa mit der sozialen Funktion und der (mitunter existentiellen) Bedeutung der sexuellen Befriedigung im Tierreich.
Der Mensch hat eine Vielzahl von sexuellen Praktiken entwickelt, was zunächst damit zusammenhängt, dass Fortpflanzung und Sex voneinander entkoppelt sind, also die sexuelle Stimulation einen eigenen Sinn und Zweck erlangt hat und der Mensch ein nicht nur lustvolles, sondern geradezu ein spaßiges, kreatives und begeistertes Sexualleben führt.
Sexuelle Praktiken entsprechen der Vielfalt menschlicher Sexualität und sind Ausdruck seines Erfindungsgeistes. Manche sexuellen Praktiken können einen praktischen Hintergrund haben, so wurde und wird der heterosexuelle Analverkehr zuweilen zur Empfängnisverhütung praktiziert. Man sollte allerdings bedenken, dass, auch wenn es nicht zum Vaginalverkehr kommt, durch Unvorsicht Sperma in die Scheide der Frau gelangen und damit ungewollt eine Befruchtung stattfinden kann.
Seit alters her werden zur Intensivierung des sexuellen Genusses in unterschiedlichen Kulturen Aphrodisiaka eingesetzt, angefangen bei Speisen und Gewürzen wie Sellerie, Zwiebeln, Chili, Kakao, Zimt, Vanille uvm. über Duftsubstanzen und Räucherwerk bis hin zu Rauschsubstanzen und Drogen wie Alkohol, Cannabis, Opium. Zu den modernen Drogen, denen aphrodisierende Eigenschaften zugesprochen werden, gehören etwa Poppers, Kokain, Ecstasy. Bei Drogen kann es neben gesundheitsgefährdenden Auswirkungen mitunter zu einer Einschränkung oder den Verlust der sexuellen Erregung kommen, was dann den Zweck des Einsatzes verfehlt. Viele Drogen haben ein oftmals unterschätztes Abhängigkeitspotential. Zudem ist hierzulande mit Ausnahme von Alkoholika der Erwerb und Gebrauch oft verboten oder zumindest reglementiert (Cannabis).
Darstellungen sexueller Praktiken, die sich ebenfalls seit alters her quer durch alle Kulturen in Abbildungen, Skulpturen, der Form von Gegenständen und in erotischen Erzählungen zeigen, gehören wie die moderne Pornographie ebenfalls zu den sexuellen Stimulanzien.
Sexuelle Praktiken, die eine einzelne Person ausübt, werden unter den Begriffen Autosexualität oder Selbstbefriedigung (auch Onanie, Ipsation oder Masturbation) zusammengefasst.
Die Masturbation im Wortsinne wird mit der Hand durchgeführt (von manus "Hand"). Selbstbefriedigung im Allgemeinen kann auch unter Zuhilfenahme der verschiedensten Gegenstände (Sexspielzeug u.ä.) durchgeführt werden.
Auch die Elektrostimulation kann eine Form der Autosexualität sein.
Eine eher gefährliche Form der (Selbst)befriedigung ist die Autosexuelle Strangulation, die neben anderen sexuellen Handlungen eine allmähliche Senkung / Unterbrechung der Luftzufuhr herbeiführt, um übermäßige rezeptorische Wahrnehmung im Gehirn zu erreichen und damit ein sehr intensives sexuelles Stimulationsgefühl - eine Art Potenzierung des Poppers-Effekts.
Sexuelle Praktiken zwischen zwei (verschieden- oder gleichgeschlechtlichen) Personen umfassen erotische Massagen, die Stimulation der erogenen Zonen (zum Beispiel der Lippen, der Zunge, der Ohrläppchen, des Anus) sowie des gesamten Körpers, Petting (Stimulation der primären und sekundären Geschlechtsorgane), abgestuft extremere Reize (Schläge, Sadomasochismus), Erotische Elektrostimulation sowie die verschiedensten Arten von Geschlechtsverkehr. Der Begriff Geschlechtsverkehr bezeichnet je nach Gebrauch entweder sexuelle Praktiken, bei denen ein oder mehrere primäre Geschlechtsorgane beteiligt sind, Penetration durch den Penis (vaginal, anal, oral) oder nur den vaginalen Geschlechtsverkehr.
Dazu kommen jene Praktiken, welche nicht per se sexuell sein müssen, aber von den Beteiligten als sexuell stimulierend empfunden werden, wie Rollenspiele, Verkleidungen, eine beabsichtigte Verzögerung oder Beschleunigung sexueller Handlungen, Ortswahl (zum Beispiel Sex im Fahrstuhl), das gemeinsame Ansehen insbesondere eines erotischen oder Pornofilms etc. Es dürfte wenige Handlungen geben, welche noch niemals mit einer sexuellen Praktik in Verbindung gebracht wurden.
Die Stimulation der Geschlechtsteile des Partners oder der Partnerin mit der Hand wird auch als Masturbation bezeichnet, wenngleich diese Bezeichnung gemeinhin nur als Technik zur Selbstbefriedigung verstanden wird.
Die Technik variiert zwischen sanftem Streicheln, Klopfen, Reiben, Rollen und kräftigeren Massagebewegungen. Die Vorlieben für die jeweilige Art der Berührung sind individuell sehr unterschiedlich. In der Regel finden Frauen eher leichtere und Männer eher etwas(!) kräftigere Berührungen erregend, was aber nicht immer zutreffen muss.
Eine weiter gehende Form oraler Stimulation ist das Einführen des kompletten Penis durch den Mund in die komplett entspannte Kehle des Partners und bei gestrecktem Hals (engl. Deep Throat), was jedoch nur bei (erlernbarer) Beherrschung des Schluckreflexes machbar ist. Dabei wird einerseits durch die eigentypisch geformte Kehlkopfmuskulatur der Penis stimuliert, andererseits erreicht er teilweise hocherogene Nervenstränge im Rachen.
Ass to mouth (Arsch zu Mund) wird gerne in pornografischen Filmen praktiziert. Hierbei kommt es zuerst zum Analverkehr, anschließend nimmt der passive Partner den Penis des aktiven Partners in den Mund.
Anale Stimulation kann durch den Partner auch oral erfolgen, indem der hoch empfindliche Damm und/oder der äußere Schließmuskel am Anus mit Mund und Zunge liebkost werden bis hin zur Penetration (Rimming oder auch Anilingus genannt). Dies kann natürlich auch mit den Fingern erfolgen ("russisch", siehe unten) oder mit einem Sexspielzeug (zum Beispiel einem Vibrator oder Butt Plug).
Ohne Einverständnis der Opfer, also unfreiwillig und in vielen Ländern verboten, finden statt:
Die Bewertung sexueller Praktiken ist kulturabhängig. So wurde in der westlichen Welt lange Zeit allein der Vaginalverkehr, teilweise nur in bestimmten Stellungen, als "normal" akzeptiert. Die meisten anderen sexuellen Praktiken galten als Perversionen, also Entartungen. Sie wurden tabuisiert und waren durch Gesetz verboten.
Inzwischen gelten in Europa weitgehend nur noch vereinzelte gesetzliche Verbote für sexuelle Praktiken, die nicht auf Freiwilligkeit beruhen, weil sie das Prinzip der sexuellen Selbstbestimmung verletzen. Eine darüber hinaus gehende staatliche Regulierung widerspricht dem verfassungsrechtlichen Verständnis der allgemeinen Handlungsfreiheit und in den meisten europäischen Rechtsordnungen gilt es als völlig unzulässig, Gesetze hierzu zu erlassen.
In Deutschland sind derzeit folgende sexuelle Praktiken verboten:
Sexuelle Handlungen mit/an Tieren (Zoophilie) sind entgegen landläufiger Meinung in Deutschland nicht verboten. Geht die sexuelle Handlung jedoch mit Schmerz oder Leid für ein Wirbeltier einher, verstößt diese Tierquälerei gegen das Tierschutzgesetz und ist eine Straftat.
Die kulturabhängige Bewertung der sexuellen Praktiken lässt sich auch an der Tatsache ablesen, dass viele sexuelle Praktiken (und andere Bezeichnungen aus dem Bereich der Sexualität) mit Ländernamen belegt sind, oft unabhängig von der faktischen Richtigkeit der Zuordnung.
Der wissenschaftliche Begriff der Perversion ist in den letzten Jahren zunehmend durch den neutraleren Begriff der Paraphilie oder der sexuellen Devianz abgelöst worden. Auch wird nicht mehr jede "anomale" sexuelle Praktik als Devianz eingestuft. Eine Devianz liegt demnach nur noch vor, wenn eine bestimmte sexuelle Praktik notwendig zur sexuellen Befriedigung geworden ist (vergleiche Fetisch) oder sie das normale soziale Funktionieren einer Person behindert (siehe auch Zwang).
Viele sexuelle Praktiken werden auch mit Ländernamen belegt. Die Herkunft dieser Benennungen ist oft unbekannt, spiegelt aber wohl meist Vorurteile (zum Beispiel "russisch", "schwedisch") oder propagandistische Abwertung bzw. Projektion wieder. In vielen Fällen herrscht kein Konsens über die Namensgebung.
Beispiele hierfür sind:
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