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Lost (benannt nach seinen Entwicklern Lommel und Steinkopf) ist ein hautschädigender chemischer Kampfstoff („Hautkampfstoff“).

Schwefellost (S-Lost; Code: HD) wird auch als Senfgas, Yperit (da erstmals bei Ypern eingesetzt), Schwefelyperit oder im angloamerikanischen Sprachraum als "mustard gas" bezeichnet. S-Lost wurde im ersten Weltkrieg bei der 3. Flandernschlacht in Belgien erstmals eingesetzt.

N-Lost


N-Loste (oder Stickstoffloste) gehören ebenfalls zu den Hautkampfstoffen. Im Gegensatz zum bekannteren S-Lost basiert das chemische Grundgerüst der N-Loste aber nicht auf Schwefel, sondern auf Stickstoff. N-Loste korrodieren ihre Behälter nicht so leicht wie S-Loste. Sie sind aber gefährlicher, in einem größeren Temperaturbereich einsetzbar und schwerer zu dekontaminieren. Im Allgemeinen verläuft die Heilung von N-Lost-Wunden besser als von S-Lost-Wunden.

Sowohl S-Lost wie auch N-Lost wurden auf Grund der Kennzeichnung der damit gefüllten Munition als Gelbkreuzkampfstoffe bezeichnet.

Hierbei bleibt anzumerken, dass es sich bei keinem der Stoffe beider Substanzklassen um Gas, sondern um hochsiedende Flüssigkeiten handelt, die in Form von Dampf, Aerosol oder feinverteilter Flüssigkeitströpfchen eingesetzt wurden. Es ist zu vermuten, dass nach dem Ersteinsatz von Chlorgas der Begriff Giftgas unterschiedslos für alle anderen Kampfstoffe übernommen wurde.

Geschichte


1860 stellte Frederic Guthrie Senfgas zum ersten Male her.

Am 12. Juli 1917 setzten die Deutschen das erste Mal Senfgas ein, um die Ausgangslage für den erwarteten britischen Angriff bei Ypern zu verbessern. Senfgas war wegen der entstellenden Verletzungen, die es verursacht, eine der gefürchtetsten Waffen des letzten Jahres des Ersten Weltkriegs; allerdings starben an Senfgas weitaus weniger Soldaten als an Phosgen.

1918 erblindete Adolf Hitler in der Nähe von Ypern kurzzeitig in Folge des Kontaktes mit Senfgas.

Während der NS-Zeit wurde bis 1942 in Halle-Ammendorf S-Lost produziert, allerdings kam es im Zweiten Weltkrieg nicht zum Einsatz. Neben einem Werk in der Lüneburger Heide war die Ammendorfer Firma „ORGACID“ der größte Giftgashersteller in Deutschland. Unter dem ehemaligen Firmengelände an der heutigen Camillo-Irmscher-Straße liegen acht weit verzweigte (und grün geflieste) Zisternen, die auf Grund fehlender Baupläne nur schwer zu entgiften waren und nach der Wende hermetisch versiegelt worden sind. Noch im Jahr 1990 wurden 30 Tonnen Giftreste durch das Grundwasser an die Oberfläche gespült.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden Senfgasbomben, soweit bekannt, nur ein einziges Mal eingesetzt, nämlich durch polnische Truppen zur Sprengung einer Brücke und zur Verminung einer Straßensperre in der Nähe von Jaslo. Dabei wurden am 8. September 1939 zwei deutsche Soldaten getötet und zwölf verwundet. Man geht aber allgemein davon aus, dass dies die Entscheidung eines einzelnen polnischen Offiziers war. Aus diesem Grund unterblieben von Seiten der deutschen Truppen Vergeltungsmaßnahmen. G.W.Gellermann: Der Krieg, der nicht stattfand, Bernard&Graefe Verlag

Am 2. Dezember 1943 bombardierte die deutsche Luftwaffe den italienischen Hafen von Bari. Dabei wurde der unter anderem mit Senfgasgranaten beladene US-Frachter John Harvey getroffen und versenkt. Ein Teil der Ladung lief ins Wasser, ein anderer Teil wurde durch die Explosionen und die Brände in der Luft verteilt. Da auf Grund der Geheimhaltung nur wenige Personen in Bari von der Existenz dieser Ladung wussten und diese allesamt umkamen, konnten die Verwundeten zunächst nicht richtig behandelt werden. Genaue Zahlen über die Opfer existieren nicht; es wird geschätzt, dass über 600 Soldaten und Angehörige der Handelsmarine verätzt wurden, von denen etwa 100 starben. Die Zahl der getöteten Zivilisten dürfte um die 1000 betragen. Dieser Vorfall hätte beinahe eine Eskalation des Krieges ausgelöst. Eine im Hafenbecken gefundene Gasbombe wurde aber noch rechtzeitig als amerikanisches Modell identifiziert.

Kopf eines Yperit Opfers.jpg Der irakische Diktator Saddam Hussein setzte am 16. März 1988 gegen Ende des ersten Golfkriegs Senfgas im Giftgasangriff auf Halabdscha (70.000 Einwohner, ca. 260 km nordöstlich von Bagdad) ein: ca. 5.000 Tote, 7.000 Verletzte - größtenteils Zivilisten.

Nach den Weltkriegen wurde ein Großteil der verbliebenen deutschen Senfgasbestände in der Ostsee versenkt. Da das Lost aber allmählich aus den mittlerweile lecken Fässern austritt, finden sich an Stränden der Ostsee immer wieder kleine Lost-Klumpen, die Bernstein ähnlich sehen, aber ziemlich weich sind. Bei Hautkontakt können sich Verätzungen bilden.*

Lost wurde in folgenden Konflikten eingesetzt:

Toxizität


Lost ist ein starkes Hautgift und wahrscheinlich krebserregend (carcinogen). Die Wirkung auf die Haut ist vergleichbar mit starken Verbrennungen oder Verätzungen. Es bilden sich große, stark schmerzende Blasen. Die Verletzungen heilen schlecht. Das Gewebe wird nachhaltig zerstört und die Zellteilung gehemmt. Großflächig betroffene Gliedmaßen müssen meistens amputiert werden. Werden die Dämpfe eingeatmet, so werden die Bronchien zerstört. Eine Entgiftung der Haut kann durch eine sofortige Behandlung durch Abwaschen mit starker Seifenlauge oder durch Besprühen der betroffenen Stellen mit Chlorkalk erfolgen. Ein Abdecken der betroffenen Körperregionen, beispielsweise durch Kleidung oder Decken, ohne vorherige Entgiftung verschlimmert die Symptome zusätzlich.

Die toxische Wirkung beider Lost-Varianten kommt durch die Bildung von hochreaktiven Verbindungen durch einen intramolekularen SN2-Angriffs des Stickstoffs oder Schwefels auf das mit Chlor verbundene Kohlenstoffatom (Nachbargruppenbeteiligung oder anchimere Unterstützung) zustande. Dabei bildet sich im Falle von N-Lost ein Aziridin oder Thiiran im Falle des S-Lost.

Das Auge reagiert am empfindlichsten auf S-Lostdampf. Die Folge ist eine im glimpflichen Fall vorübergehende Erblindung, da das massive Lidödem eine aktive Augenöffnung verhindert. Da die Augen bis zu einem gewissen Grad jedoch in der Lage sind, sich zu regenerieren, bestehen oftmals nach einer Dauer von einigen Monaten gute Heilungschancen und Aussicht auf das Wiedererlangen der Sehkraft.

Lost durchdringt poröses Material und bestimmte Gummi- und Kunststoffarten. Teilweise werden die Kampfstoffe mit Wachsen, Harzen oder Kunststoffen angereichert, um „Zäh-Lost“ zu schaffen, welches an Materialien haften bleibt und somit schwieriger zu entgiften ist.

Lager


Stand 2003 (AC-Schutzzentrum Spiez):
  • Russland: 40.000 t (Militärisch nicht mehr einsetzbar; Vernichtungsprogramm in den Anfängen)
  • USA: 31.500 t (davon ca. 25 % zerstört)
  • Indien: mehrere tausend Tonnen (Aktives Vernichtungsprogramm)
  • Iran: mehrere hundert Tonnen
  • Südkorea: mehrere tausend Tonnen (Aktives Vernichtungsprogramm)
  • Nordkorea: mehrere tausend Tonnen

Eigenschaften


Schwefelloste (S-Lost)

Senfgas (Standard Schwefellost)
Bis(2-chlorethyl)sulfid
CAS: 505-60-2
Schmelzpunkt: 14,4 °C (760 mm Hg)
Siedepunkt: 217.°C (760 mm Hg)
Gasförmig ab: 15 mm Hg bei 105-108 °C
Geruch: senfartig, meerettichähnlich
Wirkungsdauer bei 15 °C: 3-5 Tage

Neben dem normalen S-Lost wurde auch das sogenannte Winterlost hergestellt, um den Gefrierpunkt zu senken gab man dem S-Lost Arsinöl zu. Reines S-Lost ist geruchlos, der typische Knoblauch ähnliche Geruch entsteht, da das S-Lost in organischen Lösungsmitteln gelöst ist, deren Inhaltsstoffe chemische Ähnlichkeit mit dem Duftstoff von Knoblauch (Allicin) besitzen.

S-Lost.png

Sesqui-Yperit (Q)
1,2-Bis-(2-chlorethylthio)-ethan
CAS: 3563-36-8

Sesqui-Yperit.png

Oxol-Lost (T)
Bis-(2-chlorethylthioethyl)-ether
CAS: 63918-89-8

O-Lost.png

Stickstoffloste (N-Lost)

HN1
Bis-(2-chlorethyl)-ethylamin
CAS: 538-07-8
Schmelzpunkt: -34 °C
Siedepunkt: 85 °C
MAK: 0.003 mg/m3
Geruch: schwach fischig, tranartig

HN-1.png

HN-1 wurde Anfang der 1930er Jahre als Warzenentferner entwickelt, erst später stellte sich seine militärische Nutzbarkeit heraus.

HN2
Bis-(2-chlorethyl)-methylamin
CAS: 51-75-2
Schmelzpunkt: -65 °C
Siedepunkt: 75 °C
Geruch: in hoher Konzentration fruchtartig, in niedriger eher seifig und fischig

HN-2.png

HN-2 wurde als Kampfstoff entwickelt. Später stellte man daraus ein Medikament gegen Lymphknotenkrebs her.(HN-2 HCl, CAS: 55-86-7, Mustine)

HN3
Tris-(2-chlorethyl)-amin
CAS: 555-77-1
Molmasse: 204,54 g/mol
Dichte: 1,24
Schmelzpunkt: -3,7 °C
Siedepunkt: 256 °C (Zersetzung)
LCt50: inhal. ca. 1500 mg min/m 3, perkutan ca. 10000 mg min/m3
ICt50: 200 mg min/m3(Auge), 2500 mg min/m3 perkutan
Dekontamination: Chlorkalk (Kalziumhypochlorit)
Geruch: Butter, Mandel ähnlich
Wirkungsdauer bei 15 °C: 1-2 Monate

HN-3.png

Herstellung


S-Lost

Ursprüngliches Verfahren
CH2-CH2-Cl / SCl2 + 2H2C=CH2
-> S \ CH2-CH2-Cl Schwefel- Ethen S-Lost dichlorid

Reines Ethen wird bei 35 °C durch Dischwefeldichlorid oder Schwefeldichlorid geleitet. Danach bekommt man zwei Fraktionen, wobei die obere Dichlorodietylsulfid und die untere das Dischwefeldichlorid beziehungsweise das Schwefeldichlorid ist. Nun werden beide Fraktion getrennt und das S-Lost mittels Vakuumdestillation aus dem Dichlorodietylsulfid herausdestilliert. Das S-Lost entsteht bei dieser Reaktion durch die elektrophile Addition von SCl2 an Ethen. (Das S2Cl2 wird zu SCl2 und Schwefel). Mit Hilfe dieser Reaktion wurde das S-Lost von den Alliierten im Ersten Weltkrieg hergestellt.

Eine weitere Methode besteht darin, eine Mischung von Dischwefeldichlorid und Schwefeldichlorid im Verhältnis 1 zu 3 fein verteilt in eine Atmosphäre von Ethen zu sprühen. Dieses Verfahren besitzt eine Ausbeute von 93 %.

=Großtechnische Herstellung
=

Größtenteils benutzte man gusseiserne, mit Blei ausgekleidete Behälter mit eingebautem Rührwerk. Man füllte sie mit 750 Kg S2Cl2 und blies 20 Stunden lang durch ein Rohr am Boden unter Rührung 430 kg Ethen ein. Die Temperatur wurde durch Regulation des Etheneinlasses bei 30-35 °C gehalten. Nach Ablauf der 20 Stunden ließ man das Dichlorodietylsulfid durch ein Absetzbecken laufen, um den entstandenen Schwefel zu entfernen. Eine weitere Konzentrierung fand nicht statt.

Modernes Verfahren

1. CH2-CH2-OH CH2 - CH2 / NaHS + 2 \ /


-> S O \ CH2-CH2-OH Natrium- Ethylenoxid Bis-(2-hydroxyethyl)sulfid hydrogen- sulfid 2. Durch Erwärmen mit Thionylchlorid in benzolischer Lösung wird das Bis-(2-hydroxyethyl)sulfid zu Lost chloriert.

Thionylchlorid CH2-CH2-OH CH2-CH2-Cl / +SOCl2 / S




--> S \ -H2SO3 \ CH2-Ch2-OH CH2-CH2-Cl Bis-(2-hydroxyethyl)sulfid S-Lost

Schutzmaßnahmen


Wegen der hohen Reaktivität gibt es nur wenig Schutz gegen Hautkampfstoffe vom Typ Lost. Die Aufnahme durch die Haut erfolgt leicht und ohne auffällige Anzeichen wie Nässe- oder Kältegefühl. Das Opfer bemerkt in der Regel die Vergiftung nicht. Die Fähigkeit, durch Kleidung und bei längerem Kontakt auch durch Schutzanzüge zu diffundieren, macht diese Stoffe besonders gefährlich. Die gängigen Schutzmittel - Maske und Schutzanzug - sind nur kurzzeitig verwendbar. Lost muss sofort und vollständig von der Kleidung entfernt werden. Dazu nimmt man Chlorkalk, Chloramine, Benzin oder alkoholische Natriumsulfid-Lösungen.

Siehe auch: Gelbkreuz, Liste chemischer Kampfstoffe, Chemische Waffe

Quellen


Weblinks


Chemiewaffe | Gas | chemische Verbindung

Yperit | Sennepsgas | Sulfur mustard | Gas mostaza | Sinappikaasu | Gaz moutarde | Iprite | マスタードガス | Iprīts | Mosterdgas | Sennepsgass | Iperyt | Gás Mostarda | Иприт | Yperit | Senapsgas | 芥子毒气

 

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