Die Semantik (Bedeutungslehre) ist das Teilgebiet der Sprachwissenschaft (Linguistik), das sich mit Sinn und Bedeutung von Sprache beziehungsweise sprachlichen Zeichen befasst. Die Semantik kümmert sich um die Frage, wie Sinn und Bedeutung von komplexen Begriffen aus denen von einfachen Begriffen abgeleitet werden können und stützt sich dabei in der Regel auf die Syntax. Hierbei bezeichnet nach Gottlob Frege
- Sinn (engl. sense; bedeutungsähnlich mit Intension, heutzutage als Synonym zu Bezeichnetes angesehen) den Inhalt, der sich aus den Relationen der Zeichen, Wörter, Sätze usw. untereinander im System der Sprache ergibt,
- Bedeutung (engl. reference, bedeutungsähnlich mit Extension) den Inhalt, der sich aus der Relation zwischen Zeichen und Welt ergibt.
Frege verdeutlicht die Unterscheidung am Beispiel des Begriffspaares Morgenstern und Abendstern, die beide dieselbe Bedeutung haben, da sie den Planeten Venus bezeichnen. Der Sinn der Ausdrücke sei jedoch offensichtlich unterschiedlich. Da diese Differenzierung nach heutigem Wortgebrauch nicht mehr leicht nachvollziehbar ist, wird inzwischen anstelle der Fregeschen Terminologie vorwiegend das Begriffspaar Bedeutung (Sinn) - Bezeichnetes verwendet, Sinn und Bedeutung also als synonym angesehen. Innerhalb der Semantik ist die Semasiologie die Lehre von den Wortbedeutungen. Die Bezeichnungslehre wird Onomasiologie genannt.
Eine wichtige, traditionelle Aufgabe in der Semantik ist es, Äußerungen in natürlicher Sprache in logische Formeln umzusetzen. Das bekannteste Verfahren stammt von Richard Montague. Kritikpunkt dabei aber ist, dass Bedeutungsnuancen verlorengehen können.
Ebenen
Die Semantik unterscheidet zwischen verschiedenen, aufeinander aufbauenden Ebenen:
- Die lexikalische Semantik beschäftigt sich mit der Bedeutung von Wörtern wie auch der inneren Strukturierung des Wortschatzes insgesamt (siehe beispielsweise Synonym, Antonym).
- Die Satzsemantik untersucht, wie aus der Bedeutung einzelner Wörter durch ein festes Inventar an Verknüpfungsregeln die Bedeutung von größeren syntaktischen Einheiten (Phrasen) und ganzen Sätzen hervorgeht. Die Interpretation eines Satzes muss dabei auf einer Analyse seiner syntaktischen Struktur aufgebaut werden.
- Die Textsemantik konzentriert sich auf die Analyse der Kombination von Sätzen als reeller oder hypothetischer Sachverhalte zu Erzählungs-, Beschreibungs- oder Argumentationszusammenhängen.
- Die Diskurssemantik arbeitet auf der Ebene von Texten verschiedener Personen, die miteinander in Beziehung stehen (Diskussion, Unterhaltung, Lehrveranstaltung, Stammtisch).
Die Vermittlung zwischen den Ebenen der Semantik erfolgt über das
Fregesche Prinzip: Der Sinn eines komplexen Zeichens ist eine Funktion der Sinne seiner Bestandteile. Die Definition der verknüpfenden Funktionen ist eine der Hauptaufgaben der Semantik.
SINN(der Apfel ist rot) = f(SINN(der), SINN(Apfel), SINN(ist), SINN(rot))
Funktionale Klassifizierung der Semantikbereiche
Die Bereiche der Semantik können weiterhin nicht nur nach verschiedenen Ebenen der Sprachstruktur klassifiziert werden, sondern auch nach dem Typ der Beziehung zwischen Sprache und Denken bzw. Sprache und Welt. Danach unterscheidet man drei Signifikanzaspekte der semantischen Theorie: kognitive Signifikanz, informationelle Signifikanz und pragmatische Signifikanz.
Der Begriff der kognitiven Signifikanz (engl. cognitive significance) bezieht sich auf die Beziehung zwischen Sprache und Denken. Demnach kann man eine sprachliche Mitteilung nur dann verstehen, wenn man durch sie auf die Rekonstruktion gedanklicher Strukturen ihres Senders kommt.
Semantische Theorien der informationellen Signifikanz (engl. informational significance) werden auch als referenzielle Theorien bezeichnet. In Anlehnung an Ferdinand de Saussure spielt hier die Beziehung zwischen dem sprachlichen Zeichen und seinem Referenten in einer möglichen Welt die Hauptrolle.
Die semantische Untersuchnung der pragmatischen Signifikanz bezieht sich auf die Beziehung zwischen der linguistischen Bedeutung einer Äußerung und deren Bedeutung in einem bestimmten situationellen Kontext. Dies ist auch der Untersuchungsgegenstand der Pragmatik.
Semantik in verschiedenen Disziplinen
Außer in der Sprachwissenschaft hat die Semantik auch in anderen Wissenschaftsbereichen einen festen Platz:
- Die Semantik-Ebene der Semiotik baut auf der Sigmatik auf, indem Daten eine Bedeutung erhalten und dann als Nachricht bezeichnet werden. Im Unterschied zur linguistischen Semantik, die sich mit sprachlichen Zeichen befasst, werden hier auch natürliche oder technische Prozesse in ihrer Zeichenhaftigkeit und Interaktion analysiert.
- In der Informationstheorie versteht man unter der Semantik einer Informationsfolge die Bedeutung dieser Informationsfolge. Eine reine Zufallsfolge hat keine Semantik (jedoch einen sehr hohen Informationsgehalt).
- In der Logik und Informatik wird die Semantik als Bedeutungsaspekt von formalen Systemen und Sprachen verwendet. Diese Fachrichtung wird als Formale Semantik bezeichnet. Sie ist insbesondere in der Berechenbarkeitstheorie, der Komplexitätstheorie und zur Verifikation der Korrektheit von Computerprogrammen entscheidend.
- Die soziologische Systemtheorie versteht unter Semantik den gesamten Wissensvorrat (das offizielle Gedächtnis bzw. grundlegende kulturelle Erbe) des Gesellschaftsystems, der dauerhaft, wiederverwendbar und sozial übergreifend zur Verfügung steht. Dabei beinhalten systemspezifische Semantiken jeweils sozial bedeutsame und bewahrenswerte Leitvorstellungen, die sich aus Standardisierungen des Empfindens, Denkens, Handelns und Redens ergeben haben.
- Die Sprachphilosophie wurde die lange Zeit nur als Semantik verstanden. Erst durch Wittgensteins Wirken im 20. Jahrhundert wurde die Pragmatik zu einem ebenso wichtigen Teil der Sprachphilosophie.
Literatur
- Kurt Baldinger: Vers une sémantique moderne. Paris 1984.
- Gennaro Chierchia, Sally McConnell-Ginet: Meaning and Grammar. An Introduction to Semantics. Cambridge, Mass 2000
- Eugenio Coseriu: Probleme der strukturellen Semantik. Tübingen 1975
- Sebastian Löbner: Semantik: Eine Einführung. de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-015674-1
- John Lyons: Linguistic Semantics. Cambridge 1995 (1977)
- John I. Saeed: Semantics. Blackwell Publishing, 2003, ISBN 0-631-22693-1
- Arnim von Stechow, Dieter Wunderlich (Hrsg.): Semantik. Ein Internationales Handbuch. de Gruyter, Berlin 1991
- Dieter Wunderlich: Arbeitsbuch Semantik. Athenäum, Königstein 1980
Siehe auch
- Bedeutungswandel, Wahrheitswert, Lexikalische Semantik, Prototypensemantik, Formale Semantik, Functional Grammar, Syntax, Wortfeld, WordNet, Intension, Extension, Merkmalsmatrix, Semantische Nähe, Natural Semantic Metalanguage, Sinnrelation, Etymologie, Begriff, Bezeichnung, Worthülse, Semiotik, Pragmatik, Linguistik, referentielle Schärfe, semantischer Essay, Semiotisches Dreieck, Semantische Rolle, Semantisches Web, Semantisches Netz.
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