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Selen ist ein chemisches Element im Periodensystem der Elemente mit dem Symbol Se und der Ordnungszahl 34. Es kommt in mehreren Modifikationen vor, die stabilste ist die graue metallähnliche Form.
Geschichte
Selen – benannt nach der
griechischen Mondgöttin Selene - wurde
1817 von
Jöns Jacob Berzelius im
Bleikammerschlamm einer
Schwefelsäurefabrik entdeckt, der neben Selen auch
Tellur (von
lat. tellus „Erde“) enthielt.
Vorkommen
In kleinen Mengen kommt gediegenes Selen natürlich vor. Selenmineralien wie Clausthalit und Naumannit sind selten.
Selen ist, meist als Metallselenid, Begleiter schwefelhaltiger Erze der Metalle Kupfer, Blei, Zink, Gold und Eisen. Beim Abrösten dieser Erze sammelt sich das feste Selendioxid in der Flugasche oder in der nachgeschalteten Schwefelsäureherstellung als selenige Säure.
Als essentielles Spurenelement ist Selen Bestandteil der 21. Aminosäure, Selenocystein, sowie in Bakterien, Archaea und Eukaryoten enthalten.
Gewinnung und Darstellung
Industriell gewinnt man Selen als Nebenprodukt bei der
elektrolytischen Kupfer- und Nickelherstellung aus dem
Anodenschlamm durch Abrösten.
Die
Reduktion zum elementaren Selen erfolgt durch
Schwefeldioxid.
Organisches Selen
In der Lebensmittelergänzung und Tierernährung (in der Tierernährung noch nicht zugelassen) wird seit einigen Jahren eine organische Selenquelle eingesetzt, die durch die Zucht bestimmter Brauhefen des Typs
Saccharomyces cerevisiae (Sel-Plex) auf selenreichem Nährmedium (Melasse + Na-Selenat) erzeugt wird. Hefen synthetisieren hohe Anteile an Selenomethionin als
Aminosäure und bieten bis zu 2000 ppm Selen in derart organisch gebundener, nicht-toxischer Form. Die größte Anlage zu Erzeugung solcher natürlicher Selenhefen wurde 2004 in Sau Pedro im brasilianischen Bundesstaat
Parana errichtet.
Eigenschaften
Selen kommt wie
Schwefel in mehreren
Modifikationen vor:
- Rotes Selen, löslich in Kohlenstoffdisulfid, besteht zu etwa 30 % aus Se8-Ringen und zu 70 % aus Se8+n, welches sich oberhalb 80 °C in das graue Halbleitermetall umwandelt. Elementares, rotes Selen ist ein Isolator.
- Schwarzes amorphes Selen, das sich oberhalb 60 °C in das schwarze, glasartige Selen umwandelt. Beide Formen wandeln sich beim Erwärmen oberhalb von 80 °C in die graue, halbmetallische Modifikation um.
- Graues "metallisches" Selen ist die stabilste Modifikation und verhält sich wie ein Halbmetall.
- Oberhalb des Schmelzpunktes von 220 °C bildet es eine schwarze Flüssigkeit. Der bei weiterer Temperaturerhöhung entstehende Selendampf ist gelb.
- Bei Abscheidung aus der Dampfphase an einer kühleren Oberfläche (um einiges unter dem Schmelzpunkt) scheidet es sich in Form hexagonaler, metallisch-grauer Kristallnadeln ab.
Selen_1.jpg
Durch Belichtung ändert es seine elektrische Leitfähigkeit. Zusätzlich zeigt es einen photovoltaischen Effekt. Die Leitfähigkeit wird nicht durch Elektronen in einem Leitungsband verursacht, sondern durch Leitung von Löchern (siehe bei Elektrische Leitfähigkeit und Defektelektron), also positiv geladenen Elektronenfehlstellen, wodurch u. a. das Vorzeichen des Hall-Effekts negativ wird. Als Mechanismus für diese Löcherleitung wird eine so genannte "Hopping-Leitfähigkeit" (der Löcher von einer Kristallfehlstelle zur nächsten) vorgeschlagen.
Beim Erhitzen in Luft verbrennt Selen mit blauer Flamme zum Selendioxid, SeO2. Oberhalb von 400 °C setzt es sich mit Wasserstoff zum Selenwasserstoff, H2Se, um. Mit Metallen bildet es in der Regel Selenide, zum Beispiel Natriumselenid, Na2Se.
Das chemische Verhalten ist dem Schwefel ähnlich, allerdings ist Selen schwerer oxidierbar. Die Reaktion mit Salpetersäure bildet "nur" Selenige Säure, eine Selen(IV)-Verbindung.
Isotope
Das Selen weist eine Vielzahl von Isotopen auf. Die 6 natürlichen (stabilen) Isotope sind mit ihrem jeweiligen Anteil: Se-74 (0,9%), Se-76 (9,0%), Se-77 (7,6%), Se-78 (23,6%), Se-80 (49,7%) und Se-82 (9,2%).
Daneben kennt man einige radioaktive Isotope, unter denen Se-75 mit einer Halbwertszeit von 120 Tagen und Selen-79 mit einer Halbwertszeit von 65.000 Jahren besondere Bedeutung haben. Se-75 findet zur Konstruktion spezieller Röntgenquellen Anwendung. Se-79 ist Bestandteil von abgebranntem Kernbrennmaterial, wo es bei der Spaltung von Uran mit einer Häufigkeit von 0,04 % entsteht.
Das seltenste der stabilen Isotope Se-74 hat eine gewisse Bedeutung als Spekulationsobjekt erlangt. Es wird immer wieder zu sehr hohen Preisen auf dem Markt angeboten. Außer einigen sehr spezialisierten Anwendungen in der Forschung wo es zur Markierungszwecken dient, ist für dieses Material jedoch keine besondere technische Verwendung bekannt.
Verwendung
Selen ist für alle Lebensformen essentiell. Selenverbindungen werden daher als Nahrungsergänzung angeboten und zu Futter- und Düngemittelzusätzen verarbeitet.
In der Glasindustrie verwendet man es zum Entfärben grüner Gläser sowie zur Herstellung rotgefärbter Gläser.
Weitere Anwendungen:
- Belichtungstrommeln für Fotokopierer und Laser-Drucker
- Bestandteil von Nervenkampfgasen
- Halbleiterherstellung
- Anti-Schuppen-Haarshampoos (Verwendung umstritten)
- Latexzusatz zur Erhöhung der Abrasionsbeständigkeit
- Toner für Schwarz-Weiß-Fotografien zur Kontrasterhöhung (helle Töne bleiben unverändert, man kann dunklere Schwärzen erreichen, die dunklen Teile wirken insgesamt plastischer), Haltbarkeitserhöhung (nicht eindeutig nachgewiesen) und zur leichten Färbung der dunklen Bildbestandteile ins aubergine-farbene (ebenfalls zur Plastizitätserhöhung)
- Katalysator zur Herstellung roter und gelber Farbpigmente (heute eher selten)
- Legierungszusatz zur Verbesserung der mechanischen Bearbeitbarkeit für Automatenstähle und Kupfer-Legierungen
- Verwendung in dem Selen-Gleichrichter und der Selen-Zelle, heute allerdings weitgehend durch Silizium (Halbleiter) abgelöst.
Biologische Bedeutung
Selen ist ein essentielles Spurenelement, ohne Selen ist Leben also nicht möglich. In der Milchviehfütterung wird Selen supplementiert, denn der natürliche Selengehalt unserer Futtermittel reicht zur Versorgung der Nutztiere oft nicht aus. Das deutsche Futtermittelrecht erwähnt zur Ergänzung der Selenversorgung nur die beiden anorganischen Selenquellen Natriumselenit und -selenat als Futterzusatzstoffe. Diese beiden Verbindungen sind ökonomisch sehr günstig, stehen aber aufgrund der geringen
Bioverfügbarkeit für den Organismus aktuell im Kreuzfeuer der Kritik.
Es ist in Selenocystein, der Aminosäure im aktiven Zentrum des Enzyms Glutathionperoxidase enthalten, wodurch Selen eine wichtige Rolle beim Schutz der Zellmembranen vor oxidativer Zerstörung spielen kann (Radikalfänger). Knoblauch ist eine wichtige Selenquelle. Selen ist ebenfalls Bestandteil von verschiedenen Enzymen, deren Bedeutung zum Teil noch nicht geklärt ist.
Diskussion um Selen
Bevor eine Arbeitsgruppe um
Klaus Schwarz am
National Institute of Health (USA) Selen als essentiellen Nahrungsbestandteil der Tiere entdeckte, galt Selen als toxische Substanz. In den 30er Jahren machten Veterinäre in den Great Plains die hohe Aufnahme selenhaltiger Pflanzen für die Alkali-Krankheit und die Blind-Ataxie der Rinder verantwortlich, andererseits berichtete eine Forschergruppe um Schwarz in den 50er Jahren, dass Selen einer nekrotischen Leberdegeneration vorbeugt. Etwa gleichzeitig stellte eine Gruppe von Forschern der
Oregon State University, der auch
O. H. Muth und
J. E. Oldfield angehörten, ein Selendefizit bei schwachen Kälbern fest. Später wies Hogue nach, dass Selen der Muskeldystrophie der Lämmer vorbeugt. Diesen Berichten folgend haben Forscher verschiedener Einrichtungen Studien zum Nutzen der Selensupplementierung auf Leistung und Gesundheit des Milchviehs begonnen. Es wurde beschrieben, dass die vorrangige Rolle des Selens die eines Cofaktors im Glutathionperoxidase-System (GSH-Px) ist. Das GSH-Px zerstört die während des normalen Fettstoffwechsels gebildeten Peroxide (radikale Sauerstoffverbindungen). Wenn Peroxide ungehindert in der Zelle verbleiben, greifen sie die Zellwände an und destabilisieren sie. Hemken erklärte, dass Selen auch an der Entgiftung gefährlicher Medikamente oder Toxine beteiligt ist. Selen spielt noch in mindestens zwei weiteren Systemen eine Rolle: bei der Iodthyronin-Deiodase, einem Enzym, welches das Schilddrüsenhormon T4 aktiviert, und bei der Thioredoxin-Reduktase, einem Enzym, welches die reduzierenden Reaktionen reguliert. Bestimmte Plasma-, Herz-, Muskel- und Nierenproteine enthalten Selen. Jedoch ist die Funktion des Selens in diesen Proteinen noch in weiten Bereichen unklar.
Es gibt viele verschiedene Selenoproteine. In den Selenoproteinen ist Selenocystein enthalten, das auch als 21. Aminosäure bekannt ist. Selenoproteine kommen in dieser Funktion nur in tierischen Organismen vor. Pflanzen bauen Selen je nach Bodengehalt anstelle des Schwefels in ihre Aminosäuren ein, besonders in Methionin (Se-Methionin) und in geringem Umfang auch Cystein (Se-Cystein). Nur die sogenannten "Selensammlerpflanzen", die in Selen-reichen, ariden Gebieten vorkommen, speichern Selen auch als organisch gebundenes, wasserlösliches Selen oder Selensalze.
Bis dato wurden mindestens elf Selenoproteine entdeckt:
Glutathionperoxidase 1 (GSHPx-1), die zelluläre oder klassische Glutathionperoxidase (im Zytosol, Mitochondrienmatrix)
Glutathionperoxidase 2 (GSHPx-2), die extrazelluläre oder Plasmaglutathionperoxidase (im Plasma)
Glutathionperoxidase 3 (GSHPx-3), die gastrointestinale Glutathionperoxidase (in der Darmschleimhaut)
Glutathionperoxidase 4 (GSHPx-4), die Phospholipidhydroperoxidglutathionperoxidase (an Lipidmembranen, Strukturprotein im Schwanzstück von Spermien)
=> antioxidative Enzyme, die Peroxidradikale neutralisieren
Thioredoxinreduktase (TrxR)
=> reduziert das Thioredoxin, das wichtig für das Zellwachstum ist
Iodthyronin-5'-deiodinasen (Schilddrüsenhormondeiodinasen) (ID-I, ID-II, ID-III)
=> katalysieren Schilddrüsenhormone, z. B. Entfernung eines Iod-Atoms aus T4 (Thyroxin), wodurch T3 (Triiodthyronin) entsteht
Selenoprotein P (Se-P)
=> sehr wichtig als Transportprotein von Selen von und zu den Zellen; enthält 10 Selenatome
Selenoprotein W
=> in der Muskulatur; Rolle noch unbekannt
Selenphosphatsynthetase
=> katalysiert die Synthese von Monoselenophosphat, einem Vorläufer von Selenocystein
Siehe auch:
- Wertvoll - Gesunde Ernährung, 64-seitige PDF-Broschüre der Deutschen Krebshilfe e. V., S. 26
- W. Marktl: Physiologie und Ernährungsphysiologie von Selen. In: Journal für Mineralstoffwechsel, 8(3), 34–36, 2001 *.
- P. F. Surai: Natural Antioxidants. Nottigham Universtity Press, 2002, ISBN 1-897676-95-6
Selenmangelkrankheiten
Selenmangelkrankheiten kommen nur in Ländern mit extremer Selenunterversorgung wie
Nordkorea und Nordost-
China sowie einzelnen anderen Ländern vor. In unseren Breiten können in der Regel nur
Frühgeborene,
parenteral ernährte Patienten und
Alkoholkranke einen Selenmangel entwickeln.
Bekannte Selenmangelkrankheiten sind:
- Keshan-Krankheit des Menschen (juvenile Kardiomyopathie), benannt nach der nordostchinesischen Stadt Keshan im Distrikt Heilongjiang in der Mandschurei
Vorkommen:
Tibet,
Mongolei,
Sibirien
- Kaschin-Beck-Krankheit des Menschen (nutritive Gelenkknorpeldegeneration), benannt nach dem russischen Arzt Nikolai Iwanowitsch Kaschin und der Amerikanerin Melinda A. Beck
- Vorkommen: Sibirien, Mongolei, Nordkorea, China; betroffen sind ca. 3 Millionen Menschen
- Selenmangel verursacht eine Mutation des harmlosen Coxsackievirus B3 (CVB3/0), das dadurch virulent wird
- Epidemische Neuropathie des Menschen
- Vorkommen: Kuba
- Selenmangel verursacht eine Mutation des Influenza-A/Bangkok/1/79-Virus, das dadurch virulent wird
- Vorkommen: in allen Selenmangelgebieten der Erde
- Tierarten: Jungtiere von v. a. Wiederkäuern: Kälber, Lämmer, Zicklein, Dromedar- und Lamafohlen
- Vorkommen: in allen Selenmangelgebieten der Erde
- Tierarten: v. a. Rinder ab acht Monaten
Selen als Nahrungsergänzung
In einer kritischen Bewertung der
Pharmainformation vom Juni 2005 (siehe
hier) wird festgestellt, dass die bislang verfügbaren Studien keine Hinweise für einen Nutzen einer zusätzlichen Gabe von Selen in irgendeinem Zusammenhang erbringen konnten. Zwar scheint eine positive Beeinflussung verschiedener Krebsarten möglich, andererseits die Begünstigung anderer
Karzinome nicht unwahrscheinlich. Die "SELECT"-Studie ("
Selenium und Vitamin
E Cancer Prevention
Trial") soll diesbezüglich Auskunft geben und 2013 abgeschlossen werden.
Selen und Schilddrüsenhormone
Selen spielt eine wichtige Rolle bei der Produktion der Schilddrüsenhormone, genauer bei der "Aktivierung" von Thyroxin (T4) zu Triiodthyronin (T3).
Selen ist Bestandteil eines Enzyms, der Thyroxin-5'-Deiodase, die für die Entfernung eines Iodatoms aus T4 verantwortlich ist. Durch diese Deiodierung entsteht T3. Ein Selenmangel führt zu einem Mangel an Thyroxin-5'-Deiodase, wodurch nur noch ein Teil des verfügbaren T4 deiodiert werden kann. Da T3 im Stoffwechsel wesentlich wirksamer ist, resultiert aus einem T3-Mangel eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose).
Vergleiche dazu auch:
- J. R. Arthur, F. Nicol und G. J. Beckett: Selenium deficiency, thyroid hormone metabolism, and thyroid hormone deiodinases. In: Am. J. Clinical Nutrition, 57, 236–239, 1993 *.
- C. Ekmekcioglu C: Spurenelemente auf dem Weg ins 21. Jahrhundert - zunehmende Bedeutung von Eisen, Kupfer, Selen und Zink. In: Journal für Ernährungsmedizin, 2 (2), 18–23, 2000, Ausgabe für Österreich *.
Sicherheitshinweise
Selen und Selenverbindungen sind giftig. Direkter Kontakt schädigt die Haut (Blasenbildung) und Schleimhäute. Eingeatmetes Selen kann zu langwierigen Lungenproblemen usw. führen
Verbindungen
- Selendioxid SeO2
- Selenige Säure H2SeO3
- Selane RSeR
- Diselane RSeSeR
- Triselane RSeSeSeR
- Selenole RSeH
- Selenenyle RSeX
Weblinks
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