Als Selbstorganisation wird hauptsächlich in der Systemtheorie eine Form der Systementwicklung bezeichnet, bei der die formgebenden gestaltenden und beschränkenden Einflüsse von den Elementen des sich organisierenden Systems selbst ausgehen. Weniger abstrakt gilt im politischen Gebrauch des Begriffes die Gestaltung des Lebens an sich nach nicht festen, von anderen bestimmten Regeln und ähnelt daher dem Autonomiebegriff. Konkret eingesetzt wird es bei sich selbstorganisierende Karten.
In sozialen Systemen lässt sich beobachten, wie Ordnung – unabhängig von den Handlungen eines Organisators – aus dem System selbst heraus entsteht. Diese Erscheinung wird als Selbstorganisation bezeichnet. Die Selbstorganisation ist ein nicht nur in der Systemtheorie populärer Begriff. Ihm kommt sowohl in sozialen als auch in natürlichen, physikalischen, biologischen, chemischen oder ökonomischen Systemen Bedeutung zu. Auch geht das Konzept der Rätedemokratie und ihren sozio-politischen Ansätzen davon aus, daß die zur Selbstorganisation erforderlichen Handlungsspielräume gegen bestehende Formen der Fremdbestimmung erkämpft werden müssen. Diesem Ansatz zufolge können die Menschen nur dann ihr Leben selbst in die Hand nehmen, wenn sie auch die Produktionsmittel kontrollieren und nicht hierarchischen Organisationen unterworfen sind.
Die Vor- oder Urgeschichte der Selbstorganisation umfasst den Zeitraum vom griechisch-römischen Altertum bis etwa zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Schon im alten Griechenland spekulierten Philosophen über Chaos und Turbulenz als Ursache von Ordnung. In den Naturwissenschaften des achtzehnten, neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts dominierten mechanistische Denkweisen, die sich unter anderem auch in Darwins Evolutionstheorie widerspiegelt. Die eigentliche Entstehungsgeschichte der Selbstorganisation beginnt jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der relativ späte Zeitpunkt hat mehrere Ursachen, zunächst verhinderte das vorherrschende mechanistische Paradigma das notwendige Umdenken, außerdem wurden mit Selbstorganisation in Verbindung stehende Phänomene ignoriert. Gegenwärtig kann noch nicht von einer Theorie selbstorganisierender sozialer Systeme oder von empirisch getesteten Hypothesen gesprochen werden.
Der universellen Anwendbarkeit verdankt der Begriff der Selbstorganisation seine breite Resonanz.
Selbstorganisation ist das spontane Auftreten neuer, stabiler, effizienter Strukturen und Verhaltensweisen (Musterbildung) in offenen Systemen die sich fern vom thermodynamischen Gleichgewicht befinden. Dem System muss dabei Energie zugeführt werden. Es verändert seine grundlegende Struktur als Funktion seiner Erfahrung und seiner Umwelt. Die interagierenden Teilnehmer (Systemkomponenten, Agenten) handeln nach einfachen Regeln und erschaffen dabei aus Chaos Ordnung, ohne eine Vision von der gesamten Entwicklung haben zu müssen.
Ein einfacher Fall von (physikalischer) Selbstorganisation ist z. B. das Auftreten von Konvektionszellen beim Erhitzen von Flüssigkeiten (Bénard-Experiment).
Das Konzept der Selbstorganisation findet man in verschiedenen Wissenschaftsbereichen wie z. B. Chemie (Gerichtete Faltung und Assoziation von Proteinen, Helix-Bildung der DNA, ...), Biologie, Soziologie usw.
Die in selbstorganisierenden Systemen herrschende Ordnung kann nicht einfach als Resultat eines gestaltenden Teils verstanden werden. Sie entsteht vielmehr ganzheitlich, das heißt weder ausschließlich als Ergebnis individueller Eigenschaften, noch durch Tätigkeiten einzelner Personen, sondern durch die Interaktionen aller Systemteile. Ordnung bedeutet Gesetzmäßigkeit, die uns erlaubt, Fehlendes zu erkennen, oder zu erahnen und zu ergänzen, Fehlerhaftes zu definieren usw. Ordnung erlaubt somit Menschen, Sinn zu finden, gewährleistet Sicherheit und erlaubt die Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten einzuordnen. Selbstorganisation erzeugt eine gewachsene, keine geplante oder bewusst gestaltete Ordnung. Sie ergibt sich zwar infolge menschlichen Verhaltens, jedoch ohne besondere organisatorische Gestaltungsabsicht. Friedrich A. von Hayek bezeichnet eine gewachsene Ordnung auch als spontane Ordnung.
Spontane Ordnung wird als informales Phänomen angesehen und galt eher als Störquelle, da sie von der formalen Organisation, die von der Unternehmensführung vorgegeben wird, abweichen und eine Eigendynamik entwickeln kann. Einer Umorientierung zur Folge wird die „Grundvorstellung über Organisation“ nicht durch die vom Management geplanten Unternehmensstrukturen bestimmt, sondern von denjenigen Strukturen, welche sich in Abhängigkeit vom Verhalten vieler Mitarbeiter permanent bilden und verändern.
Ein wichtiges Merkmal der Selbstorganisation ist ihr prozessualer Charakter. Im Vordergrund stehen Prozesse, nicht Strukturen. Ordnung befindet sich in permanenter Entwicklung, Strukturen sind dagegen nur Momentaufnahmen. Selbstorganisation bewirkt durch „interaktive Selbststrukturierung ausgelöste organisatorische langfristige Veränderung“. Selbstorganisatorische Systeme bilden ein „geschlossenes Ganzes“. Die Beteiligten lenken ihre Blicke grundsätzlich ins Innere des Systems. Selbstorganisation entspringt keinen individuellen oder sonstigen Zwängen, sondern stellt „generell eine Eigenschaft von Systemen“ dar.
Nach E. Göbel kann zwischen autonomer und autogener Selbstorganisation unterschieden werden.
Anwendung findet die Selbstorganisation z.B. in Entbürokratisierungsprozessen, Abbau von Hierarchien, Entwicklung innovativer Strukturen, Gruppenentwicklung und Gruppenarbeit, Schaffung von humanen und effizienzfördernden Arbeitsbedingungen usw.
Fremdorganisation ist das Gegenteil zu Selbstorganisation. Dabei haben die Beteiligten in den jeweiligen Systemen keine Möglichkeit sich oder ihre Handlungsprozesse selber zu gestalten. Es wird nach strengen, unflexiblen und unveränderbaren organisatorischen Regeln verfahren. Beispiele und Vertreter; Der Bürokratieansatz von Max Weber, Das Scientific Management von Frederick Winslow Taylor.
Im Zuge der Schülerorientierung wurden seit den 1970er Jahren Unterrichtskonzepte entwickelt, die Selbstorganisation in der Lernergruppe fördern. Hier ist das Konzept kooperatives Lernen zu nennen sowie die Methode Lernen durch Lehren (LdL), in der die Klasse als "neuronales Netz" behandelt wird. Dabei sollen - in Analogie zu neuronalen Ensembles - durch intensive und langfristige Interaktionen zwischen den Lernern stabile Verbindungen entstehen. Auf diese Weise werden Inhalte innerhalb der Gruppe - als Zellensemble - erlernt. Ferner sollen diese "neuronalen Netze" kollektiv Wissen konstruieren. In der LdL-Methode wird an die Struktur des Gehirns angeknüpft, das selbstorganisatorische Merkmale enthält.
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Self-organization Auto-organisation | Zelforganisatie | Samoorganizacja molekularna | Самоорганизация
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