Ein Selbstmordattentat ist ein Mordanschlag auf einen oder mehrere Menschen, wobei der Verlust des eigenen Lebens planmäßig in Kauf genommen wird.
Unterschieden wird in der Art, wonach der eigene Tod eintritt:
Weiterhin unterscheidet man noch den Zweck des Selbstmordattentats:
Selbstmordattentäter folgen häufig einem vermeintlich höheren Ziel und sehen sich selbst als Widerstands- oder Glaubenskämpfer.
Frühe Selbstmordattentate gab es in der Antike bei den Circumcellionen in Nordafrika und im Mittelalter bei den Assassinen im vorderen Orient.
Im Alten Testament im Buch der Richter, Kapitel 16 wird ein Selbstmord von Samson beschrieben, bei dem über 3000 Männer und Frauen starben. Manche sehen in diesem Selbstmord, der ursächlich für den Tod vieler war, unter Vernachlässigung der Umstände ein Selbstmord-Attentat.
Im 20. Jahrhundert haben zunächst während des 2. Weltkrieges die Angriffe der japanischen Kamikazeflieger wie auch das deutsche Projekt Selbstopfer von sich reden gemacht.
Die Märtyrerangriffe der Bassidschis während des ersten Golfkrieges zwischen dem Irak und den Iran waren der Ausgangspunkt zur Entwicklung des klassischen Selbstmordattentats im Libanon ab 1982
Die Liberation Tigers of Tamil Eelam führt mit ca. 250 ihr zugeschriebenen Anschlägen die Statistik der weltweit verübten Selbstmordattentate an.
Selbstmordattentäter, wie die Studie "Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats" erstmals nachweist, kamen nicht, wie allgemein angenommen wird, erst in den achtziger Jahren im Libanon zum Einsatz, sondern das Selbstmordattentat wurde bereits in den siebziger Jahren von säkularen palästinensischen Kampforganisationen systematisch als Waffe entwickelt und eingesetzt.
Bei der medialen Inszenierung ihrer Selbstmordattentäter ließen sich die Palästinenser vom japanischen Vorbild der Abschiedsinszenierung der Kamikaze-Piloten inspirieren. Ein Bindeglied zwischen Fern- und Nahost waren hier aber auch teilweise von Nordkorea unterstützte japanische Selbstmordterroristen (Japanische Rote Armee), die im Mai 1972 das erste, allerdings noch weitgehend improvisierte Selbstmordattentat im Nahen Osten verübten, bei dem einer der Terroristen sich in die Luft jagte.
Die palästinensischen Fedayin systematisierten ab 1974 diese Waffe, ihre Terroristen sprengten sich in den darauffolgenden Jahren bei den Anschlägen auf israelischem Territorium immer wieder in die Luft. Díe Palästinenser gaben später ihre Erfahrung an die Gegner des iranischen Schah-Regimes, die damals im Libanon Zuflucht fanden, weiter.
Aus deren Reihen ging schließlich die schiitische Hisbollah hervor, die - nun von der Islamischen Republik Iran massiv unterstützt - ab 1983 die Autobombe als weiteres Instrument des Selbstmordattentats einführte. Die meisten Selbstmordanschläge in den achtziger Jahren gegen die israelischen Besatzer im Libanon wurden jedoch von Mitgliedern pro-syrischer säkularer Organisationen verübt.
Sie waren auch die ersten, die die als "Märtyrer" bezeichneten Selbstmordattentäter unmittelbar vor ihrem Einsatz auf Video verewigten und das Band nach dem Anschlag dem Fernsehen zuspielten. Hierbei bauten sie auf der Erfahrung der palästinensischen linksmarxistischen Terrororganisation "Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando" (PFLP-GC) auf, die das erste systematische Selbstmordattentat schon 1974 verübt und ihre Selbstmordterroristen kurz vor ihrer Suizidmission in einem Film dokumentiert hatte.
Die Hisbollah hat Selbstmordattentate nur sehr gezielt und sparsam eingesetzt, verstand es aber, mit spektakulären Videos weltweit auf sich aufmerksam zu machen. Ihr System zur Versorgung der Angehörigen der Selbstmordattentäter, die einen hohen sozialen Status genießen, hatte ebenfalls Vorläufer im Kampf- und Propagandasystem der palästinensischen Fedayin. Die Selbstmordattentate der Hisbollah führten zwar zum Rückzug der US-Amerikaner und Franzosen aus dem Libanon während des libanesischen Bürgerkriegs, waren jedoch keineswegs die direkte Ursache für den späteren Rückzug Israels aus dem Südlibanon.
Die Tamil Tigers in Sri Lanka übernahmen ab 1987 Selbstmordattentate, wobei das erste eine recht genaue Kopie des Anschlags auf das US-Hauptquartier in Beirut 1983 war. 1991 töteten die Tamil Tigers den indischen Premierminister Rajiv Gandhi durch ein Selbstmordattentat. Der ceylonesische Oppositionsführer Gamini Disanyake wurde 1994 durch ein Selbstmordattentat getötet. Chandrika Bandaranaike Kumaratunga überlebte 1999 ein Selbstmordattentat, verlor dabei jedoch ein Auge.
In Kaschmir wurden 1989 die ersten Selbstmordattentate begangen, ohne sich jedoch stark auszubreiten.
Ab 1993 wurden Selbstmordattentate auch unter Palästinensern wieder populär, wobei die ersten Attentate von der Hamas durchgeführt wurden. Bald jedoch folgten auch andere Gruppierungen wie etwa Islamischen Dschihad und der Al-Aqsa-Brigaden der Al-Fatah. Bis heute wurden bei etwa 140 Anschlägen die Attentäter und weitere 500 Menschen getötet und über 3.000 Personen - zum Teil schwer - verletzt.
In Tschetschenien oder von Tschetschenen in Russland wurden Selbstmordattentate etwa seit dem Jahre 2000 begangen.
Die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA machten Selbstmordattentate schlagartig zum Zentrum der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit.
Seit dem Jahre 2002 werden Selbstmordattentate in immer weiteren Ländern verübt, darunter auch Afghanistan, Marokko, die Türkei, Pakistan und Saudi-Arabien.
Seit dem Einmarsch der US-Amerikaner in den Irak 2003 wird das Land immer mehr zum weltweiten Schwerpunkt von Selbstmordattentaten.
In Israel wurden bis vor kurzem die Häuser von Angehörigen von Selbstmordattentätern zerstört. Diese Haftbarmachung der Angehörigen wird als Kollektivbestrafung oder Kollektivhaftung bezeichnet, und widerspricht der aufgeklärten Grundhaltung europäischer Kulturtradition, wonach jeder für seine Taten eine individuelle Verantwortung trägt.
Viele Autoren (z.B. Christoph Reuter) sehen in diesem apokalyptische Vorgehen eine Parallele zur orientierungslosen und sinnentleerten kapitalistischen Postmoderne. Deshalb sei das Selbstmordattentat auch ein individueller Akt der Selbstzerstörung, die Ausführung über "Terrororganisationen" nur ein Mittel zum Zweck - nicht so sehr der von vielen westlichen Beobachtern hineininterpretierte Fanatismus.
Andere wiederum glauben, dass das Problem im Islam liege. Diese übersehen oft, dass auch nicht islamische Widerstandsgruppen, wie die hinduistischen tamilischen Tiger, Selbstmordanschläge verüben.
Die neuesten Forschungen zu diesem Thema stammen aus der Prozesssoziologie (Dawud Gholamasad) und haben einen ganzheitlichen Ansatz als Bezugsrahmen. Die Selbstmordattentate werden auf den Kampf um (kollektiven) Selbstwert zurückgeführt, der sich nicht aus einer individualistischen Perspektive erklären lässt und auch nicht auf religiöse Motive reduziert werden kann.
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