Der Begriff Selbstbestimmtes Lernen wird in der pädagogischen Psychologie uneinheitlich definiert. Er subsumiert verschiedene Lehr- und Lernmethoden der Schulpädagogik, der Erwachsenenbildung und der Berufspädagogik (Personalentwicklung), mit denen er z.T. synonym verwendet wird, wie z.B. Selbstorganisiertes, Selbstgsteuertes, Selbstregulatives, Selbstreguliertes oder Selbstständiges Lernen. Die fachwissenschaftliche Kontroverse über die sachgerechte Begriffsbildung und -verwendung beziehungsweise die Ausdifferenzierung der jeweiligen Begriffsinhalte verdeutlicht die Aktualität der unter diesen Begriffen zusammengefassten Konzepte (Stichwort PISA). Der folgende Artikel gibt eine Gesamtschau.
In der neueren PISA-Studie und der Interpretation der Ergebnisse wird deutlich gemacht, dass das Ausmaß selbstbestimmten Lernens (dort: "selbstreguliertes Lernen") offensichtlich relevant für den Lernerfolg ist.
Anders stellt sich die Situation in der Erwachsenenbildung dar. Praktische Werkstattübungen, Fallbeispiele und Seminareinheiten, zu denen auch die Teilnehmer mehr oder weniger als Experten beitragen ohne eine pädagogische Ausbildung zu haben, sind für die Arbeit mit Studenten, Umschülern oder für die innerbetriebliche Personalentwicklung lebensnahe Praxis. Die Bedeutung explorativer Unterrichtskonzepte, bei denen Lernende sogar selbst lehren, findet hierbei immer mehr Beachtung.
Wenn Lernende bei vorgegebenen Inhalten und Zielen ihr eigenes Lernen selbst steuern und Entscheidungen über die Art und Weise ihrer Lernorganisation fällen, so ergibt sich eine weitere Differenzierung und man spricht man besser vom selbstorganisierten Lernen bei ansonsten konventionellen didaktischen Unterrichtsformen (vgl. Bannach 2002, S. 87).
Sollen Lernende dagegen zusätzlich auch über die Ziele und Inhalte ihres Lernens selbst entscheiden und bestimmen, so spricht man vom selbstbestimmten Lernen.
Derartige didaktische Konzepte mit dem Ansatz, Schülern und andere Lernenden die Möglichkeit zu geben, schrittweise selbstständiges und selbstverantwortliches Arbeiten einzuüben, erlauben den Lernenden, den Lernprozess vollständig oder teilweise selbst zu gestalten. Bei vollständiger Selbstbestimmung setzt sich der Lernende selbstständig Lernziele und führt Lernaktivitäten durch, um die Lernziele zu erreichen. Welche Lernaktivitäten der Lernende wann, wo und in welcher Reihenfolge ausführt, bestimmt er selbst.
Geben die Schüler darüber hinaus auch noch selbst den Unterricht für die anderen Teilnehmer oder legen Bildungsziele fest, so spricht man von Lernen durch Lehren. Die Selbststeuerung erfolgt hierbei allerdings in etwas engeren Grenzen. Der Stoff (also das Lernziel) ist in der Regel vorgegeben. Die Wege zum Lernziel können von den Teilnehmern hingegen weitgehend selbst bestimmt werden, meist jedoch auf der Grundlagen von Tipps, die der Lehrer geben muss, da Schüler oft hilflos in Bezug auf spannende Vermittlungsmethoden bleiben. Die Lernenden arbeiten somit nicht autodidaktisch, sondern erwerben eine begleitete Informationskompetenz.
Noch weitergehende Ansätze, die eine Selbststeuerung des gesamten Schulbetriebes betreffen, sind als Demokratische Schule (Summerhill) bekannt (s.u.).
Karl-Heinz Flechsig (1975 ff.) [http://www.wipaed.wiso.uni-goettingen.de/~ppreiss/didaktik/Flechsig.html hat unter Berücksichtigung von zwölf Deskriptoren eine allgemeine Liste von zwanzig Grundformen des Unterrichts aufgestellt. Innerhalb dieses "Göttinger Kataloges" werden verschiedene selbstgesteuerte Formen mit sowohl methodischer als auch didaktischer Abweichung vom klassichen Frontalunterricht für Schüler, Studenten und in der Erwachsenenbildung aufgezeigt (Auszug):
Neben dem Göttinger Katalog haben sich weitere Formen selbstgesteuerten Lernens etabliert, die dem Lernenden weitgehende Eigenständigkeit bei der Umsetzung der Lernziele erlauben bzw. abverlangen.
Die vielfältigen Formen, in denen der Teilnehmer selbst methodische und didaktische Entscheidungen zur Wissensaneignung alleine oder in der Kleingruppenarbeit findet und, je nach Komplexität der pädagogischen Vorgabe, den zu vermittelnden Stoff explorativ rezipiert oder gar selbst anderen Lernenden vermittelt, gliedern sich grob in drei Abstraktionsebenen:
Ein weitere Grund liegt in der kurzen Halbwertszeit, die Wissen in vielen Teilen der heutigen Gesellschaft hat. So haben Braner und Lackmann (1993) heraus gefunden, dass die Halbwertszeit von Wissen im Bankgewerbe ca. fünf Jahre beträgt, die von Wissen im EDV-Bereich lediglich zwei Jahre.
Die Entwicklungen im EDV-Bereich erzwingen dabei jedoch nicht nur ein ständiges Lernen, sondern ermöglichen dies auch durch die Entwicklung neuer Techniken. So erleichtert beispielsweise das Internet das selbstständige Auffinden von Informationen. Und auf CD-ROM angebotene Lernprogramme ermöglichen dem Lernenden jederzeit und ortsunabhängig zu lernen.
Wiederholungsstrategien Wiederholungsstrategien dienen dazu, Wissen, das erlernt werden soll, in wörtlicher Form im Arbeitsgedächtnis aktiv zu halten und so die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass die Informationen in das Langzeitgedächtnis überführt werden können. Beispiele dafür sind:
Elaborationsstrategien Durch Elaboration soll versucht werden, bereits vorhandenes Vorwissen über einen Gegenstandsbereich zu aktivieren und neues Wissen mit diesem zu verknüpfen. Typische Elaborationsstrategien sind z. B.
Organisationsstrategien Diese sollen helfen innerhalb eines neuen Wissensbereiches Ordnungsbeziehungen heraus zu arbeiten, um sich so ein kohärentes Bild vom Thema aufzubauen. Organisationsstrategien sind beispielsweise
In der Realität staatlicher Schulen scheinen nur Annäherungen an das oben beschriebene Ideal möglich zu sein. Beim Stationenlernen lernen die Schüler beispielsweise selbstständig, selbstorganisiert und selbstgesteuert. Sie lernen nicht selbstbestimmt, da die zu bearbeitenden Aufgaben wesentlich vom Lehrer vorgegeben werden und auch die Entscheidung über die Organisationsform dieser Lernprozesse selten mit den Schülern gemeinsam getroffen wird. Der Wochenplanunterricht kann beides sein, je nach Grad der Offenheit, die der Lehrer gewährt. Allerdings gibt es beispielsweise im Sachunterricht der Grundschule Unterrichtskonzepte, bei denen die Kinder sich selbst für Themen entscheiden und nach geeigneten Materialien selbstständig suchen (vgl. Bannach 2002).
Reformschulen wie die Laborschule in Bielefeld oder die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden und Unterrichtsversuche auch an "normalen" Schulen belegen, dass erste Ansätze selbstbestimmten Lernens möglich sind.
Zu unterscheiden davon ist der offenen Unterricht, in dem sich Kinder nicht nur "selbst für Themen entscheiden", sondern der Unterricht ganz systematisch darauf ausgerichtet ist, die Themenfindung durch die Kinder selbst zu einem zentralen Element des Unterrichts werden zu lassen.
Bei der Freien Arbeit an selbst gewählten Themen wird demgegenüber mit der Selbstbestimmung insbesondere über die Inhalte und Ziele des Lernens ein politisch-pädagogischer Anspruch (Mündigkeit) didaktischen Handelns aufgegriffen.
Die Selbstbestimmung der Schüler über ihre Themen trägt einerseits zur Demokratisierung von schulischen Strukturen bei - Schüler bestimmen das schulische Curriculum mit - und ermöglicht andererseits den Schülern, Eigenverantwortung für ihr schulisches Lernen zu übernehmen und ihre Handlungsfähigkeit weiter zu entwickeln (vgl. Bannach 2002).
Offenes Lernen unterscheidet sich von selbstbestimmten Lernen dadurch, dass nicht nur die Lernprozesse, sondern auch die sozialen Prozesse innerhalb der Lerngruppe von den Kindern demokratisch gestaltet sind und darüberhinaus auch noch die Interaktion mit der Lernumwelt (z.B. andere Klassen in der Schule, Einrichtungen und Gruppen außerhalb der Schule) in ihrer Hand liegt.
Eine Schule, die diese Prinzipien einhält, nennt man auch demokratische Schule. Bekannte demokratische Schulen sind z.B. die Sudbury Valley School in den USA oder Summerhill in England.
Es gibt in Deutschland derzeit in verschiedenen Städten Versuche, Sudbury-Schulen zu gründen, was bisher am Widerstand der Schulbehörden gescheitert ist.
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