Sehschärfe bezeichnet allgemein das Ausmaß der Fähigkeit eines Lebewesens, mit seinem Sehorgan an einem Objekt Einzelheiten wahrzunehmen. Um sie messen zu können, wird sie in der Physiologie als der mathematische Kehrwert des Auflösungsvermögens des Sehorgans in Bogenminuten definiert. In der medizinischen Terminologie wird der so gewonnene Wert als Visus bezeichnet.
Die Sehschärfe des Menschen ist abhängig von:
Das Auflösungsvermögen des Auges wird bei gegebenen optischen Medien begrenzt durch die Größe der Pupille und die der rezeptiven Felder der Netzhaut. Es ist also eine dynamische Größe, die je nach Pupillenweite und Netzhautort unterschiedlich ist. Es erreicht seinen geringsten Wert (größtes Unterscheidungsvermögen) bei maximal weiter Pupille im Bereich der Fovea centralis retinae ("Sehgrube"). Durch die Verarbeitung der Signale der Netzhaut ist das Zentrale Nervensystem in der Lage, bestimmte Strukturen (Kontrastgrenzen, Linien, rechte Winkel) höher aufzulösen als es dem Auflösungsvermögen des Auges allein entspricht.
In Deutschland wird der Visus in der Regel mit Hilfe von projizierten Sehzeichen definierter Größe, Helligkeit, Form und definierten Kontrasts bestimmt. Die Verwendung eines Projektors anstelle einer Tafel hat den Vorteil der Unabhängigkeit von der Prüfentfernung. Für eine reproduzierbare Visusprüfung existieren DIN-Vorschriften. Danach ist das Norm-Sehzeichen der sogenannte Landoltring, ein Ring definierter Breite mit einer Lücke von derselben Breite, die in 8 verschiedenen Richtungen angeordnet sein kann. Durch das Erkennen der Richtung der Lücke zeigt der Untersuchte, dass sein Auflösungsvermögen mindestens der Breite der Lücke entspricht. In der Praxis werden allerdings wegen der leichteren Verständigung meist genormte Abbildungen von Zahlen als Sehzeichen verwendet. Es existieren weitere genormte Sehzeichen, so die Snellen-Haken, die einem E ähneln und andere, die für die Visusprüfung von Analphabeten und Kindern im Vorschulalter sowie für die nicht-verbale Verständigung geeignet sind. Auf den meisten Sehzeichenprojektoren werden Zeichen bis zu einer Visusstufe von 0,05 angeboten. Dies ist in der mit zunehmender Sehschwäche anwachsenden Messungenauigkeit begründet. Für noch geringere Visuswerte werden Sehprobentafeln verwendet (s.u.) bzw. Fingerzählen, Handbewegungen und Lichtquellen benutzt.
Bei der Messung des Visus wird zwischen dem ohne optische Korrektur (z.B. Brille) und dem mit optischer Korrektur unterschieden. Diejenige optische Korrektur, die den höchsten Visuswert ergibt, wird häufig als die "beste Korrektur" bezeichnet. Die Möglichkeit der optischen Korrektur bewirkt, dass der Visus unabhängig von den Brechungseigenschaften des Auges ist. Der Visus im Sinne der obigen Definition ist also der Visus mit bester Korrektur.
Bei der Visusangabe handelt es sich entsprechend der Definition um eine dimensionslose Zahl. Der normale Visus ist altersabhängig und liegt bei einem 20jährigen Menschen bei 1,0 bis 1,6, bei einem 80jährigen bei 0,6 bis 1,0. Zur leichteren Verständigung werden die Visuswerte häufig mit 100 multipliziert und – ohne Bezug zur Definition - als Prozentzahlen angegeben.
Mit einer Sehschärfe von weniger als 1/50 (ermittelt mit Sehprobentafeln) auf dem besseren Auge gilt eine Person im Sinne des Sozialgesetzbuchs in Deutschland als blind, für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab einer Sehschärfe von 3/60 (0,05) oder weniger.
Sehprobentafeln sind auf eine Normentfernung geeicht. Der Visus wird durch einen Bruch ermittelt. Im Zähler steht die Ist-Entfernung, also die Entfernung, aus der der Untersuchte das Sehzeichen erkennt. Im Nenner steht die Normentfernung, die Entfernung, bei der ein Mensch mit einer Sehschärfe von 1,0 dasselbe Sehzeichen erkennen könnte. Gemessen wird die Entfernung entweder im metrischen System oder bei Snellen im englischen Foot-Maß, die in einander umgerechnet werden können. Häufig erfolgt die Angabe der Sehschärfe als Dezimalzahl.
| Metrisch | Dezimal | Snellen |
|---|---|---|
| 6/3 | 2.0 | 20/10 |
| 6/4.5 | 1.5 | 20/15 |
| 6/6 | 1.0 | 20/20 |
| 6/7,5 | 0.8 | 20/25 |
| 6/9 | 0.67 | 20/30 |
| 6/12 | 0.5 | 20/40 |
| 6/15 | 0.4 | 20/50 |
| 6/30 | 0.2 | 20/100 |
| 6/60 | 0.1 | 20/200 |
| 6/120 | 0.05 | 20/400 |
Ein Beispiel: Erkennt ein Patient ein Zeichen aus der Entfernung von 6 Metern, für das die Normentfernung 30 Meter beträgt, so ist sein Visus 6/30 oder 0.2.
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