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Seevölker.jpg Als Seevölker werden von der modernen Forschung die in verschiedenen ägyptischen Quellen des Neuen Reichs erwähnten „Fremdvölker“ bezeichnet, die um 1200 v. d. Z. Ägypten angegriffen hatten und auf die auch eine Reihe von Zerstörungen im östlichen Mittelmeergebiet zurückgeführt wird.

Definition


Der Ausdruck Seevölker wurde von dem französischen Ägyptologen Gaston Maspero geprägt, um die von Ramses III. auf den Reliefs von Medinet Habu abgebildeten Fremdvölker zu bezeichnen. Inzwischen bezeichnet man so eine Reihe von Völkerschaften, die in ägyptischen Quellen des Neuen Reichs, vor allem aus der Zeit Merenptahs (ca. 12131203 v. Chr.) und Ramses III. (ca. 118453), erwähnt sind.

Ägyptische Quellen zu den „Seevölkern“


  • Auf Inschriften in Karnak und Atribis wird aus dem 5. Jahr des Merenptah (Baenre-hotephirmaat, 1213–1203, 19. Dynastie) von einem libyschen Angriff auf Ägypten berichtet, der teilweise auch als Revolte gewertet wird, die niedergeschlagen werden konnte. Dem libyschen Herrscher Merju folgen die Hilfstruppen der Šrdn (Schardana) und Šklš (Schekelesch), außerdem Eqeš (Ekwesch).

  • Auf den Reliefs von Medinet Habu sind mehrere Fremdvölker dargestellt, die teils gegen die, teils auf der Seite der Ägypter kämpfen. Die Träger eines Federhelms, die in der Land- und der Seeschlachtszene gegen die Ägypter stehen, werden dabei als Peleset (plst), Tjekker (tkr), Denyen (dnjn) und Weschesch bezeichnet, die Träger eines Hörnerhelms ohne Aufsatz als Schardana (vielleicht auch Schekelesch), die Träger eines Hörnerhelms mit Knopf oder Scheibe als Šekeleš (šklš). Diese Fremdvölker werden einheitlich mit einem kurzen Rock dargestellt; sie sind meist bartlos. Oft tragen sie Panzer. Die Bewaffnung besteht aus einem runden Schild, Speer, Lanze und Schwert. Ihre Schiffe sind einheitlichen Typs mit Segeln und einem Vogelkopf an beiden Enden. Ob sie Ruder besaßen, ist umstritten.

  • Im Papyrus Harris, einem Rechenschaftsbericht von Ramses III., kurz nach dessen Tode verfasst, wird berichtet, wie der Pharao die ‚Dnjn‘, „die auf ihren Inseln sind“, tötet. Gefangene ‚Šrdn‘ werden als Hilfstruppen angesiedelt. Die meisten Kommentatoren nehmen hier eine Verwechslung mit den ‚Šklš‘ an, denn die ‚Šrdn‘ sind schon länger als ägyptische Hilfstruppe bekannt.

  • Die Šrdn sind unter Ramses II.(1279-1213) auf ägyptischer Seite in der Schlacht von Kadesch belegt. Sie kamen als Kriegsgefangene in die Armee und werden als Hörnerhelmträger mit Knauf abgebildet.

  • Die Šrdn entsprechen wohl den Šardanu in den Amarnabriefen (18. Dynastie). In einem Brief des Königs von Byblos an den Pharao werden Šardanu als Leibwache erwähnt.

Verlauf des „Seevölkersturms“


Die Reliefs auf dem Totentempel und der Papyrus Harris berichten, dass sich hauptsächlich zur See operierende Völker zu einer Koalition zusammengeschlossen und im östlichen Mittelmeergebiet viele Städte und Reiche zerstörten. Die in weiten Teilen des östlichen Mittelmeerraums nachgewiesenen Zerstörungen um und kurz nach 1200 v. Chr. werden oft mit diesen „Seevölkern“ verbunden; z. B. soll Ugarit dadurch vernichtet worden sein und Zypern wurde etwa 200 Jahre lang durch die nördlichen Räuber bedrängt.

Anschließend griffen sie Ägypten an. Im 8. Regierungsjahr Ramses III. (ca. 1177 v. Chr.) soll der Hauptstoß sowohl zu Lande als auch zur See erfolgt sein. Bedeutendstes Zeugnis hierfür sind die Bildwerke und Inschriften im Totentempel Ramses III. in Medinet Habu, in denen die Abwehrschlachten Ramses III. detailliert beschrieben werden. Ramses gelang es zwar, die Seevölker zu besiegen, doch Ägypten war durch die vielen Kriege geschwächt und verlor viel Macht und Einfluss, insbesondere natürlich im nordöstlichen Mittelmeer.

Theorien zur Identität der „Seevölker“


AlterOrient2.png Das Thema „Seevölker“ zählt zu den meistdiskutierten, komplexesten und schwierigsten Forschungsbereichen der Altertumsforschung. Zahlreiche multidisziplinäre Kongresse widmeten sich ausschließlich diesem Thema. Eine allseits befriedigende und akzeptierte Lösung der „Seevölker“-Frage konnte trotzdem bis heute nicht gefunden werden. Weder ist die genaue Herkunft der einzelnen Völker geklärt, noch, welche Dimensionen der sogenannte „Seevölkersturm“ hatte.

Auch die Identität der meisten aufgeführten sogenannten „Seevölker“ ist bis heute ungeklärt. Viele Althistoriker, Sprachwissenschaftler und Archäologen gingen früher davon aus, dass es sich in der Mehrzahl um indogermanische Illyrer gehandelt habe. Ihr Vordringen führte nach Meinung einiger Forscher zum Niedergang der mykenischen Kultur in Griechenland (Pylos, Mykene u. a.) und besiegelte das Schicksal des Hethiterreiches (Suppiluliuma II.).

Heute wird diese These – wenn überhaupt – nur noch in abgeschwächter Form vertreten. Die Theorie eines „Völkersturms“, der vom Balkan oder gar noch weiter nördlich ausgehend die Kulturen Griechenlands und Anatoliens weggefegt haben soll, hält neueren Erkenntnissen nicht mehr stand. Heute herrscht die Meinung vor, dass Ausgangspunkt der „Seevölker“-Unruhen der west- bzw. süd-kleinasiatische oder/und der ägäische Raum waren. Andere sehen die „Seevölker“ schlicht als Piraten.

Laut einer These von Pastor Jürgen Spanuth handelt es sich bei den Seevölkern um bronzezeitliche Germanen, die im Laufe einer großen Wanderung u. a. von Norddeutschland über die Elbe-Donau-Ägäis nach Ägypten vordrangen. Diese These wird aber von keinem Facharchäologen ernstgenommen.

Die u. a. in der Bibel erwähnten Philister (von ihnen stammt die Bezeichnung Palästina) gehörten zu dieser Völkergruppe und werden in den ägyptischen Quellen Peleset (pl(r)st) genannt. Ihre Hinterlassenschaften, insbesondere die Keramik, haben starke Parallelen im mykenischen Bereich (SH IIIC bzw. auf Zypern (LC IIIC-Ware).

Als gesichert kann die Gleichsetzung der „Lukku“ mit den Bewohnern der Lukka-Länder gelten. Diese werden in hethitischen Texten oft genannt und waren in Südwest-Kleinasien angesiedelt. „Lukku“ treten – wie auch die berühmten Schardana – nicht erst gegen 1200 v. Chr. als „Seevölker“ ins Blickfeld der Ägypter. Sie haben bereits auf hethitischer Seite bei der berühmten Schlacht bei Kadesch (ca. 1274 v. Chr.) gegen Ramses II. gekämpft.

Die letzte Korrespondenz aus Ugarit spricht von sehr verlustreichen Kämpfen des hethitischen Herrschers im Bereich der Lukka-Länder. Gleichzeitig war Zypern nach den Alašija-Briefen von nicht näher bezeichneten „Feinden“ angegriffen worden, die jedoch weiterzogen, und die Flotte Ugarits wurde vom hethitischen Herrscher an der kleinasiatischen Südküste eingesetzt. Truppen Ugarits waren ins hethitische Kernland verlegt worden. Unmittelbar nach dieser Schilderung wurde das schutzlose Ugarit selbst von See aus zerstört (zwischen 1194 und 1186).

Literatur


  • Trude Dothan, Moshe Dothan: Die Philister, Zivilisation und Kultur eines Seevolkes. Diederichs, München 1995. ISBN 3-424-01233-5
  • Wolfgang Helck, Die Beziehungen Ägyptens und Vorderasiens zur Ägäis bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. (Darmstadt, Wiss. Buchges., 1995).
  • Othniel Margalith, The sea peoples in the Bible (Wiesbaden, Harrassowitz 1994).
  • Abraham Malamat, The Egyptian decline in Canaan and the Sea-Peoples (Tel-Aviv, Massadah 1971).
  • N. K. Sandars, The sea peoples: warriors of the ancient Mediterranean 1250—1150 BC (London, Thames and Hudson 1985).

Siehe auch


Ägyptologie | Alter Orient

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