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Der Begriff Seele wird abhängig vom Kontext in verschiedenen Bedeutungen verwendet. In der Philosophie versteht man unter Seele das lebensspendende geistige Prinzip, in der Psychologie die begriffliche Zusammenfassung von Erleben, Fühlen und Verhalten des Menschen und in der Religion wird unter Seele die im Gegensatz zum Körper unsterbliche Wesenheit höherer Lebewesen verstanden. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind die als Seele bezeichneten psychologischen Charakteristika Wille, Gemüt und Geist wie auch Bewußtsein oder Gedächtnis auf ein komplexes Zusammenspiel physiologischer Prozesse zurückzuführen.

Im übertragenen Sinne wird mit Seele auch ein wichtiges Element eines Gegenstands, eines ideellen Objektes oder einer Gruppe von Menschen bezeichnet (im Sinne von Wesen).

Etymologie


Das deutsche Wort stammt vom althochdeutschen se(u)la ab, was die zum See Gehörende bedeutet. Nach germanischer Vorstellung waren die Seelen der Ungeborenen und der Verstorbenen Teil eines Mediums ähnlich dem Wasser Duden-Universalwörterbuch, Mannheim, 2003.

Das altgriechische Equivalent von Seele lautet psyche oder pneuma, das lateinische anima.

Der englische Begriff soul deckt sich nicht völlig mit dem deutschen Begriff Seele. Der Begriff soul versteht sich praktisch nur als religiöse Vorstellung einer von Gott geschenkten und nach dem Tod weiterlebenden Seele. Im Deutschen hat der Begriff Seele zwar ebenfalls einen religiösen Hintergrund, wird jedoch häufig auch durch den Begriff Psyche oder Geist ersetzt.

Philosophie


Die klassischen Philosophen (insbesondere Platon, Descartes sowie Thomas von Aquin) lehren die Unsterblichkeit der Seele. Diese folge aus der Tatsache, dass die Seele eine immaterielle, nicht zusammengesetzte Substanz ist. Da sie nicht aus Teilen bestehe, könne sie auch nicht in solche zerfallen und vergehen.

Eine Antithese der modernen Philosophie besagt, dass das Wesen der Seele einem Computerprogramms gleiche. Schaltet man den Computer aus (entsprechend dem körperlichen Tod), so bleibe auch das Programm nicht erhalten (die Existenz der Seele erlischt). Diese Vorstellung ist mit der modernen naturwissenschaftlichen Sichtweise vereinbar.

Platon

Platon unterteilt die Seele in drei Teile, von denen nur die Vernunftseele unsterblich sei:

Aristoteles

Für Aristoteles bedeutet Psychologie die Untersuchung der Seele (Vgl. De Anima). Seinem Grundsatz treu bleibend, dass Form und Stoff bei endlichen Wesen immer als Einheit existieren, definierte Aristoteles die Seele als "Funktionsweise eines Körpers, die so organisiert ist, dass sie Träger vitaler Funktionen sein kann". d.h. lebendig zu sein heißt beseelt zu sein. Dabei unterscheidet er vor allem drei Stufen: Alles Lebendige hat das Ernährungs- und Fortpflanzungsvermögen, das schließt die Pflanzen mit ein. Alle Tiere (Aristoteles spricht hier von zôon, d.h. Lebewesen) besitzen das Wahrnehmungsvermögen. Der Mensch (und möglicherweise noch ein "ehrwürdigeres Wesen"; De. an. II 3, 414b18f.) besitzt das Denken.

Seele und Körper verhalten sich wie Form und Materie. Damit widerspricht er der Pythagoreischen Lehre von der Seele als einer spirituellen, im Körper gefangenen Einheit. Aristoteles Lehre ist eine Synthese der früheren Vorstellung, dass die Seele nicht unabhängig vom Körper existieren kann, und der platonischen Idee von der Seele als einer gesonderten, nichtkörperlichen Ganzheit. Im Gegensatz zu Platon ist die Seele nach Aristoteles vergänglich. (In der Überlieferung wurde nur darüber diskutiert, ob nach Aristoteles ein bestimmter Teil des Verstandes unsterblich ist.)

Aufgrund der Funktionsweise der Seele werden die moralischen und intellektuellen Seiten der Menschheit entwickelt. Nach Aristoteles ist das menschliche Denken in seiner höchsten Form (griechisch: nous poetickos, "aktives Denken") nicht auf einen bloßen mechanisch-physischen Vorgang reduzierbar. Jedoch setzt ein solches Denken auch ein individuelles "passives Denken" voraus, welches über die physische Natur der Dinge nicht hinausgehen kann. Somit hat Aristoteles die Beziehung zwischen dem menschlichen Verständnis und den Sinnen, entsprechend der späteren empirischen Auffassung, dass sich Wissen i.a. auf Sinneserfahrung stützt, klar dargelegt. Er schrieb: "Nichts existiert im Denken, was nicht schon vorher in den Sinnen existiert hätte". Siehe auch Empirismus.

Plotin

Der Neuplatoniker Plotin lehrt, dass die menschlichen Seelen durch den Geist aus dem transzendenten unbeschreiblichen Einen(griech. hén) entstehen und diesem wesensgleich sind. Der Mensch hat durch den Eigensinn der Seelen die Freiheit zwischen Gut und Böse zu wählen. Das Böse verursacht die Trennung vieler Seelen von dem Einen, welches sie nicht mehr erkennen können. Plotin geht von einem übergeordneten Weltgeist (griech. noûs) aus, eine Ebene tiefer liegt die Weltseele (griech. psyché), die die physischen Welt (griech. kosmos) ausströmt.

Schopenhauer

Schopenhauer vertritt den Standpunkt, dass das unverwechselbar Eigene eines Menschen sich im Willen seinen Weg schafft, und vollständig mit ihm durchsetzt ist. Daher ist für ihn der Begriff Seele mit Wille gleichgesetzt, da die Seele im Willen zum Ausdruck kommt.

"Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will." Arthur Schopenhauer

Kant

Nach der Philosophie von Immanuel Kant ist die Existenz und Unsterblichkeit der Seele durch die Vernunft nicht beweisbar, sondern wie jede Frage nach dem Absoluten eine Glaubensfrage. Konsequentes moralisches Handeln ist laut Kant jedoch ohne einen Glauben an Gott und die Unsterblichkeit nicht möglich.

Mensch und Tier

In vielen modernen und antiken Kulturkreisen werden die Unterschiede zwischen Mensch und Tier in bezug auf Sprache, Denkfähigkeit und Werkzeuggebrauch erkannt. Schöpfungsmythen und religiöse Vorstellungen deuten diesen Unterschied als eine dem Menschen innewohnende Seele, die Tieren nicht gegeben ist. Der Ursprung der Seele wird dabei generell im Bereich des Übernatürlichen liegend angenommen.

Die Seele wird oft mit der Fähigkeit des Menschen, moralisch zu urteilen und zu handeln, verknüpft. Die Seele gibt dem Menschen die Fähigkeit, über seine Handlungen zu reflektieren und damit auch die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Tieren wird dagegen im allgemeinen die Fähigkeit abgesprochen, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Moderne Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, daß zumindest auch höhere Primaten durchaus in der Lage sein mögen, in begrenztem Maße Gut und Böse zu erkennen.

Religionen


Judentum

Laut der Bibel ist die Seele entstanden, nachdem Gott Lebensodem (Geist) in den Körper, der aus Erdreich geformt war, gehaucht hat (1. Mose 2,7). Daher ist die Seele nach dem Tod nicht mehr vorhanden, da der Geist zu Gott zurück (Prediger 12,7) und der Körper zurück ins Erdreich (1. Mose 3,19; Prediger 12,9) geht und keine Empfindung mehr möglich ist. Sie ist nicht mehr wahrnehmbar, im "Unwahrnehmbaren" (so die wörtliche Übertragung des griechischen "Hades" bzw. des hebräischen "Scheol", oft mit "Totenreich" übersetzt).

"Der HERR tötet und macht lebendig; er führt in den Scheol hinab und führt herauf" (1. Samuel 2,6). In den Hades gehen die Seelen aller Menschen, ob gläubig oder nicht (Johannes 5,28-29; Hiob 3,11-19, 14,13; Hesekiel 32,18-32; Psalm 31,17; Daniel 12,2).

Als Redefigur (Synekdoche) beschreibt es ein Wesen vom Blickpunkt seiner Empfindungen aus. Sie bezeichnet die Genüsse, sowohl die geringeren, die der Mensch abgibt, als auch die besseren, die er dafür erhält (Seele verlieren und erhalten). Es gibt zahlreiche Schriftstellen, welche die Beziehung zwischen der Seele und den Sinnen erläutern (5. Mose 12,20; 23,25; Psalm 107,18; Jesaja 32,6 u. a.). Die Seele ist also auch die Empfindung, die erst durch die Verbindung eines organischen Körpers mit Odem oder Geist (Lebenskraft) entsteht.

Christentum

Die Vorstellung einer "unsterblichen Seele" als eigentlicher Identitätsträger des Menschen gegenüber einer sekundären Leiblichkeit (wie im Platonismus) ist in den biblischen Texten lediglich an einer Stelle direkt ableitbar (Matthäusevangelium 10,28). Das semitische Menschenbild, wie es sich auch in den alttestamentlichen Texten widerspiegelt, ist nicht analytisch (wie das platonische), sondern synthetisch: Die Wirklichkeit ist komponiert aus verschiedenen Aspekten. "Fleisch" ist der Organismus des Menschen im Blick auf seine Sterblichkeit, "Seele" ist zunächst die "Kehle", der "Atem", der einen lebendigen Organismus von einem toten unterscheidet. Das "Herz" ist nicht - wie bei uns - Sitz der Gefühle, sondern der Gedanken und Entscheidungen. Sitz der Gefühle sind die Eingeweide: die "Nieren", vor allem aber die "Gebärmutter" - im Blick auf das Gefühlsleben ist dann auch vom Mutterschoßgefühl von Männern die Rede! Was den Menschen besonders belebt, ist der "Geist", wörtlich der "Windhauch", der von außen kommt und dem Menschen eingeblasen wird - entweder als göttliche Inspiration oder als dämonische Besessenheit. So kann Paulus im Neuen Testament davon sprechen, dass wir jetzt einen "Seelen-Leib" haben, in der Totenauferweckung aber einen "Geist-Leib" erhalten werden. Erst die Rezeption des Platonismus, zunächst durch das hellenistische Judentum (mit seinem Zentrum im ägyptischen Alexandria, dem Harvard-Yale-Princeton der antiken Welt), dann im Christentum macht die Idee einer unsterblichen Seele als nachtodlichem Identitätsträger in den biblischen Religionen heimisch. In den mystischen Strömungen des Judentums wurde diese Seelelehre weiter entfaltet, im orthodoxen und katholischen Christentum ist sie Teil der traditionellen Lehre, im zeitgenössischen Protestantismus wurde sie zum Teil aufgegeben zugunsten einer Ganztod-Hypothese (der ganze Mensch, Leib und Seele, stirbt im Tod; der ganze Mensch wird von Gott aus Gnade vollendet.)

Hinduismus

Alle Lebewesen bestehen nach hinduistischer Auffassung aus drei unterschiedlichen Wirklichkeiten:

1) Die sterbliche physische Hülle, unser stofflicher Körper.

2) Der feinstoffliche Körper, bestehend aus:

Ahankara - Das (falsche) Ich

Das sich als eine Einheit, eine Person wissen, fühlen, erleben. Die subtile Grundlage des Ich-Gefühls. Dieses falsche Ich ist ein Teil der feinstofflichen Hülle. Das Ahankara veranlasst die Atma-Seele sich selbst zu vergessen. Durch dieses Selbstvergessen ist sie gezwungen, sich mit den feinen und groben Hüllen zu identifizieren. Die Atma-Seele glaubt nun: "Ich bin die Gesamtheit meines Körpers, meines Denkens, Fühlens etc., ein Produkt dieser vergänglichen Welt". Dieses feinstoffliche 'Ich' kann durch Verletzung, Trunkenheit usw. eliminiert werden. Das Ahankara ermöglicht es, dass sich die Atma-Seele irrtümlicherweise mit den unterschiedlichsten psychischen und physischen Zuständen identifizieren kann.

Citta - Das rein rezeptive, passive Bewusstsein und Unterbewusstsein

Citta ist theoretisch rein, unveränderlich, ruhig, still; tatsächlich aber voller lustbetonter oder auch unlustbetonter Eindrücke (Zuneigung und Abneigung) aufgrund vergangener Erlebnisse in unzähligen grobstofflichen Körpern (auf Sanskrit: Vasanas). Das Citta ist rein rezeptiv, passiv, und wird deswegen sehr oft mit einem Spiegel oder der Oberfläche eines Wassers verglichen. Die Eindrucksfähigkeit ist um so höher, je klarer und reiner dieser Spiegel ist, gleichsam einer ganz ruhigen, stillen Wasserfläche. Je weniger sich zwischen das Objekt, das gespiegelt werden und einen Eindruck hinterlassen soll, und dem Spiegel des Bewusstseins störend einschiebt, desto eher wird die Erkenntnis objektiv sein. Also Reinheit des Bewusstseins, Klarheit der Aufnahmefähigkeit, das Nichtverzerren der Form und Substanz und die Nichtentstellung des Objektes auf dem Weg zwischen den physischen Sinnen (Augen, Ohren etc.) und den Nerven bis zum Spiegel des Bewusstseins sind die Voraussetzungen dafür, dass ein Objekt als das wahrgenommen wird, was es ist. Citta besteht nicht aus Erkenntnis, sondern es ist sozusagen ein feinstoffliches Organ, das sämtliche Eindrücke und Empfindungen speichert und das dadurch Erkenntnis erwirbt. Der Inhalt des Citta ist bloss mittelbare, indirekte Erkenntnis.

Buddhi - Intelligenz, Vernunft

Das Bewusstsein stellt fest, nach Überlegung und Erwägung, was das ist, was wahrgenommen wurde, das heisst, es wird durch die Funktion der Vernunft erkannt, was das im Citta erlebte Objekt ist, wo es ist, von wo es herkommt, wie es zu erreichen ist. Diese Erkenntnis kann gemäss den Shastras (den indischen Sanskrit-Schriften) folgenden Inhalt haben:

a) Direkte Erfahrung, Schlussfolgerungen, Wahrnehmung der Abwesenheit einer Sache oder das, was die Sastras, die als absolute Erfahrungsquelle gelten, darüber aussagen. Man nennt das Pramana, Erkenntnis dessen, was real ist.

b) Irrtum oder Erkenntnis einer Sache, so wie sie überhaupt nicht ist (Viparyaya).

c) Erkenntnis einer Sache, die nur als blosses Wort besteht, aber keineswegs eine Realität hinter sich hat, z. B. "das Horn eines Hasen". Man nennt das Vikalpa.

d) Gedächtnis, Erinnerung, ein Wissen, das aus dem Eindruck entstand, den eine frühere Erfahrung hinterliess (Smrti).

e) Schlaf, d. h. die Erkenntnis hat überhaupt nichts zum Gegenstand, das Bewusstsein ruht; man nennt das Nidra.

Diese Überlegungs- und Analysefähigkeit der feinstofflichen Hülle nennt man Buddhi.

Manas - Denken, Fühlen, Wollen

Wird oft mit 'Geist' oder 'Verstand' übersetzt (aus dem englischen 'mind'). Diese Schicht der feinstofflichen Hülle besteht aus der Bereitschaft etwas zu erleben. Diese Bereitschaft führt zu einem Begehren, das als 'Wohl' Erlebte von neuem und stärker zu erleben, gedanklich, in der Phantasie bei dem 'Wohl' gebenden Objekt zu verweilen - oder auch, bei dem 'Unwohl' gebenden Objekt zu verweilen, darüber zu brüten. Diese ständige Bereitschaft des Bewusstseins wird Manas genannt. Aus dem Manas entwickelt sich ein Begehren, Lust, 'Kama' genannt. Es ist das Manas, das ein Objekt begehrenswert macht, das ihm 'Farbe' verleiht, so dass es als anziehend empfunden wird. Ebenso enthält dieses Bewusstsein der Bereitschaft auch das Gegenteil - nicht Lust, sondern 'Hass' oder 'Krodha', also Ablehnung dessen, was entweder als Unwohl erlebt wird, oder dessen, was sich dem Erleben eines Wohles in den Weg stellt.

Dieser feinstoffliche Körper begleitet den Atma durch all seine Geburten und wird erst abgelegt, wenn der Atma die veränderliche Welt der groben und feinen Materie verlässt und somit den Kreislauf der Wiedergeburt verlässt.

3) Atma (Atman) - Das Selbst, die ewige unzerstörbare innere Gestalt jedes Wesens.

Atma wird häufig mit 'Seele' übersetzt. Die westliche (oft auch die christliche), von der Psychologie beeinflusste Denkweise, meint mit dem Begriff 'Seele' sehr oft die feinstoffliche oder die psychische Struktur des Lebewesens. Daher auch der Ausspruch: "An der Seele erkrankt". Mit dem Begriff Atma meint der Hindu jedoch nicht diesen veränderlichen Stoff der feinen Materie. Atma bezieht sich einzig auf die ewige und unveränderliche innerste Identität. Es ist dieses innerste unzerstörbare Ich, das von den feinstofflichen Hüllen (Manah: Denken, Fühlen, Wollen; Buddhi: Intelligenz; und Ahankara: Falsches Ego) und dem grobstofflichen Körper eingekleidet und bedingt wird. Es ist auch der Atma, der diesen Hüllen ein scheinbares Leben verleiht. In vielen deutschsprachigen Übersetzungen indischer Texte wird 'Seele' oft synonym zur Definition des 'Atma' verwendet. (Quelle: Walter Eidlitz, Der Sinn des Lebens, Seite 22; ISBN 3-8311-3112-0)

Die hinduistische Reinkarnationslehre besagt, dass beim Tode der Atma gemeinsam mit dem feinstofflichen Körper den physischen Körper verlässt. Die Wünsche und Sehnsüchte, welche im feinstofflichen Körper eingekerbt sind, veranlassen den Atma zu einer neuen Geburt. Die Umstände ergeben sich aus den Folgen des Tuns (Karma) und den individuellen Wünschen. Da sich der feinstoffliche Körper ebenfalls dauernd verändert, wird 'Hans Müller' auch nicht einfach wieder als 'Hans Müller' geboren. Die eingekerbten Wünsche und die karmischen Reaktionen formen eine neue zum Körper passende 'Identität'. Und obschon eine scheinbar neue Persönlichkeit das Licht der Welt erblickt, ist es lediglich die Fortsetzung von 'Hans Müller', dessen Atma, gleichsam einem Schauspieler auf der Weltbühne, die Erfüllung altgehegter Wünsche anstrebt und gleichzeitig mit den Folgen seines vergangenen Tuns konfrontiert wird, indem er oder sie im neuen Körper das Leben geniesst und auch leidet.

Ein Hindu könnte zum Verständnis darauf vergleichend hinweisen, dass man als 10-jähriger eine andere Persönlichkeit hatte als mit 35 oder mit 60 Jahren. Und so wie man im Laufe des Lebens zu einer anderen Persönlichkeit werden kann, so kann sich der feinstoffliche Körper im Laufe der Wiedergeburten so verändern, dass wir meinen, es mit völlig anderen Persönlichkeiten zu tun zu haben. Es ist jedoch immer derselbe Atma (Seele), der sich unter dem Einfluss des falschen Ichs, laufend mit dem Jetzt-Zustand des feinen und groben Körpers identifiziert.

Buddhismus

Im Gegensatz zu hinduistischen Anschauungen kennt der Buddhismus, basierend auf den überlieferten Lehrreden des Siddhartha Gautama, des historischen Buddha, keinen unwandelbaren und unsterblichen überpersonalen Wesenskern. Ausdrücklich im Kontrast zum hinduistischen Atman, prägt er den Begriff des Anatman, des „Nicht-Selbst“.

Die Vorstellung es gäbe ein Ich, eine abgegrenzte Person oder ein Selbst ist demnach bereits eine grundlegende Täuschung über das Wesen der Wirklichkeit. Was Menschen als ihr „Selbst“ bezeichnen ist vielmehr ein ständig im Wandel begriffenes Zusammenspiel der fünf Daseins- oder Aneignungsgruppen (Sanskrit: Skandhas): des materiellen Körpers mit seinen Sinnesorganen, der Empfindungen, der Wahrnehmung der Welt, der Geistesformationen (Interessen, Willensregungen, Sehnsüchte und Tatabsichten) und letztlich des Bewußtseins. Wie ein Wagen eine zusammengesetzte Wirklichkeit, bestehend aus seinen Einzelteilen, ist, entsteht die Vorstellung eines Selbst aus dem Zusammenwirken dieser Daseins- oder Aneignungsgruppen.

Wie soll es aber eine Wiedergeburt geben können, ohne dass man an eine Anatman-Seele glaubt? Nach Buddha wird der Kreislauf der Geburten dadurch aufrechterhalten, dass ein karmisch geprägtes Seelen-Bewusstsein im Augenblick der Zeugung eine neue Person mit verursache: Ein aus guten Tatabsichten erwachsenes Bewusstsein suche sich nach dem Tod seines bisherigen Besitzers einen ihm entsprechenden guten Mutterschoß mit günstigen Erbanlagen und veranlasse die Entwicklung eines neuen Wesens, ohne selbst in dieses überzugehen. Das neue Wesen entspreche in der Qualität seiner Existenzform genau der Qualität der Tatabsichten des ihr voraufgehenden Seelenbewusstseins. Das neu entstandene Wesen sei aber keine völlig andere Person als die ihr voraufgehende, weil jede Existenzform von ihrer voraufgehenden geprägt sei und aus ihr hervorgehe wie eine Flamme, die an einer anderen entzündet wird. Das Seelen-Bewusstsein ist also wie eine Billardkugel, die eine andere Billardkugel in der Bewegung verursacht, oder wie ein Katalysator, der einen chemischen Prozess auslöst und im Produkt dieses Prozesses nicht mehr enthalten ist. Trotz des Fehlens einer Substanz zwischen den Existenzformen einer Wiedergeburtenkette gilt es als möglich, sich der vielen Existenzen zu erinnern, die eine Kreislaufgeburtenkette ausmache.

Psychoanalyse


Nach Ansicht der von Sigmund Freud geprägten Psychoanalyse liegen sämtlichen Handlungen des Menschen Motive aus unserer Seele (Psyche) zu Grunde. Als Motiv werden in diesem Zusammenhang Antriebsgründe und Beweggründe bezeichnet, die den Handlungen psychisch letztlich zugrunde liegen.

Als Psyche wird hier das System bezeichnet, welches Wahrnehmen und Denken begründet und die affektiven und rationalen Motive unserer Handlungen begründet. Das System des Organismus bezeichnet hierbei ein Gebilde, dessen wesentliche Elemente (Teile) so aufeinander bezogen sind, dass sie eine Einheit (ein Ganzes) bilden. Systeme organisieren und erhalten sich demnach durch Strukturen.

Als Struktur wird das Muster (die Form) der Systemelemente und ihrer Beziehungsgeflechte bezeichnet, durch die ein System funktioniert (entsteht und sich erhält). Die Motive unserer Handlungen werden nach Freud hierbei in drei prinzipiell unterscheidbaren Strukturen gegliedert: das Ich, das Es und das Über-Ich (siehe Sigmund Freud).

Zum frühen Ich zählte Freud auch den sozialisationsgebildeten Charakter eines Menschen: die bewusstseinsfähigen Emotionen und Bedürfnisse, die in Art und Intensität aus den Grundtrieben des Es durch den Sozialisationsprozess geformt worden sind. Dabei bezeichnete Freud die sozialisationsgeformten Emotionen und Bedürfnisse als >Triebabkömmlinge des Es im Ich<. Das Es mit seinen angeborenen Triebimpulsen wird hier mit einem Baumstamm verglichen, aus dem das frühe Ich als Krone herauswächst. Deswegen nennt Freud diesen Teil des Ichs ein Produkt des Es: er ist aus dem Material des Es (Grundtrieben) entwickelt worden. Man sollte die Emotionen und Bedürfnisse aber unter das Es subsumieren, weil dies begrifflich klarer und weniger verwirrend ist. Man ist vielleicht verführt, die Emotionen und Bedürfnisse zum Ich zu zählen, weil man alles Bewusste mit dem Ich gleichsetzen möchte und die Emotionen und Bedürfnisse ja bewusst werden können. Aber nicht alles Bewusste gehört zum Ich, denn Überichinhalte können bewusst werden. Und nicht alles Unbewusste gehört zum Es, wie die Überichinhalte zeigen. Bei allen drei psychischen Strukturen gibt es Bewusstes, Unbewusstes und Vorbewusstes ( = was bewusst gelernt wurde, aber zu einem unbewussten Habitus wurde wie Autofahren, Fremdsprache...). Zum Beispiel kann ein durch Ich-Einsatz bewusst eingeübtes Handeln automatisiert werden und damit vorbewusst sein. Und was man bewusst erlebt hat, kann im Gedächtnis versinken, es kann vergessen werden und damit unbewusst sein, aber auch wiedererinnert werden.

Zu den Elementen des Ichs zählt man zuallererst die Bewusstseinsleistungen des Wahrnehmens, des Denkens und des Gedächtnisses, weil sie dem Ich helfen, seiner spezifischen Aufgabe gerecht zu werden, nämlich realitätsgerecht (konfliktauflösend) zwischen den Ansprüchen aus dem Es, dem Überich und dem Sozial-Außen zu vermitteln – also um psychische und soziale Konflikte konstruktiv zu lösen. Ein Kriterium dafür, ob das Ich realitätsdicht oder realitätsfern an der Entfaltung des Lebens orientiert ist, ist das Freisein von destruktiven Sozial- und Individualkonflikten über längere Zeit und die Fähigkeit des Ich, Konflikte konstruktiv lösen zu können. Weil nur das Ich realitätsgerechtes Handeln zu sichern vermag, heißt das, dass nur das Ich ein wahrhaft menschliches Handeln zu sichern vermag. Diese Teile der Psyche sind keine Produkte des Es wie die Emotionen und Bedürfnisse, weil diese nicht aus dem Es hervorgehen durch den (An)Passungskonflikt zwischen Trieben und sozialisierender Umwelt, sondern weil sie ihre eigene, davon abgehobene spezifische Entwicklung durchlaufen.

Wissenschaftlicher Diskurs


Im Wissenschaftsbetrieb ist der Begriff der Seele meist synonym zu dem aus dem Griechischen abgeleiteten Wort Psyche. Der Begriff der Seele wird allerdings heute kaum noch verwendet, sondern es wird fast ausschließlich von Psyche gesprochen. Die Seele ist nach vorherrschender wissenschaftlicher Auffassung an ein funktionierendes Nervensystem gebunden. Sie sterbe zusammen mit dem Körper oder - beim Hirntod - auch schon vor dem Körper. Stark kontrovers diskutiert wird indes, ob die Seele das Nervensystem selbst ist oder ob die Seele eine wie auch immer geartete eigenständige Größe ist, die mit dem Nervensystem lediglich assoziiert ist.

Mit der Seele befassen sich folgende Wissenschaften: Die Psychologie, die Psychoanalyse, die Verhaltensforschung, die Kognitionswissenschaft, die Neurowissenschaften, die Anthropologie und die Endokrinologie. Die Philosophie befasst sich ebenfalls mit der Seele (Leib-Seele-Problem).

Die Forschungen zum Nahtodeserlebnis (engl. near-death experience, NDE) oder die Reinkarnationsforschung werden oft als Pseudowissenschaften abgelehnt.

Siehe auch


Seelsorge, Internetseelsorge, Telefonseelsorge, Seelenwanderung, Außerkörperliche Erfahrung, Leib-Seele Problem, Anam Cara

Literatur


  • Hans-Dieter Klein (Hrsg.): Der Begriff der Seele in der Philosophiegeschichte. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-2796-5
  • Simon L. Frank: Über die Seele des Menschen. Einführung in die philosophische Psychologie. Alber, Freiburg im Breisgau 2003, ISBN 3-495-47936-8
  • Johann Figl, Hans-Dieter Klein (Hrsg.): Der Begriff der Seele in der Religionswissenschaft. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2377-3
  • Caspar Söling: Das Gehirn-Seele-Problem. Neurobiologie und theologische Anthropologie. Schöningh, Paderborn u.a. 1995, ISBN 3-506-78586-9
  • Friedrich Niewöhner (Hrsg.): Die Seele der Tiere. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04475-6 (Wolfenbütteler Forschungen Bd. 94)
  • Klaus Kremer (Hrsg.): Seele. Ihre Wirklichkeit, ihr Verhältnis zum Leib und zur menschlichen Person. Brill, Leiden u.a. 1984, ISBN 90-04-06965-8 (Studien zur Problemgeschichte der antiken und mittelalterlichen Philosophie Bd. 10)
  • Hermann Levinson, Anna Levinson: Vögel und Schmetterlinge als Erscheinungsform der menschlichen Seele. In: Naturwissenschaftliche Rundschau 58 (10), S. 531-536, 2005,

Quellen


Weblinks


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