Als Schlager werden ganz allgemein leicht eingängige instrumentalbegleitete Gesangsstücke mit wenig anspruchsvollen, oftmals humoristischen oder sentimentalen Texten bezeichnet. Seit den 1940er Jahren macht sich bei den Schlagern auch immer mehr der Einfluss von jazzigen Rhythmen und Harmonien bemerkbar. Somit ist der Schlager ein Ohrwurm, ein industriell gemachtes volksnahes Liedchen, eine harmonische Melodie mit einfachem Text, die beim Publikum ein"schlägt" und sei es auch als so genannte Schnulze.
Nachweislich ab dem ausgehenden Mittelalter gab es scherzhafte oder auch derbe Lieder, die im einfachen Volk kursierten und von der Kunstmusik entweder ignoriert oder assimiliert wurden – z. B. als Kirchenlied mit neuem Text oder als versteckte musikalische Grundlage von geistlicher Figuralmusik. Die Erfindung des Notendrucks mit Typenhebeln im 16. Jahrhundert ermöglichte erstmals die massenhafte und europaweite Verbreitung von Musik, so dass Melodien wie "Pavane de Spaigne/La Spagnoletta", "La Follia" u. v. a. allbekannt wurden.
Der Begriff des Schlagers im heutigen Sinne entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Erfindung des Grammofons sowie die aufkommende Filmindustrie trugen schnell zu seiner Verbreitung bei. Er ist somit ein Produkt der Industriegesellschaft. Allein seine Schnelllebigkeit zeigt, dass er eher eine Ware darstellt, als ein auf Dauer setzendes Kunstwerk. Der Schlager sucht das Massenpublikum, indem er in den Texten Wunschträume anspricht, die er als Botschaften in Kehrreimen immer wieder wiederholt. Musikalisch richtet sich der Schlager meist nach der jeweils herrschenden Tanzform. Einfache Rhythmen und Melodiefolgen, die auf schnelle Wiedererkennung angelegt sind, bestimmen seinen Charakter.
In Frankreich sowie im Französisch sprechenden Teil Belgiens werden Schlager entgegen dem deutschen Sprachgebrauch nicht chansons genannt (dies ist vielmehr ein Ausdruck für Lieder mit literarischem Anspruch), ebenso wenig chansons à la mode (diesen veralteten Ausdruck findet man allenfalls noch in alten Lexika), sondern variétés; entsprechend heißen die Schlager im Italienischen nicht canzone (dies ist vielmehr die Entsprechung der französischen chansons), sondern brani (Einzahl brano).
Theodor W. Adorno, der bekannte Frankfurter Musikwissenschaftler, Philosoph und Soziologe, sagte einmal über die Wirkung des Schlagers und seine gesellschaftliche Funktion: "Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben."
Wie immer man auch zur Kritischen Theorie stehen mag, die Definition von Schlager, wie sie ursprünglich einmal bestand, ist heute äußerst schwer geworden. Der Schlager, der als Musikstück eingeschlagen hat und der von einer breiten Bevölkerungsschicht auch als solcher Akzeptanz findet, existiert nicht mehr. Der Musikgeschmack ist differenzierter geworden. Man sollte deshalb von einer gültigen Definition absehen und heutzutage eher von Schlager für Popliebhaber, Schlager für Volksmusikfans oder auch Schlager für Ethno-Rock-Fetischisten und was es alles noch an Stilrichtungen gibt, sprechen. Die Entwicklung dorthin jedoch war nur eine Einzige.
Doch auch Berlin, das deutsche Operettenzentrum hatte seine Gassenhauerkomponisten. Der bekannteste war Paul Lincke (1866-1946), der mit 'Frau Luna' 1899 seinen größten Erfolg hatte. Einzelne Lieder von Lincke waren jahrzehntelang "Hits": Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft, das Glühwürmchen-Idyll Glühwürmchen, Glühwürmchen glimmre, Glühwürmchen, Glühwürmchen schimmre aus 'Lysistrata' und Schlösser, die im Monde liegen. Eduard Künnekes (1885-1953) Der Vetter aus Dingsda, 1921 in Berlin uraufgeführt mit dem Lied des Fremden Ich bin nur ein armer Wandersgesell und dem Tango Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken. Tanzum1920.jpg
Bekannte Vertreter dieser Art Musik waren vor allem die Comedian Harmonists, Marlene Dietrich, Fritzi Massary (Josef, ach Josef, was bist du so keusch), Max Pallenberg, Zarah Leander, Liane Haid und Lilian Harvey. Es war auch kein Wunder, dass gerade die Kirchen gegen diese Art der Vergnügung scharf zu Felde zogen, wenn Texte wie der folgende auf der Straße oder bei Veranstaltungen gesungen wurden:
Doch bald sollte es vorbei sein mit Textpassagen wie Dein Wesen war einst treudeutsch germanisch. Auf einmal ist es ausgesprochen spanisch aus dem Schlager der Comedian Harmonists Mein lieber Schatz bist du aus Spanien. Viele jüdische Künstler verließen Deutschland, zum Teil weil sie ahnten, was geschehen würde oder auch weil sie bereits von Auftrittsverboten betroffen waren. Bis zur Olympiade in Berlin 1936 gab sich das Naziregime nach außen hin noch liberal. Danach begann eine gnadenlose Verfolgung.
Gerade gegen Ende des Krieges, als die Alliierten bereits mit der Bombardierung begonnen hatten, wurden explizit Texte gesucht, die der deutschen Bevölkerung wieder Mut machen sollten. Goebbels ließ sogar einen regelrechten Wettbewerb ausrichten. Dabei entstanden Texte wie Davon geht die Welt nicht unter. Auch die Lieder Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn, ebenfalls gesungen von Zarah Leander, und der harmlos klingende Song von Heinz Rühmann: Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern wurden, obwohl bereits 1941 bzw. 1939 erstmals aufgenommen, wieder oft im Radio gespielt. Auch der weltberühmt gewordene Schlager Lili Marleen, zuerst gesungen von Lale Andersen, fiel in diese Zeit. Das bereits 1915 getextete und 22 Jahre später vertonte Lied sollte laut Goebbels zuerst als Marsch gespielt werden. Frau Andersen weigerte sich, und als es 1941 im Rundfunk gespielt wurde, war der Siegeszug der Melodie nicht mehr aufzuhalten. Wegen seines unheilvollen Charakters wurde das Abspielen von Lili Marleen im Großdeutschen Reich schon bald verboten. Allerdings hinderte das den deutschen Soldaten-Sender Belgrad nicht, es weiter zu verbreiten und bald entstanden auch nichtdeutsche Fassungen.
In der Nachkriegszeit war der musikalische Geschmack des Otto Normalverbrauchers (Figur aus dem Film Berliner Ballade (1948), dargestellt von einem schlanken Gert Fröbe) bunt gemischt. Dabei erstreckten sich die Lieder über so unterschiedliche Themenbereiche wie das Mariandl (1947), das eher österreichisch daherkam, über den Theodor im Fußballtor (1948 zuerst gesungen von Margot Hielscher, später wurde Theo Lingen damit sehr bekannt), bis zum eher kabarettwürdigen Couplet: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien. Mit Trizonesien war das damals noch dreigeteilte Westdeutschland gemeint.
plattenspieler55.jpg Interpreten dieser Zeit waren Ivo Robic (Morgen 1959), Bruce Low (Das alte Haus von Rocky Docky, Pferdehalfter), Margot Eskens (Tiritomba 1956 und Cindy, oh Cindy 1957), sowie der gerade mit seiner Karriere startende Peter Alexander zusammen mit Leila Negra und ihrem viel gespielten Titel: Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere (die deutsche Fassung des italienischen Papaveri e papere von Nilla Pizzi).
Auch Caterina Valente und Lys Assia versuchten mit Liedern wie Ganz Paris träumt von der Liebe (1955) oder Oh mein Papa (1954) nach dem verlorenen Krieg die Stimmung einer heilen Welt zu verbreiten. "Gehn sie mit der Konjunktur" hieß die Aufforderung im Konjunktur-Cha-Cha von Hazy Osterwald Sextett und die Menschen hielten sich daran. Der Plattenspieler wurde bald ein begehrtes Gerät.
Möglicherweise hatte Rudi Schuricke mit dem bereits 1943 aufgenommenen, aber erst 1950 zum Hit avancierten Schlager: Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt (auch bekannt geworden unter dem Titel: Caprifischer) bereits den Grundstock für die Suche nach Harmonie, Süden, Meer und Glück gelegt. Arrivederci Roma und O mia bella Napoli gesungen von Lys Assia, Rocco Granata mit seinem Hit Marina oder auch die in Deutschland überaus populäre Caterina Valente mit Ciao, ciao Bambina sind nur wenige Beispiele. René Carol erhielt mit Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein gar die erste Goldene Schallplatte der Nachkriegszeit. Selbst in der DDR gab es Italien-Schlager, so z. B. A-mi-amore von Günter Hapke.
Palmestrand.jpg Seemannslieder und Meeresballaden hatten Hochkonjunktur. Zu nennen ist hier insbesondere Freddy Quinn, der wochenlang die Hitparaden mit seinen Schlagern: Die Gitarre und das Meer, Junge komm bald wieder und Unter fremden Sternen besetzt hielt. Aber auch die Österreicherin Lolita mit ihrem Hit, der sogar in japanische und in die US-Charts gelangte: Seemann, deine Heimat ist das Meer und Lale Andersen mit: Unter der roten Laterne von St. Pauli, Blaue Nacht am Hafen oder Ein Schiff wird kommen. In Ostdeutschland war zu dieser Zeit beispielsweise Jenny Petra mit Weiße Wolken, blaues Meer und Du populär.
Ein Schlager, der 1962 aus jeder Musicbox schallte, sei hier noch einmal stellvertretend für das Genre des Schlagers gesondert erwähnt: Heißer Sand gesungen von Mina. Der Text ist so undurchsichtig wie vieldeutig und trifft dennoch die Teenager dieser Zeit mitten ins Herz:
jukebox.jpg Dies lediglich als ein Beispiel, das, wie ein Schlagerfan einmal bemerkte, deutlich zeige, dass Schlager in drei Minuten etwas erzählen können, wozu ein Romanautor oftmals 300 Seiten benötigt.
Andere große Schlager dieser Zeit, die nicht unbedingt in das "Süden, Sonne, Meer"-Schema passen, waren unter anderem:
Ebenfalls zu erwähnen sind hier die damaligen Vorbilder der Teenager Conny (Zwei kleine Italiener) und Peter Kraus (Sugar Sugar Baby), die sowohl im Duett als auch solo mit mehreren Filmen und Schlagertiteln erfolgreich waren. Nicht minder erfolgreich war Ted Herold mit Titeln wie Ich bin ein Mann oder Moonlight.
Beendet wurde diese Ära mit den ersten Erfolgen der Beatles in Deutschland mit Komm gib mir deine Hand und Sie liebt dich, yeah yeah yeah. Während zuvor lediglich Elvis Presley öfter mal die Phalanx der deutschen Nummer-1-Hits durchbrechen konnte, geschah dies jetzt immer öfter mit englischsprachigen Titeln. Die Schlagerindustrie reagierte darauf.
Gleichzeitig versuchten sich viele Sportler als Schlagerkünstler. Während der Hürdenläufer Martin Lauer bereits in den Jahren zuvor mit einer gewissen Musikalität und Liedern wie Taxi nach Texas und Ich sitz so gern am Lagerfeuer erfolgreich war, waren die Erfolge der Eiskunstläufer Marika Kilius Wenn die Cowboys träumen, Hans-Jürgen Bäumler Honeymoon in St. Tropez und Manfred Schnelldorfer Wenn du mal allein bist sowie der Fußballspieler Franz Beckenbauer Gute Freunde und des Torwarts Petar Radenkovic Bin i Radi, bin i König wohl lediglich ihrer sportlichen Laufbahn zu verdanken.
Doch in den 1970ern blühte der Schlager nochmals auf, was auch auf die zunehmende Verbreitung von Fernsehgeräten (Olympiade München 1972; Fußball-Weltmeisterschaft 1974) und damit einhergehenden einschlägigen Musiksendungen zurückzuführen war. Die ZDF-Hitparade, in den 70ern quasi die erste Instanz in Sachen Schlagermusik im Fernsehen, präsentierte wöchentlich alte und neue Interpreten und Lieder. Mit dabei waren oft Michael Holm (Mendocino, Tränen lügen nicht, Barfuß im Regen, Lucille), Udo Jürgens (Aber bitte mit Sahne und Mit 66 Jahren) mit seinen zahlreichen Hits oder seine Namensvetterin Andrea Jürgens (Und dabei liebe ich euch beide), eine aus Sicht der Musikindustrie "hoffnungsvolle Vertreterin" der ganz jungen Nachwuchsschlagersängerinnen. Aber auch Chris Roberts (Du kannst nicht immer 17 sein), Cindy & Bert (Immer wieder sonntags), Bernd Clüver (Der Junge mit der Mundharmonika), Jürgen Marcus (Ein Lied zieht hinaus in die Welt) oder Katja Ebstein (Es war einmal ein Jäger, Theater) gehörten zu den "Dauerbrennern" der deutschen Schlagerszene. Gerade in den 70ern war die Anzahl der Schlager-One-Hit-Wonders enorm hoch. Auch wenn die von Media Control wöchentlich ermittelte Top-10 der meistverkauften Titel in Deutschland immer häufiger englischsprachige Songs auf den vorderen Plätzen ermittelte, schien der Schlager doch eine sichere Position im Musikgeschmack der Deutschen einzunehmen. Die ab 1971 von Ilja Richter im ZDF moderierte Sendung "Disco" griff daher anfänglich auf einen Mix aus nationalen und internationalen Sängern zurück. Doch die aufkommende Disco-Welle sorgte auch in Deutschland für einen veränderten Musikgeschmack. Die Schlagersänger nahmen sich teilweise der neuen und vor allem schnelleren Rhythmen an und versuchten, diese auf das Konzept der Schlagermusik zu übertragen.
Hierbei blieb allerdings auch der Aufwand auf der Strecke, der bis dahin in die Schlagerproduktion gesteckt worden war. Wurden früher noch ausgefeilte Arrangements geschrieben und mit einer Studio-Combo - oft auch noch mit Background-Chor - eingespielt (z.B. Dann schon eher der Piano-Player von France Gall), so übernahm mehr und mehr ein einfacher Synthesizer die komplette Begleitung des Interpreten. Dadurch verloren die einzelnen Titel ihre besondere Unverwechselbarkeit zugunsten einer schnellen und preisgünstigen Produktion.
Die Hits des Deutschen Schlagers wurden bzw. werden z. T. im Zuge des Retro-Trends immer noch verstärkt im Radio oder Fernsehen gespielt. Die ZDF-Hitparade wurde jedoch im Dezember 2000 eingestellt.
Ein internationaler Wettbewerb für das einfache Lied schlechthin ist der Grand Prix Eurovision de la chanson, auch "Eurovision Song Contest" genannt, der 1956 erstmals stattfand und seither jährlich veranstaltet wird. In den letzten Jahren nahmen vermehrt Pop-Titel daran teil. Mit dem herkömmlichen Begriff "Schlager" hatte dieser Wettbewerb somit fast nichts mehr zu tun.
Schlager können sich aus fast allen Musikrichtungen entwickeln. Deshalb kann man auch unter folgenden Stichworten fündig werden: Marschmusik, Tanzmusik, Unterhaltungsmusik, Blasmusik, Beat, Blues, Chanson, Country, elektronische Musik, Folk, Soul, Jazz, Popmusik, Drum&Bass, Hip Hop (Musik), populäre Klassik, Reggae, Rock, Operette, Musical, Revue, Vaudeville, Varieté, Kabarett, Couplet, Gassenhauer, Moritaten, Filmmusik, Jazz.
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