Porträt_Schinkel1.JPG Unter dem Begriff Schinkelschule werden mehrere Generationen von Berliner Architekten zwischen 1840 und dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts zusammengefasst. Zu ihr werden zum Teil direkte Schüler und Mitarbeiter von Karl Friedrich Schinkel, wie Ludwig Persius und Friedrich August Stüler gezählt, sowie Absolventen von Schinkels Berliner Bauakademie, in der Schinkel zwar selbst wohnte, aber nie als Lehrer arbeitete. Die Schinkelschule, nach ihren stilbildenden Segmentbögen auch Berliner Rundbogenarchitektur genannt, stand stets im Konflikt zur Repräsentationsarchitektur des sich emanzipierenden Bürgertums der preußischen Hauptstadt und späteren deutschen Kaiserstadt. Zu Unrecht schnitt sie im Vergleich vieler Zeitgenossen mit der von der Pariser École des Beaux Arts inspirierten offiziellen Neorenaissancearchitektur schlecht ab, wurde belächelt und als ärmlich oder spröde bezeichnet. Hauptsächlich für profane Zwecke wie Schulen, Bahnhöfe, Kasernen und Fabriken angewendet, sieht man in ihr heute einen Träger von Schinkels Idee einer reduzierten, zweckmäßigen Architektur durch die Zeit eines auftrumpfenden, verspielten Historismus und damit zu einem Wegbereiter zur frühen Moderne eines Peter Behrens und Hermann Muthesius.
Berlin Friedrichswerdersche Kirche Bauakademie.jpg Ecke der Bauakademie mit der Ergänzung des Gebäudes als Kulisse, 2004. Daneben die Friedrichswerdersche Kirche]] Schinkels erstes Gebäude, das man als Prototypen der späteren Schinkelschule bezeichnen kann, war das Militärarrest- und Kasernengebäude der Lehrescadron in der Berliner Lindenstraße. Mit dem Leuchturm am Kap Arkona, der Friedrichwerderschen Kirche und den Packhofgebäuden hinter dem Alten Museum folgten weitere ganz in Backstein ausgeführte Gebäude.
Schinkel entdeckte ein Material wieder, das vierhundert Jahre, seit der märkischen Backsteingotik, nicht für Fassaden verwendet worden war. Er bezog sich dabei zugleich auf Bauten der Vergangenheit, wie die Marienburg und die Bauten der italienischen Renaissance, sowie auf den modernen englischen Industriebau, den er in Manchester kennen gelernt hatte. Schinkel sah im Backstein viele Vorteile. Er wollte das Handwerk fördern und fordern, denn unter den Putzschichten wurde beim Mauern der Wände häufig schlampig gearbeitet, was, wenn der Putz abblätterte, hässlich aussah. Ein Backsteingebäude dagegen musste sauber ausgeführt werden, denn jede Ungenauigkeit war sofort sichtbar, das Gebäude verlor dann aber auch nach Jahren nichts von seiner Schönheit. Gleichzeitig zwangen die Normierung und Kleinteiligkeit der Steine und das passgenaue Zusammenspiel mit Formsteinen ebenso zur präzisen Vorarbeit bei der Steinherstellung wie zur Planung beim Architekten. Am Anfang stand Schinkel vor unzähligen Problemen. Die Beschaffung geeigneten Tons stellte sich als schwierig dar, viel technisches Wissen war verloren gegangen und die Brennöfen nicht in der Lage gleichmäßige Farbigkeit und Oberflächen zu garantieren, von Formsteinen ganz zu schweigen. Einen Meister, mit dem Schinkel seine Vorstellungen realisieren konnte, fand er in Tobias Christoph Feilner, später arbeitete er eng mit dem Feilner-Schüler Ernst March zusammen.
Vielmehr Blaupause als Prototyp für die spätere Entwicklung stellt das Schulgebäude der Schinkelschüler, die Berliner Bauakademie am Friedrichswerder, dar. Wer hier die Qualität der Steine und Glasuren, den sicheren Einsatz von Formsteinen und Terrakotten betrachtet, könnte leicht zum Schluss kommen, hier sei die Entwicklung bereits an seinem End- und Höhepunkt angelangt. Tatsächlich jedoch befand sich Schinkel zu diesem Zeitpunkt in einem permanenten Kampf, den Handwerkern die Leistungen abzuringen, die ihm vorschwebten. Bis zur Mitte der sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts blieb die Produktion von wechselhafter Qualität.
Betrachtet man heute das ein paar Schritte entfernte Rote Rathaus, so wird der Weg, den die Backsteinproduktion von der Friedrichswerderschen Kirche, bei der Formsteine noch sehr spärlich eingesetzt wurden, über die neu aufgebaute Ecke der Bauakademie bis zum neuen Rathaus genommen hat augenscheinlich. In den folgenden Jahren wurde es dann für die Architekten dagegen immer schwieriger das rechte Maß zu halten, so reichhaltig wurde das Angebot, das die Terrakotta-Manufakturen in ihren Katalogen anboten.
Die fünf Phasen der Entwicklung der Schinkelschule
Unter dem Bauakademielehrer Karl Bötticher wurde diese Entwicklung forciert. Er arbeitete einen umfangreichen Forderungenkatalog aus: so durfte, zum Beispiel, die Akanthuspflanze nur an Elementen verwendet werden, die tragende Funktion haben, Rosetten ausschließlich dort, wo Teile (wie mit Nägeln) an das Gebäude angeheftet waren, Bändmotive hatten eine zusammenbindende Funktion zu symbolisieren, Kymata hatten als gestauchte Blattwellen nur dort angebracht zu werden, wo lastendes Gewicht Druck ausübte, Ornamente sollten nicht nur einfach übernommen werden, sondern mussten stets selbst und neu entworfen werden.
Viele Kritiker aus den Reihen der Historisten bemängelten an Böttichers Lehre eine Einengung der Phantasie. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, als die Bautätigkeit in Berlin zweifellos als hektisch bezeichnet werden kann, führte Ausbildung und Regelwerk der Bauakademie trotz aller Geschwindigkeit beim Planen, Entscheiden und Bauen zu einem gleichmäßig hohen Qualitätsstandard. In diesem Bemühen der Schinkelschüler ist zudem eine ständige Suche zu bemerken, Gehalt und Gestalt in Übereinstimmung zu bringen, die sich später in den Theorien und Werken der klassischen Moderne wiederfinden lässt