Scharnhausen ist ein Stadtteil der Stadt Ostfildern in Baden-Württemberg. Der Ort liegt im Körschtal zwischen Ruit, Nellingen und Neuhausen.
Geschichte
Aus dem Jahre
1242 datiert die erste urkundliche Erwähnung des Ortes, der Name "Scharnhausen" geht auf den Ritter
Scharre von Husen zurück, der hier residierte. Nächstes einschneidendes Ereignis in der Dorfgeschichte war eine große Feuersbrunst (
1590) die fast den ganzen Ort (damals ca. 200 Einwohner) zerstörte.
Nach
1649 gehörte Scharnhausen dann vollständig dem
Haus Württemberg, nachdem zuvor noch Teile des Ortes im Besitz der
Propstei Nellingen gewesen waren.
Matthaeus-hahn.jpg 1739 wurde der Erfinder Philipp Matthäus Hahn, der später Uhren und Waagen entwickelte, hier als Sohn des Pfarrers geboren, 1787 der Erfinder und Unternehmer Karl Christian Wagenmann.
Herzog-Karl-Eugen.jpg
Im 18. Jahrhundert fanden auch die württembergischen Fürsten Gefallen an dem Bauerndorf: Herzog Carl Eugen errichtete 1784 ein Lustschloss am Ort, danach legten die württembergischen Könige im Scharnhauser Körschtal in Privatgestüt an. Dort züchteten sie bis 1928 ihre berühmten Araberpferde, wobei Scharnhausen als Aufzuchtsort für die Fohlen diente. Das Gestüt wurde dann nach Marbach verlegt.
In der Zeit der Industrialisierung entstanden in Esslingen am Neckar und Stuttgart Fabriken, die viele Arbeitskräfte aus dem Ort abzogen; allerdings mussten diese zunächst zu Fuß zur Arbeit wandern. Einen wirtschaftlichen Aufschwung gab es in dem traditionell armen Bauerndorf erst, nachdem 1929 eine Straßenbahnverbindung nach Nellingen, Esslingen und Neuhausen eingerichtet wurde (1978 wieder eingestellt). (1930 folgte dann das erste Badezimmer!). In den 1960er Jahren siedelten sich auch im Ort selbst erste Industriebetriebe an und verhalfen den Bürgern zu steigendem Wohlstand.
Bis 1939 gehörte der Ort zum Amtsoberamt Stuttgart und ging danach zur Landkreis Esslingen über, 1975 wurde er im Zuge der Gemeindereform mit den Orten Nellingen, Kemnat und Ruit zur Stadt Ostfildern zusammengefasst.
Sehenswertes
Schlössle und Amortempel
Der
württembergische Herzog
Carl Eugen (1728-1793) baut
1784 ein kleines
Lustschloss am Rande des Dorfes, in dem er sich von Regierungsgeschäften erholen will: "Carolus Otio" (lat. "Carl zur Muße") ist am Dreiecksgiebel über der Jahreszahl eingemeißelt.
Entworfen wurde das Schloss - das klassizistisch schlicht gehalten ist - vom Hofbaumeister Reinhard Ferdinand Friedrich Fischer.
Nach dem Vorbild des Wörlitzer Parks in Dessau wird rund um das "Schlössle" ein Englischer Garten mit künstlicher Hügellandschaft, Wasseranlagen mit Inseln und verschiedenen Gebäuden, unter anderem einer künstlichen Ruine und einer Grotte, angelegt.
Zwei dieser Bauten sind noch erhalten: Eine ist der sogenannte
"Amor-Tempel", den Carl Eugen angeblich für seine Geliebte
Franziska von Hohenheim errichten lässt. Es handelt sich um einen kleinen, weißen Rundtempel (
Monopteros) der auf 12 schlichten Säulen ruht; ein
Pinienzapfen als antikes Fruchtbarkeitssymbol schmückt das Dach. Schloss und Tempel stehen heute noch - das Schloss dient als Tierarztpraxis und Wohnhaus, der kleine Tempel steht auf dem Hügel dahinter;
König Wilhelm ließ ihn
1822, als Scharnhausen königliches Gestüt war, umsetzen, um mehr Platz für seine Pferde zu haben.
Hofer Mühle
Auch die
Hofer Mühle war Teil des englischen Prachtgartens Carl Eugens; wie der Name sagt, war sie ursprünglich als Mühle errichtet worden (die
Körsch fließt direkt hinter dem Haus) bevor der Herzog sie aufkauft. Später wird die Mühle vom königlichen Privatgestüt in Verwendung genommen, ein Brunnen (aus
Wasseralfingen,
1822 aufgestellt) mit einer säugenden Stute zeugt bis heute davon. Der Architekt
Giovanni Salucci errichtet
1823 neben der Hofer Mühle einen Stall für die königlichen Stuten,
1836 kommt noch ein riesiger Stall für über 100 Fohlen dazu, der bis heute in Grundzügen erhalten ist.
Rathaus
Das
Scharnhauser Rathaus stammt noch aus dem 16. Jahrhundert (eine Jahreszahl an der Tür weist auf das Baujahr
1596 hin). Neben der Tür ist auch ein altes Ortswappen mit
Pflugschar und Pflugmesser in Stein zu erkennen. Das Fachwerkgebäude wird an der Vorderseite von vier massiven Steinsäulen gestützt, in die ein Brunnen integriert ist, der früher wohl vor allem als Tiertränke diente. Seit dem
Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) präsentierten sich lokale Wohlhabende mit bunten Glasscheiben in den Rathausfenstern: Von den ursprünglich 13 Scheiben, die mittlerweile als äußert wertvoll gelten, sind aber nur noch vier erhalten: drei befinden sich im Landesmuseum in
Stuttgart eine hat es nach
Mailand verschlagen. Bis in die neunziger Jahre wurde das Gebäude als Rathaus genutzt, im Zuge von städtischen Sparmaßnahmen aber an Privatinvestoren verkauft; heute dient es als Hotel.
Die Mauer
Der amerikanische Künstler
Sol LeWitt errichtet
1992 zwischen den Ostfilderner Teilorten
weiße Backsteinmauern: vier Gruppierungen mit einer bis vier Mauern. Sie sollen angeblich das Zusammenwachsen der (damals noch) vier Stadtteile symbolisieren. Heute bieten sie Graffitisprayern eine optimale Arbeitsumgebung. In Scharnhausen finden sich die Skulpturen an den Ortsausgängen Richtung Kemnat und Ruit.
Vulkanschlot
Geologisch bedeutsam ist der Scharnhauser
Vulkan: Der Schlot - immerhin mit einem Durchmesser von knapp 200 Metern - ist unter der Grasnarbe kaum zu erkennen; in letzter Zeit wurde ein Stück Erde ausgehoben um die vage Vorstellung eines Vulkans zu ermöglichen. Der Vulkan wurde zum
Naturdenkmal ernannt.
Sonstiges
Wörnitz.jpgOberleitung.jpg
- Der nahe Scharnhausen gelegene historische Ort Wörnitzhausen/Wermeshausen ist im Laufe der Zeit spurlos verschwunden.
- Die Natur hat die Reste der ehemaligen END-Straßenbahnstrecke zurückerobert, einer der ehemaligen Oberleitungsmasten wurde auf das Grundstück einer ortsansässigen Metzgerei versetzt und trägt dort heute das Firmenschild.
Ort in Baden-Württemberg