Der Scharfrichter (der mit der Schärfe des Schwertes richtende), ein besonderer Beruf, vollstreckte vom Mittelalter bis in das 21. Jahrhundert die Todesstrafe. Der Begriff Henker wird heute oft als Synonym bezeichnet, obwohl ein Henker ursprünglich nur der Vollstrecker einer Hinrichtung durch Henken (Erhängen) war.
Da zu Beginn vielfach freigelassene bzw. begnadigte Schwerverbrecher zu der Ausübung des Amtes eines Scharfrichters gleichsam gezwungen wurden, hing von Anfang an diesem Beruf die Aura des Grauenvollen an, was natürlich durch die Art der Tätigkeit noch verstärkt wurde. Als Folge dessen wurde der Scharfrichter von der Gesellschaft geächtet. So mussten Scharfrichter mitsamt Familie, sofern sie verheiratet waren, vor den Toren der Stadt wohnen. Die erstmalige Erwähnung eines Carnifex im Augsburger Stadtrecht von 1276 belegt bereits die Unehrlichkeit des Berufes, denn bereits im alten Rom war der Carnifex unehrlich und verrufen, allein sein Erscheinen auf einer Feier genügt, diese zu entweihen.
Scharfrichter überließen das Foltern, das Henken und (seit der Französischen Revolution) die Tötung durch die Guillotine oft auch ihren Gehilfen und übernahmen nur die Aufsicht. Die Enthauptung mit dem Schwert oder dem Henkersbeil (Handbeil) wurde jedoch vom Scharfrichter selbst durchgeführt, da hierfür Geschick notwendig war: Der Kopf sollte nach Möglichkeit mit nur einem Schlag vom Rumpf getrennt werden. Gelang das nicht, konnte der Scharfrichter selbst zum Opfer von Lynchjustiz werden.
Den Söhnen von Scharfrichtern stand praktisch kein anderer Berufsweg offen. Ihre Töchter konnten nur in diesen Kreisen heiraten und halb verrufenen Tätigkeiten (Wahrsagen, Liebes- und Schadenszauber, magischen oder Naturheilverfahren) nachgehen. Heinrich Heine ließ erfolgreich durchblicken, sein erstes Liebchen sei aus einer solchen Familie gekommen. So bildeten sich Scharfrichterdynastien, die aufgrund des geschlossenen Heiratskreises vielfältige verwandtschaftliche Verflechtungen aufweisen.
Soziologisch gesehen wurden sie zu einer Kaste, jedoch nicht in einer Kasten-, sondern in einer Ständegesellschaft. Es war bereits sehr schwer für sie, bei der christlichen Taufe Paten zu gewinnen. Eine der bekanntesten war die der Sansons, die über vier Generationen die Henker von Paris und einigen anderen französischen Städten stellten.
Scharfrichter hatten auf Grund ihrer Tätigkeit gute medizinische, vor allem anatomische Kenntnisse. Viele nutzten dies, um sich durch chirurgische Tätigkeiten (z.B. das Einrenken von Schultern oder das Heilen von Knochenbrüchen) oder die Verabreichung von Heilmitteln aller Art (darunter nicht selten Salben aus Menschenfett) einen Nebenverdienst zu sichern. Als im 17. und 18. Jahrhundert im Zuge der Humanisierung des Strafvollzugs immer weniger Scharfrichter benötigt wurden, wichen viele Angehörige der ehemaligen Scharfrichterdynastien auf verwandte Berufszweige wie Bader, Wundarzt oder Zahnreißer aus. Dies erklärt den ursprünglich großen sozialen Abstand von (hoch geachteten) Ärzten zu (anrüchigen) Chirurgen.
Einer der letzten Scharfrichter Deutschlands war Johann Reichhart (1893-1972). Während der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus vollzog er etwas über 3000 Hinrichtungen mit der Guillotine, darunter auch die von Hans und Sophie Scholl, Mitgliedern der Widerstandsgruppe Weiße Rose. 156 verurteilte Nazigrößen henkte er nach 1945 im Auftrag der amerikanischen Militärregierung am Galgen.
Der letzte k.u.k. Scharfrichter in Wien war Josef Lang. Er war ein Sonderfall, denn er kam nicht aus einer Scharfrichterfamilie, sondern betrieb vorher - und auch neben seiner Scharfrichtertätigkeit - ein Kaffeehaus in Wien, war als solcher sehr bekannt und beliebt - allerdings wusste zu Beginn niemand über seinen Zweitberuf Bescheid.
Bøddel | Executioner | Pyöveli | Bourreau | Beul | Bøddel | Kat (osoba) | Bödel
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Scharfrichter".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world