Schamanismus ist ein religiös-magisches Phänomen, das bei verschiedenen indigenen Völkern praktiziert wird und nach Meinung zahlreicher Ethnologen, Archäologen und Frühgeschichtler die religiöse Praxis der Steinzeit war. Sie herrschte also vor der Entwicklung strukturierter polytheistischer und insbesondere monotheistischer Religionen vor, wird aber nicht als Religion im engeren Sinne verstanden.
Zentrale Elemente des Schamanismus sind Trance, veränderte Bewusstseinszustände, Seelenreisen, die Interaktion mit Geistwesen und die Mittlerrolle zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt.
Die Theorie, der Schamanismus sei von Indien nach Zentralasien vorgedrungen, gilt seit Mircea Eliade als widerlegt. Laut Eliade sind nur spezifische Elemente, wie die Vorstellung einer Leiter oder eines Baumes, dem indischen Raum entlehnt.
Der amerikanische Anthropologe Prof. Michael Harner untersuchte eine Vielzahl von schamanischen Kulturen und formulierte Anfang der Achtziger Jahre das Konzept des Core-Schamanismus, einen kulturunabhängigen Weg zu schamanischer Erfahrung.
Neben diesem Ansatz bilden das von Carlos Castaneda popularisierte schamanische Weltbild und zahlreiche weitere Versuche, die schamanische Denk- und Lebensweise in die moderne Welt zu übertragen, den heterodoxen Bereich des Neoschamanismus. Er wird teils dem Phänomen der neuen Religionen, teils der Esoterik zugerechnet. Der Begriff ist umstritten, weil er eine Unterscheidung vom traditionellen Schamanismus impliziert, die seine Vertreter keineswegs so sehen. Als Fremdbezeichnung ist er jedoch üblich. Obwohl es einige ernstzunehmende Werke zum Thema Neoschamanismus gibt (z.b. Psychedelischer Neoschamanismus von Jim Dekorne), wurde Castaneda mittlerweile klar als Romanschreiber entlarvt.
Der Begriff Schamane kommt wahrscheinlich vom evenkischen (d.h. tungusischen) šaman (ša: wissen?). Vertreter der Theorie, der Schamanismus sei von Indien oder Tibet nach Zentralasien und Sibirien gekommen, leiten ihn vom indischen Pali-Wort samana ("Bettelmönch") her. Eine weitere Deutung des Wortes Schamane stammt aus dem Manjutungisischen, einer Sprache Sibiriens, und bedeutet "mit Hitze und Feuer arbeiten".
Problematisch ist aus der Sicht modernen Religionswissenschaft die Interpretation des Begriffes als universale, global verbreitete Erscheinung, da die Etymologie zeigt, dass es sich um eine nordasiatische Kategorie handelt. Verschiedene andere Vorschläge haben sich jedoch bisher gegen den sehr verbreiteten Schamanenbegriff nicht durchsetzen können.
Es gibt in fast allen frühen Kulturkreisen ähnliche Erscheinungen, wie Animismus, Totemkult, Ahnenkult, Geisterglaube, Praktiken der Naturreligionen.
Eine sehr weit gefasste Auffassung des Schamanismus findet man bei Mircea Eliade, der ihn als Ekstase-Technik definiert.
Besonderes Merkmal ist der Einsatz verschiedenster Mittel (u.a. rhythmisches Trommeln, Tanz, Trancetanz, psychedelische Drogen) zum Erreichen von Trancezuständen. Diese werden im Allgemeinen interpretiert als Übergang in einen anderen Seinszustand, eine Anderswelt und Kommunikation mit Geistern. Dem Schamanen wird zugesprochen, er erlange dadurch besondere Fähigkeiten der Heilung und Weissagung sowie verschiedenste spezifische magische Kräfte. So ausgestattet versieht der Schamane kulturspezifisch eine teils große Zahl von Rollen – vom Heiler und Exorzisten über den Psychopompos (Begleiter der Seelen ins Totenreich) bis hin zum Zeremonienmeister.
Das schamanistische Weltbild ist in Schichten gegliedert; neben dem besonders häufig nachgewiesenen dreischichtigen Modell (Himmel, Erde, Unterwelt) kommen sieben- oder gar neunschichtige Modelle vor. An einer Achse, dem Weltenbaum, steigen die Schamanen auf und ab. Auf ihren schamanischen Reisen werden sie oft von ihrem Krafttier, manchmal sogar von mehreren, begleitet.
Schamanismus ist keine Religion, sondern ein Ganzes von ekstatischen und therapeutischen Methoden, die alle das eine Ziel verfolgen, den Kontakt herzustellen zu jenem anderen, parallel existierenden, jedoch unsichtbaren Universum der Geister, um deren Unterstützung für die Besorgung der menschlichen Belange zu erwirken. (Mircea Eliade, Handbuch der Religionen, 1995)
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