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Ein Schönheitsideal ist eine bestimmte Vorstellung von Schönheit. In der Regel bezieht sich der Begriff auf das Aussehen des menschlichen Körpers und Gesichtes. Auf Kleidung, Schmuck oder Frisur bezogene Schönheitsvorstellungen werden als Mode bezeichnet; die beiden Begriffe überschneiden sich jedoch.
Sind Schönheitsideale beliebig?
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Schönheitsideale grenzenlos wandelbar wären. Während beispielsweise in der
Renaissance ein Doppelkinn als sexy galt
[Agnolo Firenzuola: On The Beauty of Women (Discorsi delle bellezze delle donne, Original ca. 1538), University of Pennsylvania Press, Philadelphia, 1994, S. 59f], begründet es heute nicht selten den Gang zum Schönheitschirurgen. Auch das jeweils als ideal angesehene Körpergewicht schwankt im Vergleich der Kulturen und Epochen enorm. Die Ansicht, dass sich Schönheitsideale in völlig beliebiger Weise entwickeln, ist deshalb weit verbreitet.
Demgegenüber verweist die
Attraktivitätsforschung darauf, dass die jeweiligen Schönheitsideale bei aller kulturellen
Variabilität durchaus auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Ihren Erkenntnissen zufolge gründet sich menschliche Schönheit zumindest teilweise auf definierbare Faktoren, die einem relativen Konsens zwischen Individuen und Kulturen unterliegen, und möglicherweise biologisch verankert sind - wie etwa die Makellosigkeit der Haut oder die
Symmetrie des Gesichtes. Schönheitsideale enthalten demnach einen überindividuellen und überkulturellen „harten Kern“ – aus dem sich etwa die Tatsache erklären könnte, dass die Schönheitsikonen vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende, wie beispielsweise
Nofretete, die
Venus von Milo oder
Raffaels Madonnen auch von heutigen Menschen als „schön“ empfunden werden.
Schönheitsideale und gesellschaftliche Macht
Seit jeher setzen Menschen die unterschiedlichsten Mittel ein, um den jeweils vorherrschenden Schönheitsvorstellungen zu entsprechen, sei es mit Hilfe von Kleidung und Schmuck oder auch durch direkte Veränderungen des Körpers. Von vielen Völkern sind sehr eingreifende Praktiken der Körper
modifikation bekannt, wie etwa das Zufeilen von Zähnen, die Verlängerung des Halses durch Messingringe, das Einlegen von Scheiben in die Lippen (sog. „Tellerlippen“) oder das Anbringen von Narben auf der Haut. Diese Veränderungen dienen allerdings nicht nur der Attraktivitätssteigerung im
ästhetischen oder sexuellen Sinn, sondern transportieren oft eine viel weiter gefasste soziale Botschaft, wie etwa die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einem
Clan oder einem bestimmten
Initiationsjahrgang.
Eine klare Trennung zwischen „
sozialen“ und „ästhetischen“ Körperveränderungen ist dabei meist nicht möglich. Schönheitsideale spiegeln immer auch die in der jeweiligen Gesellschaft herrschenden Machtverhältnisse wider. Gebräunte Haut etwa, die seit jeher ein Zeichen von Unterprivilegierung war, wurde in den 1960er Jahren zum Schönheitsattribut, als die besseren Kreise das Mittelmeer als Ziel ihrer Urlaubsreisen entdeckten. Auch die unter vielen Afroamerikanern verbreitete Vorliebe für geglättete Haare oder die Verbreitung operativ „verwestlichter“ Augenlider in vielen asiatischen Ländern zeigen, welche gewichtige Rolle
sozioökonomische Faktoren in der Attraktivitätswahrnehmung spielen.
Schönheitsideale und Körpergewicht
Das im Westen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts modisch gewordene Schlankheitsideal hat im
historischen und
interkulturellen Vergleich eher Seltenheitswert. Insbesondere weibliche Attraktivität wurde und wird in den meisten Gesellschaften mit einem wohlgerundeten Körper, und insbesondere mit vollen Hüften in Verbindung gebracht. Eine
ethnographische Studie ergab, dass in knapp der Hälfte der untersuchten 62 Kulturen dicke Frauen als attraktiv gelten, bei einem Drittel werden mittlere Gewichtsklassen und nur bei 20 Prozent dünne Figuren bevorzugt
[Anderson, JL, Crawford, CB, Nadeau, J, & Lindberg, J (1992): Was the Duchess of Windsor right? A cross-cultural review of the socioecology of ideals of female body shape. Ethology and Sociobiology, 13, 197-227].
Mit dem Fortschreiten der
Globalisierung breitet sich das westliche Schlankheitsideal weltweit immer stärker aus – und mit ihm auch dessen negativen Begleiterscheinungen. So wird beispielsweise aus Afrika zunehmend von
Essstörungen berichtet.
Die großen Unterschiede bei der als ideal geltenden Körperfülle werden in der Regel mit dem jeweils unterschiedlichen Nahrungsangebot erklärt: wo die Versorgungslage unsicher ist, wird Fett zum Statussymbol. Umgekehrt ist in Zeiten des Überflusses ein schlanker Körper ein begehrtes Luxusgut. Nach ethnologischen Untersuchungen spielen jedoch auch andere Faktoren eine Rolle, insbesondere die Stellung der Frau: Je mehr Macht Frauen haben, desto eher bevorzugen ihre Männer schlanke Partnerinnen. Auch das Klima scheint das Körperideal zu beeinflussen: je wärmer die Gegend, desto eher gilt ein schlanker Körperbau als attraktiv. Über die Hälfte der interkulturellen Unterschiede im Körperideal lässt sich allerdings durch definierbare Umwelteinflüsse nicht erklären und ist offenbar schlichtweg eine Frage der Mode [Ember, CR, Ember, M, Korotayev, A, de Munck, V (2005). Valuing thinness or fatness in women: reevaluating the effect of resource scarcity. Evolution and Human Behavior, 26 (3), 257-270].
Im historischen Rückblick scheinen die Modeideale der jeweiligen Epochen zwischen den beiden Polen der weiblichen Attraktivität – „Fraulichkeit“ und „Jugendlichkeit“ – hin und her zu schwanken. Während bestimmte Epochen (wie etwa das Mittelalter) eher schlanke, jugendliche Formen bevorzugten, war in anderen (wie in der Renaissance) das „Vollweib“ attraktiv. Auch die auf den männlichen Körper bezogenen Schönheitsvorstellungen scheinen der Polarität von Reife und Jugendlichkeit – Mann und Jüngling, Herkules und Adonis - zu unterliegen. Verglichen mit den hohen Schwankungen der weiblichen Figurideale ist das Bild von der idealen Männerfigur jedoch deutlich stabiler.
Kurzer Abriss über die Geschichte der abendländischen Schönheitsvorstellungen
Frühgeschichte
Häufig wird die so genannte
Venus von Willendorf als Beleg herangezogen, dass Fettleibigkeit in der europäischen Frühgeschichte zum Schönheitsideal gehörte. Bei der
altsteinzeitlichen Frauenfigur dürfte es sich jedoch eher nicht um ein Schönheits- sondern um ein Fruchtbarkeitsidol handeln
[Eric Colman (1998): Obesity in the Palaeolithic Era? The Venus of Willendorf, Endocrine Practice 4, 1, S. 58 – 59].
Antike
In der
griechischen Klassik sollte der ideale Körper weder zu dick noch zu dünn sein. Ein fetter Bauch galt als Zeichen der Verweichlichung. Wie an klassischen Statuen wie der
Venus von Milo ersichtlich, hatten ideale Frauenfiguren eher kleine, aber feste Brüste, dazu ein für heutige Begriffe kräftiges Becken. Die männliche Traumfigur war die des jugendlichen Athleten.
Ausweislich ihrer Statuen und Fresken hatte das Schönheitsideal der
römischen Antike starke Ähnlichkeit mit dem ihrer griechischen Vorläuferin. Fettleibigkeit hatte jedoch keinen negativen Beiklang, sondern galt im Gegenteil als begehrtes Wohlstandszeichen.
Mittelalter
Die ideale weibliche Schönheit des
Mittelalters war mädchenhaft schlank, und besaß kleine, feste Brüstchen und schmale Hüften. Sie hatte hellblonde Locken, blaue, strahlende Augen, eine weiße Haut, rosa Wangen und einen eher kleinen, roten Mund. Im 15. Jahrhundert wird die Mode der „hohen Stirn“ gepflegt, indem die Haare am Haaransatz ausgerupft werden.
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Blondgelocktes, langes Haar war auch das wichtigste Attribut des schönen Mannes, genauso wie weiße Haut - als Zeichen der edlen, also müßigen Lebensart. Die ideale männliche Figur ist die des muskulösen Helden mit breitem Oberkörper und schmalen Hüften.
Renaissance, Barock und Rokkoko
Die ideale Frauenfigur der
Renaissance ist wohlbeleibt, verfügt über starke Hüften und einen üppigen Busen. Auch im Gesicht werden Zeichen der Wohlgenährtheit wie etwa ein leichtes Doppelkinn geschätzt, ansonsten ist wie im Mittelalter blond die Farbe der Schönheit – allerdings nicht unbedingt hellblond, sondern eher golden. Um dem Ideal zu genügen, greift die Frau von Stand zu alle möglichen Tinkturen, setzt ihr Haar tagelang der Sonne aus oder flicht sich weiße und gelbe Seide ins Haar. Die Haut soll schneeweiß sein, die Wangen leicht gerötet, der Mund weder zu klein noch zu groß, Hauptsache purpurrot. Die Augen hat man am liebsten dunkelbraun.
Auch im
Barock stehen üppige Formen hoch im Kurs. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wird die Leibesfülle in
Korsetts gezwungen, Für fast drei Jahrhunderte – mit der Ausnahme eines einzigen Jahrzehnts zu Beginn des 19. Jahrhunderts (sog.
Directoire-Mode) - wird die so erzielte Sanduhrform zum Synonym von Weiblichkeit. Im Ausmaß ihres Schönheitsaufwandes unterscheiden sich Männer und Frauen wenig, beide lassen ihr Gesicht unter einer dicken Schicht weißer Tünche verschwinden, und tragen stark gepuderte und parfümierte
Perücken zur Schau.
Bürgerliches Zeitalter
Während in den Kreisen der
Romantiker ein Kult der Zerbrechlichkeit und Blässe getrieben wird und die Frauen bereits Diäten mit Essig und Zitrone betreiben, schätzt das
viktorianische Bürgertum Körperfülle als Ausweis von Wohlstand und Respektabilität. Von nun an gelten Frauen als das „schöne Geschlecht“, der Mann dagegen geht seit dem Aufkommen des Anzugs grau in grau. „Schöne“, modebewusste Männer gelten als verweichlicht und effeminiert.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzt mit dem Siegeszug der
puritanischen Leistungs
ethik ein grundlegender Wandel in der Wahrnehmung des Körpers ein: Fett wird mit Trägheit in Verbindung gebracht. Schlankheit dagegen steht nun für Erfolg und Leistungswillen.
20. Jahrhundert
Zur Jahrhundertwende kommt das Korsett langsam außer Gebrauch. Mit der
Jugendbewegung breitet sich das Ideal des schlanken, jugendlichen, durch Sport geformten Körpers aus, das das gesamte Jahrhundert bestimmen soll.
In den „Roaring Twenties“ gesellt sich zum Ideal der gesunden „Natürlichkeit“ der großstädtisch-
dekadente Gegentyp der „
Garçonne“ hinzu, deren Markenzeichen der durch einem Leibgürtel flachgedrückte Busen, ein blasser Teint, kurzgeschnittene Haare, schwarz umrandete Augen und ein roter Schmollmund sind.
Die
Nazis setzen dieser in ihren Augen „entarteten“ Schönheitsströmung ein jähes Ende. Schlanksein ist jedoch weiterhin ein absolutes Muss, wenn jetzt auch wieder etwas mehr Fraulichkeit sein darf.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt eine kurze, für das 20. Jahrhundert einmalige Renaissance der üppigen weiblichen Formen ein, verkörpert von Filmstars wie
Marilyn Monroe und
Brigitte Bardot. In den 60ern schlägt das Pendel wieder zurück - mit der Jugendbewegung der
68er greift ein nie dagewesener Schlankheitskult um sich, dessen Ikone das britische
Lolita-Model
Twiggy wird.
In den 1980er Jahren erfasst die
Bodybuilding-Welle Mann und Frau gleichermaßen. Bis heute gehört ein durchtrainierter Körper zu den als unerlässlich erachteten Attraktivitätskriterien. In den 1990er Jahren wurde der „Waschbrettbauch“ von den neu entstandenen Männerzeitschriften mit Erfolg als Synonym für männliches
Sexappeal propagiert. Dem idealen weiblichen Körper wird heute neben sportlicher Schlankheit durchaus auch eine „weibliche“ Komponente abverlangt, die sich allerdings mehr auf die Brüste als die Hüften bezieht – eine Idealfigur, die im geschichtlichen Rückblick ziemlich exotisch wirkt.
Siehe auch
Weblinks
Körperideal im Wandel der Zeiten
Literatur
- Ulrich Renz: Schönheit – eine Wissenschaft für sich, Berlin Verlag, 2006, ISBN 3827006244. Dieses Buch gibt den Stand der modernen Attraktivitätsforschung wieder und geht der Frage nach, auf welchen Gesetzmäßigkeiten Schönheitsideale und ihr ewiger Wandel beruhen.
- Umberto Eco: Die Geschichte der Schönheit. München und Wien, 2004. (Ita.: Storia della bellezza, 2004)). Ein opulenter Bildband zur Kultur- und Geistesgeschichte der Schönheit. Das Werk dokumentiert den Wandel des abendländischen ästhetischen Empfindens durch die Jahrhunderte, der sich in der künstlerischen Darstellung des menschlichen Körpers genauso niederschlägt wie in Architektur und Philosophie.
- Michèle Didou-Manent, Tran Ky & Hervé Robert: Dick oder dünn? Körperkult im Wandel der Zeit (Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach, 2000). In diesem Buch verfolgen eine Historikerin und zwei Ärzte den ewigen Wandel der jeweils als wünschenswert erachteten Körperform von der Prähistorie bis ins Medienzeitalter.
- Wilhelm Trapp: Der schöne Mann. Zur Ästhetik eines unmöglichen Körpers (Erich Schmidt Verlag, Berlin, 2003). Der Literaturwissenschaftler Wilhelm Trapp geht in diesem Buch anhand von Beispielen aus der Literatur der „Feminisierung der Schönheit“ nach, die mit der Renaissance begonnen hat und mit der Machtübernahme des Bürgertums quasi institutionalisiert wurde. Die Frau ist seitdem das „schöne Geschlecht“ – der schöne Mann dagegen eine „unmöglichen Figur“, der etwas Suspektes, Unmännliches anhaftet.
- Otto Penz: Metamorphosen der Schönheit. Eine Kulturgeschichte moderner Körperlichkeit (Turia & Kant, 2001). Das Buch des Soziologen Otto Penz verfolgt den Wandel der westlichen Schönheitsvorstellungen im 20. Jahrhundert. Dabei werden die jeweils vorherrschenden Körperbilder in Bezug zum jeweiligen Zeitgeist gesetzt.
- Nathalie Chahine, Catherine Jazdzewski & Marie-Pierre Lannelongue: Schönheit. Eine Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts (Schirmer/Mosel, 2005). In diesem Bildband wird die Entwicklung des Schönheitsideals im 20. Jahrhundert von Jahrzehnt zu Jahrzehnt nachgezeichnet.
- Stemmler, T. (Hrsg.): Schöne Frauen – schöne Männer. Literarische Schönheitsbeschreibungen. Vorträge eines interdisziplinären Kolloquiums, Forschungsstelle für europäische Lyrik des Mittelalters. Tübingen: Narr, 1988.
Quellen
Sozialpsychologie | Ästhetik | Frauengesundheit