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Die Santería wird fälschlicherweise oft als synkretische Religion bezeichnet. Zu diesem Eindruck trägt u.a. auch die immer noch weit verbreitete Praxis bei, gegenüber Außenstehenden und nicht-initierten Anhängern der kubanischen Santeria die Orishas als katholische Heilige darzustellen, eine Praxis, die sich aus der Entstehungsgeschichte der Santeria ergeben hat und heute noch beibehalten wird, da viele die Santeria immer noch als primitive Religion von Afrikanern betrachten, bei der Tieropfer und heidnische Riten im Vordergrund stehen (sehr schön hat der Santeria-Priester Raul Canizares dies in seinem Buch "Cuban Santeria" beschrieben, wo er nicht von Synkretismus spricht, sondern von Verheimlichung/Verstellung (Dissimulation)). Man darf auch nicht vergessen, dass viele nicht-initierte Anhänger der Santeria gleichzeitig auch tief-gläubige Katholiken sind und sich trotzdem sehr oft Rat bei einer Santera/ einem Santero oder einem Babalawo (Hohepriester Ifas) holen. Durch die vorgebliche Einheit von katholischen Heiligen und Orishas sehen diese Menschen in ihrem Handeln auch keinen Widerspruch, der katholische Glaube selber steht allerdings traditionsgemäß den Praktiken der Santeria gegenüber sehr ablehnend dar, da z.B. schon die Orakelbefragung oder der Kontakt der Toten als Teufelswerk gilt. Durch die Gleichsetzung der Orishas mit katholischen Heiligen wird dieser Widerspruch aber scheinbar aufgehoben, denn man kann sich so damit beruhigen, keine unchristliche Handlung begannen zu haben. In den U.S.A. hat sich bei bestimmten Bevölkerungsgruppen sogar eine Art Volksglaube herausgebildet, bei dem tatsächlich kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen katholischen Heiligen und den Orishas. Dieser, als Santerismus bezeichnete Glauben, ist eher eine Form des Spiritismus, bei dem in spiritistischen Sitzungen nach dem Vorbild Alan Kardecs, nicht nur die Geister von Verstorbenen beschworen werden, sondern auch die katholische Heiligen, die dann mit den Orishas gleichgesetzt werden (siehe hierzu "The Dead sell memories von George Brandon). Allerdings darf man den spiritistischen Santerismus nicht mit der Religion der Santeria verwechseln, so wie sie auf Kuba, in den U.S.A. und inzwischen auch in Europa praktiziert wird.

Geschichte


Der strikte Katholizimus der Kolonialmächte Spanien und Portugal verlangte auch die religiöse Unterordnung der Sklaven unter den katholischen Glauben. Ähnlich wie diejenigen spanischen Juden, die nicht nach 1492 vor der Inquisition nach Griechenland und anderswohin flohen, sondern sich taufen ließen, um im Land bleiben zu können, teilweise aber heimlich ihr Judentum weiter pflegten, so führten auch die zwangschristianisierten Sklaven des Yoruba-Volkes ihre Religion trotz Verbot unter dem herrschenden Katholizismus weiter fort.

Die kubanische Santería


Aufgrund der nichtschriftlichen Tradition gibt es keine festen Glaubensvorschriften, sondern eher Gruppen von Gläubigen, die gemeinsamen Regeln folgen. Es gibt einen gemeinsamen Kernbereich, um den herum sich unterschiedlichste Formen entwickeln.

Die Hauptrichtungen sind die Regla Ocha (besonders im Westen Kubas verbreitet), die Regla Conga (auch Palo Monte, besonders im Osten Kubas) und die Geheimgesellschaft der Abakuá. Darüber hinaus existieren zahlreiche andere Gruppen wie die der Voudou (auch Vudú oder Voodoo), die Regla Arará (oder Arada) und die Gangá Longobá.

Das Ergebnis dieses Nebeneinanderbestehens von Yoruba und Katholizimus führte letztlich zu einer Verschmelzung ganz besonderer Art. Während die katholische Kirche offiziell die Santería als Heidentum ablehnt (heimlich aber duldet), ist für die Anhänger der Santería die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche Voraussetzung. Heilige der katholischen Kirche erhalten in den Augen der Santería eine Doppelfunktion: sie bleiben die Heiligen der katholischen Kirche, werden aber gleichzeitig als Götter der Santería unter einem zweiten Namen verehrt. Die Zuordnung selbst ist jedoch regional unterschiedlich.

Obwohl die Santería eigentlich eine Religion der Schwarzen ist, lässt sich besonders seit den 1970er Jahren, ausgehend von kubanischen Intellektuellen, eine starke Ausbreitung auch unter weißen Kubanern beobachten. Ohne dies gab es auch vorher schon einen starken Einfluss der Santería auf den kubanischen Katholizismus, der auch mit den innerhalb der Santería tradierten volkmedizinischen Kenntnissen zu tun hat.

Mit der kubanischen Emigration breitete sich die Santería auch in den USA aus und ist in jüngster Zeit auch in Europa anzutreffen.

Da es sich bei der Santería nicht um eine Religion handelt, die auf religiösen Schriften beruht, verändert sie sich ständig und passt sich aufgrund der praktischen Ausübung ihrer Anhänger den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nahezu bruchlos an. Jeglicher Versuch, die religiösen Regeln zu kanonisieren, muss scheitern, da es keine Institution gibt, die über richtige oder falsche Religionsausübung entscheidet.

Orishas - Gottheiten der Santería


Die hier vorgenommene Zuordnung soll nur eine Vorstellung vom Synkretismus vermitteln und ist weder vollständig noch verbindlich. In der Regla Ocha gibt es etwa 200 verschiedene Gottheiten, von denen ca. 20 als Kernbereich angesehen werden können. Zu den hier genannten Merkmalen kommen noch viele andere Eigenschaften und Riten, die den jeweiligen Gottheiten zugeordnet sind.

Gottheit Herrschaftsbereich kath. Heiliger Farbe
Elegguá öffnet und schließt die Wege Antonius rot + schwarz, schwarz + weiß
Yemayá Meer, Geburt, Tod Jungfrau von Regla hellblau + weiß/ blau + transparent (je nach Camino)
Changó Gott des Krieges Barbara rot u. weiß
Obatalá Köpfe Nuestra señora de las Mercedes weiß
Ochosí Pfeil u. Bogen, Gefängnis Norbert, Albert blau + amber
Orichaoko Äcker, Ernte, Regen, Fruchtbarkeit Isidro blau u. rosa
Ochún Göttin der Flüsse und der Liebe Jungfrau vom Kupfer (Virgen del Cobre) kubanische Nationalheilige amber u. gelb, korall + gel, rot + gelb (je nach Camino)
Oya - Wind, Friedhofstor, Sturm, Theresa braun mit schwarzen u. weißen Streifen
Osain Berge, Pflanzen, Heilkräuter Silvester alle Farben
Aggayú Flüsse, Laken Christoph von Havanna rotbraun und weiß
Oggún Eisen, Berge, Wälder Petrus (Havanna), Paulus, Johannnes der Täufer (Matanzas) schwarz + Grün
Babalú Ayé Gesundheit Lazarus weiß-blau gestreift, schwarz, rotbraun (je nach Camino)

In Europa ist die folkloristische Variante der Santería besonders durch den Kuba-Tourismus seit Beginn der 1980er Jahre bekannt geworden. Das führte besonders in Deutschland auch an den Universitäten zu einer stärkeren Beschäftigung mit diesen Religionen. Die von Touristen mitunter recht teuer bezahlte Aufnahme in die Santería kann eher als eine Form von Bauernfängerei gesehen werden, da der über Generationen gewachsene soziale und religiöse Hintergrund der Santería weit mehr als ein Bekenntnis zu einem Glauben beinhaltet.

Literatur


  • Miguel Barnet. Der Cimarrón. ISBN 3518395408
  • Miguel Barnet. Afrokubanische Kulte. ISBN 351812143X
Die wichtigste Literatur zu afrokubanischen Religionen ist leider nicht in deutscher Sprache erhältlich:
  • Anibal Argüelles Mederos / Ileana Hodge Limonta. Los llamados cultos sincréticos y el espiritismo. Havanna 1991
  • Enrique Sosa Rodriguez. Los Ñañigos. Havanna 1982
  • Lydia Cabrera. El Monte. Havanna 1981
  • Fernando Ortíz Fernández (siehe Artikel)
  • Varuna Holzapfel: Santeria - Der Voodoo der Kubaner
  • Cristina García. Dreaming in Cuban.

Weblinks


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