In der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Entscheidungstheorie beschreibt das St.-Petersburg-Paradox eine Lotterie (zuweilen als St.-Petersburg-Lotterie bezeichnet), die zu einer Zufallsvariablen mit unendlichem Erwartungswert führt, d. h. zu einer unendlich großen erwarteten Auszahlung, die aber trotzdem nur einen relativ kleinen Geldbetrag wert zu sein scheint. Das St.-Petersburg-Paradox ist eine klassische Situation, in der eine naive Entscheidungstheorie, die nur den Erwartungswert als Kriterium verwendet, eine Entscheidung empfehlen würde, die keine (reale) rationale Person fällen würde.
Das Paradox kann gelöst werden, indem das Entscheidungsmodell durch die Verwendung einer Nutzenfunktion verfeinert wird, oder indem endliche Varianten der Lotterie betrachtet werden.
Das Paradox erhielt seinen Namen von Daniel Bernoullis Präsentation des Problems und seiner Lösung, die er 1738 in den Commentaries of the Imperial Academy of Science of Saint Petersburg veröffentlichte.
Welchen Geldbetrag würde man für die Teilnahme an diesem Spiel bezahlen wollen?
Die Wahrscheinlichkeit, dass das erste Mal beim k-ten Münzwurf "Kopf" fällt, ist
Wieviel kann man im Durchschnitt erwarten zu gewinnen? Mit Wahrscheinlichkeit 1/2 ist der Gewinn 1 Euro, mit Wahrscheinlichkeit 1/4 ist er 2 Euro, mit Wahrscheinlichkeit 1/8 ist er 4 Euro etc. Der Erwartungswert ist daher
(Σ bezeichnet eine Summierung, siehe Summenzeichen.) Diese Summe divergiert nach unendlich; "im Durchschnitt" erwartet man daher einen unendlichen Gewinn.
Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, z.B. 1024 Euro oder mehr zu gewinnen sehr klein: kleiner als 1:1000.
Gemäß einer Entscheidungstheorie, die auf dem Erwartungswert basiert, sollte man daher jede beliebige Teilnahmegebühr akzeptieren. Dies widerspricht natürlich einer tatsächlichen Entscheidung, und scheint auch irrational zu sein, da man in der Regel nur einige Euro gewinnt. Diese offenbar paradoxe Diskrepanz führte zu dem Namen St.-Petersburg-Paradox.
Diese Theorie der sinkenden Grenznutzens des Geldes wurde schon von Bernoulli erkannt. Die Hauptidee ist hierbei, dass doppelt soviel Geld nicht doppelt so gut sein muss: Zum Beispiel ist der relative Unterschied in der (subjektiven) Nützlichkeit von 2 Billionen Euro zu 1 Billion Euro sicher kleiner als der entsprechende Unterschied zwischen 1 Billion Euro und gar keinem Geld. Die Beziehung zwischen Geldwert und Nutzen ist also nicht-linear. Verallgemeinert man diese Idee, so hat eine 1:100'000'000'000 Chance, 100'000'000'000 Euro zu gewinnen zwar einen Erwartungswert von einem Euro, muss aber nicht zwingend auch einen Euro wert sein.
Wenn wir nun eine Nutzenfunktion, wie zum Beispiel die von Bernoulli vorgeschlagene Logarithmusfunktion u(x)=ln(x) verwenden, so hat die St.-Petersburg-Lotterie einen endlichen Wert:
In Bernoullis eigenen Worten:
Diese Lösung ist jedoch noch nicht vollauf befriedigend, da die Lotterie in einer Weise geändert werden kann, dass das Paradox wiederauftritt: Dazu müssen wir lediglich die Lotterie so ändern, dass die Auszahlungen betragen, dann ist der Wert der Lotterie, berechnet mit der logarithmischen Nutzenfunktionen, wieder unendlich.
Allgemein kann man für jede unbeschränkte Nutzenfunktion, eine Variante des St.-Petersburg-Paradox finden, die einen unendlichen Wert liefert, wie von dem Österreichischen Mathematiker Karl Menger als erster bemerkt wurde 1934.
Es gibt nun im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, dieses neue Paradox, das zuweilen Super St. Petersburg Paradox genannt wird, zu lösen:
In den letzten Jahren wurde die Expected Utility Theory erweitert, um Entscheidungsmodelle zu erhalten, die das reale Verhalten von Testpersonen quantitativ besser beschreiben. In einigen dieser neuen Theorien, wie zum Beispiel in Kumulativer Prospekttheorie, taucht das St.-Petersburg-Paradox in einigen Fällen auch dann auf, wenn die Nutzenfunktion konkav und der Erwartungswert endlich ist, jedoch nicht, wenn die Nutzenfunktion beschränkt ist and Wang, 2006.
Zur Berechnung verwendet man die Formel
mit L = 1 + wobei [X die größte ganze Zahl kleiner oder gleich X bezeichnen soll.
| Kasino verfügt | Erwartungswert der |
| über: | endlichen Lotterie: |
| 64 Euro | 3.50 Euro |
| 1,000,000 Euro | 10.00 Euro |
| 1,000,000,000 Euro | 15.00 Euro |
Ein anregender, aber zuweilen nicht ganz korrekter Artikel aus Sicht eines Philosophen findet sich hier:
Man kann die St.-Petersburg-Lotterie auch online spielen, allerdings ist dabei kein echtes Geld involviert:
Eine Übersetzung von Bernoullis Originalarbeit ins Englische:
Ein Kommentar bezüglich beschränkter Nutzenfunktion und des St.Petersburg Paradox:
Im Text zitierte Artikel:
St. Petersburg paradox | Paradoja de San Petersburgo | Pietarin paradoksi | Paradoxe de Saint-Pétersbourg | Paradoxo de San Petersburgo | 聖ペテルスブルグのパラドックス
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Sankt-Petersburg-Paradoxon".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world