Im Wortsinn ist Sage zunächst - ähnlich wie Spruch und Rede - etwas Gesprochenes (Sprache). Derart unspezifisch findet es nur als Bestandteil -sage verschiedener Komposita Verwendung: in Absage, Ansage, Aussage, Durchsage, Vorhersage, Zusage.
Im spezifischen Wortgebrauch ist Sage (v. althochdeutsch saga Gesagtes; Prägung durch die Brüder Grimm) ein Sammelbegriff für mündlich überlieferte Erzählungen für wahr gehaltener oder auf einem wahren Kern basierenden Begebenheiten, deren Realitätsanspruch über dem des Märchens steht. Sie wurde im Lauf der Zeit ausgeschmückt und ständig umgestaltet.
Stoff oder Motiv einer Volkssage können von anderen Völkern und Kulturen übernommen sein (Wandersagen), werden aber gewöhnlich mit landschaftlichen und zeitbedingten Eigentümlichkeiten und Anspielungen vermischt.
Sagen sind - anders als Märchen - eng verbunden mit einer Lokalisation (Ortssagen) oder einer Datierung, sowie mit einer strengen Scheidung zwischen dies- und jenseitigem Bereich.
Bei der Entstehung von Sagen greifen subjektive Wahrnehmung und objektives Geschehen so ineinander, dass ein übernatürliches Erlebnis und nicht glaubhafte Elemente Wesenskerne der Sage werden.
Ätiologische Sagen erklären, warum etwas ist, was man in der Wirklichkeit vorfindet: beispielsweise ein Brauch, ein Ereignis, ein Kreuzstein, eine Salzsäule, der Name eines Ortes, eines Sees (Beispiel: Bosten-See), eines Berges, eines heiligen Ortes.
Grundsätzlich kann man zwischen der Volkssage und dem Epos unterscheiden.
Nach André Jolles wird Sage als eine sogenannte einfache Form verstanden und von der Saga unterschieden.
Epos
Bei
Epischen Sagen handelt es sich eher um eine
archaische Form der "
Geschichtsschreibung" aus Zeiten vorwiegend mündlicher Überlieferungen, die irgendwann in meist höchst kunstvoll dichterischer Form niedergeschrieben wurden. Dazu gehören die germanischen
Götter- und
Heldensagen und die keltische
Artussage ebenso wie das griechische
Epos. Sie schmücken meist die Abenteuer eines großen Helden aus; sie schließen sich oft zu Sagenkreisen zusammen (z. B. um Dietrich von Bern), die in einem historischen Kontext stehen. Die isländischen
Sagas nehmen eine Zwischenstellung zwischen Sagen und
Romanen ein, da bei ihnen auch inhaltlich die gestalterische Hand eines einzelnen Autors meist deutlich stärker spürbar ist als bei echten Sagen.
Volkssage
Die
Volkssage ist sprachlich und stilistisch eher anspruchslos, ein-episodisch und mundartlich gefasst. Sie ist einerseits durch Elemente der
Magie, des
Numinosen oder
Dämonischen gekennzeichnet. Die
Natursagen erklären auf ihre Art seltsame Naturerscheinungen oder -ereignisse. Die
Geschlechtersagen behandeln die Entstehung und Geschichte eines bekannten Geschlechts. Andererseits gibt es die
historische Sage, die ein bestimmtes Ereignis oder eine Persönlichkeit zum Gegenstand hat.
Gliederung
Volkssagen können nach folgenden Kriterien unterschieden werden (Versuch einer Einteilung nach dem vorläufigen internationalen Sagenklassifizierungssystem der Sagen von W. D. Hand aus dem Jahr 1969)
[Wayland D. Hand: Der Stand der europäischen und amerikanischen Sagenforschung. In: Leander Petzoldt (Hrsg.): Vergleichende Sagenforschung, wbg, Darmstadt 1969, S. 402-430.]:
- Inhaltlich:
- ätiologische Sagen und eschatologische Sagen
- geschichtliche Sagen und kulturgeschichtliche Sagen
- Kultstättensagen und Kulturgutsagen (Entstehung von Kulturstätten und Kulturgütern)
- Ortssagen (inkl. Namensagen - volksetymologische Namensdeutungen)
- Regionensagen
- Städtesagen
- Dörfersagen
- Plätzesagen
- Gebäudesagen
- Vorgeschichtssagen und Frühgeschichtssagen
- Kriegssagen und Katastrophensagen
- Persönlichkeitssagen
- Ordnungsbruchsagen (Sagen über das Durchbrechen einer bestehenden Ordnung)
- Supernatursagen (Sagen über übernatürliche Wesen und Kräfte / mythische Sagen)
- Schicksalssagen
- Schicksalsfrauensagen
- Wetterprophetensagen
- Die Stunde ist da - Sagen
- Vorzeichensagen
- Das zweite Gesicht - Sagen
- Todsagen und Totensagen
- Totenerscheinungssagen
- Todesstundensagen
- Unheimlicher Leichnamssagen
- Totenoffenbarungssagen von Schuld und Unschuld
- Unerfülltes Leben - Sagen
- Ungelöste Verbindungssagen
- Unbefriedigter Toter - Sagen
- Ruheloser Toter - Sagen (Schuldiger sucht Strafe, Erlösung des Toten)
- Dankbarer Toter - Sagen
- Ruhegestörter Toter -Sagen
- Gefährlicher Toter - Sagen
- Totengemeinschaftssagen
- Vermeintlicher Toter - Sagen (Scheintoter, Totgeglaubter)
- Opfersagen (Drachenopfer, Pestopfer, Menschenopfer, Elementaropfer)
- Schlafendes Heer - Sagen
- Schlafender Kaiser - Sagen (Herrscher im Berg)
- Spukstättensagen und Geistererscheinungssagen
- Spuksagen (Tierspuk, Geräuschspuk, optische Wahrnehmung, Größenveränderungsspuk, Nebelgeister)
- Geisterprozessionssagen und Geisterschlachtsagen
- Aufenthalt in der anderen Welt - Sagen
- Naturgeistersagen
- Berggeistersagen
- Riesensagen (Riesensteine, Riesenbauten, Riesenspielzeug, Riesenhöhle, Kegelspiel, gefesselter Riese, Frau Harke)
- Rübezahlsagen
- Zwergensagen (Zwergenwohnung, Zwergentätigkeit in der Küche, Leihverkehr, Opfergaben, Schmiede, Hilfe für Menschen, Ausgelohnt, Zwergenlohn, Zwergengeschenke, Tierherren, Menschenschädiger, Trinkhorn, Sonnenaufgang, Zwergenhochzeit, Frauenraub, Wechselbalg, Hebammendienst, Leben am seidenen Faden, Überfahrt)
- Rumpelstilzchensagen
- Hausgeistersagen (Koboldsagen)
- Kinderschrecksagen
- Alraunsagen
- Klabautermannsagen (Schiffskobold)
- Orkosagen
- Sennenpuppesagen
- Wasserwesensagen (Seedämon, Hakenmann, Wassermann, Nixen)
- Melusinesagen
- Elfensagen
- Alpsagen (Mahrt, Trud)
- Aufhockersagen
- Hehmannsagen
- Mittagsgeistersagen
- Bilwissagen
- Baumdämonsagen
- Naturgewalt als Dämon - Sagen
- Geister von Kulturstätten - Sagen
- Verwandelte Wesen - Sagen
- Werwolfsagen
- Hundsköpfigensagen
- Tiergestaltsagen
- Menschengestalt (Doppelgängersagen)
- Teufelssagen
- Teufelserklärungssagen
- Teufel holt Flucher und Verfluchte - Sagen
- Teufel beim Kartenspiel - Sagen
- Teufel beim Rätselraten - Sagen
- Teufel auf dem Tanzboden - Sagen
- Teufel als Überzähliger - Sagen
- Teufel als Freier - Sagen
- Untreue werden vom Teufel geholt - Sagen
- Teufel als Baumeistersagen
- Wechselbalgsagen
- Teufel in der Kirche - Sagen
- Kalter Schmiedeschlag - Sagen
- Buhlteufel (Incubussagen)
- Teufelspaktsagen (der Freimaurer, der Hexe)
- Teufelsroßsagen
- Bockreitersagen
- Recht des Teufels auf Arbeit - Sagen
- Teufelsschwänke
- Bannsagen und Exorzismussagen
- Teufel als Tiergestalt - Sagen
- Krankheitsdämonsagen
- Personen mit übernatürlichen (magischen) Fähigkeiten und Kräften
- Hexensagen (Milchhexe, Wetterhexe, Hexenverwandlung, Schadenzauber, Teufelsbund, Blocksbergfahrt, Hexenfahrt, Hexentanzplatz, Hexenprozeß, Hexen, Reittier der Hexe, Hexenhalfter)
- Hexersagen
- Zauberersagen (fahrender Schüler, Schmied, Venediger, Zigeuner, Zauberbuch, Feuerbanner, Tierbannung, Rattenfänger, Faustgestalten, Liebeszauber, Festbannen)
- Dämonisierte Heilige - Sagen
- Tierherrsagen (Gemsjäger, Fischkönig)
- Heidensagen
- Wilde Leute - Sagen
- Wilde Jagd - Sagen (wildes Heer)
- Frauengestaltensagen (Spinnstubenfrau, Frau Holle, Percht, Salige, Wittewiewer, Weiße Frau, Waldfrau, Holzfräulein, Drei Matronen, Lucia)
- Männergestaltensagen (Weiße Männer, Rote Männer, Feuermänner)
- Ewiger Jude - Sagen
- Ewiger Fuhrmann - Sagen
- Fliegender Holländer - Sagen
- Mann im Mond - Sagen
- Frau in der Sonne - Sagen
- Variasagen
- Sprungsagen
- Mythische Tiere und Pflanzen
- Basilisksagen
- Drachensagen (Korndrache, Wasserdrache, Wetterdrache)
- Schlangesagen (Schlangenkronenraub, Schlangenbann, Hausschlange)
- Schatzsagen
- Schatzhütersagen
- Schatzfeuersagen
- Religiöse Sagen / Mythen von Göttern und Helden
- Formal:
- nach Herkunft
- europäische Sage
- afrikanische Sage
- amerikanische Sage, Indianersage
- asiatische Sage
- australische Sage
Siehe auch
Beispiele
Literatur
- Brüder Grimm: Deutsche Sagen
- Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums
- Ludwig Bechstein: Romantische Märchen und Sagen, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza, Reprint 1855/2003, ISBN 3-936030-93-6
- Ludwig Bechstein: Thüringer Sagenbuch, Band 1 und 2, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza, Reprint 1855/2001, ISBN 3-936030-07-3 und ISBN 3-936030-08-1
- Hanns-Peter Mederer: Der unterhaltsame Aberglaube. Sagenrezeption in Roman, Erzählung und Gebrauchsliteratur zwischen 1840 und 1855. Shaker Verlag, Aachen 2005 (= Diss. Hamburg 2005: ISBN 3-8322-4201-5)
- Leander Petzoldt: Einführung in die Sagenforschung, 3. Aufl., UVK-Verl.-Ges., Konstanz 2002, ISBN 3-8252-2353-1
Weblinks
Quellen
Sage
Seechen | Sage