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Dr. Sadık Ahmet, (* 7. Januar 1947 in Komotini, † 24. Juli 1995 in Komotini) ist der bedeutendste Politiker in der Geschichte der türkischen Minderheit von Griechenland, den Westthrakien-Türken. Von Beruf war er Arzt als Absolvent der Aristoteles-Universität in Thessaloniki. Er sprach Türkisch, Griechisch, Englisch und Französisch. Er hatte zu seiner Lebzeit verschiedene Positionen belegt, darunter als unabhängiger Abgeordneter im griechischen Parlament, als Vorsitzender des Ausschusses für Minderheitenangelegenheiten und als Parteivorsitzender der von ihm gegründeten ersten und bis heute letzten Partei der türkischen Minderheit, der Freundschaft – Gleichheit – Frieden (türkisch: Dostluk – Eşitlik – Barış, kurz DEB), deren Vorsitzender er bis zu seinem Tod blieb.

Seine politischen Aktivitäten waren geprägt von Protestreaktionen gegen Griechenlands striktes Verbot zur Bekenntnis zu einer anderen als der griechischen Identität und gegen die staatlichen Diskriminierungen und der bis dato absoluten Isolation der türkischen Minderheit, der er selbst angehörte. Mit seiner Querköpfigkeit hat er es in seinem kurzen Leben geschafft, ab Mitte der 80er Jahre die Aufmerksamkeit diverser Menschenrechtsorganisationen, allen voran der Helsinki Watch (heute Human Rights Watch), auf die diskriminierende, abscheuliche Minderheitenpolitik Griechenlands zu lenken. Für ihn war die Aussprache der eigenen nationalen Identität das natürlichste Recht des Menschen, da jeder Mensch in seine Identität hineingeboren wird. Die Bedeutung des Politikers Sadık Ahmet für die eigene Minderheit ist immens, da er der seit 1955 im Zuge der Zypernkrise bis zu diesem Zeitpunkt relativ eingeschüchterten und absolut isolierten Minderheit durch seinen politischen Kampfgeist, seiner Nichtunterwerfung und dem Pochen auf den eigenen Rechten eine Perspektive und einen Ausweg aus der bis dahin hoffnungslos scheinenden Situation aufzeigte. Mit seiner Querköpfigkeit hat er für seine Minderheit Großes bewirkt, aber möglicherweise seinen eigenen Tod provoziert.

Ins politische Spektrum rückte er durch seine berühmte Unterschriftenaktion von 1985, mit der erstmals eine Initiative gestartet war, die ernste Konsequenzen folgern sollte, indem sie die Weltöffentlichkeit auf die Probleme der Westthrakien-Türken aufmerksam machte.

Die vorpolitische Zeit Sadık Ahmets


Nachdem Sadık Ahmet seine Schulzeit in seiner Heimatstadt Komotini verbracht hatte, begann er seine akademische Ausbildung 1966 an der Medizinischen Fakultät der Universität Ankara. Nach einem Jahr wechselte er zur Medizinischen Fakultät der Aristoteles-Universität in Thessaloniki, an der er 1974 sein Studium absolvierte. Die nächsten 34 Monate diente er als Schütze bei der griechischen Armee.

Nach dem Dienst bei der Armee trat er sein ärztliches Pflichtjahr in Mittelgriechenland an und kehrte 1978 schließlich nach Westthrakien zurück. In den Folgejahren führte er seine medizinische Vertiefung fort. Im Jahre 1984 erlangte er den Grad des Chirurgen und fing nun an, sich öfters unter das Volk zu mischen und sich näher mit den Problemen der eigenen Minderheit zu beschäftigen.

Der Politiker Sadık Ahmet - "Dein Ende wird wie Ceausescus Ende sein!"


1985 startete er in ganz Westthrakien eine Unterschriftenaktion mit dem Ziel die Weltöffentlichkeit auf die Probleme der Westthrakien-Türken aufmerksam zu machen. Am 8. August 1986 wurde er wegen dieser Aktion durch die griechische Polizei festgenommen, aber darauf hin wieder freigelassen.

Am 25. September 1987 ging er auf eigene Faust nach Thessaloniki, um bei einer dort stattfindenden Versammlung mit dem Thema Demokratie und Menschenrechte Broschüren über die Minderheitenprobleme mit den gesammelten Unterschriften an die Versammlungsteilnehmer zu verteilen.

Im Juni 1988 wurde er für diese Aktion in Thessaloniki mit dem Vorwurf "der Verbreitung von Lügeninformationen und gefälschten Unterschriften" zu einer 30-monatigen Haftstrafe und zur Zahlung von 100.000 Drachmen verurteilt. Die eingelegte Revision führte dazu, dass sich der Prozess hinauszögerte. Da Sadık Ahmet später zum Abgeordneten gewählt werden sollte, wurde der Prozess im Jahre 1990 wegen der dann gewonnenen Immunität als Abgeordneter ruhen gelassen. Die Entscheidung über die eingelegte Revision zu diesem Urteil steht noch bis heute aus.

Bei den Parlamentswahlen am 18. Juni 1989 wurden er und İbrahim Şerif als erste Westthrakien-Türken als unabhängige Kandidaten ins griechische Parlament gewählt. Da aus diesen Wahlen keine Regierungsbildung hervorging, fanden die nächsten Parlamentswahlen schon fünf Monate später, am 5. November 1989, statt.

Nach Angaben der Human Rights Watch in ihrem Bericht Destroying Ethnic Identity – The Turks of Greece fanden die wahrscheinlich verabscheuungswürdigsten Aktionen bezüglich der Leugnung von ethnischer Identität in der auf die Wahlen vom Juni 1989 folgenden Zeit statt. Zunächst wurde dem Abgeordneten Sadık Ahmet seine Kandidatur für die kommenden Wahlen im November "aus technischen Gründen" aberkannt. Kurz nach den November-Wahlen wurde er über eine Vorladung zu einer Gerichtsverhandlung im Januar benachrichtigt. Er wurde u.a. dafür angeklagt, dass er während seiner Wahlkampagne die türkische Minderheit als "türkische Minderheit" bezeichnet hatte und somit "das Volk zur Spaltung angeregt hätte" und "eine Atmosphäre von Terror und Anarchie erzeugt hätte".

Am Ende der Gerichtsverhandlungen wurde Sadık Ahmet am 26. Januar 1990 wegen "Störung der Öffentlichen Ordnung" zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt, kam allerdings nach zwei Monaten vermutlich aufgrund der massiven internationalen Proteste frei, indem seine Reststrafe in Geldstrafe umgewandelt wurde.

Bei den durch Turgut Kazan, dem Vorsitzenden der Istanbuler Anwaltskammer und anderen internationalen Beobachtern mitverfolgten und durch das niederländische Fernsehen mitgefilmten Gerichtsverhandlungen kam es zu regelrechten Wutausbrüchen und böswilligen Beschimpfungen seitens der Richter und des Staatsanwalts.

Nach Berichten der internationalen Beobachter hatte die Verhandlung am 25. Januar 1990 unter heftigen Demonstrationen der im Saal Anwesenden begonnen. Die Anwesenden im Saal haben die Richter und den Staatsanwalt bei deren Eintritt in den Saal mit Standing Ovations applaudiert, als würden diese gerade in den Krieg ziehen, von dem ein Sieg erwartet würde.

Der Staatsanwalt und zwei der drei Richter haben ständig mit offener Böswilligkeit Beschimpfungen ausgesprochen, während einer der Richter während seinen Beschimpfungen häufig aufgestanden ist, um den Effekt seines Geschreis zu erhöhen.

Die Menge im Saal hat ständig den Richtern und dem Staatsanwalt mit solch einer Lautstärke zugejubelt und die Angeklagten verflucht, dass deren Verteidigungen nur noch schwer zu hören waren. (Neben Sadık Ahmet war auch İbrahim Şerif wegen den gleichen Vorwürfen angeklagt).

Der die Verhandlung leitende Richter hat diesen Tumult die ganze Zeit gelassen mit einem Grinsen im Gesicht beobachtet.

Auf die Verteidigung der Angeklagten, dass sie türkischer Abstammung wären, haben die Richter wütend geschrien "Was suchst du dann hier? Dann gehe in die Türkei. Hau ab!".

Am Ende verließ die Beklagtenseite den Saal "wegen feindseligem Verhalten der Richter". Eine beantragte Unterbrechung des Verfahrens, um das Verfahren zu einem späteren Zeitpunkt mit anderen Richtern fortzuführen, wurde vom Gericht abgelehnt.

Während dem Verlassen des Gerichtssaals hat der Staatsanwalt Sadık Ahmet hinterhergeschrien: "Dein Ende wird wie Ceausescus Ende sein!"

Beim Verlassen des Gerichtsgebäudes kam es durch die Zuschauer des Verfahrens unter "Sieg"-Rufen zu handgreiflichen Übergriffen auf die internationalen Beobachter, das niederländische Fernsehen, die Angeklagten und Sadık Ahmets Ehefrau Işık Ahmet, bevor die "Demonstranten" ihre Demonstration auf den Straßen weiterführten.

Auf einen Protestbrief der Helsinki Watch an den damaligen griechischen Ministerpräsidenten Xephonon Zolotas folgte die Antwort "die Gerichtsverhandlung sei unter strikter Einhaltung der griechischen Strafverfahrensregeln geführt worden".

Zwei Tage nach dem Verfahren kam es in Komotini zu Gewaltausschreitungen von griechischen Extremisten. Angehörige der türkischen Minderheit wurden geschlagen und bis zu 400 türkische Geschäftsläden und Büros zerstört. Nach Augenzeugenberichten schaute die griechische Polizei nur zu.

Im Mai 1990 kam es zu erneuten Ausschreitungen in Komotini seitens ca. 1000 pöbelnder griechischer Extremisten. Die griechischen Behörden leisteten trotz Zusagen keinen Schadensersatz.

Kurz nach den Gewaltausschreitungen wurde der türkische Konsul von Komotini als persona non grata deklariert und mit der Begründung, er habe die Minderheit als "unsere Angehörigen" bezeichnet, ausgewiesen.

Auf Sadık Ahmet und İbrahim Şerif warteten wegen der Bezeichnung der türkischen Minderheit als "türkische Minderheit" noch zwei weitere für den Februar angesetzte Verfahren. Diese wurden dann allerdings nach massiven internationalen Protesten gegen die Januar-Entscheidung auf einen unbekannten späteren Zeitpunkt verschoben.

Da auch die letzten Wahlen keine dauerhafte Koalitionsbildung ermöglicht hatten, waren die nächsten griechischen Parlamentswahlen bereits für den 8. April 1990 gesetzt. Nun kandidierte Dr. Sadık Ahmet erneut als unabhängiger Kandidat und zog diesmal ohne Zwischenfälle und wegen den internationalen Protesten ohne Konsequenzen seiner Haftstrafe erneut ins Parlament ein.

Am 12. September 1992 gründete er die erste westthrakientürkische Partei Freundschaft – Gleichheit - Frieden (türk.: Dostluk – Eşitlik - Barış). Kurz darauf und noch im selben Jahr wurde die 3%-Hürde eingeführt. Mit dieser Hürde war nun der neu gegründeten Partei der Weg ins Parlament versperrt. Somit zog im Gegensatz zu den anderen Balkan-Türken nie eine Partei der Westthrakien-Türken ins Parlament ein.

Der mysteriöse Tod Sadık Ahmets


Drei Jahre nach Gründung seiner Partei sollte Sadık Ahmet bei einem mysteriösen Autounfall am 24. Juli 1995 im Alter von nur 48 Jahren ums Leben kommen, indem er mit seinem Auto bei Nacht an einen Traktor aufprallte, dessen Beleuchtungen nicht angeschaltet waren. Angeblich soll der Fahrer des Traktors ein alter griechischer Bauer gewesen sein. Dieser tragische Tod führte seitens der türkischen Minderheit und der Türkei zu Spekulationen, es könne sich möglicherweise um ein geschickt geplantes Attentat des Griechischen Geheimdienstes gehandelt haben. Die Spekulationen wurden dadurch gestärkt, da es allgemein bekannt war, dass Sadık Ahmet im Sommer jede Nacht die gleiche Strecke von seinem Strandhaus nach Komotini fuhr. Die Spekulationen wurden vorerst gehemmt, als drei Wochen nach dem Unfall ein enger Vertrauter Sadık Ahmets in Komotini erzählte, dass "so ein alter Mann so eine Sache nicht vollbringen kann". Es wurde daraufhin aber vermutet, dass die griechische Polizei zuvor bei diesem engen Vertrauten Sadık Ahmets war und ihn gezwungen hat zu erzählen, dass es ein Unfall war.

Einen Monat vor seinem Tod hat Sadık Ahmet während seines damaligen Aufenthalts in der Türkei zu Dr. Muzaffer Arslan gesagt "...sie werden uns nicht in Ruhe lassen, Muzaffer" und ihm erzählt, dass er Morddrohungen erhalte, wie Arslan in seinem Buch berichtet.

Der Fall liegt bis heute im Dunkeln. Für die türkische Minderheit gilt der Aufprall an den unbelichteten Traktor seitdem unbestritten als Attentat an ihrem für Griechenland unbequemen Repräsentanten. Sadık Ahmets Ehefrau Işık Ahmet und seine zwei Kinder überlebten schwer verletzt den Aufprall.

Bis zu seinem Tod war Dr. Sadık Ahmet der Parteivorsitzende der Freundschaft – Gleichheit – Frieden.

Sein Tod bekam eine weitere symbolische Bedeutung, da er mit dem 24. Juli 1995 exakt am 72. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags von Lausanne, dem bedeutendsten Vertrag für die türkische Minderheit, gekommen war.

In der Türkei wurde nach dem Tod von Dr. Sadık Ahmet eine Straße nach ihm benannt. Er gilt in der türkischen Welt als einer der bedeutendsten Politiker der letzten 100 Jahre.

Zitat


Ich muss ins Gefängnis gehen, weil ich ein Türke bin. Falls Türke zu sein eine Straftat ist, möchte ich diese Straftat an dieser Stelle erneut begehen. Ich bin ein Türke und werde es immer bleiben. Mit dieser Botschaft möchte ich an unsere Minderheit in Westthrakien appellieren und möchte ihnen sagen, dass sie niemals vergessen sollen, dass sie Türken sind.

Weblinks


Literatur


  • Muzaffer Arslan: Dr. Sadık Ahmet‘in Mücadelesi Üzerine, Uluslararası Batı Trakya Paneli, İzmir 31 Ağustos 1995, B. Trakya Türkleri Dayanışma Derneği İzmir Şubesi Yayını. No: 2. İzmir 1996. S. 61-62 (Verlag der Izmir-Finiale des Solidaritätsvereins der Westthrakien-Türken, Nr. 2, Izmir 1996, S.61-62)
  • Michael Ackermann: Die türkische Minderheit in West-Thrakien. Geschichte und Gegenwart. (=Südost-Studienreihe. Bd. 5). Ulm 2000. ISBN 3-87336-001-2

Mann | Türke | Grieche | Politiker (Griechenland) | Muslimischer Okzident | Geboren 1947 | Gestorben 1995

 

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