Die Section française de l'Internationale ouvrière (SFIO, dt: Französische Sektion der Arbeiter-Internationale) war eine politische Partei in Frankreich.
Vorgeschichte
Seit
1877 entstanden in Frankreich mehrere
sozialistische Parteien, etwa die marxistische
Parti ouvrier unter
Jules Guesde, die
Fédération des travailleurs socialistes und die
Parti ouvrier socialiste révolutionnaire. 1900 konkurrierten fünf sozialistische Formationen, deren Trennungslinien über Fragen zur Haltung zum
Klassenkampf und zur
Revolution, der Stellung der
Gewerkschaften, zur Regierungsbeteiligung und zur
Parteidisziplin bestanden.
Erst
1901 vereinigten sich erstmals die
Parti ouvrier und die
Parti ouvrier socialiste révolutionnaire zur
Parti socialiste de France (PSDF) (Sozialistische Partei Frankreichs). Sie war vom Bekenntnis zur Revolution und Klassenkampf und der Ablehnung des herrschenden Gesellschaftssystems und einer Regierungsbeteiligung geprägt. Dagegen gründeten die Anhänger
Jean Jaurès',
Aristide Briands,
Paul Brousse und
Jean Allemane die
Parti socialiste français (PSF) (Französische sozialistische Partei), die sich für ein reformistisches Modell und den Parlamentarismus einsetzte.
Gründung der SFIO
1905 vereinigten sich PSDF und PSF zur SFIO; die Führungsfiguren der neuen Partei waren
Jules Guesde,
Jean Jaurès,
Édouard Vaillant und
Paul Lafargue. Drängendste Anliegen des neuen Bündnisses waren antikoloniale Überzeugungen und der Kampf gegen den kriegerischen
Nationalismus. Formal prägte der revolutionäre Marxismus den SFIO, der trotz des bestimmenden Einflusses von Jean Jaurès jede Regierungsbeteiligung ablehnte. Dennoch verbuchte die Partei eine stetige Zunahme bei den Wahlen und stellte am Vorabend des Krieges die zweitstärkste Fraktion. Unvergessen bleiben seine leidenschaftlichen Auftritte an der Spitze großer Demonstrationen gegen den drohenden Weltkrieg im Sommer 1914.
Nach dem Angriff Deutschlands 1914 stimmte jedoch die große Mehrheit der SFIO dem Verteidigungskrieg und am 4. August der Bewilligung von Kriegskrediten zu. In ihrem Anschluss an die Union sacrée sahen Kritiker einen Verrat der ursprünglichen, pazifistischen Überzeugungen.
Spaltung
Auf ihrem Kongress in
Tours 1920 spalteten sich die Anhänger der SFIO in Anhänger der
Zweiten Internationale (Sozialistische Internationale) und der
Dritte Internationale (Komintern) auf. Letztere, die Mehrheit, bildeten in der Folge die
Parti communiste français und übernahmen den Verwaltungsapparat und das Parteiblatt
L'Humanité, während die Minderheit in der SFIO verblieb.
Der Jurist und Publizist Léon Blum wurde die neue Leitungspersönlichkeit der SFIO, unterstützt von Vincent Auriol und Paul Faure; sie strebten eine Politik der Vereinigung linksgerichteter Parteien an, was schließlich 1924 zum Wahlsieg des Cartel des gauches führte. Unter Blums Leitung verfolgte die SFIO die parlamentarische Taktik, sich nur an Regierungen mit sozialistischem Übergewicht zu beteiligen. Innenpolitisch trat die SFIO für die republikanisch-parlamentarische Demokratie, die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, die Einführung einer Kapitalsteuer und eine durchgreifende Sozialgesetzgebung ein. Außenpolitisch vertrat er die Prinzipien kollektiver Sicherheit im Völkerbund und der internationalen Abrüstung.
Dreißiger Jahre (Volksfront)
1936 bildete die SFIO als stärkste Fraktion mit der Kommunistischen Partei und der radikal-republikanischen Partei die
Volksfront-Regierung.
Die Mehrheit der Parlamentarier der SFIO lehnte 1940 die Übergabe der Macht an das Vichy-Regime ab und unterstützte in der Folge die Résistance.
Nachkriegszeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die SFIO seine führende Stellung im linken Lager an den PCF. Von
1946 bis
1973 übertraf der PCF regelmäßig die sozialistischen Parteien. Traditionell war die französische Arbeiterschaft in der Nachkriegszeit vorwiegend im PCF organisiert, während mehrere kleine sozialistische Strömungen (
Fédération de la Gauche Démocrate et Socialiste bzw.
Convention des Institutions Républicaines (CIR)) und Parteien (
Parti Radical Socialiste bzw.
Parti Socialiste Unifié (PSU)), angeführt von der stark antikommunistische SFIO, die sich im Laufe ihrer Nachkriegsgeschichte immer stärker zu einer Honoratiorenpartei entwickelte, um die Wähler konkurrierten. In den 1960er Jahren, als der sozialistische Präsidentschaftskandidat
Gaston Defferre nur noch 5 % erreichte, erneuerten sich die sozialistischen und sozialdemokratischen Strömungen in Frankreich in ca. 120 verschiedenen Clubs. Im
Mai 1968, als Paris und ganz Frankreich zeitweilig durch eine Welle von Streiks stillstanden, offenbarte sich die Schwäche dieser mangelnden programmatischen und organisatorischen Einheit der sozialistischen Linken, die zur Gründung des PS führte.
Im Juli 1969 entstand auf ihrem Kongress in Issy-les-Moulineaux aus der SFIO (und der Parti Radical Socialiste) die bis heute bestehende Parti Socialiste (PS). Erst die Einigung der nichtkommunistischen Linken im PS als damals drittstärksten politischen Kraft ermöglichte die Reaktivierung des Bündnisses mit der PCF, aus dem letztlich die spätere Präsidentschaft François Mitterrands resultierte.
Politik (Frankreich)
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