Die
Be 4/6 12302 war eine von vier Probelokomotiven, die die
SBB im Juni 1917 bestellten. Die Lokomotive sollte, wie auch Ihre drei Schwestern
Be 3/5 12201,
Be 4/6 12301 und
Ce 6/8I14201 auf der Gotthardbahn zum Einsatz kommen, um Erfahrungen für Serienbestellungen zu erhalten.
Die Be 4/6 12302 kam aber am Gotthard nie planmässig zum Einsatz, da ihre Nachfolgerinnen
Be 4/6 12303-12342 sie technisch bereits überholt hatten.
Vorgeschichte
Im November 1913 wurde vom Verwaltungsrat der SBB die Elektrifizierung der
Gotthardstrecke von
Erstfeld bis
Biasca beschlossen. Mit Ausbruch des
ersten Weltkrieges waren die SBB zu immer grösseren Fahrplaneinschränkungen wegen der Kohleknappheit gezwungen. Dies führte soweit, dass im Herbst 1918 an Sonntagen mit Ausnahme der Milchzüge keine Züge mehr fuhren.
Neben anderen Strecken wurde deshalb forciert auch die Gotthardstrecke für den elektrischen Betrieb hergerichtet. Diese Elektrifizierung war im Jahr 1920 abgeschlossen.
Für den Betrieb benötigten die SBB dringend Personen- und Güterzuglokomotiven.
Pflichtenheft
Die SBB verlangten von der Industrie die Erfüllung des nachfolgenden Pflichtenheftes:
- Höchstgeschwindigkeit 75 km/h
- Beförderung von 300t Anhängelast auf 26 ‰ Steigung bei 50 km/h
- Sicheres Anfahren auf 26 ‰ Steigung und Beschleunigen derselben Last auf 50 km/h in 4 Minuten
- drei Hin- und Rückfahrten Luzern – Chiasso innerhalb 24 Stunden (1'360 km)
- Elektrische Bremse zur Abbremsung des Lokomotivgewichtes im Gefälle
- Möglichkeit der Vielfachsteuerung.
Auftragsvergabe und Projektierung
Der Auftrag für die Personenzuglokomotive wurde wie folgt erteilt:
BBC: Projektierung und Bau der Personenzuglokomotive
Neben der Einhaltung des Pflichtenheftes gaben die SBB den Konstrukteuren grosse Freiheit beim Ausarbeiten der Entwürfe.
Inbetriebnahme
Am 19. März
1919 wurde die Lokomotive als dritte Probelokomotive abgeliefert. Sie wurde für zahlreiche Versuchs- und Messfahrten am
Lötschberg eingesetzt.
Technik
Der mechanische Teil
Fahrwerk
Das Fahrwerk bestand aus zwei
Drehgestellen. In jedem Drehgestell befanden sich zwei
Triebachsen, eine als
Bisselachse ausgebildete
Laufachse und eine
Vorgelegewelle. Die Laufachsen hatten ein Seitenspiel von 2x70mm gegenüber dem Drehgestellrahmen.
Zugkraftübertragung
Die Übertragung der Zug- und Stosskräfte erfolgte von den Triebachsen auf die zwei Drehgestelle. Von dort wurden die Kräfte aussen auf die Zughaken und Puffer weitergeleitet. Innen waren die Drehgestelle für die Zug- und Druckkraftübertragung über eine so genannte
Kurzkupplung verbunden. Der Lokomotivkasten war an der Übertragung der Kräfte nicht beteiligt.
Antrieb
Im Drehgestellrahmen waren zwei Fahrmotoren gelagert. Diese zwei Motoren trieben über beidseitig gefederte
Ritzel die Grosszahnräder je einer
Vorgelegewelle an. Auf die Verwendung der aufwändigen
Schlitzkuppelstangen wurde verzichtet. Die
Triebzapfen der Vorgelegewellen trieben über eine
Triebstange direkt die jeweils äussere Triebachse des Drehgestells an. Ein Zapfen auf der inneren Seite dieser Triebstange trieb über eine zweite Triebstange die innere Triebachse an. Durch die Lage der Motoren, und damit verbunden, der Vorgelegewelle, waren die Triebstangen leicht nach oben gepfeilt.
Diese Antriebsart war sicherlich, von der Wartung her gesehen, die Billigere. Im Betrieb war sie aber wesentlich unruhiger und kam deshalb, anders als die
Schlitzkuppelstange, für höhere Geschwindigkeiten nicht zur Anwendung.
Lokomotivkasten
Der Lokomotivkasten bestand aus einer durchgehenden Brücke mit aufgeschraubtem Kastenteilen ohne Vorbauten. Er war auf beiden Drehgestellen nur abgestützt. Zug- und Druckkräfte wurden von ihm nicht übernommen.
Bremsanlage
Die automatische
Westinghouse-Bremse und die
Regulierbremse wirkten pro Drehgestell auf die Triebachsen. Die Laufachsen waren ungebremst. Jeder Führerstand hatte eine
Handbremse, die auf das jeweilige Drehgestell wirkte.
Der elektrische Teil
Hauptstromkreis
Zwei
Stromabnehmer, die von einem Hahn in jedem Führerstand gesteuert werden konnten, leiteten den
Fahrleitungsstrom zu zwei
Trennmessern auf dem Dach des Lokomotivkastens. Von den Trennmessern floss der Strom über die
Blitzschutzspule und den
Öl-Hauptschalter zum 12.5 t schweren, ölgekühlten Transformator in der Mitte des Lokomotivkastens. Die Kühlung des Öls erfolgte durch beidseitig aussen am Lokomotivkasten angeordnete Röhrensysteme, durch die das Öl mit einer Ölpumpe durchgepresst wurde. Diese Röhrensysteme, die der Lokomotive, wie auch ihren Nachfolgerinnen, das unverwechselbare Aussehen gaben, waren durch den Fahrtwind und die dahinterliegenden Ventilationsöffnungen gekühlt.
Der
Stufenschalter übertrug den Fahrstrom zun den je zu zweit in Serie geschalteten
Fahrmotoren. Er war als Flachbahn- (oder auch Schlitten-) schalter ausgebildet und hatte 18 Schaltstufen zwischen 237V und 1’350V. Zum Überschalten der Stufen waren Funkenschalter vorhanden. Der Antrieb der Anlage erfolgte über einen von der Battrie mit 36V betriebenen Stellmotor. Die Ansteuerung geschah über einen als Kurbel (später Handrad) ausgebildeten Fahrschalter in beiden Führerständen. Dieser trieb zwei polarisierte
Relais an, die so lange hochschalteten, bis die eingestellt Fahrstufe erreicht war.
Jede der zwei Fahrmotorgruppen hatte einen elektromotorisch angetriebenem
Wendeschalter. Des weiteren war, zum Schutz gegen Überlastung, pro Gruppe ein elektromotorisch angetriebener Ölschalter mit Maximalstromrelais zugeordnet.
Hilfsbetriebe
Auf der Lokomotive befanden sich die nachfolgend beschriebenen, mit 220 V betriebenen Hilfsbetriebe:
- zwei Kolbenkompressoren
- vier Ventilatorengruppen für die Fahrmotoren
- eine Ölpumpe für die Umwälzung des Transformatorenöls
- eine Motorgeneratorgruppe für die Batterieladung
- Führerstandsheizung, Fuss- und Ölwärmeplatten.
Die Speisung der Zugsheizung erfolgte vom Transformator mit den Spannungen 600V, 800V und 1’000V.
Elektrische Bremse
Eine elektrische Bremse war in Form einer
Widerstandsbremse eingebaut und nicht als
Rekuperationsbremse. Die Motoren wurden beim Bremsen vom
Fahrleitungsnetz getrennt und funktionierten als Gleichstromgeneratoren, die ihre Energie an auf dem Dach montierte
Bremswiderstände abgaben, wo diese in Wärme umgewandelt wurde. Die Bremswiderstände wurden durch den Fahrtwind gekühlt.
Die Einrichtung wurde zwar erprobt, später aber ausgebaut. Dies insbesondere auch, weil die Lokomotive, wie ihre zwei anderen Be-Schwestern, nie am Gotthard eingesetzt wurde.
Vielfachsteuerung
Die Lokomotive war mit einer
Vielfachsteuerung ausgerüstet. Praktisch erprobt wurde sie aber nie und später wieder entfernt.
Betriebseinsatz
Die Lokomotive wurde als dritte der vier Probelokomotiven am 19. April 1919 abgeliefert. Sie kam anschliessend nicht im planmässigen Dienst auf der Strecke Bern-Thun zum Einsatz.
Es wurden zahlreiche Versuchs- und Messfahrten am
Lötschberg durchgeführt.
Später im Jahr 1919 führte sie regelmässig Personen- und Güterzüge auf der Strecke
Bern –
Thun und später im Jahr bis
Spiez. Im November 1919 führte sie, zusammen mit ihrer Schwester
12301 Züge bis
Brig, diese auch zusammen mit den ab April 1920 auftauchenden Serienlokomotiven
Be 4/6 12303-12342.
Bei Eröffnung des elektrischen Betriebes auf der
Gotthardbahn war auch diese Lokomotive ein Einzelstück. Ihre einzigen Fahrten über den Gotthard waren Überstellungsfahrten zur Hauptwerkstätte
Bellinzona. Ihr Einsatzgebiet war das Führen von Personen- und Güterzügen vom Depot Bern aus.
Ab Mai 1956 war sie in ähnlichen Diensten, aber vom Depot Biel aus im Einsatz. Von Anfang 1959 versah sie Ihren Dienst am Ablaufberg von Biel. Ab Mai 1962 war sie wieder im Streckendienst tätig.
Nach dem Brand der Be 4/6 12301 übernahm die Be 4/6 12302 den Dienst am Tiroir in Renens bei Lausanne. Im Mai 1965 ereignete sich aber im Transformator ein Kurzschluss. Dieser hatte zwar keinen Brand zur Folge. Wegen der hohen Reparaturkosten wurde die Lokomotive aber am 31. Mai 1965 ausrangiert,
Die Be 4/6 12301 war zwar ein Einzelgänger, das einfache Konzept hatte sich aber bei den nach dem gleichen Konzept gebauten Be 4/6 12303-12342 mehrfach bewährt. Dass sie dabei, verglichen mit ihrer Schwester Be 4/6 12301 äusserst schlechte Laufeigenschaften hatte, fiel bei ihr mit der meistens gefahrenen Höchstgeschwindigkeit von vmax von 50 km/h im normalen Betrieb nicht so sehr auf.
Quellenangabe
- Hans Schneeberger: Die elektrischen und Dieseltriebfahrzeuge der SBB, Band I: Baujahre 1904-1955; Minirex AG, Luzern; 1995; ISBN 3-907014-07-3
Weitere Literatur
- Claude Jeanmaire: Die elektrischen und Diesel-Triebfahrzeuge schweizerischer Eisenbahnen, Die Lokomotiven der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB)
Siehe auch
Triebfahrzeug (Schweiz)