Der Ort Rungholt war eines von sieben Kirchspielen der ehemaligen Insel Strand im Nordfriesischen Wattenmeer. Er wurde in der Zweiten Marcellusflut (Grote Mansdränke) am 16. Januar 1362 zerstört. Die beiden zusammen gehörenden Siedlungen Grote Rungholt und Lütke Rungholt bildeten gemeinsam den Hauptort eines Verwaltungsbezirks, der Edomsharde. Diese war eine von fünf Harden der Landschaft Nordstrand. In direkter Nachbarschaft zu Rungholt lag zudem der ebenfalls versunkene Ort Niedam. Nach der Flut wurden einige Teile des ehemaligen Rungholt-Gebietes erneut besiedelt, gingen aber in der Sturmflut von 1532 unter. Von Alt-Nordstrand sind heute nur noch die Inseln Nordstrand, Pellworm und die Hallig Nordstrandischmoor übrig; die restlichen Gebiete gingen in der Sturmflut von 1362 verloren und sind heute Wattenmeer.
Rungholt lag auf einer Torflinse und wurde daher besonders leicht zum Opfer der Sturmflut. Durch die Sturmflut entstand auch der benachbarte Norderhever, zuvor ein Fluss, als tief eingegrabener großer Priel.
Der Rungholt-Forscher Andreas Busch nahm aufgrund der Anzahl und der Verteilung von Brunnenresten eine Schätzung der Einwohneranzahl vor. Dadurch schloss er auf eine Bevölkerung von mindestens 1.500 bis 2.000 Einwohnern (vgl. Hagemeister 1980, 48). Das ist für eine Ortschaft des 14. Jahrhunderts in dieser Gegend eine bemerkenswert große Zahl.
In den folgenden Jahren sind durch die Meeresströmungen große Mengen Schlick fortgespült worden. So kamen die Überreste Rungholts wieder zum Vorschein, wurden allerdings sehr schnell zerstört. Immerhin konnten eine Vielzahl von Warften, Brunnen und sogar ein Deichfuß kartografiert werden, die eine gute Vorstellung von der Größe der Stadt vermitteln.
Inzwischen sind vermutlich alle Reste von Rungholt auf Grund der Strömungen im Wattenmeer in die Nordsee gespült worden. Trotzdem seien alle Wattwanderer darauf hingewiesen, dass eventuelle Funde zwar mit nach Hause genommen werden dürfen, aber dem Amt für Denkmalschutz in Schleswig gemeldet und auf deren Verlangen auch zur Untersuchung heraus gegeben werden müssen. Die gezielte Suche und Grabung nach Überbleibseln ist dagegen ohne Genehmigung untersagt und kann mit hohen Bußgeldern belegt werden.
Auf und zwischen den Warften wurden zudem die Reste von rund 100 Brunnen gefunden, die ebenfalls aus Grassoden errichtet worden waren. Die Brunnen hatten im Allgemeinen einen Innendurchmesser von etwa einem Meter und versorgten vermutlich jeweils zwei bis drei Haushaltungen. Die Schätzung der Einwohnerzahl in dieser Gegend beruht auf diesen Funden und Annahmen, die auf die Anzahl der nicht gefundenen Brunnen der Gegend schließen.
Eine einzige der gefundenen Warften wies keinerlei Reste von Brunnen auf. Sie lag in einem Bereich, in dem besonders viele Warftreste nahe beieinander entdeckt worden waren, dem Acht-Warften-Gebiet (in dem neun Warften gefunden wurden), nordwestlich vor der Hallig Südfall. Dieser Bereich wurde als Grote Rungholt identifiziert. Er hatte eine Ausdehnung von 900 m in Ost-West-Richtung und 600 m in Nord-Süd-Richtung. Die südlichste dieser Warften (nach der Busch'schen Zählung die Warft 1), die in etwa der Mitte der Ost-West-Ausdehnung liegt, ist diese brunnenlose Warft. Da damals die Kirche das einzige Gebäude war, das keine eigene Wasserversorgung benötigte, wird diese Warft allgemein für die Rungholter Kirchwarft gehalten. Diese Vermutung wird durch die Sichtung zweier länglicher Grubenreste im Boden unterstützt, die Gräber gewesen sein könnten. Damit ist vermutlich sogar das Ortszentrum bekannt.
Auf einer der beiden Warften, die zum Ort Niedam gehörten und die zwischen 1932 und 1956 beobachtet werden konnten, entdeckte Busch 1952 zwei parallele Sodenstreifen, die wohl die Mauern eines Gebäudes gebildet hatten. Die Mauern waren außen 5,30 m und innen 3,80 m voneinander entfernt; die Wandstärke entsprach einer Sodenlänge von 75 Zentimetern. Falls es sich tatsächlich um ein Grassodenhaus gehandelt hat, war es also eher eine Hütte. Grassoden waren damals in dieser Region der am weitesten verbreitete Baustoff, da Ziegelsteine aufgrund des Fehlens von Lehm sehr selten waren und von weit her transportiert werden mussten.
Reste einer Stadtmauer wurden zwar nicht gefunden, wohl aber die Abdrücke niedriger Deiche, die zwischen den Schleusen und den drei Orten gestanden hatten. Das Gewicht des Deiches hatte den moorigen Boden zusammengedrückt, so dass eine Bodenvertiefung übrig blieb, nachdem die Deiche fortgespült worden waren. Diese Vertiefungen wurden vermessen und aus ihrer Breite kann man auf die Höhe des damaligen Deiches schließen: etwa zwei Meter, mit einigen Schwankungen im Deichverlauf. An einigen Stellen konnten sogar die Reste von Deichausbesserungen entdeckt werden. Dies waren Gruben, entstanden durch Sodenentnahme im ehemaligen Boden, und Pfähle zur Sicherung von neuem Material an Deichbruchstellen.
Buschs Messungen ergaben eine Größe der Alten Schleuse von etwa 20,50 x 3,30 m lichter Breite und für die Jüngere Schleuse äußere Abmessungen von 25,50 x 5,36 m mit einer lichten Durchfahrweite von 4,40 m. Für damalige Verhältnisse waren diese Schleusen ungewöhnlich groß. Beide Schleusen waren aus Holz gebaut. Bei der älteren Schleuse konnte Busch sogar nachweisen, dass sie undicht geworden war. Sie war mit Dichtungsmaterial repariert worden und hatte einen zusätzlichen Boden bekommen; deshalb musste die jüngere Schleuse errichtet werden. Holzschleusen hatten in der damaligen Zeit eine Lebenserwartung von etwa 80 bis 100 Jahren. Daher kann man vermuten, dass die jüngere Schleuse nicht vor 1280 erbaut wurde, die ältere demnach etwa um 1200. Das war auch der Zeitraum der ersten Eindeichung des Gebiets, wodurch Schleusen erst notwendig wurden. Aufgrund ihrer geringen Tiefe können die Schleusen keine weitreichende Entwässerungswirkung gehabt haben.
In einer anderen Version der Geschichte wird anstelle der Oblaten der Abendmahlkelch des Pfarrers entweiht. Der liturgische Gebrauch eines Kelches kam aber erst 200 Jahre nach dem Untergang Rungholts, nämlich mit der Reformation in dieser Gegend auf. Daher ist sie noch etwas mehr als Legende anzusehen als die erste Sage.
Zu den Legenden um Rungholt zählt auch, dass bei ruhigem Wetter seine Glocken unter der Wasseroberfläche zu hören seien und dass die Stadt unversehrt alle sieben Jahre in der Johannisnacht aus der Erde auftauche. Bei Vineta dagegen will man die Glocken bei stürmischem Wetter hören.
Der Dichter Detlev von Liliencron setzte während seines Aufenthaltes in Husum in seinem Lied „Trutz, blanke Hans“ (Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren) der Stadt ein poetisches Denkmal. Dabei übertrieb er jedoch die Bedeutung des Ortes maßlos. Die heutige Bekanntheit des Ortes in ganz Deutschland geht hauptsächlich auf seine Ballade zurück; zuvor war Rungholt nur eine lokale Legende. Durch die Funde ist übrigens auch klar geworden, dass von Liliencron nicht über Rungholt gefahren ist. Vielmehr war es eine entfernt davon liegende Sandbank, der „Rungholtsand“. Eine Bestätigung erfährt diese Behauptung durch Liliencrons Tagebuchnotizen. Bei der Überfahrt mit einer Fähre von Husum nach Pellworm hörte er von der Rungholt-Sage, die er dann als Motiv für eine seiner Dichtungen verwendete.
Der Hamburger Komponist Jakob Vinje wurde durch die Sage zu dem Oratorium für Chor, Sprecher und Orchester „Rungholt“ angeregt. Neben den Texten von Heinrich und Liliencron benutzte er dafür Lyrik von Rainer Maria Rilke, Theodor Storm, Heinrich Heine und Theodor Fontane.
Siehe auch: Atlantis (Platon), Vineta, Wogemänner, Liste mythologischer Orte
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