Steiner Berlin 1900 big.jpg Rudolf Steiner (* 27. Februar 1861 in Donji Kraljevec nahe Čakovec, Kroatien (Medjimurje), damals Kaisertum Österreich; † 30. März 1925 in Dornach, Schweiz) war ein österreichischer Philosoph, Pädagoge, Naturwissenschaftler und Esoteriker. Er begründete die Anthroposophie.
Von 1890 bis 1897 war Steiner Mitarbeiter des Goethe-und-Schiller-Archivs in Weimar und gab in der Sophienausgabe (heute bekannt als die Weimarer Ausgabe), benannt nach der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach, Goethes naturwissenschaftliche Schriften heraus. Die Eigenart dieser Arbeit war, dass der für eine solche Aufgabe ohnehin noch erstaunlich junge Natur- und Literaturwissenschaftler seine Anmerkungen mehr als philosophische Anregungen und Verständnishilfen für den Leser denn als Fußnoten zur Entstehung von Goethes Werken verstand. Seine Mitarbeit in Weimar - er gab acht von zwölf Bänden naturwissenschaftlicher Schriften heraus - war durch Vermittlung seines Wiener Germanistik-Professors Karl Julius Schröer zustande gekommen, der selbst ein ähnlich unkonventionelles Verhältnis zur Philologie pflegte.
Die Weimarer Zeit brachte für Steiner Kontakte u.a. mit Herman Grimm, Heinrich von Treitschke, Ernst Haeckel und Elisabeth Förster-Nietzsche. Hier heiratete er Anna Steiner (geb. Eunike), die ihn später nach Berlin begleiten sollte.
In dieser Zeit entstanden einige philosophische und philosophiegeschichtliche Werke, darunter die 1894 veröffentlichte „Philosophie der Freiheit“. Das Buch, das Steiner als sein Hauptwerk betrachtete, trug den Untertitel: „Grundzüge einer modernen Weltanschauung“ und war eine Auseinandersetzung mit Kant, Fichte und dem deutschen Idealismus. Hier entwickelte Steiner einen an Goethe, Herder und Hegel aber auch Nietzsche, Max Stirner und Ernst Haeckel geschulten „ontologischen Monismus“, der die Möglichkeit wirklichkeitsgemäßer Erkenntnis durch die Vereinigung von Begriff und Wahrnehmung darlegen sollte. Entscheidende Bedeutung hatte dabei die Erfahrung des eigenen Denkens - ein Element, das Steiner vom deutschen Idealismus, vor allem Fichte, übernahm und mit Elementen aus der Lebensphilosophie Wilhelm Diltheys verknüpfte.
Dabei gab sich Steiner in seinem Frühwerk als entschiedener Individualist zu erkennen. Er bewunderte Friedrich Nietzsche und Max Stirner für ihren autoritäts- und wahrheitskritischen Gestus. Bei Stirner gefiel Steiner die Überhöhung des Individuums. Stirners Satz: „Alle Wahrheiten unter mir sind mir lieb; eine Wahrheit über mir, eine Wahrheit, nach der ich mich richten müßte, kenne ich nicht“, kommentierte Steiner mit den Worten: „Ein Eroberer ohne gleichen ist Max Stirner, denn er steht nicht mehr im Solde der Wahrheit; sie steht in dem seinen.“
Vor dem Hintergrund dieser Kampfansage an Wahrheit und Autorität ist auch Steiners „Philosophie der Freiheit“ zu lesen. In Sinne der „Egoität“ (Steiner) begrüßte er Nietzsches Wort vom „Tod Gottes“ und der Stellung des Menschen „Jenseits von Gut und Böse“. In diesem Sinne proklamierte Steiner: „An Gottes Stelle den freien Menschen!!!“. Damit fixierte er seine Ablehnung eines Glaubens an das Jenseits und die Vorstellung eines externalisierten Gottes. Die Vorstellung eines Ausgeliefertseins des Menschen an eine ihm fremde Schicksalsmacht wies er zurück. Das Menschenleben habe nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm selbst verleihe: „Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle.“ Damit ist die „Philosophie der Freiheit“ neben dem Individualismus ein Bekenntnis zum Monismus. Der Monismus leugnet eine geistige Welt jenseits der Wirklichkeit. Reale und geistige Welt fallen nicht dualistisch auseinander, sondern sie sind eins. Im Sinne Stirners und Nietzsches proklamiert Steiner: „Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.“ Hinter handelnden Menschen sieht der Monismus dabei nicht Zwecke einer ihm fremden Weltlenkung, sondern nur eigene, menschliche Zwecke. Gegenüber der Autoritäts- und Jenseitsgläubigkeit positioniert Steiner im Sinne des Idealismus das „lebendige Denken“ des „Ichs“ und den „freien Geist“.
In der Fachphilosophie fand Steiner mit seinem philosophischen Werk wenig Anerkennung. Ein Habilitationsversuch im Jahre 1894 scheiterte. Steiner verlagerte den Schwerpunkt seiner Arbeit. So war er von 1898 bis 1900 Herausgeber des „Magazins für Litteratur“ in Berlin. Von 1899 bis 1904 lehrte er an der Arbeiter-Bildungsschule in Berlin, einer sozialistisch geprägten Einrichtung.
So wurde nach 1911 der noch junge Jiddu Krishnamurti von einigen Vertretern der Theosophischen Gesellschaft, allen voran Charles W. Leadbeater, als kommender Weltenlehrer und Reinkarnation Christi propagiert. Zur Jahreswende 1912/1913 spaltete sich die deutsche Sektion unter der Ägide Steiners ab, da sie den zunehmenden Christus-Kult um Krishnamurti ablehnte. Steiner gründete die Anthroposophische Gesellschaft, die bis in die Namensgebung hinein eine Gegengründung zu der Theosophischen Gesellschaft darstellte. Der Anthroposophischen Gesellschaft schlossen sich auch theosophische Gruppierungen anderer Länder an.
In seinen Jahren bei der Theosophischen Gesellschaft hatte Steiner zunehmend esoterische Bücher verfasst. Etwa Das Christentum als mystische Tatsache (1902) oder Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1904). Steiner verstand diese Werke als konsequente Weiterentwicklung seiner frühen philosophischen Ansätze. Ob dies so ist oder zwischen frühem und spätem Werk erhebliche Widersprüche bestehen, ist umstritten. War Steiner - der einmal bekannt hatte, seine eigenen Empfindungen in jedem Satz von Nietzsches Buch Der Antichrist - Fluch auf das Christenthum wiederzufinden - zuvor gegen Religion und Kult angetreten („An Gottes Stelle den freien Menschen!“), so entwickelte sich sein Denken nun in Richtung eines gnostisch-mystischen Christentums, das zentrale christliche Elemente mit Ideen anderer Weltreligionen verknüpfte.
Steiner unterschied mehrere Erkenntnisstufen. Neben der gewöhnlichen, materiellen Erkenntnis gebe es demnach die „imaginative“, die „inspirative“ und die „intuitive“ Erkenntnis. Durch streng wissenschaftliche (Steiner nannte das in Anlehnung an Wilhelm Dilthey „geisteswissenschaftliche“) Schulung lassen sich diesem Weltbild zufolge immer höhere Erkenntnisstufen erreichen, durch die ein erkenntnismäßiger Zugang zur übersinnlichen Welt erreicht werden kann. Diese „spirituelle Wissenschaft“ soll laut Steiner Menschen dazu befähigen, „die materielle Welt“ in ihrem Zusammenhang mit „der geistigen Welt“ zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus die Welt zu gestalten. Von diesem Standpunkt aus verknüpfte Steiner seine frühen Ansätze zu einer „Philosophie der Denk-Erfahrung“ mit so unterschiedlichen religiösen Glaubenslehren wie Karma, Reinkarnation, Okkultismus und gnostischem Rosenkreuzertum.
In dieser „geisteswissenschaftlichen“ Spätphase operierte Steiner, geprägt durch die Theosophie, zunehmend mit esoterischen Begriffen wie Karma, Reinkarnation, Kosmos und Meditation.
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Von 1914 bis 1922 erbaute er in Dornach bei Basel ein Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft, das er eigenhändig entworfen hatte (Goetheanum).
Er nannte es später Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Nachdem der Holzbau in der Silvesternacht 1922 abgebrannt war (man vermutete Brandstiftung), entwarf er ein zweites, größeres Goetheanum, das 1928, also erst nach seinem Tod, fertig gestellt wurde. Der expressive Baustil des, aus Stahlbeton gefertigten, neuen Goetheanums im Gegensatz zu seinem impressionistisch geprägten Vorgänger zeigt, dass Steiners Architekturstil (s. auch Organische Architektur) binnen weniger Jahre einen radikalen Wandel erfuhr.
Die Zeit in der Anthroposophischen Gesellschaft erwies sich für Steiner als ausgesprochen produktiv. Er trat in den unterschiedlichsten Lebensbereichen mit eigenen Ideen als Erneuerer hervor. So betätigte er sich u. a. als Reformpädagoge („Waldorf-Pädagogik“), Sozialreformer („Soziale Dreigliederung“) und Künstler (Architektur, Bildhauerei, Bewegungskunst); Er setzte entscheidende Impulse für die anthroposophisch erweiterte Schul-Medizin, als deren Begründer er gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegman gilt, und für die biologisch-dynamische Landwirtschaft; zuletzt unterstützte er sogar die Gründung einer Religionsgemeinschaft („Die Christengemeinschaft“). Viele seiner Ideen sind bis heute sehr wirkungsmächtig. So erleben etwa Waldorfschulen und -kindergärten, biologisch-dynamischer Landbau (Demeter) und anthroposophische Medizin (Weleda) stetig wachsenden Zuspruch.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Anthroposophie ausgegrenzt und bekämpft, weil sie mit ihrem individualistischen Ansatz im Widerspruch zur kollektivistischen Ideologie der Nazis stand. Auch brachte man sie mit der Freimaurerei in Verbindung. Bereits am 15. November 1933 hatte der nationalsozialistische Wirtschaftsminister in Thüringen ein Verbot der Verbreitung biologisch-dynamischer Produkte erlassen. Am 1. November 1935 wurde dann die gesamte Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland durch Dekret Reinhard Heydrichs verboten. Adolf Hitler hatte bereits in einem Aufsatz von 1921 (Staatsmänner oder Nationalverbrecher) die „Dreigliederung des sozialen Organismus“ als „jüdische Methode zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Völker“ bezeichnet.
Rudolf Steiner und seine zweite Frau Marie von Sievers (Heirat 1914, dann Marie Steiner-von Sievers, keine Kinder) wohnten von 1903-1923 in Berlin-Schöneberg, Motzstraße 30, wo eine Gedenktafel an sie erinnert.
Zur Kritik an Steiner und der Anthroposophie siehe: Anthroposophie-Kritik
Essay:
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