Informelle Kreise um den Offizier Harro Schulze-Boysen und den Nationalökonomen Arvid Harnack, die sog. Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe, werden häufig als Rote Kapelle bezeichnet. Ebenso benannt, aber davon abzugrenzen ist ein organisiertes Spionagenetz von Leopold Trepper, das auch Teil des Widerstands gegen den Nationalsozialismus war, aber in keinem Zusammenhang mit den oben Genannten stand.
Der Name Rote Kapelle wurde der Gruppe von der deutschen militärischen Abwehr gegeben, die damit Menschen aus dem Widerstand bezeichnete, die (a) mit dem sowjetischen Geheimdienst zusammen arbeiteten („rot“) und (b) ein Funknetz benutzten (Musik-Kapelle). Außerdem unterstellte die Bezeichnung Kapelle, dass die Gruppe ausschließlich nach dem Taktstock eines Moskauer Dirigenten arbeitete. Bei der Aufdeckung der Gruppen ging die Abwehr von einer einzigen Organisation mit strenger Hierarchie und genauer Aufgabenverteilung aus. Dieser Blick setzt sich teilweise bis in die heutige Berichterstattung fort, dürfte aber falsch sein.
Besonders Harro-Schulze-Boysen gelang es, Freundschaften auch in anderen Gesellschaftsgruppen zu schließen. Dazu gehörten etwa ehemalige Schüler der Schule Insel Scharfenberg in Berlin Tegel, von denen viele von ihrem Elternhaus her kommunistisch und sozialdemokratisch geprägt waren. Zu diesen ehemaligen Schülern gehörten vor allem der Kommunist Hans Coppi. Weitere Mitglieder waren z.B. der Schriftsteller Adam Kuckhoff (als ältestes Mitglied), seine Frau Greta, Oberstingenieur Becker, Personen des Luftwaffengeneralstabs und Mitarbeiter in fast allen Ministerien. Auffällig ist die starke Beteiligung von Frauen (Greta Kuckhoff, Mildred Harnack-Fish, Libertas Schulze-Boysen, Hilde Coppi ), meist der Ehefrauen der ebenfalls aktiven Männer.
Ihre Haupttätigkeit bestand zunächst im Verteilen von Flugschriften und im Anbringen von Klebezetteln, besonders in Berlin und in der Sammlung von Berichten über Nazigräuel. Außerdem halfen Mitglieder der Gruppe Juden auf vielfältige Weise zu überleben: durch Verstecken, gefälschte Ausweise, Fluchthilfen. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion hörte Hilde Coppi heimlich Radio Moskau, wo deutsche Kriegsgefangene Lebenszeichen gaben und ließ diese von Heinrich Scheel an die Angehörigen weiterleiten, um so den Behauptungen zu widersprechen, die Rote Armee würde keine Gefangenen machen.
Darüber hinaus wurden auch immer wieder unterschiedliche Vorstellungen über eine Staatsordnung nach dem Ende des Nationalsozialismus diskutiert. Harnack und Schulze-Boysen, die schon während der Weimarer Republik die sowjetische Planwirtschaft als positives Gegenmodell zu der krisengeschüttelten freien Wirtschaft des Westens gesehen hatten, wollten planwirtschaftliche Elemente auch auf Deutschland übertragen und das Land politisch näher an die Sowjetunion binden, ohne dabei die Brücken nach Westeuropa abzubrechen.
Harro Schulze-Boysen ist außerdem Hauptautor zweier Flugschriften. Die sogenannte "Napoleondenkschrift" war ein scheinbar unpolitisches historisches Werk über den französischen Kaiser. Der Kenner konnte aber die Paralellen zu Hitler erkennen, auf die in der Schrift angespielt wurde. Der Untergang Napoleons nach dem Russlandfeldzug sollte dann andeuten, wie gefährdet das Regime war. Die Napoleonschrift wendet sich naturgemäß nur an einen kleinen Kreis von Kennern.
Der Adressatenkreis der sogenannten "Agisflugschrift" war breiter. (Agis war das altgriechische Pseudonym, mit der Schulze-Boysen die Schrift unterschrieb.) Sie begann mit den Worten "Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch des Volk..." In ihr wurde die Lage analysiert und politische Alternativen aufgezeigt. Diese Schrift wurde vervielfältigt und per Post an Lehrer und andere Multiplikatoren verschickt.
Als der Gruppe Planungen für den Überfall auf die Sowjetunion bekannt wurden, informierte sie die sowjetische Botschaft darüber. Weil die Botschaft nach einem Kriegsausbruch geschlossen würde, erhielt Schulze-Boysen vorher noch einen Sender, um mit dem NKWD in Kontakt bleiben zu können. Dieser Sender hat aber niemals funktioniert. Hans Coppi gelang am 26. Juni 1941 die Absetzung eines Probefunkspruchs mit nichtssagendem Inhalt (1000 Grüße allen Freunden). Die Moskauer Zentrale war besorgt über das Schweigen des Senders und bat einen Agenten in Belgien, Anatoli Gurewitsch alias Kent (von der GeStaPo auch "Petit Chef" genannt) am 26. August 1941 per Funk, nach Berlin zu reisen und Kuckhoff, Harnack und Schulze-Boysen aufzusuchen. Dieser Funkspruch, der auch die Adressen der Genannten enthielt, wurde von der Abwehr aufgefangen. Als er im Juli 1942 dechiffriert war, begann die Verhaftungswelle gegen die Rote Kapelle.
Die inhaftierten Mitglieder der Gruppe wurden vor dem Reichskriegsgericht angeklagt, das im Dezember des gleichen Jahres die ersten Todesurteile fällte.
Von den etwa 150 Mitgliedern wurden zwischen Herbst 1942 und Frühjahr 1943 126 zu Zuchthausstrafen oder zum Tode verurteilt. Ein Teil der Hinrichtungen wurden durch Enthauptung oder Erhängen vollzogen, um die Verurteilten einen möglichst schmählichen Tod sterben zu lassen. Zu diesem Zweck wurde in einem Raum der Haftanstalt Berlin-Plötzensee eigens ein Fleischerhaken an der Decke angebracht.
Am 15. September 1945 erstattete Adolf Grimme, der überlebte, weil seine Urheberschaft einzelner Flugblätter unentdeckt blieb, Anzeige gegen den NS-Richter Manfred Roeder wegen Beteiligung an den Urteilen gegen 49 Mitglieder der Roten Kapelle sowie Dietrich Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi u.v.a.. Das Verfahren wurde jedoch - sehr umstritten - eingestellt.
Aber auch hier war das Motiv der Informanten oft Widerstand gegen den Nationalsozialismus, wie das Beispiel des Legationsrates Rudolf von Scheliha beweist. Scheliha nutze seine Stellung im Auswärtigen Amt dazu, das Ausland über Naziverbrechen zu informieren, Juden zur Flucht zu verhelfen und Kontakt zur Sowjetunion aufzunehmen.
Die These, nach welcher die Rote Kapelle nie vollständig zerstört werden konnte, wird durch den Geheimdienst-Chef Walter Schellenberg in seiner - nicht unbedingt wahrheitsgemäßen - Autobiographie vertreten. Schellenberg zufolge wurden Sender (Musiker), deren Motiv nicht das Geld gewesen sei, in den Städten Paris, Brüssel, Kopenhagen, Stockholm, Budapest, Wien, Belgrad, Athen, Istanbul, Rom, Barcelona, Brüssel und Marseille zur Roten Kapelle gerechnet.
Schwarze Kapelle wurde ein Agentenring um Wilhelm Canaris genannt. Zuständige Gegenspieler auf Leben und Tod beider Kapellen waren Reinhard Heydrich, Ernst Kaltenbrunner sowie der Canaris-Nachfolger Walter Schellenberg.
Peter Weiss hat der Roten Kapelle in seinem Roman Die Ästhetik des Widerstands ein literarisches Denkmal gesetzt.
Die DEFA hat die Ereignisse verfilmt in KLK an PTX Die Rote Kapelle mit Horst Drinda und Horst Schulze in Hauptrollen.
Seit den 90er Jahren forscht die Gedenkstätte Deutscher Widerstand über die Schulze-Boysen/Harnack Gruppe. Durch biographische Untersuchungen gelang es nach und nach, die Legende vom kommunistischen Spionagering zu widerlegen.
Der evangelische Theologe Karl Barth hat die Rote Kapelle wegen ihrer Offenheit für Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten, ihrer Bemühungen zum Schutz von Juden und zur rechtzeitigen Aufklärung über Kriegspläne der Nazis zum Vorbild auch des kirchlichen Widerstands erklärt.
2003 erschien der Dokumentarfilm Die Rote Kapelle von Stefan Roloff.
Der Hagener Maler Carl Baumann (1912-1996) lernte während seines Studiums an der Akademie der bildenden Künste in Berlin Mitglieder der Widerstandsgruppe kennen. 1942 entstand das Bild "Rote Kapelle" -Tempera auf Nessel auf Holz - 75x96 cm. Das Gemälde hängt im Westfälischen Landesmuseum in Münster und zeigt Harry Schulze Boysen, Walter Küchenmeister und Kurt Schumacher. Im Hintergrund, die drei beobachtend, der Maler selbst. Es ist ein "Werk jener neuen Gegenständlichkeit, die in den dreißiger Jahren die "Neue Sachlichkeit" ablöste und manchmal Züge aufwies, wie sie dem magischen Realismus eigen waren." Kessemeier, Siegfried, Kunstwerk des Monats, Juli 1991, Carl Baumann
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