Rosa Luxemburg (*am 5. März 1871 als Rosalia Luxenburg in Zamość in Polen; † 15. Januar 1919 in Berlin) war eine bedeutende Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung und entschiedene proletarische Internationalistin. Rosa Luxemburg.jpg Sie wirkte vor allem in der polnischen und deutschen Sozialdemokratie als marxistische Theoretikerin und engagierte Antimilitaristin. Gegen die Kriegsbeteiligung der SPD gründete sie 1914 die „Gruppe Internationale“ und leitete dann mit Karl Liebknecht den daraus hervorgehenden Spartakusbund. Als politische Autorin verfasste sie zahlreiche zeitkritische Aufsätze und ökonomische Analysen: vor 1914 u.a. in der „Leipziger Volkszeitung“, bis 1918 auch in Haft und danach als Herausgeberin der Zeitung „Die Rote Fahne“. Ende 1918 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der KPD, deren erstes Parteiprogramm sie überwiegend verfasste. Im Gefolge des gescheiterten Spartakusaufstands wurde sie unter nicht restlos geklärten Umständen zusammen mit Karl Liebknecht von Freikorps-Soldaten ermordet.
Ihre theoretische und praktische Arbeit für den Sozialismus, die internationale Solidarität der Arbeiterklasse, gegen Militarismus und Krieg wirkte weit über ihre Zeit und die Grenzen Deutschlands hinaus.
Nach dem Umzug der Familie nach Warschau besuchte sie dort seit 1880 das Zweite Mädchengymnasium. Noch in der Schulzeit engagierte sie sich ab 1886 in der polnischen Linkspartei „Proletariat“. Diese war 1882 gegründet worden und hatte schon ein Jahr darauf als erste der europäischen Arbeiterparteien einen Massenstreik organisiert. Daraufhin wurden vier ihrer Anführer hingerichtet und die Partei aufgelöst. Nur im Untergrund konnten einige Teilgruppen weiterarbeiten. Einer von ihnen schloss sich Rosa Luxemburg an.
1888 machte sie das Abitur mit Auszeichnung. Im Folgejahr drohte ihr die Verhaftung wegen ihrer Zugehörigkeit zum „Proletariat“. Auf Anraten ihrer Parteigenossen floh sie nach Zürich in die Schweiz, dem damaligen Exil vieler russischer und polnischer Intellektueller. Dort beteiligte sie sich sofort an örtlichen Arbeiter- und Emigrantengruppen und gewann rasch einen Ruf als führende Theoretikerin der polnischen Arbeiterbewegung. Sie studierte an der Universität Zürich Philosophie, Geschichte, Politik, Ökonomie und Mathematik zugleich. Ihre Schwerpunkte waren Staatswissenschaften (heute: Volkswirtschaftslehre und Politologie), Mittelalter, Wirtschafts- und Börsenkrisen.
1893 gründete sie gemeinsam mit Leo Jogiches und Julian Marchlewski die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Polens und Litauens (SDARP) als revolutionäre Alternative zur bestehenden Polnischen Sozialistischen Partei (PPS). Diese strebte Polens Unabhängigkeit und seine Umwandlung in eine bürgerliche Demokratie an. Rosa Luxemburg griff diesen Nationalismus in der Pariser Exilzeitung Sprawa Robotnicza („Arbeitersache“) scharf an und vertrat dagegen, dass Polen nur durch eine Revolution in Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland unabhängig werden könne. Vorrang müsse der Kampf gegen Monarchie und Kapitalismus in ganz Europa haben. Deren Überwindung sei die Vorbedingung für das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Diese Überzeugung war Teil ihres späteren Streits mit Lenin, der die polnische und andere nationale Befreiungsbewegungen als Vorstufe zum Sozialismus ansah und fördern wollte.
1897 promovierte sie in Zürich summa cum laude zum Thema Polens industrielle Entwicklung.
Rosa Luxemburg vertrat dagegen eine konsequent marxistisch-revolutionäre Haltung. Sie wurde aufgrund ihrer scharfen Rhetorik und ihrer analytischen Fähigkeiten rasch zur Wortführerin des linken Parteiflügels. In dieser Rolle griff sie 1899 mit einer Artikelserie in der angesehenen Leipziger Volkszeitung in die sogenannte Revisionismus-Debatte ein. Eduard Bernstein vertrat damals die These, dass Interessenausgleich und soziale Reformen die Auswüchse des Kapitalismus mildern und von allein zum Sozialismus führen würden, so dass die SPD sich auf parlamentarische Mittel beschränken könne. Dagegen bestand Rosa Luxemburg darauf, dass kommende Wirtschaftskrisen den Gegensatz von Kapital und Arbeit zuspitzen würden, so dass Sozialismus nur durch eine Machtübernahme des Proletariats und eine revolutionäre Umgestaltung der Produktionsverhältnisse zu erreichen sei. Wegen ihrer Abkehr vom Parteiziel forderte sie den Ausschluss der Revisionisten aus der SPD. Dieser unterblieb, aber die Parteiführung unter August Bebel und Karl Kautsky behielt den Marxismus in ihrem Programm. Praktisch aber verfolgte sie einen reformistischen Kurs und versuchte vor allem, ihre Reichstagsfraktion zu vergrößern.
Von nun an war Rosa Luxemburg reichsweit als scharfzüngige intelligente Gegnerin der Revisionisten bekannt, geachtet und zum Teil auch gefürchtet. Als erste Frau übernahm sie die Chefredaktion der „Leipziger Volkszeitung“. Doch nachdem sie einen Redakteur des SPD-Parteiblatts „Vorwärts“ angegriffen hatte und von Intrigen gegen sich erfuhr, trat sie zurück. Sie wollte sich den autoritären, von Männern dominierten Machtstrukturen in der SPD nicht beugen. Fortan nahm sie in zahlreichen Artikeln und Parteigremien zu aktuellen ökonomischen und sozialpolitischen Problemen in allen Staaten Europas Stellung. Da sie den kommenden Krieg der europäischen Großmächte voraussah, griff sie immer stärker den deutschen Militarismus und Imperialismus an und versuchte, ihre Partei zu einem energischen Gegenkurs zu verpflichten.
Im Reichtagswahlkampf 1903 sagte sie öffentlich vor einer Menge über Kaiser Wilhelm II.: Der Mann, der von der guten und gesicherten Existenz der deutschen Arbeiter spricht, hat keine Ahnung von den Tatsachen. Darum wurde sie 1904 wegen „Majestätsbeleidigung“ zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, von denen sie sechs Wochen verbüßen musste.
1905 reiste sie unter falschem Namen nach Polen, um die SDARP zur Teilnahme an der ersten russischen Revolution zu bewegen. Sie wurde verhaftet und ausgewiesen. Im folgenden Jahr wurde sie wegen Anreizung zum Klassenhass erneut zu zwei Monaten Haft verurteilt.
Um die „internationale Solidarität der Arbeiterklasse“ gegen den Krieg einzuüben, forderte sie nun energisch von der SPD die Vorbereitung des Generalstreiks nach polnisch-russischem Vorbild („Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ 1906). Zugleich setzte sie ihr internationalistisches Engagement fort und nahm 1907 mit Leo Jogiches, ihrem damaligen Lebenspartner, am 5. Parteitag der russischen Sozialdemokraten in London Teil. Dort lernte sie Lenin kennen. Beim folgenden Kongress der Zweiten Internationale in Stuttgart brachte sie eine Resolution ein, die gemeinsames Handeln aller europäischen Arbeiterparteien gegen den Krieg vorsah. Diese wurde angenommen.
Nun begann sie als Dozentin für Marxismus und Ökonomie an der SPD-Parteischule in Berlin zu lehren. Einer ihrer Schüler war der spätere SPD-Vorsitzende und erste Präsident der Weimarer Republik, Friedrich Ebert.
Als die SPD sich beim Aufstand der Herero und Nama klar gegen die imperialistische Politik des Kaiserreichs aussprach, verlor sie bei den angesetzten Neuwahlen 1907 (den so genannten Hottentotten-Wahlen) rund ein Drittel ihrer Reichtagssitze. Doch den Generalstreik als politisches Kampfmittel lehnten SPD- und Gewerkschaftsführung weiterhin strikt ab. Darüber zerbrach 1910 Rosa Luxemburgs Freundschaft mit Karl Kautsky.
Luxemburg_Ilmenau.JPG]] 1912 reiste sie als Vertreterin der SPD zu europäischen Sozialistenkongressen, u.a. in Paris. Mit dem französischen Sozialisten Jean Jaurès sorgte sie dafür, dass die europäischen Arbeiterparteien sich feierlich verpflichteten, beim Kriegsausbruch zum Generalstreik aufzurufen. Als der Balkankrieg 1913 fast schon den Weltkrieg auslöste, organisierte sie Demonstrationen gegen den Krieg. In Frankfurt am Main rief sie eine Menge von Hunderttausenden zu Kriegsdienst- und Befehlsverweigerung auf. Daher wurde sie der Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Anordnungen der Obrigkeit angeklagt und 1914 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Vor dem Haftantritt konnte sie Ende Juli noch an einer Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros teilnehmen. Dort erkannte sie ernüchtert: Auch in den europäischen, vor allem den deutschen und französischen Arbeiterparteien war der Nationalismus stärker als das internationale Klassenbewusstsein.
Am 4. August 1914 reagierte die Reichstagsfraktion der SPD auf die Kriegserklärung des Deutschen Reichs vom Vortag und beschloss einstimmig die Kriegskredite. Zugleich versprach die Partei dem Kaiser einen Streik- und Lohnverzicht während des Krieges. Mit diesem „Burgfrieden“ wollte man einem erneuten Parteiverbot als „Vaterlandsverräter“ entgehen und den mühsam erkämpften Einfluss im Reichstag bewahren. Rosa Luxemburg erlebte diesen offenen Bruch der Vorkriegsbeschlüsse als persönliche Katastrophe und dachte kurze Zeit sogar an Selbstmord. Aus ihrer Sicht hatte der Opportunismus, den sie immer bekämpft hatte, gesiegt und das Ja zum Krieg nach sich gezogen.
Am 5. August gründete sie mit Karl Liebknecht und einigen anderen Parteilinken, darunter Franz Mehring und Clara Zetkin, die „Gruppe Internationale“. Daraus ging 1916 der reichsweite „Spartakusbund“ hervor, dessen „Spartakusbriefe“ Luxemburg mit Liebknecht zusammen herausgab. Darin sammelten sich die entschiedensten Kriegsgegner der SPD, die deren Stillhaltepolitik vehement ablehnten. Sie versuchten, die Partei zur Rückkehr zu ihren Vorkriegsbeschlüssen zu bewegen und ihr den Generalstreik für Frieden und das Ziel der internationalen proletarischen Revolution nahe zu bringen. In der späteren Novemberrevolution nahm die Gruppe bewusst den Namen des Sklavenanführers Spartacus im antiken römischen Reich an.
Im Dezember 1914 lehnte Karl Liebknecht als zunächst einziger SPD-Reichstagsabgeordneter gegen die Fraktionsdisziplin weitere Kriegskredite ab. Er wurde bald darauf zum Kriegsdienst eingezogen. Rosa Luxemburg musste 1915 ihre Haftstrafe in Berlin antreten. Als sie ein Jahr später entlassen wurde, wurde sie schon drei Monate später wieder, dieses Mal zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Juli 1916 begann ihre „Sicherheitsverwahrung“. Sie wurde zweimal verlegt, zuerst nach Posen, dann nach Breslau. Auch Liebknecht war nun als Hochverräter inhaftiert, nachdem er am 1. Mai 1916 auf einer Antikriegsdemonstration eine Rede gehalten hatte.
Auch im Gefängnis setzte Rosa Luxemburg ihr politisches Engagement fort und verfasste einige Aufsätze, die ihre Freunde herausschmuggelten und illegal veröffentlichten: darunter Die Krise der Sozialdemokratie unter dem Pseudonym Junius (erschienen Juni 1916). Darin rechnete sie mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und der Rolle der SPD darin ab, deren reaktionäres Wesen der Raubkrieg offenbart habe. Lenin kannte diese Schrift und antwortete sofort darauf, ohne zu ahnen, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg.
Berühmt wurden auch ihre sehr persönlichen Briefe aus dem Gefängnis an ihre Freundinnen Mathilde Jacob und Sonja Liebknecht.
Im Frühjahr 1917 weckte der Sturz des Zaren in Russland zunächst Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende. Doch die „Menschewiki“ setzten den Krieg gegen Deutschland fort. Dort kam es im März in vielen Städten zu monatelangen Protesten und Massenstreiks: zuerst gegen Mangelwirtschaft, dann gegen Lohnverzicht und schließlich gegen Krieg und Monarchie.
Im April 1917 griffen die USA in den Krieg ein. Nun gründeten die Kriegsgegner, die aus der SPD ausgeschlossen worden waren, die USPD, die rasch Zulauf gewann. Obwohl der Spartakusbund die Parteispaltung bis dahin abgelehnt hatte, trat er der neuen Linkspartei nun bei. Er behielt aber seinen Gruppenstatus, um weiterhin für konsequente Revolution zu werben.
Während die SPD unter Friedrich Ebert im Reichstag erfolglos versuchte, die Oberste Heeresleitung zu Friedensverhandlungen mit US-Präsident Wilson zu gewinnen, ermöglichte diese Lenin die Durchreise aus seinem Schweizer Exil nach Sankt Petersburg. Dort gewann er die Führung der Bolschewiki und bot den Russen sofortigen Separatfrieden mit Deutschland an. Im Oktober gewannen die Bolschewiki damit eine Mehrheit im Volkskongress, doch nicht in der Duma, dem russischen Nationalparlament. Sie besetzten es, lösten es auf und setzten die Arbeiterräte (Sowjets) als Regierungsorgane ein.
Rosa Luxemburg ließ sich fortlaufend über diese Ereignisse informieren und schrieb dazu den Aufsatz Zur russischen Revolution:Originaltext Zur russischen Revolution Darin begrüßte sie Lenins Umsturzversuch, kritisierte aber zugleich scharf seine Strategie und warnte vor einer Diktatur der Bolschewiki. In diesem Zusammenhang formulierte sie den berühmten Satz: Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden. Ihre Kritik an Lenin wurde jedoch erst posthum 1922 von ihrem Freund Paul Levi veröffentlicht (Werke, Bd. 4, S. 359). - Trotz ihrer Vorbehalte rief sie nun unermüdlich zu einer deutschen Revolution nach russischem Vorbild auf und forderte eine „Diktatur des Proletariats“. Sie grenzte diesen Begriff aber gegen Lenins Parteikonzept ab und verstand darunter die demokratische Eigenaktivität der Arbeiter im Revolutionsprozess, Betriebsbesetzungen, Selbstverwaltung und politische Streiks bis zur Verwirklichung sozialistischer Produktionsverhältnisse.
Während sich immer mehr Deutsche nach Frieden sehnten und den Krieg nicht mehr mitzutragen bereit waren, setzte die Frühjahrsoffensive der Obersten Heeresleitung (OHL) unter General Erich Ludendorff nochmals auf einen „Siegfrieden“. Sie endete am 8. August mit dem Durchbruch der Entente an der Westfront. Daraufhin wurden Regierung und Verfassung auf Verlangen der OHL am 5. Oktober umgebildet: Der Reichstag wurde erstmals daran beteiligt, Max von Baden wurde Reichskanzler, die SPD trat mit einem Minister in die Regierung ein und diese bat die Entente um Waffenstillstandsverhandlungen. Doch die Spartakisten sahen die Verfassungsänderung als Täuschungsmanöver zur Abwehr der kommenden Revolution und stellten nun reichsweit ihre Forderungen nach einem grundlegenden Umbau der Gesellschafts- und Staatsordnung.
Nachdem der Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution ausgelöst, diese am 9. November Berlin erreicht und Kaiser Wilhelm II. zur Flucht gezwungen hatte, wählte der neu einberufene Berliner Rätekongress („Zirkus Busch“) am 10. November 1918 den sechsköpfigen „Rat der Volksbeauftragten“ mit je drei Vertretern von SPD und USPD als Übergangsregierung. Zu deren Kontrolle wurde ein ebenfalls paritätisch besetzter „Vollzugsrat“ aus 46 Räten gebildet. Außerdem wurde ein Reichsrätekongress geplant, der eine neue Verfassung und Wahlen vorbereiten sollte. Die Umwandlung des Reiches in eine sozialistische Demokratie wurde als Vorlage für dieses Revolutionsparlament beschlossen.
Am selben Tag traf Rosa Luxemburg, die zwei Tage zuvor aus der Breslauer Haft entlassen worden war, in Berlin ein. Der ebenfalls befreite Karl Liebknecht hatte bereits den Spartakusbund reorganisiert. Beide gaben dann gemeinsam die Zeitung „Rote Fahne“ heraus, um täglich auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen. In einem ihrer ersten Artikel forderte Rosa Luxemburg über die Amnestie für alle politischen Gefangenen hinaus die Abschaffung der Todesstrafe.
Ebert wollte den geplanten Reichsrätekongress verhindern und beorderte dazu zusätzliches Militär nach Berlin. Bereits am Abend des 10. November hatte er sich heimlich mit Ludendorffs Nachfolger General Wilhelm Groener auf eine Zusammenarbeit gegen die Revolutionäre verständigt. Am 6. Dezember kam es zu ersten Schießereien. Vier Tage später zog die Garde-Kavallerie-Schützendivision in Berlin ein. Rosa Luxemburg vermutete früh Eberts Bestreben, Reichswehreinheiten gegen Berliner Arbeiter einzusetzen. Sie forderte nun alle Macht für die Räte, die möglichst gewaltlose Entwaffnung und die Umerziehung der heimgekehrten Soldaten. Der Reichsrätekongress fand vom 16. bis zum 20. Dezember ohne die Spartakisten statt. Eine Mehrheit stimmte dort für parlamentarische Wahlen und die Selbstauflösung der Arbeiterräte. Aber man setzte auch eine Kontrollkommission für das Militär und eine „Sozialisierungskommission“ ein, um das Regierungsprogramm noch vor den Wahlen umzusetzen und die vielfach geforderte Enteignung kriegswichtiger Großindustrie zu beginnen.
Bei Eberts Versuch, den Berliner Vollzugsrat zu entmachten und die arbeiterfreundliche Volksmarinedivision aufzulösen, kam es am 24. Dezember erneut zu Schießereien. Daraufhin verließ die USPD fünf Tage später die Übergangsregierung. Nun beauftragte Ebert Gustav Noske mit der Aufstellung von weiteren Freikorps. Dieser zog immer mehr Militär um Berlin zusammen.
Am 1. Januar 1919 gründeten die Spartakisten und andere linkssozialistische Gruppen aus dem ganzen Reich die KPD. Rosa Luxemburg verfasste deren Programm und trug es auf der Abschlussversammlung der Delegierten vor. Darin betonte sie, dass Kommunisten die Macht niemals ohne erklärten mehrheitlichen Volkswillen ergreifen könnten und würden. Ihre Empfehlung, an den kommenden Parlamentswahlen teilzunehmen, wurde jedoch mehrheitlich abgelehnt. Das Programm endete mit dem Aufruf: Auf Proletarier! Zum Kampf! Es gilt eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen. In diesem letzten Klassenkampf der Weltgeschichte um die höchsten Ziele der Menschheit gilt dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!
Am 5. Januar begann der eine Woche dauernde sogenannte „Spartakusaufstand“, der den Linken die entscheidende Niederlage im Revolutionsverlauf beibrachte. Nachdem die SPD-Regierung den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, ein USPD-Mitglied, abgesetzt hatte, besetzten Arbeiter, die USPD und KPD nahe standen, das Berliner Zeitungsviertel, um zum Generalstreik und zu Eberts Sturz aufzurufen. Waffen wurden ausgegeben und Straßen verbarrikadiert. Karl Liebknecht trat in den „Revolutionsausschuss“ ein. Zwei Tage lang wurde das Vorgehen beraten und vergeblich versucht, einige Berliner Regimenter für das eigene Vorhaben zu gewinnen. Die USPD-Vertreter verhandelten mit Ebert, bis bekannt wurde, dass der „Vorwärts“ zur „Stunde der Abrechnung“ aufrief. Dann brach man die Gespräche ab. Daraufhin setzte Ebert die Reichswehr und die Freikorps gegen die Aufständischen ein. Hunderte von ihnen wurden erschossen: darunter auch viele Unbewaffnete, die sich schon ergeben hatten.
Rosa Luxemburg hatte vor diesen Folgen gewarnt und Liebknecht wegen dieses verfrühten und dilettantischen Aufstandsversuchs scharf kritisiert. Die Spartakusführer mussten nun untertauchen. In Flugblättern war schon seit Anfang Dezember 1918 zum Mord an ihnen aufgerufen worden. Der Großindustrielle Eduard Stadtler hatte damals eine „Antibolschewistische Liga“ gegründet, für die mehrere Industrieverbands-Chefs, darunter auch Hugo Stinnes, am 10. Januar 1919 je fünf Millionen Reichsmark spendeten. Davon wurden u.a. die Anwerbung und Ausrüstung der Freikorps sowie Belohnungen zur Festsetzung und Ermordung von Spartakisten bezahlt.
In ihren letzten Lebenstagen ging es Rosa Luxemburg gesundheitlich sehr schlecht. Aber trotz starker Schmerzen setzte sie ihren täglichen Einsatz für einen Erfolg der Revolution fort. In ihrer letzten Veröffentlichung in der „Roten Fahne“ bekräftigte sie nochmals ihr unbedingtes Vertrauen auf das Volk, das aus seinen Niederlagen lernen könne und die künftige Revolution zum Sieg führen werde.
Am 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Wilmersdorf entdeckt, festgenommen und der Garde-Kavallerie-Schützendivision übergeben. Sie wurden im Hotel Eden verhört und schwer misshandelt. Wahrscheinlich nach Rücksprache mit Noske und der Heeresführung ließ der Kommandant Waldemar Pabst sie anschließend ermorden. Der am Seitenausgang bereitstehende Jäger Otto Wilhelm Runge schlug Rosa Luxemburg beim Abtransport mit einem Gewehrkolben nieder: Dies sollte als spontanes Attentat „aus der Menge“ wirken. Der Leutnant Hermann Souchon erschoss sie dann während der Fahrt mit einem aufgesetzten Schläfenschuss. Ihre Leiche wurde in den Berliner Landwehrkanal geworfen und dort erst am 1. Juni 1919 aufgefunden. Am 13. Juni wurde sie neben dem Grab von Karl Liebknecht auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt.
stele luxemburg.jpg Den Versuch der Generäle Kapp und Lüttwitz, eine rechtsgerichtete Militärdiktatur zu errichten, konnte ein Generalstreik 1920 noch einmal vereiteln und damit die Demokratie retten. Danach gewann die reaktionäre Rechte immer mehr die Oberhand. Politische Morde gegen als links oder liberal geltende Politiker waren an der Tagesordnung.
In diesem Klima wurden zwar einige der Täter des 15. Januar 1919 vor Gericht gestellt, aber ihre Prozesse wurden verschleppt und gegen geringe Strafen eingestellt. Die Mörder kamen – wie viele rechtsgerichtete Straftäter damals – nahezu ungeschoren davon. Die möglichen Auftraggeber wurden nicht einmal verfolgt, zumal Noske selbst die Strafverfolgung der Täter einstellen ließ. Eberts Geheimpakt mit Groener wurde durch Groeners eigene Aussage im Dolchstoßprozess 1925 aufgedeckt; ob Ebert außerdem der Ermordung der Spartakisten zugestimmt hatte, blieb ungeklärt.
Nach Adolf Hitlers Machtergreifung gewährten die Nationalsozialisten den verurteilten Mördern Rosa Luxemburgs Amnestie und Haftentschädigung. Ihr Anführer Pabst ging straffrei aus. Nach einer Zeit des Exils in der Schweiz kehrte er in die Bundesrepublik Deutschland zurück. Er starb 1970. In seinem Nachlass fand sich ein Tagebuch mit folgendem Eintrag:
Schon in einem Spiegel-Interview von 1962 hatte Pabst erklärt, Noske habe seine Morde erlaubt, Ebert habe dies und die ausbleibende Strafverfolgung danach gedeckt. Der frühere Chef des Verfassungschutzes Günther Nollau hat versichert, Pabst habe ihm gegenüber die Mordaufträge gestanden. Ob dies eine Schutzbehauptung war, ist umstritten.
Rosa Luxemburg vertrat entschieden die Ideen des Kommunistischen Manifests von Karl Marx. Sie fasste sein Denken jedoch nicht dogmatisch, sondern höchst kritisch auf:
„Marxismus ist eine revolutionäre Weltanschauung, die stets nach neuen Erkenntnissen ringen muss, die nichts so verabscheut wie das Erstarren in einmal gültigen Formen, die am besten im geistigen Waffengeklirr der Selbstkritik und im geschichtlichen Blitz und Donner ihre lebendige Kraft bewahrt.“
In zwei Aufsätzen über Marx aktualisierte sie seine Grundideen ganz verschieden. Für die Marx-Biografie von Franz Mehring von 1901 schrieb sie eine höchst anschauliche Zusammenfassung des „Kapital“. Darin erklärte sie
Rosa Luxemburgs Hauptwerk ist „Die Akkumulation des Kapitals“ von 1913. Darin analysierte sie die Bedingungen des vom Imperialismus beherrschten kapitalistischen Weltmarkts, um das Entstehen ökonomischer Krisen besser als Marx zu erklären. Als Parteidozentin schrieb sie seit 1907, dann 1916 in Haft auch eine allgemeinverständliche „Einführung in die Nationalökonomie“, die posthum 1925 erschien. Aufgrund ihrer selbstkritischen, eigenständigen und scharfsichtigen Analysen gilt Rosa Luxemburg besonders seit dem Fall der Sowjetunion als eine, wenn nicht die legitime Vertreterin genuin marxistischen Denkens, die es zugleich originär weiterentwickelt hat.
Rosa Luxemburgs Broschüre Sozialreform oder Revolution fasste ihre Antwort darauf zusammen:
Diese Sätze, die die kommende Entwicklung präzise voraussahen, kränkten damals viele Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre, die sich Anerkennung durch Anpassung im Kaiserreich und Stimmengewinne durch Verzicht auf Revolution erhofften. Rosa Luxemburg stellte die Umwälzung der Produktionsverhältnisse damit nicht gegen den Alltagskampf für bessere Lebensbedingungen, sondern vertrat ein Ineinandergreifen von Reform und Revolution im proletarischen Selbstbefreiungskampf. Reformen sollten auch das politische Bewusstsein der Arbeiter bilden und die Vereinnahmung der SPD zum Klassenerhalt des Bürgertums verhindern.
Denn die Menschewiki wollten wie deutsche und französische Sozialdemokraten weiter Vorteile für ihr Land erobern. Aber weil das städtische Industrieproletariat in Russland viel weniger ausgeprägt war als das rückständige ländliche Kleinbauertum, hielt Rosa Luxemburg wie Lenin eine analoge deutsche Revolution für unabdingbar, um mit dem Kriegsende zugleich die Voraussetzungen für den Sozialismus in beiden Ländern zu schaffen. Dazu wollte sie die gesamteuropäische Arbeiterbewegung nach Kräften praktisch zusammenführen. Um den Separatfrieden durchzusetzen, löste Lenin das russische Parlament – die Duma – zunächst auf. Er hielt freie Diskussion und Meinungsvielfalt ohnehin für „bürgerliche“ Relikte, die die „Diktatur des Proletariats“ (sprich: die Alleinherrschaft seiner Partei) überwinden sollte. Rosa Luxemburg bejahte seinen Umsturzversuch, erkannte aber, dass er nicht nur andere Parteien, sondern auch Demokratie in der eigenen Partei zu unterdrücken begann. Dies bedrohte die unbedingt nötige Mitwirkung und Führung der Arbeiter beim Aufbau des Sozialismus. Darum kritisierte sie kurz nach der Oktoberrevolution die Tendenz der Bolschewiki zur Diktatur mit den berühmten Sätzen:
Doch stellte sie diese Gefahr in den historischen Kontext und erklärte sie aus dem „völlige(n) Versagen des internationalen Proletariats“ – vor allem der SPD – gegenüber dem imperialistischen Krieg (Fragment über Krieg, nationale Frage und Revolution, GW 4, S. 334). Trotz aller nötigen und berechtigten Kritik bleibe es Lenins Verdienst, die Revolution gewagt zu haben. Damit habe er den welthistorischen Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital international aufgerissen und bewusst gemacht (ebd., S. 366). Nunmehr werde es zur „geschichtlichen Verantwortung“ der deutschen Arbeiter, ebenfalls aufzustehen, um den Krieg zu beenden (ebd., S. 374). Darum begrüßte sie die deutschen Januarstreiks für Frieden enthusiastisch und versuchte den Deutschen deren latentes historisches Ziel, den internationalen Sozialismus, aus dem Gefängnis heraus bewusst zu machen.
Als die deutsche Novemberrevolution den Kaiser entmachtet hatte, agitierte sie sofort wieder für die proletarische Revolution:
Nach der Entmachtung des „Vollzugsrats“ durch Ebert forderte sie die Arbeiter- und Soldatenräte am 10. Dezember 1918 zur Machtübernahme auf. Die Räterepublik sei das natürliche Programm der Revolution. Doch vom Soldaten – dem „Gendarmen der Reaktion“ – zum revolutionären Proletarier sei noch ein weiter Weg. Das Militär, das bisher dem „Vaterland“ diente, müsse erst noch lernen, seine Macht dem Gemeinwohl unterzuordnen, und dazu der politischen Kontrolle der Arbeiterräte unterstellt werden.
Eberts Geheimpakt mit Reichswehrgeneral Groener verhinderte dies in den Weihnachtsunruhen. Daraufhin gründeten die radikalen linken Gruppen die KPD. Rosa Luxemburg warb erfolglos für deren Teilnahme an den Wahlen zum Weimarer Reichstag, um auch dort auf Fortsetzung der Revolution hinzuwirken. Denn „Demokratie“ und „Sozialismus“ waren für sie letztlich dasselbe:
In diesem revolutionären Lernprozess trieben Spontaneität und Organisation der Arbeiterklasse sich gegenseitig vorwärts. Beide sind für Rosa Luxemburg untrennbare „Momente“ desselben Prozesses, die einander bedingen. Denn ungeplante Aktionen – z.B. wilde Streiks gegen Lohnkürzungen – reagierten auf aktuelle Herausforderungen. In diesem elementaren Kampf würden die Arbeiter allmählich die historischen Aufgaben und Ziele ihrer Klasse erkennen. Diese Einsicht werde ihren Kampf wiederum auf eine höhere Stufe heben und zur Bildung von Organisationen führen, z.B. Gewerkschaften. Diese würden ihr Handeln auf langfristig geplante Ziele hin orientieren und bündeln, z.B. Tarifverträge. Die darin enthaltene Tendenz zur Überwindung der Ausbeutung bewusst zu machen und zu fördern, sei Aufgabe der Arbeiterpartei. Sie könne sich dabei nicht von der Eigenaktivität der Arbeiter abkoppeln:
Rosa Luxemburg glaubte also: Ohne Organisation hätten spontane Streiks nur vorübergehend Erfolg, aber keine dauerhafte, die Gesellschaft insgesamt verändernde Kraft und Wirkung. Ohne Eigenaktivität der Arbeiter würden deren Organisationen ihre Stoßrichtung, das politische Ziel des Sozialismus, ebenfalls bald wieder verlieren. Anders als Engels, Kautzky und Lenin sah sie die Arbeiterpartei nicht als reine Wahlpartei noch elitäre Kaderpartei, die aus der „wissenschaftlichen“ Einsicht in den Geschichtsverlauf folgt:
Die Partei soll das Proletariat also nicht „vertreten“ oder „führen“, sondern nur seine „Vorhut“ sein. Sie war für Rosa Luxemburg unmöglich von dessen teils spontaner, teils organisierter Eigenbewegung zu trennen, sondern ging aus ihr hervor und drückte sie bewusst aus. Sie habe den Arbeitern nur die Einsicht in die Notwendigkeit des Sozialismus voraus, aber nicht die Mittel, diesen ohne sie zu realisieren. Sie könne die Revolution nicht planen und erzwingen, wenn die Arbeiter nicht selbst dazu bereit, fähig und reif seien. Ihre Aufgabe sei es also, das Bewusstsein der Arbeiter über ihre historische Mission zu schulen, bis sie selbstständig fähig seien, die Produktionsverhältnisse umzuwälzen.
Rosa Luxemburgs marxistische Klassenkampftheorie entstand ihrerseits in Folge realer Prozesse: Um 1900 brachen in Europa, besonders in Russland und Polen immer mehr und größere Massenstreiks aus. Sie führten zur russischen Revolution von 1905, in deren Verlauf der Zar dem Volk demokratische Rechte wie die Gründung eigener Parteien zugestehen musste. Diese wiederum bereiteten die nächste Revolution vor, die 1917 den Zaren stürzte. Rosa Luxemburg versuchte, diese Kampferfahrungen für die deutschen Arbeiter fruchtbar zu machen. Darum verlangte sie seit 1905 von der SPD die entschlossene Vorbereitung des politischen Generalstreiks. Mit dieser Verkoppelung von politischer Parteiorganisation und betrieblicher Arbeiterbildung wollte sie zweierlei abwehren:
Die SED warf Rosa Luxemburg stets 'Spontaneismus' vor, der angeblich zum Scheitern der Novemberrevolution beitrug. Doch die Selbstorganisation der Räte sollte die Arbeiterparteien stärken, damit sie das Gesamtinteresse des Proletariats immer wirksamer durchsetzen können. Verlieren sie – wie die SPD und später die Bolschewiki – den Kontakt zu ihrer Basis, mussten sie nach Luxemburgs Ansicht zwangsläufig scheitern.
Doch sie glaubte daran, dass die inneren Widersprüche des Kapitalismus, der Gegensatz von Kapital und Arbeit, immer wieder die proletarische Revolution auf die politische Tagesordnung setzen würden. Diese selbst, nicht die Partei, werde die Massen zu Revolutionären schulen: Nur im Vertrauen darauf könnten die Arbeiterparteien ihre kurz- und langfristigen Ziele bestimmen und erreichen.
So schrieb sie in der „Roten Fahne“ vom 21. Dezember 1918:
Guy Debord kommentierte dies in „Die Gesellschaft des Spektakels“ wie folgt:
Darum müssten die Arbeiter den direkten Klassenkampf in der bürgerlichen Demokratie unbedingt fortsetzen: je nach den Umständen in Parlamenten, aber auch gegen sie oder beides zugleich. Tatsächlich verhinderte 1920 nur ein Generalstreik noch einmal eine rechte Militärdiktatur: Doch dann war die Arbeiterbewegung in zwei verfeindete Lager gespalten, die sich gegenseitig mehr als den gemeinsamen Gegner bekämpften. So konnte die Rechte in Gestalt Paul von Hindenburgs und Adolf Hitlers zuletzt die Demokratie abschaffen.
Rosa Luxemburgs letzter Satz spielt auf den Gottesnamen JHWH in der Hebräischen Bibel an (Ex 3,14) und zitiert damit den 1848er Revolutionär Ferdinand Freiligrath, der die Revolution ebenso als wiederkehrenden „roten Faden" der Geschichte würdigte. Ihre damit verbundene Kritik an der Führung betraf nicht nur Ebert, sondern auch Hugo Haase (USPD) und Liebknecht (KPD), deren Besetzungsaktion im Januar 1919 miserabel geplant war. Eine riesige Menge wartender Demonstranten war damals bereit, die anrückenden Soldaten zu blockieren und zu entwaffnen, wurde aber von den Besetzern nicht einbezogen.
Rosa Luxemburg glaubte nicht an einen Determinismus der internationalen Revolution im Gefolge der Verelendung und des Zusammenbruchs des Kapital-Herrschaft durch den Krieg. Scheitert der Sozialismus, dann – das sah sie klar voraus – drohe der Menschheit ein Rückfall in unvorstellbare Barbarei. Das Bewusstsein dieses Entweder-Oder war die entscheidende Triebfeder ihres Handelns: Nichts werde sich „von allein“ zum Guten ändern! Dabei hielt sie Rückschläge und Niederlagen des arbeitenden Volkes für dessen Lernprozess für besonders wichtig: Gerade sie könnten das historische Bewusstsein für die unvermeidbare Notwendigkeit der Revolution schärfen. Nicht erst der „Endsieg“, sondern schon der immer neue Versuch, ihn herbeizuführen, sei daher der „Stolz“ der Arbeiterbewegung.
Rosa Luxemburg vertraute also der ständigen Lernfähigkeit arbeitender Menschen, ihrer unzerstörbaren Fähigkeit, ihre Geschichte selbst zu bestimmen und zu einem Ziel zu führen, das alle, nicht nur eine Minderheit, vom Joch der Klassenherrschaft befreit. Dieses Vertrauen schöpfte sie aus den realen historischen Anläufen und sozialen Bewegungen zu einer gerechten Weltgesellschaft.
Ihnen fehlte jedoch eine parteipolitisch wirksame Organisation. Die Spartakisten versuchten USPD und Rätebewegung unter dem Druck der Illegalität rechtzeitig auf gemeinsames revolutionäres Handeln hin zu orientieren. Doch in der deutschen Novemberrevolution wirkten Spontaneität und Organisation nicht aufeinander abgestimmt, so dass nur die Monarchie gestürzt und eine bürgerliche Republik begründet wurde, die damals mögliche Vergesellschaftung der Produktionsmittel aber ausblieb.
Die Morde an den beiden Spartakusführern gehören zu den wohl folgenreichsten politischen Morden des 20. Jahrhunderts. Denn sie besiegelten die unversöhnliche Feindschaft zwischen SPD und KPD in der Weimarer Zeit, die Adolf Hitlers Aufstieg begünstigte. Das Scheitern der deutschen Revolution wirkte auch auf die sowjetische Entwicklung zurück: Lenin, der die russische Oktoberrevolution im festen Vertrauen auf den Erfolg der deutschen Sozialisten gewagt hatte, nahm infolge des Bürgerkriegs nach dem Kronstädter Aufstand die Rätedemokratie auf Betriebsebene 1921 wieder zurück und verordnete die „Neue Ökonomische Politik“, um seine Macht zu stabilisieren. Damit ebnete er seinem Nachfolger Stalin den Weg zur Alleinregierung.
Anfangs verehrte die junge Sowjetunion Rosa Luxemburg als eins ihrer besten Vorbilder und Verbündeten. Doch 1922 veröffentlichte Paul Levi ihren Gefängnisaufsatz zur Oktoberrevolution mit der scharfen Kritik an Lenins Partei- und Fraktionsverbot. Zugleich wurde bekannter, dass sie auch Lenins Imperialismus-Theorie nicht teilte. Dies wurde von deutschen Reformisten nun als antikommunistische Munition benutzt. Stalin schrieb ihr daraufhin 1931 die Erfindung von Trotzkis Theorie von der „permanenten Revolution“ zu und unterstellte ihr damit nachträglich eine verschwörerische Feindseligkeit gegen Lenins Revolutionsversuch. Trotzki nahm sie dagegen 1932 in Schutz. Fortan wurden ihre Positionen im Staatskommunismus als „Luxemburgismus“ denunziert.
Rosa Luxemburg hatte immer die Einheit und Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse und die Abhängigkeit der Arbeiterorganisationen von dieser Basis betont, um deren Verselbstständigung zu verhindern. Doch seit 1927 verteufelten Sozialdemokraten und Kommunisten einander zunehmend mit Totalitarismus- bzw. Sozialfaschismus-Thesen. Wegen der engen Bindung der KPD an die Kommunistische Internationale unter Führung Stalins wies die SPD ihre späten Angebote an eine gemeinsame „Volksfront“ gegen die Harzburger Front der erstarkenden Rechtsparteien 1931 zurück.
Zugleich pervertierte Stalin den Marxismus zu einer totalitären Herrschaftsideologie und Absicherung der Ein-Parteien-Diktatur mit bürokratisch-feudalistischen Zügen, Geheimpolizei-Terror, Arbeitslagern und Deportationen, Nationalismus, Militarismus, brutaler Industrialisierung und einem faschistoiden Personenkult. Mit Hitlers Machtergreifung 1933, Stalins „Säuberungen“ bis 1935 und der Niederlage von Anarchisten, Kommunisten und Demokraten im Spanischen Bürgerkrieg 1936 waren sämtliche Chancen für einen Demokratischen Sozialismus in Europa, wie ihn Rosa Luxemburg gewollt hatte, nachhaltig zerstört. Die von ihr vorausgeahnte „Barbarei“ eines neuen Weltkriegs und des Holocaust trat ein.
In der DDR wurde 1949 aus diesem Versagen nach sowjetischem Muster die Zwangsvereinigung von Ost-SPD und KPD zur SED abgeleitet. Die demokratische Herrschaft der Arbeiterklasse über Wirtschaft, Gesellschaft und Staat wurde dekretiert und nicht realisiert. Dies machte der 17. Juni 1953 offenkundig. Rosa Luxemburgs Gesamtwerk wurde in der DDR erst seit 1970 veröffentlicht. Schriften, die ihre Kritik an Lenin, ihre radikaldemokratische, staatskritische und tendenziell pazifistische Haltung zeigten, wurden dabei stets als „Irrtümer“ zensiert.
In einigen blockfreien Staaten wie dem früheren Jugoslawien unter Tito war der Todestag Rosa Luxemburgs ein gesetzlicher Feiertag. In den Demokratisierungsbewegungen und Reformanläufen im Ostblock spielte sie oft eine Rolle als Vorbild, auf das man sich gegen die eigenen Chefideologen berufen konnte. Je mehr die Opposition aber einen Systemwechsel anstrebte, desto mehr wurden der Marxismus insgesamt und damit auch Rosa Luxemburgs politische Ideen und Ziele abgelehnt.
Andererseits fand ihr Denken besonders in der „Neuen Linken“ der 1960er Jahre viele begeisterte Anhänger. Rudi Dutschke übernahm ihr Verständnis von Sozialismus als lebendiger, antiautoritärer, radikaler, von allen arbeitenden Menschen getragenen Demokratie ebenso wie viele linke Intellektuelle in Frankreich. Aber auch Revolutionäre in Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ bezogen sich auf ihren Marxismus, der nicht dem Kreml hörig sein und ihren Völkern eine Perspektive jenseits von Kapitalismus und sowjetischem Stalinismus eröffnen sollte. Auch die maoistische Volksrepublik China hat Rosa Luxemburg neuerdings rezipiert: Im November 2004 fand in Guangzhou ein Kongress zu ihrem Andenken statt.
Die nichtmarxistische Philosophin Hannah Arendt stützte sich in ihrer Untersuchung der Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft auf die Imperialismustheorie Rosa Luxemburgs. Sie erklärte den völkischen Nationalismus als Ausformung des kontinentalen Imperialismus, der den Antisemitismus rassistisch und den Rassismus antisemitisch werden ließ und in der Vernichtung der Juden und Slawen endete. Rosa Luxemburg war für Hannah Arendt auch ein positives Beispiel für die Weltzugewandtheit des Politischen: Für Rosa Luxemburg war die Welt von sehr großer Wichtigkeit, und sie interessierte sich überhaupt nicht für sich selbst. ... sie konnte sich mit der Ungerechtigkeit in der Welt nicht abfinden. (Hannah Arendt, Ich will verstehen S. 82)
Die SPD hat ihr Verhältnis zu Rosa Luxemburg bis heute nicht geklärt und Eberts Verhalten während der Novemberrevolution trotz scharfer Kritik auch aus den eigenen Reihen nie verurteilt. Mit dem Godesberger Programm schloss sie 1959 viele Hauptziele des Marxismus, die nach 1945 erneut plausibel erschienen waren, aus ihren Parteizielen aus. Willy Brandt und Erhard Eppler vertraten zwar auch einen „demokratischen Sozialismus“, verstanden darunter aber keine „Sozialisierung von Produktionsmitteln“ und internationale Überwindung von Klassenspaltung mehr. Nur die Jungsozialisten haben bis weit in die 1970er Jahre hinein marxistische Theoreme hochgehalten und sich dabei häufig auch auf Rosa Luxemburg berufen. Parteilinke wie Peter von Oertzen haben die Rätebewegung der Novemberrevolution gründlich erforscht und kamen zu dem Ergebnis, dass diese Demokratisierung der Großbetriebe eine ungelenkte, aus der krisenhaften Zuspitzung der Verhältnisse geborene spontane Entwicklung war, die Rosa Luxemburgs Thesen von der „Spontaneität“ der Arbeiterklasse eindrucksvoll belegt habe.
Die im Juli 2005 in „Die Linkspartei“ umbenannte PDS versucht seit der deutschen Einheit 1990, sich von ihren SED-Wurzeln zu lösen, sich in das pluralistische System der Bundesrepublik Deutschland einzugliedern und sich als demokratische Partei links von der SPD zu positionieren. Diese Entwicklung beruht zu einem wesentlichen Teil auf der Nachwirkung von Rosa Luxemburg: Ihr Todestag war schon vor der Wende von 1989 ein jährlich wiederkehrendes Demonstrationsdatum in Ostberlin, bei dem auch kritische Parolen gegen die SED-Vorherrschaft zu hören waren. Heute sieht die PDS sie als historische Vorkämpferin des Demokratischen Sozialismus und hat ihre Parteistiftung nach ihr benannt.
Aber auch die alternative Linke, die Frauen-, die antimilitaristische Friedensbewegung, die Sozialistische Jugend und die Globalisierungskritiker finden in Rosa Luxemburg ein bedeutendes Vorbild. Dabei werden oft Einzelideen aus dem Gesamtkontext ihres Denkens und Handelns herausgelöst. Ihre Vision eines klassenbewussten Internationalismus, der der Selbstvernichtung der Völker im Zwang der Kapitalverwertung wirksam widersteht, ist unverändert aktuell und unerfüllt.
1986 verfilmte Margarethe von Trotta mit Barbara Sukowa als Rosa Luxemburg das Leben der deutschen Revolutionärin. Der Film gewann den Bundesfilmpreis und Barbara Sukowa erhielt die Goldene Palme für ihre Darstellung auf dem Filmfestival in Cannes.
Frau | Deutscher | Pole | Politiker (Deutsches Reich) | Politiker (Polen) | Revolutionär | SPD-Mitglied | KPD-Mitglied | Gesellschaftskritik | Geboren 1871 | Gestorben 1919
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