Für einen stärker musikhistorisch orientierten Artikel siehe Musik der Romantik
Die Anwendung des Romantikbegriffs auf die Musik verweist einerseits auf einen inneren, wenngleich zeitlich phasenverschobenen Zusammenhang zwischen der romantischen Bewegung in Dichtung, Kunsttheorie und Philosophie und der musikalischen Romantik, andererseits auf die Tatsache, dass es die musikgeschichtliche Situation nahelegte, die neuen Richtungen in der Musik um und nach 1830 unter einen Begriff zu subsumieren, mit dem man eine deutliche Gegenposition zur Musik insbesondere der Wiener Klassiker (Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven) zu beziehen bzw. kenntlich zu machen vermochte. Die Antithese klassisch-romantisch war bereits im 18. Jahrhundert (England) geläufig und hatte im Gegensatz zwischen deutscher Romantik und "Weimarer Klassik" (Friedrich von Schiller, Johann Wolfgang von Goethe) eine neue, aktuelle Dimension erhalten. Doch für die Romantiker selbst und vorab für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Ästhetik, 1818—29), der ihnen in seinem Denken allerdings fern stand, war auch noch der ältere, über Johann Gottfried Herder und Christoph Martin Wieland vermittelte Wortgebrauch gültig, mit dem der antiken "klassischen" die christlich-europäische "romantische" Kunst entgegengesetzt wurde. Zur terminologischen Verwirrung trug weiterhin bei, dass in der Romantik ein Musikbegriff entwickelt wurde, der auf das Wesen der Musik schlechthin abzielte und auf Musik Anwendung finden konnte, die man als den Inbegriff von Musik ansah. So erschien E.T.A. Hoffmann — der einzige der romantischen Dichter, der einen tieferen Einblick in die Musik seiner Zeit hatte und selbst Komponist war — die Instrumentalmusik von Haydn, Mozart und vor allem die von Beethoven als die Verkörperung der "romantischen" Musik, weil er in ihr den höchsten Begriff von Musik überhaupt erfüllt fand. ("Sie die Instrumentalmusik ist die romantischste aller Künste, — fast möchte man sagen, allein rein romantisch.") Die Begründung lautete wie folgt: "Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf; eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußern Sinnenwelt … und in der er alle durch Begriffe bestimmbaren Gefühle zurückläßt, um sich dem Unaussprechlichen hinzugeben." Es wäre schon unkritisch, die Musik der Romantik durch den romantischen Musikbegriff für hinreichend definiert zu halten. Gänzlich irreführend aber ist es, diejenige Musik, die von den Romantikern ihrem Musik- und Kunstideal entsprechend als "romantisch" empfunden wurde, umstandslos der musikalischen Romantik zuzuschlagen. Folgerichtig hätte man die eigentlich romantische Musik (etwa die Robert Schumanns oder Carl Maria von Webers), die erst im Rückblick und in Abhebung von der Wiener Klassik als solche erkannt worden war, von der Romantik ausschließen müssen. Da die Musik schlechthin für die Romantiker (z.B. Wackenroder, Hoffmann) vielfach als der Inbegriff einer umfassenden, gänzlich in der Gefühlssphäre beheimateten, transzendierend-unstofflichen Kunst galt, hat der romantische Kunstbegriff, von dem das 19. Jahrhundert nie loskam, das Verständnis jeglicher Musik geprägt. In Arthur Schopenhauers Definition der Musik als der Manifestation des reinen Willens, somit des "Dings an sich" jenseits der Erscheinungen und Begriffe kulminierten die romantischen Musikvorstellungen. Zwar kommt dem im Kern romantischen Musik- und Kunstbegriff des 19. Jahrhunderts die universale Bedeutung, die ihm beigelegt wurde, nicht zu, doch steht außer Zweifel, dass wesentliche ästhetische Vorstellungen der Romantik in die (im engeren Sinne) romantische Musik und überhaupt in die Musik des 19. Jahrhunderts Eingang gefunden haben. Richard Wagners ideelle Konzeption des Musikdramas als alle Künste übergreifendes Kunstwerk ("Gesamtkunstwerk") geht auf Ideen der deutschen Romantiker zurück (z.B. Verschmelzung der Gattungen und Künste, Utopismus, Sakralisierung des Kunstwerks), ohne dass man doch Wagners Musikdramen der Romantik zuweisen könnte. Es ist jedenfalls tunlich, zwischen Romantik als mehr oder minder klar umrissener Epoche der Musik und Romantik als Bündel von Kriterien zu unterscheiden, die der romantischen Musik vorzugsweise zukommen, ohne an den Epochenbegriff gebunden zu sein.
Die romantische Welterfahrung, die sich auch (und zwar exemplarisch) in der Musik des 19. Jahrhunderts manifestierte und die ihre erste maßgebliche Formulierung in Poesie und Theorie der literarischen Romantik erhielt, blieb unverlierbar und griff weit über die romantische Epoche hinaus. Der Bezugsrahmen für Romantik in jeglichem Sinne aber hat (schon wegen der zeitlichen Priorität) die Vorstellungswelt der poetisch-philosophischen Romantik zu sein, zumal die literarische Komponente aus der musikalischen Romantik nicht wegzudenken ist und obwohl die Romantik als europäische Gesamterscheinung gerade in der Musik eine vollkommene Erfüllung fand.
Sollen indessen die Bezeichnungen Romantik und romantisch mehr sein als eine begrifflich verschwommene Übereinkunft, dann wären sie aufzufüllen mit Gehalten, die aus der Reflexion des Epochenbegriffs Romantik, aus musikalisch-satztechnischen Kriterien und aus der genaueren Bestimmung des Verhältnisses (der Konvergenz oder Nicht-Konvergenz) von musikalischer und literarischer Romantik resultieren müssten. Ferner hätten die Aspekte hervorzutreten, die die romantische Musik als Gegenentwurf zur Wiener Klassik und als fundamentalen Neuansatz des musikalischen Denkens, somit der europäischen Musik erscheinen lassen. Hier müssen auch die von der Literaturwissenschaft angeregten Überlegungen einbezogen werden, mit den nicht nur zeitlich ineinandergreifenden Epochenbezeichnungen "Biedermeier" und "Vormärz" (ca. 1815—48) weitere Perspektiven in Betracht zu ziehen, die, ohne auf den Begriff der Romantik festgelegt zu sein, doch auch andere, bisher weniger berücksichtigte Tendenzen der romantischen Musik bzw. der Musik zwischen ca. 1830 und 1850 ins Auge fassen. Allerdings wäre es ebenso willkürlich wie unzweckmäßig, den Begriff zugunsten von soziologisch-historischen Gesichtspunkten fallenzulassen, die den spezifisch romantischen Ansatz der Musik im 19. Jahrhundert nicht mehr thematisieren. Wenngleich nicht alle Erscheinungen in der Musik seit 1800 unter Romantik subsumiert werden können und die neue romantische Musik auf einem Boden erwächst, der um 1800 neben und zum Teil im Schatten der Wiener klassischen Musik bereitet wurde, so trifft doch Heinrich Heines Wort vom "Ende der Wolfgang Goetheschen Kunstperiode" um 1830 insofern auch auf die Musik zu, als mit dem Tode Beethovens (1827) und Franz Schuberts (1828) ein musikalisches Zeitalter endete und der Romantik in der deutschen und französischen Musik alle Möglichkeiten eröffnet wurden. Dass zeitweise neben der Wiener Klassik, aber ohne innere Beziehung zu ihr, sich romantische Tendenzen in der Musik bemerkbar machten, sollte nicht dazu verführen, eine "klassisch-romantische Stilepoche" zu postulieren, in der notwendigerweise die Abgrenzungen unscharf werden.
Die lyrisch nach innen gewendete, romantisch inspirierte Poetisierung, d.h. Entgrenzung der Tonsprache erreicht in der Musik von Schumann eine Vollendung, die sich als reine Bekundung der Romantik ausnimmt. Sie hat ihren Anfang und ihr Zentrum in der durch die Literatur (Jean Paul, E.T.A. Hoffmann) angeregten Klaviermusik (Klavierzyklen, u.a.: Papillons Op. 2, 1828—32; Carnaval Op. 9, 1834—35; Fantasiestücke Op. 12, 1832—37; Kinderszenen Op. 15, 1838; Kreisleriana Op. 16, 1838) und in den Liedern, in denen Dichtung der Romantik und Musik buchstäblich verschmolzen, z.B. im Liederkreis Op. 24 (Text Heinrich Heine, 1849), in "Myrthen" Op. 25 (1840) und im Liederkreis Op. 35 (Text Joseph von Eichendorff, 1840). Lied und Klavierstück blieben auch weiterhin von spezifisch romantischer Haltung und Formulierung geprägt. Dass sich Schumanns Romantik vorab im "lyrischen Klavierstück" (Charakterstück) entfaltete (einem Typus ursprünglich eher anspruchslos unterhaltender Musik im privaten Kreis, die am Rande der großen Musik bereits um 1800 greifbar wird), ist nicht zuletzt ein Zeichen für die radikale Abwendung von Gattungen und Strukturen der Wiener klassischen Musik. Auch im romantischen Lied, dessen Poesie bei Schumann wesentlich aus der Klavierbegleitung hervorgeht, ist gegenüber den Liedern von Franz Schubert der Neuansatz fundamental. Schubert und Schumann gehören in ihren Liedern (und Klavierstücken) verschiedenen musikalischen Welten an. Dagegen hat Schumann Anregungen aus dem vorschubertschen Lied aufgenommen. Durch romantisch-poetische Gehalte von innen heraus verwandelt, bieten sich Schumanns Symphonien (1841—51), das Klavierkonzert Op. 54 (1. Satz 1841, 2. und 3. Satz 1845) und die Sonaten dar. Mit der Oper "Genoveva" (1850) suchte er sich auch die Bühne zu erschließen. Genuin romantisch ist in der Musik von Schumann einerseits die Tendenz zur Entgrenzung und Gattungsverschmelzung im Zeichen eines übergreifenden poetischen Idioms und konvergierend mit Friedrich von Schlegels Idee einer "progressive(n) Universalpoesie" (116. Athenäumsfragment), in der es darum ginge, "alle getrennten Gattungen … zu vereinigen …", die Barrieren zwischen den Künsten zu überspringen. Andererseits gehört die Abkehr von komplexen, vielgliedrigen Architekturen zugunsten des im zeitenthobenen Augenblick entfalteten »Einfalls«, der sich gegen "Verarbeitung" sträubt, zu den wesentlichen Merkmalen der musikalischen Romantik. Die Auflösung bisher gültiger musikalischer Ordnungen und Bauweisen vollzieht sich in der Absicht, der Musik neue, musiküberschreitende Gehalte zuzuführen, demzufolge mit dem Willen zu neuer Erfüllung der musikalischen Bauelemente, deren Erstarrung nach Beethovens Tod manifest geworden war. Seitdem ist Musik wiederholt als Bekundung eines "Unaussprechlichen" aufgefasst worden.
Durch Schumann und Frédéric Chopin wurde in der Klaviermusik der lyrische Eigenwert des Klangs und der figurativen Virtuosität für die Vermittlung des Poetischen entdeckt. Der Schumannschen Romantik in zentralen Bereichen der Komposition z.T. zeitlich vorgelagert ist der romantische Klassizismus von Felix Mendelssohn Bartholdy, dem manches aus der Opern- und Instrumentalmusik von Hoffmann, Spohr u.a. noch zuzurechnen wäre. Vor allem in Mendelssohn Bartholdys Liedern ohne Worte (1830-45), in der Musik zum Sommernachtstraum (1842, Ouvertüre schon 1826), aber gleichermaßen in anderen Werken scheint im virtuosen Umgang mit geprägten Idiomen eine sublime Stimmungspoesie auf, deren Grundton elegisch und gefühlvoll ist, jedoch stets den Zauber des Maßvollen ausstrahlt. Romantisch belichtete Brillianz und die Eleganz des weltstädtischen Salons gehen in seiner Musik eine charakteristische Verbindung ein. Reflexionen von Natur- und Landschaftsbildern sind in den Hauptwerken ebenso wesentliche Elemente wie die Vorstellung des schwerelosen Elfentreibens. Die engstens mit Bestrebungen der literarischen Romantik verknüpfte Entdeckung und Verklärung der Musik der Vergangenheit (z.B. Palestrina-Renaissance), an der bereits Hoffmann kunsttheoretisch (Alte und neue Kirchenmusik, 1814) und praktisch-kompositorisch wesentlich beteiligt war, wurde in vollem Umfang erst durch Mendelssohn Bartholdy für die kompositorische Phantasie nutzbar gemacht. Die von ihm dirigierte erste Aufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach in Berlin (1829) war eine Tat romantisch-vergangenheitsbewussten Geistes. Den Boden hatte indessen Carl Friedrich Zelters Wirken an der Berliner Singakademie bereitet. Und überhaupt ist es kennzeichnend, dass die Romantiker bei Komponisten in die Schule gingen, die mit den Wiener Klassikern keine unmittelbare Berührung hatten. Die Zentren der musikalischen Romantik befanden sich vorzugsweise in Nord- und Mitteldeutschland (Berlin, Dresden, Leipzig).
In Frankreich entfaltete sich eine Romantik eigenen Rechts in der Klaviermusik von Chopin (Études Op. 10 1829-32; Études Op. 25, 1832-36, Préludes Op. 28, 1836-39; Mazurkas, Nocturnes, Balladen; Konzerte e-Moll Op. 11 (1830) und f-Moll Op. 21 (1829)). Auch im virtuosen Aufschwung ist seine Musik fast immer durchdrungen von Melancholie und Fatalismus. Noch mehr als bei Schumann ist in den Werken Chopins, die von Schumann begeistert begrüßt wurden, der subjektive Gestus und der Reflex auf ein leidend-sensibles Ich spürbar, das sich in romantischer Sehnsucht verzehrt. Eine spezifisch französische Romantik repräsentiert außerdem die Instrumentalmusik von Hector Berlioz. Schlüsselwerke wie die "Symphonie fantastique" (1830), "Harold en Italie" (1834), die "Symphonie dramatique Roméo et Juliette" (1839) u.a. zielten auf Kontamination der Gattungen durch Aufnahme dichterischer oder aus Dichtungen der Weltliteratur (William Shakespeare, Vergil, Goethe, Lord Byron) abgeleiteter und neu interpretierter Thematik. Sie eröffneten Regionen der hochgespannten, unerfüllbaren Sehnsucht, des Rausches, des Schweifens in Traumwelten und der visionären Phantastik, als deren Subjekt das neue (romantische) Bild des Künstlergenies hervortritt. Das hybride Genre der Programmmusik und der symphonischen Dichtung — letztere insbesondere durch Franz Liszt geprägt und propagiert, später bedeutend durch Richard Strauss aufgegriffen — ist trotz beträchtlicher Abweichungen von den Zielsetzungen des Kreises um Mendelssohn Bartholdy und Schumann romantischen Ursprungs oder wurde doch von Ideen der Romantik befruchtet.
Insofern als sich die italienische und französische Oper zwischen 1830 und ca. 1850 mit Vorliebe romantischen Stoffen zuwandte und auch die Musik sich der Sphären von Geheimnis, Todesträchtigkeit, der Leidensschwere sowie des unauflösbaren Konflikts zwischen emphatischer Ich-Überhöhung und Schicksalsverstrickung bemächtigte, sind romantische Einschläge unüberhörbar. Vorab Vincenzo Bellinis weich-elegisches Melos, das aber nicht weniger die anfeuernde Leidenschaft kennt, ist stets als genuine Romantik begriffen worden. Sie begegnet ebenfalls noch in den Opern Gaetano Donizettis, trat dann aber im Frühwerk von Giuseppe Verdi wieder in den Hintergrund. Eher sekundär sind gleichfalls die romantischen Züge in der französischen Großen Oper (Giacomo Meyerbeer, Daniel-François-Esprit Auber), obwohl die Tendenz zum Mondänen in der Romantischen Musik stets latent vorhanden war. Stand dort der szenische, dekorative Aufwand romantischer Verinnerlichung entgegen, so ließ bei Verdi der dramatisch unerbittliche Nerv seiner Musik Romantisches nur am Rande aufkommen. Über das Schicksalsdrama und das historisch-symbolische Drama ist, aufs Ganze gesehen, auch die Oper des 19. Jahrhunderts mit der europäischen Romantik verknüpft, die in Frankreich mit François René Chataubriand (Génie du Christianisme, 1802), Alphonse de Lamartine, Victor Hugo, Alfred de Musset und Charles Baudelaire, in Italien mit Alessandro Manzoni und Giacomo Leopardi sowie in England mit Samuel Taylor Coleridge, Byron, Percy Bysshe Shelley und John Keats einen geistigen Umschwung bewirkt hatte.
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Romantische Musik".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world