Die Rohrpost ist eine Form des schnellen, personallosen Transports von Gegenständen in kleinen, zylindrischen Behältern mittels Luftdruck in kleinkalibrigen Röhren. In der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhundert entstanden in einigen Städten große Rohrpostanlagen von mehreren hundert Kilometern Länge. Daneben existierten auch kleinere Anlagen, die innerhalb eines Gebäudes oder zwischen mehreren benachbarten Gebäude kleinere Gegenstände mittels Rohrpost automatisiert transportierten. Diese Anlagen finden, im Gegensatz zu den Fernrohrpostanlagen, auch heute noch Verwendung. Rohrposthülse.jpg.jpg
Man unterscheidet zwischen Innenrohrpostanlagen innerhalb von einzelnen Gebäuden sowie den Fernrohrpostanlagen zwischen verschiedenen Gebäuden einer Stadt. Fernrohrpostanlagen dienen überwiegend der schnellen Brief- und Telegrammbeförderung zwischen wichtigen Postämtern.
Eine Rohrpostanlage besteht aus einem Netz von Rohrleitungen. Als Transportmittel werden zylindrische Behälter benutzt, deren Durchmesser nur geringfügig kleiner ist als der Innendurchmesser der Rohre. Die Behälter werden innerhalb der Rohrpostanlage durch Druckluft oder Saugluft bewegt und erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 30 km/h. Je Linie kann immer nur eine Büchse befördert werden. Der Druckunterschied zwischen Behälter und Luftverdichter beträgt dabei auch bei längeren Linien oder größeren Rohrdurchmessern nur zwischen 0,3 bis 0,5 bar, d. h. nicht der Druck sondern die ins System gepumpte (oder abgesaugte) Luftmenge variiert.
Diesen Gedanken hat 1818 der englische Ingenieur Vallance aufgegriffen mit der Idee, Personen und Güter von London nach Brighton in einer tunnelartigen, gusseisernen und entsprechend großen Röhre zu befördern. Diese Bemühungen verliefen allerdings ergebnislos, jedoch brachten Versuche zum Transport von Postgut mittels Luftdruck in kleinkalibrigen Röhren erste Erfolge.
Der Franzose Abbé Moigno richtete dazu 1852 eine Versuchsstrecke ein, die letztlich dazu führte, dass der Franzose Galy Cazalar und der Engländer Latimer Clark unabhängig voneinander 1854 entsprechende Landespatente einreichten. Sie beschrieben eine technische Einrichtung, mit der in Blechbüchsen eingeschlossene kleine Pakete und Briefe bei hoher Luftverdünnung oder -verdichtung durch Röhren zu einem nicht sehr weit entfernten Ort befördert werden konnten.
Diese ersten Anlagen waren nur zum Transport kleiner Gegenstände geeignet, so hatte z. B. die Londoner Anlage einen Durchmesser von 1.5 Inch (38,1 mm). Clark gründete später zusammen mit T. W. Rammell die Pneumatic Despatch Company, die 1861 eine 30-inch (762 mm) Röhre baute, in der Lasten bis zu 3 Tonnen transportiert werden konnten. Diese Pneumatic Dispatch Railway war bis 1874 in Betrieb. Ähnliche Anlagen gab es in New York: Eine 1867 gebaute 107 feet (32,6 m) lange und 6 feet (1,83 m) im Durchmesser große Anlage von Alfred Ely Beach, die 12 Personen transportieren konnte. Eine noch größere Anlage, 312 feet (95 m) lang und 9 feet Durchmesser, entstand 1869 von der Beach Pneumatic Transit Company im Erdreich unterhalb des Broadway. Im ersten Jahr transportierte sie über 400.000 Passagiere und sie ging erst 1874 außer Betrieb. Diese Systeme konnten sich aber nicht im Personentransport gegen die U-Bahn durchsetzen, wo mit Erfolg zuerst Dampflokomotiven und bereits ab 1890 elektrische Lokomotiven eingesetzt wurden.
Die maßgebliche Motivation zur Entwicklung der Rohrpost war die starke Erhöhung des Telegrammaufkommens, welche es nicht mehr gestattete, dass alle Telegramme auch tatsächlich telegraphiert werden konnten. Eine Rolle spielte dabei auch, dass der Lohn eines guten Telegrafenbeamten den einer ungelernten Bedienung bei der Rohrpost weit überstieg. Somit wurden sie in der größten Zahl aller Fälle, wenigstens im innerstädtischen Verkehr, als handschriftlich ausgefüllte oder mit Tickerstreifen beklebte Formulare per Rohrpost befördert und erhielten z. B. in Berlin seit ca. 1900 auch entsprechende Rohrpostabstempelungen. Später kam noch der Transport von Briefen dazu oder sie ersetzten die Telegramme.
Neben Berlin und München gab es zunächst von der Reichspost und dann von der Bundespost betriebene Rohrpostanlagen von sehr unterschiedlicher Länge in Düsseldorf, Hamburg, Leipzig, Stuttgart sowie in ca. zehn weiteren Städten. Mit diesen Rohrposten beförderte Sendungen – in der Regel ausschließlich Eilsendungen oder nachgesandte Sendungen – sind nur an einem schwarzen Stechuhrstempel (Leipzig), an einem roten Beförderungsstempel „In Hamburg mit Rohrpost“ oder anderen Vermerken zu erkennen.
In Europa gab es wenigstens folgende Rohrpostnetze:
Außerhalb Europas existierte die größte Rohrpostanlage, die auch Päckchen transportieren konnte, in New York City. Daneben bestanden entsprechende Anlagen in Chicago und Philadelphia. Außerdem hat es Rohrpostanlagen in Buenos Aires (Argentinien) als expresso urbano (Stadtschnellverkehr) des Telegraphenamtes sowie in Rio de Janeiro und São Paulo (beide Brasilien) gegeben. Ebenfalls gab es eine Rohrpostanlage in Algier (Algerien), die wenigstens bis kurz nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft noch in Betrieb war (Betriebsdauer vom 4. April 1910 bis zum 5. Juli 1962) und teilweise als exprès urbain (Stadtschnellverkehr) auch mit anderen Transportmöglichkeiten versorgt wurde.
Nach 1931 gab es erste Versuche die Sortierung der Rohrposthüllen in den Telegrafenämtern zu automatisieren und damit den Transport zu beschleunigen, da die Telegrafentechnik verbessert wurde. Im Jahre 1984 endete in Paris der öffentliche Betrieb, zwischen Ämtern werden allerdings in Paris sogar heute noch Dokumente auf diesem Weg versandt.
Aus dem Ausland eintreffende und für die Rohrpost geeignetete Eilboten- und Luftpost-Sendungen wurden in den Rohrpostbezirken per Rohrpost zum Zustellpostamt befördert. Umgekehrt wurden für das Ausland bestimmte Sendungen gegen einen Zuschlag von 10 Pfennig zur Bahnhofspostanstalt oder zum Flughafenpostamt befördert.
Sendungen von Berlin nach München bzw. von München nach Berlin konnten durch den Vermerk „In Berlin (bzw. München) durch Rohrpost“ auch am Zielort durch die Rohrpost befördert werden. Die Rohrpostgebühr war dann zweimal zu entrichten. Nach der Okkupation Österreichs durch das Deutsche Reich im Jahre 1938 war dies auch für die Verbindungen Wien–Berlin, Wien–München und umgekehrt möglich. Nach der faktischen Annexion Tschechiens als sogenanntes „Protektorat Böhmen und Mähren“ konnten diese Kombinationen der Versendung per Rohrpost auch auf Prag und eventuell auch auf Karlsbad ausgedehnt werden.
Im Jahre 1935 wurde im Gebiet der Deutschen Reichspost die obligatorische Eilzustellung für Rohrpostsendungen aufgehoben. Die Rohrpost wurde dann mit der nächsten regulären Zustellung zugestellt. Bemerkenswert ist dabei, dass seinerzeit bis zu vier Zustellungen täglich üblich waren.
In den Rohrpostbezirken von Berlin und Wien wurden bei den angeschlossenen Postämtern Tages- oder auch Sonderstempel mit Stunden- und Minutenangaben, üblicherweise in 10-Minuten-Abständen verwendet.
Entsprechende Minutenstempel sind auch aus Paris bekannt, während in Marseille lediglich die üblichen Tagesstempel verwendet wurden. Rohrpostsendung in Marseille sind somit nur durch das entsprechende Porto, den üblichen Hinweis „pneumatique“ sowie den üblicherweise vom gleichen Tag stammenden vorder- oder rückseitigen Ankunftsstempel des Zustellpostamtes zu erkennen.
Rohrpostanlagen in Warenhäusern dienen dazu, die einzelnen Kassen mit der Hauptkasse zu verbinden, um eingenommenes Bargeld abzuliefern oder Geld zu wechseln. Die zunehmende Akzeptanz der bargeldlosen Zahlung mittels EC-Karte und Kreditkarte lassen die durch die Rohrpostanlagen gewonnene Sicherheit vor Überfällen aber immer mehr an Bedeutung verlieren.
Weitere Anwender für moderne Rohrpostanlagen finden sich in der Chemieindustrie, in Stahlwerken, in Papierfabriken und in der Automobilindustrie. So ließ der französische Automobilhersteller Peugeot 1998 im Werk Sochaux eine Rohrpostanlage installieren, um die Produktionslinien mit den passenden Schließgarnituren für Tür- und Kofferraumschlösser zu versorgen.
Moderne Systeme für "Kommunikation und Transportautomation", wie solche Anlagen von den Herstellern auch genannt werden, sind in der Lage bis zu 28 kg schwere Dokumente, Waren oder Werkstücke mit einer Länge von 50 cm und einem Durchmesser von bis zu 30 cm zu befördern. Hierbei können heute Röhrensysteme mit 64 Linien und bis zu 512 Stationen realisiert werden.
In François Truffauts Geraubte Küsse wird eine Nachricht von Antoine Doinel in der Rohrpostanlage von Paris mit mehreren Einstellungen des unterirdischen Systems auf ihren Weg zu Fabienne Tabard verfolgt.
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