| Pharmakologische Kategorie | |
|---|---|
| Psychopharmakon | CNS-Stimulans |
| Indikation | ADS, Narkolepsie |
| Geschichte | |
| Erstsynthese | 1950 Hartmann, Panizzon |
| Markteinführung | |
| Handelsnamen (DE) | |
| Ritalin®, Equasym®, Medikinet®; Generika; Retard-Präparate: Concerta®, Medikinet® retard | |
| Rechtsstatus | |
| DE / AT? / CH? | BtMG Anlage 3 |
| Patente | |
| U.S. Pat. 2,507,631 (1950) | |
Methylphenidat (C14H19NO2) ist ein Arzneistoff mit stimulierender Wirkung. Er ist in der Anlage 3 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) aufgelistetAnlage 3 des BtmG und unterliegt einer gesonderten Verschreibungspflicht. Es gehört zu den Amphetamin-ähnlichen Substanzen und wird derzeit hauptsächlich eingesetzt bei der medikamentösen Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS/ADHS). Daneben findet Methylphenidat Anwendung bei der Narkolepsie.
| APRD00657 | |
| Pharmakodynamik | |
|---|---|
| Wirkung | Dopamin-Wieder- aufnahmehemmung |
| Pharmakokinetik | |
| Plasmahalbwertszeit | ca. 2,2 h |
| Proteinbindung | ca. 15% |
| Lipidlöslichkeit | LogP = 3,2 |
| Toxizität | |
| LD50 (Maus) | 190 mg/kg (oral) |
Für die Wirkung von Methylphenidat gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Eine Hypothese besagt, dass bei ADHS bestimmte Bereiche im frontalen Gehirn, die u.a. Impulse kontrollieren, weniger aktiv seien und durch Stimulanzien angeregt würden, wodurch das Gehirn seine Kontrollfunktionen besser wahrnehmen könne.
Laut einer weiteren Hypothese weisen Menschen mit ADHS eine erhöhte Anzahl und Aktivität von sog. Dopamin-Transportern auf. Dieses Rücktransportsystem der Nervenzellen sauge das von diesen Nervenzellen in den synaptischen Spalt freigesetzte Dopamin wie eine Art „Staubsauger“ wieder auf. Methylphenidat blockiere dieses Rücktransport-System vorübergehend, das heißt in aller Regel für drei bis fünf Stunden. Dadurch werde ein Zustand erzielt, der annähernd dem Funktionszustand von Menschen ohne ADHS entspreche, das heißt, die Verfügbarkeit des Dopamins werde verbessert. Methylphenidat wird hier also als ein Dopamin-Wiederaufnahmehemmer betrachtet.
Ein anderer Erklärungsansatz (Plastizitäts-Hypothese) vermutet, dass in den besagten Hirnarealen zu wenig Rezeptoren für Dopamin existierten. Dieser Mangel an Rezeptoren führe dazu, dass hemmende Neuronen nicht ausreichend aktiviert würden. Durch die Gabe von Methylphenidat würden die Rezeptoren vermehrt mit Dopamin versorgt, so dass die Erregungsweiterleitung besser funktioniere. Auf Dauer könne sich jedoch das Rezeptorsystem verändern und immer unempfindlicher gegen den Botenstoff werden.
Wieder eine andere Hypothese besagt, dass der Wirkstoff Methylphenidat die Bildung von Hormonen anregt, welche die Bildung von Neurotransmittern verstärken. Der menschliche Wirkstoff, der die Funktion von Methylphenidat im menschlichen Gehirn im Normalfall über Stunden übernehme, sei bei Menschen, die ADS oder ADHS haben, nach 10 bis 30 Minuten intensiver Nutzung in den entsprechen Gehirnarealen erschöpft. Methylphenidat habe allerdings die negative Eigenschaft, dass es nicht wie das hirneigene Hormon nur in den aktiven Hirnarealen ausgeschüttet, sondern homogen im Gehirn verteilt werde. Die dadurch verursachte Stimulation anderer Hirnareale könne deshalb unter anderem bei Überdosierung Halluzinationen zur Folge haben.
Methylphenidat sollte nur nach einer sorgfältigen Diagnosestellung verabreicht werden. Die Dosierungseinstellung muss unbedingt individuell vorgenommen werden, da die optimale Wirkung bei sehr unterschiedlichen Dosen erreicht wird. Die individuell optimale Wirkung lässt sich weder auf das Körpergewicht noch auf die Plasmakonzentration zurückführen.
Kinder sollten in aller Regel nicht vor dem 6. Lebensjahr mit Methylphenidat behandelt werden (Ausnahmen nur nach strenger Indikationsstellung). Während man früher davon ausging, dass die Regeldosis nicht über 1 mg pro Kilogramm Körpergewicht liegen sollte, ist heute eine derartige Empfehlung nicht mehr gängig. Vielmehr soll beginnend von einer Einzeldosis von 2,5 oder 5 mg die individuell notwendige Einzeldosis ermittelt werden (sog. Titrationsmethode). Gewöhnlich wird die Dosis wöchentlich um 5-10 mg gesteigert, bis die optimale Dosis erreicht ist. In vielen Fällen ist nach einigen Monaten eine neue Einstellung mit eventuell nochmals erhöhter Dosis erforderlich.
Die Wirkung von Methylphenidat-Hydrochlorid Tabletten tritt innerhalb von 15-30 Minuten ein und hält drei bis vier Stunden an, in einzelnen Fällen auch länger. Nach Ende der Wirkungsdauer können sich die Symptome von ADHS verstärkt zeigen (der sogenannte Rebound).
Erwachsene brauchen im Durchschnitt 20-30 mg pro Tag, in manchen Fällen genügen jedoch auch 5-10 mg während in anderen Fällen bis 60 mg erforderlich sind. Gewöhnlich wird die Tagesdosis auf zwei bis drei Einzeldosen verteilt. Bei Erwachsenen wird anfangs gewöhnlich eine Einzeldosis von 10 mg gegeben, bei Kindern ab sechs Jahren eine Einzeldosis von 5 mg (eine halbe Tablette).
Neben den normalen Tabletten ist Methylphenidat-Hydrochlorid auch in Form von Retard-Kapseln (z.B. Concerta, Medikinet retard, Ritalin SR, Ritalin LA) erhältlich. Bei diesen hält die Wirkung etwa sechs bis acht Stunden an. Einige davon kombinieren schnell wirkendes mit verzögert wirkendem Methylphenidat.
Früher wurde empfohlen, Methylphenidat nur an Schultagen zu verwenden. Heute wird das Medikament in der Regel ununterbrochen abgegeben, da gerade an schulfreien Tagen oft wichtige soziale Kompetenzen eingeübt werden, wobei das Ritalin ebenso unterstützend wirkt wie beim Unterricht.
Bei der Therapie von AD(H)S ist die alleinige Gabe von Methylphenidat normalerweise nicht ausreichend. In vergleichenden Studien nachgewiesen ("evidenzbasiert") ist insbesondere die Wirksamkeit von Elterntrainings und Interventionen in Kindergarten und Schule, empfehlenswert ist auch ein Training von Konzentration und Arbeitstechniken, ein soziales Kompetenztraining oder ggf. eine Psychotherapie ("multimodale Therapie"). Auch sollte die Medikation kein Dauerzustand sein, sondern immer wieder überprüft und an die Bedürfnisse des Patienten angepasst werden. Mangelnde Aufklärung durch den verschreibenden Arzt, ebenso wie fehlende Sorgfalt, Aufsicht oder Verständnis der Eltern, aber auch deren Ängste, Ambivalenzen und Skrupel bezüglich der Medikamenteneinnahme können zur Folge haben, dass Eltern das Medikament nach Gutdünken ("nach Bedarf") dosieren, dass die Einnahme nicht regelmäßig geschieht oder die Dosis nicht angepasst wird.
Zu Beginn der Behandlung treten gelegentlich Bauchschmerzen oder Erbrechen auf, die im Normalfall gemildert werden, wenn Methylphenidat zu oder mit einer Mahlzeit genommen wird. Hin und wieder treten Unverträglichkeiten hinsichtlich der Trägersubstanz der Arzneizubereitung auf. In solchen Fällen kann auf wirkstoffidentische Präparate anderer Hersteller ausgewichen werden.
Seltenere Nebenwirkungen sind Schwindel, Schweißausbrüche, Fieber, Kopfschmerzen, Störungen des Herzrhythmus und Trockenheit der Schleimhäute.
Es gibt jedoch auch Fälle, wo durch ADHS oder durch den Rebound bedingte Einschlafstörungen durch eine kleine Dosis Methylphenidat oder durch eine letzte Tagesdosis 3-4 Stunden vor dem Einschlafen behoben werden können.
Es liegt aber auch nicht immer nur an der zu hohen Dosis/Steigerung, oft reicht die Einnahme einer der Tabletten zum Abendbrot schon aus, um Schlafstörungen zu verursachen.
Das bei ADHS durch die Störung selbst erhöhte Risiko von Drogen-, Zigaretten- oder Alkoholsucht kann, wie Langzeitstudien gezeigt haben, durch die Behandlung mit Methylphenidat auf das allgemeine Suchtrisiko reduziert werden.
Lange andauernder Missbrauch von Methylphenidat kann zu Psychosen oder Depressionen führen. Bei ADHS-Patienten wurde bislang jedoch keine Häufung von Psychosen und affektiven Störungen (Depressionen) durch die Medikation beobachtet.
Das plötzliche Absetzen von Methylphenidat nach längerem Gebrauch kann in manchen Fällen während einiger Tage zu einer verstärkten Hyperaktivität, Gereiztheit oder depressiven Verstimmung (nicht Depression) führen, in anderen Fällen tritt einfach das ADHS wie vorher wieder auf. Sicherheitshalber sollte die Dosis deshalb innerhalb von einer Woche schrittweise reduziert werden.
Eine versehentlich doppelt eingenommene Dosis kann zu Schwindel, Herzklopfen, erhöhtem Blutdruck und Schlafproblemen führen. Durch die kurze Wirkungsdauer von wenigen Stunden ist normalerweise keine Behandlung erforderlich.
Eine starke Überdosierung kann zu Übererregtheit des zentralen Nervensystems, Krämpfen und Delirum bis zum Koma führen, zu Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen. Ärztliche Behandlung ist in solchen Fällen dringend notwendig.
Außerdem kann eine Überdosierung das Mitteilungsbedürfnis steigern.
Bei gleichzeitiger Anwendung kann Methylphenidat die Wirkung von blutdrucksenkenden Mitteln, insbesondere von Guanethidin, herabsetzen. Andererseits kann die anfängliche sympathomimetische Wirkung von Guanethidin und Amantadin verstärkt werden.
Da Methylphenidat den Abbau von Antikoagulanzien des Cumarintyps, Antiepileptika (z. B. Phenobarbital, Phenytoin, Primidon), Neuroleptika und trizyklischen Antidepressiva (Imipramin, Desipramin) sowie Phenylbutazon im Organismus hemmt, muss deren Dosis bei gemeinsamer Gabe reduziert werden.
Methylphenidat sollte nicht zusammen mit Antazida eingenommen werden. Alkohol sollte während der Behandlung mit Methylphenidat nicht getrunken werden. Die weit verbreitete Meinung, dass Methylphenidat nicht zusammen mit Milch eingenommen werden darf, ist falsch. Wechselwirkungen mit Milch betreffen vorwiegend Substanzen mit hoher Proteinbindung, z. B. manche Antibiotika, aber nicht Methylphenidat.
Krause et al. fasst den Stand der Forschung zusammen, dass zur Entstehung der striatofrontalen Dysfunktion, und damit ADS, eine Schwelle von verschiedenen defekten Genen überschritten werden muß. Einige dieser Gene sind ebenfalls für andere Erbkrankheiten wie das Fragile X-Syndrom, das Restless-Legs-Syndrom oder das Tourette-Syndrom verantwortlich, sodass hier häufig ein Zusammenhang besteht. Klinische Studien ergaben auch teils verschiedene Gendefekte bei den einzelnen Typen der Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Krause et al. schließen daraus, dass sich verschiedene Symptome verschiedenen Defekten zuordnen lassen.
Dies erklärt auch die Raten an Non-Respondern bei Methylphenidat (greift in den Dopamin-Haushalt ein) und Atomoxetin (greift in das Noradrenalin-System ein). Wenn bei einem spezifischen ADHS-Patienten der Dopamin-Haushalt nicht gestört ist, weil die Schwelle durch andere Gene überschritten wurde, zeigt er keine ADHS-typische Wirkung auf Methylphenidat; entsprechendes gilt für Atomoxetin. In allen Fällen wurde aber eine signifikante Störung des Serotonin-Haushalts festgestellt, was zu einer Neigung zu Ängsten und Depressionen führt.
Krause et al. schließen mit einem Ausblick, dass eine sichere Medikation und Behandlung erst dann möglich sein wird, wenn man alle an der Störung beteiligten Gene identifizieren und deuten kann.
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