Richard-Wilhelm.jpg Richard Wilhelm (* 10. Mai 1873 in Stuttgart; † 2. März 1930 in Tübingen) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Sinologen. Daneben war er Theologe und Missionar.
Während des Japanisch-Russischen Krieges 1904-1905, dessen Auswirkungen auch in Qingdao zu spüren waren, führte er seine Arbeit weiter und trat dann 1907 mit seiner inzwischen fünfköpfigen Familie den ersten Heimaturlaub an.
Bereits 1908 reiste Richard Wilhelm zum zweiten Mal nach China. Auch die 1911 erfolgte Rückkehr aus gesundheitlichen Gründen war nur von kurzer Dauer; bereits ein Jahr später brach er erneut nach Qingdao auf. Als der Erste Weltkrieg tobte, konnte er seine Arbeit in der Schule und als Pfarrer der deutschen Gemeinde in Qingdao nur unter großen Schwierigkeiten weiterführen. Im Sommer 1920 beendete Wilhelm seine zwanzigjährige Missionarstätigkeit und kehrte abermals vorübergehend nach Deutschland zurück.
Wilhelm wurde nach seiner Rückkehr nach Deutschland zum »geistigen Mittler zwischen China und Europa«. Er stand in freundschaftlicher Verbindung mit vielen großen Gelehrten und Philosophen seiner Zeit. Zu seinen Freunden zählten u.a. Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Martin Buber, Graf Keyserling und der indische Philosoph Tagore, um nur die wichtigsten zu nennen. Das Studium der chinesischen Kultur prägte W. so tief, dass er sich ausschließlich der Sinologie zu widmen begann.
Richard Wilhelm wandte sich gegen eine eurozentrische Sichtweise der chinesischen Kultur. Er war von Bewunderung für die Chinesen und die chinesische Kultur erfüllt und setzte sich für einen Austausch der Kulturen ein. Daher zog er sich auch immer mehr aus der Missionstätigkeit zurück und konzentrierte sich auf die Sinologie. Die Missionstätigkeit sah er zunehmend kritisch: "Es ist mir ein Trost, daß ich als Missionar keinen Chinesen bekehrt habe".
W. wollte die alten wertvollen Kräfte Chinas wieder zur Herrschaft bringen. Alles westlich-europäische Denken und vor allem die europäisch-amerikanischen kirchlichen Formen waren ihm suspekt. Im gleichen Maße wie die jungen Chinesen sich von ihrer eigenen Tradition lösten, suchte Wilhelm diese Tradition, denn Glaube und Kultur erlangten bei ihm eine weltumspannende Bedeutung. Und die chinesische Geistigkeit habe dazu einen wesentlichen Beitrag zu leisten. Die Kulturnationen haben ihre Kultur nicht aus Überlegung oder Willen, sondern es liegt in ihrer Natur, und es wird sichtbar in einzelnen, die das, was die Masse des Volkes ohne es zu wissen besitzt, zuerst erkennen.
Neben den bekannten Übersetzungen der Texte des klassischen chinesischen Altertums, die immer wieder neu aufgelegt werden, steht aber noch eine Vielzahl von Arbeiten, in denen er sich aufmerksam und kritisch mit der chinesischen Gegenwart befasst. So veröffentlichte er Tagebuchaufzeichnungen über die zeitgenössischen Ereignisse und sein Leben und Arbeiten in Qingdao, aber auch ein Werk über chinesische Wirtschaftspsychologie, das eine durchaus praktische Zielsetzung hatte. In der Sinologie werden seine Übersetzungen als veraltet angesehen, da sie durch sein christliches Verständnis geprägt sind oder ihm Fachkompetenz, z.B. in Bezug auf den Daoismus, fehlte.
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