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Richard Wall (* 7. Dezember 1953 in Engerwitzdorf); österreichischer Schriftsteller, Übersetzer, Bildhauer und Heimatforscher; Mitglied der Grazer Autorenversammlung; lebt in Katsdorf / Oberösterreich.

Richard Wall kombiniert in seinen Collagen Textausrisse aus internationalen Magazinen mit dem Motivset der so genannten Heimatkultur. In seiner Lyrik werden stilisierte Erfahrungen zu literarisch entlegenen Reisezielen mit dem Duktus reduzierter Reiseliteratur verschmolzen. In dem Essay nahe stehenden Textkompilationen werden Figuren wie Ludwig Wittgenstein als Manifestationen der Peripherie herausgearbeitet und neu positioniert.

Werkbeschreibung


Anonyme Inventuren, 2004 - In Richard Walls kleinem Lyrikband ist eine große Galerie versteckt. Im ersten Durchblättern springen immer wieder die Seiten zurück und geben edel gerahmt durch den Ausschnitt eines Passepartouts Miniaturgemälde frei. Die Collagen liegen unruhig in ihrem eigenen Ausmaß, man sieht es ihnen an, dass sie im Original viel größer waren, andererseits verklumpen durch das optische Einkochen auf die Größe eines Gedichts die Bilder zu beinahe plastischen Thumbnails. Die Farben werden zu fetten Reliefs, die Schraffuren liegen als Destillat unter dem Okular, man dreht am eigenen Auge und macht die scharfen Bilder noch schärfer. Die Miniaturen flackern den Leser an wie kunstvoll gemalte Eingangsbuchstaben für eine geheimnisvolle Handschrift. Aus der Schrift lösen sich schließlich die Gedichte heraus, anonyme Inventuren. Jemand ist mit einem lyrischen Auge durch Zeit und Raum gegangen und hat notiert, was in einer bestimmten Höhenzone des Augenblicks zu Tage getreten ist. Die Inventuren nennen sich Gegenrede, Makel, Waldviertel, Land verdampft hinter Lärmschutzwänden, Erinnerungen an Aquileia, Omen oder Collage. Oft aber dienen drei „XXX“ zur Umschreibung dessen, was sich darunter allmählich als lyrische Notiz entwickelt. Seltsame Dinge geschehen, die erst durch das Nachfassen und Aufschreiben Ungemach, Verstörung oder Irritation auslösen. Wie in einem Katastrophenfilm werden die Kirschen zur falschen Zeit reif, etwas scheint in diesem Jahr anders zu laufen, die Störung der Vegetation hat sich bis in den eigenen Garten vorgeschlichen. An anderer Stelle bricht sachte der Feierabend aus, aber anders, als ihn die Landschaft vorsieht. „Feierabend ist, wenn der Bagger / Verstummt, und der Nachbar / Wortlos im Kniehohen Gras watend / Mit erhobenen Armen auf den // Zunehmenden Mond zugeht“. Hinter den Lärmschutzwänden schließlich verdampft tatsächlich das Land und Neubau um Neubau sinkt in klaffende Gruben, während die „Unwesenheit“ in Rauch aufgeht. Als Leser wird man sein eigenes Sinnesdepot durch diese haptischen Lektüre, bei der sich das Erlebnis vom gerieften Papier über die Fingerkuppen in den Kosmos des eigenen Körpers ausbreitet. Schließlich findet man sich ganz als sein eigenes Gedicht vor, worin man zur Hauptsache geworden ist. „Der Schild auf dem ich liege / Gab frei mir die Erde // Ich ruhe auf dem was / Die Geologie vorschlägt // Die Knollen aus Feldspat / Drücken im Rücken // Weder die Welt noch ein Bett / Waren jemals vollkommen.“

Siebzehn und Vier, 2003 - Richard Wall nimmt das bodenständige Kartenspiel „Siebzehn und Vier“ zum Anlass, seine aktuelle Lyrik nach den Regeln eines bewährten Spiels zu platzieren. Im Grundstock gibt es somit siebzehn Gedichte und als Draufgabe vier Lyrik-Trümpfe. Gleich zu Beginn kommt das lyrische Ich wie Odysseus endlich wieder nach Hause, völlig verbraucht und ausgehungert, aber die Selchkammer ist noch voll, der Speck der Heimat hat die Ausflüge des Erzählers gut überstanden, jetzt kann die Zeit still hängen bleiben unter den Selchschwarten. Gerade wenn zu Hause alles eingerichtet ist, ist es andererseits wieder höchste Zeit, hinauszuziehen in die fremden Gebüsche, „lesen und laufen und sich gehen lassen“ (7). Dabei sind es immer die Kleinigkeiten, die überall am Kontinent auf der Netzhaut oder im Trommelfell hängen bleiben, eine seltsam abgetauter Fahrdraht in Rekawinkel, ein Silbentrallala als tschechische Vokabel, ein vom Efeu bekletterter runder Turm in Irland. Den Gedichten sind jeweils lyrische Ausrisse diverser Poeten vorangestellt, Sätze etwa von Fernando Pessoa, Hans Eichhorn oder Waltraud Seidlhofer. Der lyrische Insasse der Empfindungen hält sich an die Anfangszeile seiner Gedichtsammlung, „lesen und laufen und sich gehen lassen“, von der Gedichtzeile zugetragener Poeten geht es hinaus in die Weltumgebung, und als Denkbilder umrahmt von ungereimten Gesichtern (50) kommen die Empfindungen zurück, die Lunte in den Adern brennt.

Stein- und Neonschrift, 2000 - Ein schärferer Kontrast in einen Titel, als der zwischen Steinschrift und Neonschrift, läßt sich wohl kaum finden. Und dennoch steckt dieser Buchtitel bestens die Bandbreite der Lyrik Richard Walls ab, denn seine Gedichte sind genau zwischen den archaischen Zeichen der Landschaft und den schrillen urbanen Spots einer Neonnacht angesiedelt. Im ersten Teil, „Risse entlang Splitterbilder“, sticht ein lyrisches Porträt W.H. Audens hervor, den das lyrische Ich mit Originalzitaten und Empfindungszitaten an der Gedenkstätte „lyrisch vorort“ aufsucht. Die Annäherung an Kirchstetten, die dominante Autobahn, das für die Literaturwissenschaft relativ hilflos zurecht gerückte Museum, die Gerätschaften und Buchtitel verschmelzen zu einem Text voller Besinnung, Anerkennung und Ehrfurcht. Andere Porträts gelten etwa dem Stempelschneider und Schriftgießer Claude Garamond, dessen Schrift wir höchstens noch beim Ausprobieren frischer Software verwenden, oder Othmar Zechyrs, dem 1996 verstorbenen Meister menschenleerer Zeichnungen. Der zweite Abschnitt des Lyrikbandes handelt vom „Überleben am Land“. Es ist vor allem das Land, auf das sich die aktuell-letzte Welt zurückgezogen hat. Während sich etwa an der kleinen Gusen die letzten Naturkräfte sammeln, wahrscheinlich für den letzten Kampf, werden von der NATO die letzten Vorbereitungen für Luftangriffe auf Jugoslawien getroffen. Allein die Verbindung dieser beiden Gedichte ergibt wiederum eine aktualisierte Botschaft. Der dritte Teil der Gedichte heißt „Neue Rechtschreibung“. Die Gedichte des Böhmen-Zyklus verströmen etwas von der Begeisterung, daß die granitene Landschaft sich nicht unterkriegen läßt und daß auch die Menschen einen Zug zu den entscheidenden Dingen des Lebens haben, auch wenn sie manchmal wortkarg sind.

Wittgenstein in Irland, 1999 - Wieder einmal bewährt sich Innsbruck als Ort des Schreckens in der Literaturgeschichte. „1922 Treffen * mit Russell in Innsbruck. Bruch der Freundschaft.“ Mittlerweile jedoch ist Innsbruck zu einem Wittgenstein-Zentrum geworden. - Ludwig Wittgenstein ist jener Philosoph des Zwanzigsten Jahrhunderts, der die Philosophie abschaffen wollte und damit für ein weiteres Jahrhundert gerettet hat. Richard Wall beleuchtet mit seinem Foto-Reise-Essay einen wichtigen Aspekt der Philosophie Wittgensteins, nämlich den Einfluß der Landschaft auf das Denken. Im Sinne eines Sprachspiels könnte die Landschaft nämlich durchaus als das Schachbrett empfunden werden, auf dem die Gedankenzüge stattfinden. Aus der Sehnsucht heraus nach straffer, archaischer und klarer Landschaft ging Wittgenstein immer wieder nach Irland, wo ihn keine Durchschnittlichkeiten vom konzentrierten Denken abhalten konnten. Auch heute noch zieht es Schriftsteller (Felix Mitterer, Christoph Ransmayr) zum Schreiben nach Irland, wenn auch in der Hauptsache aus Steuergründen. Als Fotograf und Maler setzt Richard Wall im Buch die Bilder naturgemäß „philosophisch“ in Szene, weitab von der hastigen Knipserei der Reiseführer. Oft erzählen Begebenheiten beim Entstehen eines Fotos mehr, als es eine ganze Abhandlung vermöchte. Denn Richard Wall nähert sich dem Bild im Sinne eines Sprachspiels, fixiert es unter Berücksichtigung der jeweiligen Laborbedingungen der Wirklichkeit und stellt das Bild dann vor als genau definierte Einmaligkeit unter verschiedenen Möglichkeiten. Wo das Foto nicht ausreicht, helfen visualisierte Gedankenskizzen weiter. So gibt es statt der Wolken plötzlich einen ausgeschriebenen Text zu sehen, der den skizzierten Hafen gegen die Stratosfäre hin abschirmt. Diese Reise zu Wittgensteins Irland-Orten ist der Versuch, mit der Methode Wittgensteins Landschaft und Denken in Verbindung zu bringen. Richard Walls Studie ist ein spannendes Philosophie-, Reise-, Kunst- und Tagebuch, das durchaus bei Denk-Problemen des Alltags zu Rate gezogen werden kann.

Herzasphalt, 1997 - Herzasphalt ist der gelungene Versuch, eine Universalgeschichte des Lebens im Land zu installieren. Als Kollageist und Ausfransungskundler geht Richard Wall dabei mit einem genauen Blick vor. Einmal hat er eine Außenstelle der Beobachtung auf der Netzhaut, als Kontrolle hat er auf der anderen Seite einen Erlebnisstreifen mitlaufen, wo sämtliche Zitate und Volksweisheiten gespeichert sind. Etwa alle Minute, was fünfzehn Zeilen entspricht, springt der Erzählfaden jeweils von der Netzhaut auf den Erlebnisstreifen und umgekehrt. Was in unserer Gesellschaft verpönt ist, nämlich daß Dinge, Menschen und Pflanzen eine Welt sind, wird in dieser Rhapsodie wundersam zusammengefügt! - Eine Rhapsodie nämlich ist das Zusammenraspeln von verschiedenen Dingen zu einem einzigen Sinn, man denke nur an den Zusammengang von einer Wurst mit dem völlig aufgeriebenen Kren. Der dürrste Ast der Gegend, der vom Zwetschgenbaum, zerbricht bereits während des Fluges. Da stehen schon Trucker (früher Traktor genannt) bereit, um alles dem Erdboden gleichzumachen. Ein Bauer schwört bei seiner Ehre einen Meineid. Stündlich verrecken Pflanzen, Tiere und Menschen durch die „Landwirkl.-Genossenschaften“.

Steine, Spuren, Labyrinthe 1996 - Immer wieder wird gerätselt, ob es Verwandtschaften zwischen Tirol und Irland gibt. Saufen, Landschaft, Sprachdeviation, Gedankenlabyrinthe und Gottgelassenheit lassen diesen Vergleich zu. Ein Oberländer Erdäpfel ist einem irischen in der gekochten Phase ebenbürtig, wenn es dann um die Verarbeitung geht, siegt der irische Kartoffel im Becher. Richard Wall nimmt gerne Vorurteile und Grundbehauptungen auf, widerlegt sie aber durch seine Genauigkeit und Zähigkeit der Beobachtung. Seine Werkzeuge sind zwei Grundbefindlichkeiten: Von außen höflich beschauen, von innen mit den Bewohnern die Geschichte herausmeißeln. - Ehrensache, daß Wall ein hervorragender Maler ist, der zur Sprache der Bewohner die Gebirge zeichnet. Das Buch ist sternförmig ausgelegt. In der Toskana und in Venedig kommen die malenden Bewegungen zum Vorschein. In Böhmen mit und nach der samtenen Revolution sind es vor allem die Alltagsbegebenheiten, die jeweils zu Geschichten ausufern. Und von Irland strahlt ein Leuchtfeuer aus, das selbst den schwächsten Lesepiloten an die richtige Adresse bringt. Wo drei Lesestrahlen zusammenfallen, sitzt ein Dichter.

Schwellenlicht Schattenbahn, 1995 - Die Gedichte müssen gleich drei Prüfungen über sich ergehen lassen: Einmal das schroffe Leben in einem Zollgrenzbezirk. Hier wird ausgetetstet, was ein hartes Land dem Leben abverlangt. Ferner gilt es die Ferne auszuhalten. Was passiert alles, wenn die Gedichte in halb Europa unterwegs sind? Und schließlich gibt es noch eine strenge Inventur: Was taugen die Gedichte für das Leben? Durch dieses Programm werden auch die einfachsten Texte dreidimensional. Ein Regentag in einer alten Mühle fordert nicht nur die Kartenspieler, die den Tag herunterbiegen, gefragt ist auch die Verquickung zum allgemeinen Zustand der Welt. Läßt sich in einer alten Mühle die Zeit überbunkern, während allgemein der "Globocid" eingesetzt hat? Die engere Heimat ist nur ein Stück Granit, das in Wirklichkeit mit Irland verbunden ist. Der Wind, der durchs Getreide fährt, hat eben in Malmö einem Vogel in die Luft geholfen. Allein wenn man sich Schlüsselwörter aus dem Inventurkapitel anschaut, merkt man, wie vorsichtig pessimistisch die Texte installiert sind. „Irrlichter“, „Lochstreifenrisse“, „Kaltgestellt“, „Verschwinden“, „anonym“ sind nicht gerade Begriffe, die vor Selbstbewußtsein strotzen. Aber gerade dieses Wechselspiel zwischen Robustheit und Biegsamkeit macht die Texte Richard Walls so genau.

Sommerlich Dorf, 1992 - Vorne ist im Sonnenlicht ein politischer Kleber ins Stallfenster gepickt, hinten stehen unter einer Straßenbrücke Troge, Steinmetzfragmente und Bildstockuntertassen. Anhand von Flußkrümungen, die eine Spur geradliniger geworden sind, Pflanzen, die wie Menschen abgestorben sind, schreibt Richard Wall ein recht bedruckendes Lexikon verschollener Dinge zusammen. Jedes Wort, das für uns im Lexikon als tot gilt, hat ursprünglich mit großem Flehen um die Aufnahme darin an das allgemeine Sprachtor angeklopft. Weil der Beobachter nur freiwillig, quasi im Widerstand und zu Fuß unterwegs ist, ist er immer schneller als die Öffentlichkeit.

Werke


  • Sommerlich Dorf. Vom schöneren Leben auf dem Lande. Miniaturen, Variationen, Spaziergänge. Fotos. Weitra 1992.
  • Schwellenlicht. Schattenbahn. Gedichte. (1987–1993). Weitra 1995.
  • Steine, Spuren, Labyrinthe. Reiseskizzen von Venedig, Irland und Böhmen. Mit Essays über Ezra Pound, Dylan Thomas, Bohumil Hrabal, Ludwig Wittgenstein, Tim Robinson. Linz 1996.
  • Herzasphalt-Mördergruben-Rhapsodie. Klagenfurt 1997.
  • Wittgenstein in Irland. Klagenfurt, Wien 1999.
  • Stein- und Neonschrift. Gedichte. Baden 2000. (= Lyrik aus Österreich Bd. 84).
  • Klemens Brosch oder eine Einübung ins Unmögliche. Ein Triptychon, Klagenfurt, Wien 2001.
  • Siebzehn und Vier. Gedichte und Balladen, Linz 2003 ISBN 3-85285-111-4.
  • Anonyme Inventuren./Anonymni inventury. Gedichte zweisprachig (tschechisch / deutsch). Übersetzung ins Tschechische von Josef Hruby. 7 Bilder. Pilsen 2004. ISBN 80-86446-15-8.
  • Am Rande. Gedichte 1996–2005. Aachen 2006. ISBN 3-89086-606-9
  • ROM.EIN PALIMPSEST. Roman. Klagenfurt 2006

Ausstellungen


  • MAIL - ART. Anna und Karel Kocourkovi / Richard Wall; Bruckmühle Pregarten, 2006

Literatur


  • Helmuth Schönauer: Byx, die geheimen Akten der Büchereistelle; Folge 1, Richard Wall. In: Bildungs-Fächer, Innsbruck, 1999

Weblinks


Mann | Österreicher | Autor | Geboren 1953

 

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