Hinter dem Begriff Rheinische Republik steht die kurzlebige Staatsgründung separatistischer Bewegungen im Rheinland des Jahres 1923.
Die Zielsetzungen der unterschiedlichen separatistischen Gruppierungen reichten von einer Veränderung der politischen Stellung des Rheinlandes innerhalb des Deutschen Reiches als Frei- oder Bundesstaat bis hin zur völligen Abspaltung des Rheinlands und in Folge dessen die Gründung einer eigenständigen „Rheinischen Republik“. Weitere Gruppierungen votierten für den direkten Anschluss an Frankreich. Gleichartige politische Strömungen zeigten sich auch in der Pfalz und führten dort etwa gleichzeitig zur Gründung der „Pfälzischen Republik“.
Die Angehörigen der Gruppierung wurden Separatisten oder Freibündler genannt.
So drückte sich im Jahre 1919 Konrad Adenauer aus, als er am 1. Februar mehr als sechzig Oberbürgermeister und Abgeordnete der Nationalversammlung und der preußischen Landesversammlung zu einem Treffen nach Köln einlud. Adenauer war zu dieser Zeit Oberbürgermeister von Köln und gehörte der Zentrumspartei an. Erster und einziger Tagesordnungspunkt der Zusammenkunft war „Die Gründung der Rheinischen Republik“.
In seiner Ansprache bezeichnete Adenauer das Scheitern der Hegemonialmacht Preußens als „notwendige Folge“ des preußischen Systems an sich. In der Ansicht seiner Gegner sei Preußen „der böse Geist Europas“ und werde „von einer kriegslüsternen, gewissenlosen militärischen Kaste und dem Junkertum beherrscht“. Folglich sei eine hegemoniale Vormachtstellung Preußens für die anderen deutschen Bundesstaaten nicht weiter tragbar. Preußen solle geteilt werden und dessen westliche Bundesstaaten in einer „Westdeutschen Republik“ aufgehen. Dadurch würde „die Beherrschung Deutschlands durch ein vom Geiste des Ostens, vom Militarismus beherrschtes Preußen unmöglich gemacht“. Dennoch strebte Adenauer den Verbleib der „Westdeutschen Republik“ im Staatenverband des Deutschen Reiches an.
In der Folgezeit bildeten sich in vielen Städten und Gemeinden separatistische Bewegungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen heraus.
Dorten blieb in seiner Sache umtriebig und gründete am 22. Januar 1922 in Boppard die „Rheinische Volksvereinigung“, deren Vorsitzender dann der Oberpfarrer Bertram Kastert (*1868 - †1935) aus Köln wurde. Parteien und Politiker scheuten den Kontakt zu den sogenannten Hochverrätern und die Volksvereinigung führte ein vom Volk weitgehend unbemerktes Schattendasein. Seine Wochenzeitschrift „Deutsche Warte“ und andere Aktivitäten Dortens waren von französischer Förderung abhängig.
Im Laufe der folgenden Jahre verschlechterte sich die allgemeine wirtschaftliche Lage in allen Teilen des Deutschen Reiches, das von zahlreichen Krisen und politischen Umbruchsversuchen geschüttelt wurde.
Die deutsche Regierung geriet bei der Zahlung der Reparationen in Rückstand. Am 11. Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, das eine der wirtschaftlichen Hauptlasten an den Reparationen zu tragen hatte. In der Folge der turbulenten Auseinandersetzungen kamen im Ruhrgebiet mehr als einhundert Menschen ums Leben. Mindestens 70.000 Personen wurden aus den besetzten Gebieten ausgewiesen und durch französische und belgische Arbeitskräfte ersetzt. Ihren Lebensunterhalt bestritten die vorwiegend jungen Männer von der „Ruhrhülfe“, die von der Reichsregierung für die Ausgewiesenen ausgezahlt wurde. Viele von ihnen lebten ohne festen Wohnsitz und manche schlossen sich unterschiedlichen separatistischen Gruppierungen an, die im Rheinland agitierten. Für die Bevölkerung boten sie in ihrer Verwahrlosung ein abschreckendes Bild und genossen den Ruf als „Rumtreiber“ und „arbeitsscheues Diebsgesindel“.
In seinem am 13. August 1929 in der Wochenzeitschrift Die Weltbühne verföffentlichten Essay „Für Josef Matthes“ beschreibt Kurt Tucholsky die Situation im Rheinland mit folgenden Worten: „Lawinenartig wuchs inzwischen die separatistische Bewegung, proportional der Inflation. Das Rheinland stand damals, geschlossen wie ein Mann, zu dem, der besser zahlte. Die Beamten, die Großbanken, die Geistlichen warteten auf ihren Augenblick. Zu Frankreich hinüber wollte keiner, bei Preußen bleiben wenige. Was sie wollten und wozu sie damals auch ein Recht hatten, war Befreiung aus der Hölle der Inflation und Schaffung einer eignen Währung, einer eignen autonomen Republik. [...“
Am 16. Oktober 1923 wurde auf dem Haus Neustraße 43 in der Eschweiler Innenstadt die grün-weiß-rote Fahne der Rheinischen Republik durch Separatisten gehisst. Im gleichen Haus eröffneten sie ein Werbebüro. Am 22. und 23. Oktober versuchten die Separatisten in Eschweilers Rathaus zu putschen. Der Beigeordnete Elsen lehnte die Übergabe des Rathauses jedoch ab, und ein Selbstschutz wurde gebildet. Einen Tag später forderte die Regierung die Bevölkerung zum Widerstand auf, und am 2. November wurden die Separatisten schließlich auf Veranlassung der belgischen Besatzungsmacht aus Eschweiler ausgewiesen.
In Aachen wurde das Rathaus am 21. Oktober 1923 unter der Führung von Leo Deckers und Dr.Guthardt besetzt, die im dortigen Kaisersaal die „Freie und unabhängige Republik Rheinland“ ausriefen. Am 22. Oktober schossen Separatisten in der Umgebung des Theaters auf Gegendemonstranten, die danach in das Sekretariat der separatistischen Partei am Friedrich-Wilhelm-Platz eindrangen und dieses verwüsteten. Seit Beginn des 23. Oktober fuhren Separatisten schiessend in Autos durch die Stadt. Die Aachener Feuerwehr besetzte inzwischen das Rathaus, was die separatistische Regierung dazu zwang sich nun im Regierungsgebäude zu verschanzen. Am gleichen Tag verhängte die belgische Besatzungsmacht den „Belagerungszustand“.
Die deutsche Lokalpolizei in Aachen versuchte am 25. Oktober das Regierungsgbäude zu stürmen, wurde jedoch von Soldaten der belgischen Besatzung daran gehindert und fortan belgischem Befehl unterstellt. Ebenfalls wurde der Betrieb der Technischen Hochschule eingestellt und auswärtige Studenten aus Aachen ausgewiesen.
Am 2. November wurde das Aachener Rathaus wieder von den Separatisten besetzt, die inzwischen rund 1000 Männer Verstärkung aus den Reihen der „Rheinland-Schutztruppen“ erhalten hatten. Der belgische Hochkomissar Baron Rolin-Jaquemyns ordnete das sofortige Ende der separatischen Regierung an und forderte die Truppen auf, umgehend die Stadt zu verlassen. Die Aachener Stadtverordnetenversammlung trat am Abend zusammen und legte ein „Treuebekenntnis zum Deutschen Reich“ ab.
Im gleichen Zeitraum erfolgten Umsturzbestrebungen in vielen rheinischen Städten nach ähnlichem Muster: Die lokalen Verwaltungsgebäude wurden besetzt, die bestehende Verwaltung außer Kraft gesetzt und vertrieben. Die Flagge der rheinischen Republik wurde gehisst und die neue Verwaltung setzte die Bevölkerung mittels öffentlicher Anschläge und Flugblättern über die veränderte Situation in Kenntnis. Die neuen Regierungen konnten sich nicht überall durchsetzen. In den Städten Jülich, Mönchengladbach, Bonn und Erkelenz wurde den Bestrebungen sofort, zum Teil gewaltsam, Einhalt geboten, andere Gegenden blieben an den Geschehnissen völlig unbeteiligt.
Pfaffendorfer1900.jpgIn Koblenz versuchten die Separatisten seit dem 21. Oktober die Macht zu übernehmen. Es kam in den folgenden Tagen zu zahlreichen „Handgreiflichkeiten“ mit der Ortspolizei und der Bürgerschaft. In der Nacht des 23. Oktober besetzten die Separatisten mit Unterstützung des französischen Militärs das Koblenzer Schloss, mussten es auf Druck des Oberbürgermeisters Dr. Russel und der Ortspolizei wieder räumen und besetzten das Schloss in der folgenden Nacht erneut.
Am 26. Oktober bestätigte der französische Oberkomissar der Rheinlandkomission, Tirard, die Separatisten als „Inhaber der tatsächlichen Macht“. Sie sollten „unter selbstverständlicher Achtung der bestehenden Autorität der Besatzungsbehörde * alle notwendigen Maßnahmen“ einleiten. Hans Adam Dorten und der Redakteur Josef Friedrich Matthes erhielten hierfür die Generalvollmachten. Ein Regierungskabinett wurde gebildet und dessen designierter Vorsitzender J. F. Matthes war somit „Ministerpräsident der rheinischen Republik“.
Die Macht der neuen Regierung stützte sich im Wesentlichen auf den Schutz und die Finanzierung der französischen Besatzer und auf die „Rheinland-Schutztruppen“, welche sich zu großen Teilen aus den Ausgewiesenen des Ruhrgebietes rekrutierte. Die Truppenangehörigen, meist ohne militärische Ausbildung und sehr schlecht ausgerüstet, setzten die Verordnungen der neuen Regierung allerorten teils gewalttätig durch. Ein nächtliches Ausgehverbot wurde verhängt und die Pressefreiheit massiv eingeschränkt. Wenn es örtlich an klaren Richtlinien fehlte, wurden kurzerhand aus dem Stegreif Verordnungen erlassen. Die Regierung erhielt keine nennenswerte Unterstützung des lokalen Verwaltungspersonals, das häufig den neuen Amtseid verweigerte oder der Arbeit ganz fernblieb. Die Bevölkerung verhielt sich abwartend und verschlossen aufgrund der französischen Militärpräsenz.
Das Kabinett in Koblenz war oft zerstritten und seine Verordnungen verwirrend. Zwischen Dorten und Matthes kam es oft zu „Rivalitäten“. Die französischen Machthaber gingen zusehends auf Distanz und schränkten die finanziellen Zuwendungen stark ein. Rheinisches Papiergeld wurde ausgegeben und schließlich ordnete die Regierung „Requirierungen“ im ganzen Land an. Damit setzte eine massive Welle von Plünderungen durch die „Rheinland-Schutztruppen“ ein, die weit über das Ziel der Lebensmittelbeschaffung hinausgingen. Die Situation entglitt in Willkür und Chaos und verlief in den einzelnen Städten und Gemeinden unterschiedlich. In der Zivilbevölkerung regte sich zunehmend Unmut und Widerstand, der durch das französische Militär im Zaum gehalten wurde.
Unter der Bezeichnung „Fliegende Division Nord“ fielen Angehörige der Rheinland Schutztruppen vom 6. bis 8. November über Maria Laach und umliegende Gehöfte her. In Brohl, wo die Einwohner Anton Brühl und Hans Feinlinger eine Widerstandsgruppe anführten erschien am 9. November ein Mordkommando, plünderte „nach Art des 30-jährigen Krieges“, und erschoss zwei Männer, Vater und Sohn, die sie für oben genannte Anführer hielten.
Am 10. November tauchten Plünderer in Linz am Rhein auf, besetzten das Rathaus und jagten den amtierenden Bürgermeister Dr. Pieper aus dem Amt. Von dort suchten sie die Gemeinden Unkel, Bruchhausen und Rheinbreitbach heim. Allerorten wurden neben Lebensmitteln und Fahrzeugen auch stets Wertgegenstände „requiriert“.
Vom 12. November an sammelten sich die Separatisten in Bad Honnef, das nun als neues Hauptquartier vorgesehen war. Das Rathaus wurde besetzt und am 14. November die rheinische Republik ausgerufen. In zahlreichen Wohnhäusern und Hotels wurden Lebensmittel und alkoholische Getränke beschlagnahmt und im Kurhaus fand eine große Feier statt, bei der das hauseigene Mobiliar in Flammen aufging.
Angeblich standen in der gesamten Umgebung nun ca. „4000 Männer unter Waffen“. Mit Hilfe von Werksirenen und Alarmglocken wurden die örtlichen Widerstands-Verbände mobilisiert, sobald sich separatistische Truppen sehen ließen oder entsprechende Gerüchte die Runde machten. Viele Menschen flüchteten umher und versuchten ihr Vieh und Besitztum in Sicherheit zu bringen.
Am Nachmittag des 15. November fuhren gegen 16 Uhr zwei mit Separatisten besetzte Fahrzeuge in den Aegidienberger Ortsteil Himberg ein, der von rund 30 bewaffneten Steinbrucharbeitern bewacht wurde. Der 18-jährige Schmied Peter Staffel kam durch einen Schuss ums Leben, nachdem er die Lastkraftwagen zum Anhalten zwang und versuchte die Insassen zur Umkehr zu bewegen. Die Separatisten wurden daraufhin massiv von den Bergleuten beschossen und flüchteten ins Schmelztal Richtung Bad Honnef. Auf ihrem Weg begegneten sie den gut verschanzten Truppen Hermann Schneiders, die ihre Fahrzeuge erbeuteten und sie endgültig in die Flucht schlugen.
Bei dem Gasthof Jagdhaus im Schmelztal sammelten sie sich, forderten Verstärkung an und planten Aegidienberg am folgenden 16. November massiv anzugreifen und ein Exempel an der Bevölkerung zu statuieren. Etwa 80 Bewaffnete unter der Führung eines Herrn Rang fanden bei Hövel eine Lücke in der Verteidigungslinie. Dort nahmen sie fünf Einwohner als Geiseln und stellten sie an Pfähle gefesselt in die Schusslinie gegen die anrückenden Verteidiger. Einer der Geiseln, Theodor Weinz (* 15. August 1858), erhielt einen Bauchschuss, der ihm wenig später das Leben kostete. Inzwischen waren Widerständler aus allen Gegenden herbeigeeilt und machten nun Jagd auf die „heillos Flüchtenden“.
STAFFEL.jpg 14 Separatisten kamen ums Leben und wurden später auf dem Aegidienberger Friedhof in einem Massengrab ohne Namensnennung bestattet. Zeitgenossen zufolge stammten sie aus der Gegend von Kevelaer und Krefeld.
Um eine Fortsetzung der Auseinandersetzungen zu verhindern, wurde Aegidienberg in den folgenden zwei Wochen von französisch-marokkanischen Truppen kontrolliert und die französische Militärpolizei ermittelte vor Ort. Als Ergebnis ihrer Ermittlungen gab die französische Militärpolizei den gewaltsamen Tod von rund 120 Menschen im Zusammenhang sämtlicher Ereignisse dieser Novembertage bekannt. Genauere Angaben zu den Toten und Ereignissen finden sich möglicherweise in den Archiven der Militärpolizei. Theodor Weinz ist direkt am Friedhofseingang in Aegidienberg begraben, die Aegidienberger Grundschule ist nach ihm benannt. Peter Staffel ist auf dem Friedhof in Eudenbach – heute ein Stadtteil von Königswinter – beigesetzt. Er stammte aus Hühnerberg, das heute ebenfalls heute zu Königswinter gehört.
Das Koblenzer Kabinett spaltete sich in Folge der Ereignisse in zwei Lager auf. Die separatistischen Regierungen wurden aus den Rathäusern vertrieben und auch teilweise vom französischen Militär verhaftet. Josef Friedrich Deckers trat am 27. November von seinen Ämtern zurück. Hans Adam Dorten hatte schon am 15. November in Bad Ems eine „Vorläufige Regierung“ für das südliche Rheinland und die Pfalz gebildet, agitierte von dort aus erfolglos weiter und beteiligte sich nun auch aktiv an den Geschehnissen in der „Pfälzischen Republik“, die noch bis ins Jahr 1924 bestand. Am 31. Dezember flüchtete er nach Nizza, und später in die USA, wo er seine Memoiren veröffentlichte und 1963 starb.
Joseph Matthes begab sich ebenfalls nach Frankreich und begegnete dort später Kurt Tucholsky. Ihm und seiner Frau wurde trotz der im Londoner Abkommen vom 31. August 1924 gewährten Amnestie unter Beugng des Rechts die Einreise nach Deutschland verweigert, was Tucholsky dazu veranlasste das weiter oben zitierte Essay „Für Josef Matthes“ zu veröffentlichen.
In vereinzelten Ortschaften des Rheinlands regierten die separatistischen Bürgermeister noch bis in den Dezember hinein, wurden abgewählt oder mussten ihr Handeln vor Ausschüssen und Gerichten verantworten.
Konrad Adenauer, der mit Hans Adam Dorten stets in tiefem Gegensatz gelegen hatte und an der „Rheinischen Republik“ aktiv unbeteiligt war, unterbreitete im Dezember der französischen Generalität einen weiteren Vorschlag zur Bildung eines „Autonomen westdeutschen Bundesstaates“. Weder die französische noch die deutsche Regierung konnten sich mit den Vorschlägen anfreunden.
Am 30. Dezember 1923 fand eine Vertreterversammlung der rheinischen Parteien, Gewerkschaften, Kammern und Gemeinden statt und es wurde die Einleitung von Verhandlungen zur Bildung einer „Rheinischen Republik“ beschlossen.
Tatsächlich richtete sich der Widerstand der Bevölkerung vor allem gegen Willkür und Raub. Es beteiligten sich Anhänger aller politischen Richtungen „in erstaunlicher Gemeinsamkeit“.
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