Der Begriff Revisionismus (vom lateinischen: revidere - wieder hinsehen) bezeichnet Versuche, eine als allgemein anerkannt geltende historische, politische oder wissenschaftliche Erkenntnis und Position zu verlassen, anders zu bestimmen oder umzudeuten. Meist wird der Begriff von Gegnern solcher „Revision“ verwendet, während ihre Befürworter sie als neue Betrachtungsweise verstanden wissen wollen.
Der Begriff wurzelt historisch in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, wo er eine ideologische und politische Abkehr vom Marxismus bezeichnete. Er wurde sinngemäß später von bestimmten Richtungen des Kommunismus auch für den Stalinismus verwendet.
Als Geschichtsrevisionismus bezeichnet man demgegenüber Versuche, bestimmte historische Tatsachen und damit verbundene Sichtweisen der Geschichte revidieren zu wollen. Dies nehmen auch rechtsextremistische „Revisionisten" in Anspruch, die unter diesem Etikett jedoch Holocaustleugnung propagieren und den Nationalsozialismus zu rehabilitieren versuchen.
Diese Position wurde damals sowohl von der Parteilinken, vertreten u.a. von Rosa Luxemburg, als auch vom marxistischen „Zentrum", vertreten von Karl Kautsky und der Parteiführung unter August Bebel, zurückgewiesen. In der Alltagspraxis verfolgte die Mehrheit der SPD jedoch einen Kurs, der heute als Realpolitik bezeichnet wird: Sie versuchte, durch Kompromisse mit der Monarchie Anerkennung bei den Eliten des Kaiserreichs zu finden. Im August 1914 gab sie ihre bis dahin vehement vertretene Ablehnung des Krieges innerhalb weniger Tage auf und trug die Kriegsentscheidung des Reichstags in Form der Zustimmung zu den Kriegskrediten geschlossen und für die ganze Dauer des 1. Weltkriegs mit.
Die Systemopposition wurde also hier tatsächlich „revidiert", auch wenn sie in der Theorie und im Programm noch festgehalten wurde. Das Abweichen vom ursprünglichen Kurs wurde als „moderate“, pragmatische und realitätsnahe Herangehensweise mehrheitsfähig, so dass das Festhalten am ursprünglichen Kurs als „extreme", „radikale", unrealistische und unmoderne Minderheitsmeinung erschien.
Dieses Verlassen des Vorkriegskurses begriff die linke Minderheit als „Verrat" der Parteiziele, den aber anfangs nur sehr wenige praktisch bekämpften. Der Flügelstreit in der Partei nahm während des Krieges erst wieder zu, als hohe Kriegsopfer, die russische Februarrevolution, Massenstreiks und der Kriegseintritt der USA die innenpolitische Lage verändert hatten. So kam es 1917 zur Parteispaltung in USPD und MSPD. Im Verlauf der Novemberrevolution spaltete sich die Linke ihrerseits nochmals, indem sich die KPD neu gründete. Diese beanspruchte, als einzige politische Kraft der deutschen Arbeiterbewegung nicht „revisionistisch" zu sein.
Die Kommunisten nutzten den Begriff sodann zur ideologischen Abgrenzung von der Politik der SPD-Regierung unter Philipp Scheidemann und Friedrich Ebert. „Revisionismus" hieß in der Weimarer Republik für sie brutale Gewalt, seit Wehrminister Gustav Noske mit Hilfe der Freikorps revolutionäre Arbeiteraufstände und Streiks niederschlagen ließ. Darüberhinaus diente der Begriff der KPdSU zur Abgrenzung von allen Parteien der gescheiterten 2. Internationale und wurde seit etwa 1925 von Stalins Propaganda synonym mit „Sozialfaschismus" verwendet.
Der Vorwurf, die SPD entferne sich von ihren Grundwerten, wurde 1959 erneut vom linken SPD-Flügel aufgegriffen, als die Partei am 15. Nov. 1959 das Godesberger Programm verabschiedete. Mit dieser Revision ihrer Ziele erkannte die Partei nach dem Tod ihres ersten Nachkriegsvorsitzenden Kurt Schumacher die soziale Marktwirtschaft an und vollzog den Schritt von einer Klientel-Partei der Arbeiterschaft zur Volkspartei, die auch für bürgerliche Schichten wählbar sein wollte.
Zu dieser Demokratisierung kam es jedoch damals nicht; dies wurde mit dem Einmarsch der Roten Armee in Ungarn im selben Jahr offenkundig. Daraufhin übernahmen Teile der deutschen "Neuen Linken" die chinesische Sprachregelung. Rudi Dutschke etwa bezeichnete den Staatskommunismus stets als "Revisionismus", wobei er wiederum das chinesische System in diese Kritik einschloss. Für ihn waren diese "real existierenden" Systeme kein Sozialismus und Kommunismus, auch nicht auf dem Weg dorthin oder seine spätere "Entartung", sondern verhinderten diesen strukturell ebenso wie der westliche "Spätkapitalismus" und "Imperialismus".
Als „Revisionisten" bezeichnen sich auch Personen, die den Holocaust an den europäischen Juden im 2. Weltkrieg ganz oder oder teilweise abstreiten, mit pseudowissenschaftlichen Methoden anzweifeln und die bekannten Fakten dazu als Fälschungen hinstellen. Besonders bekannt dafür wurden u.a. David Irving, Fred A. Leuchter, Germar Rudolf, Otto Ernst Remer sowie Ernst Zündel. Sie gehören vielfach zum Lager der Rechtsextremisten und werden von diesen herangezogen. Die Geschichtswissenschaft ordnet sie in aller Regel als Geschichtsfälscher ein; in einigen Staaten sind einige von ihnen wegen Volksverhetzung und vergleichbaren Straftatbeständen verurteilt worden.
Ihre Selbstbezeichnung als Revisionisten soll ihrer Holocaustleugnung den Anschein einer unvoreingenommenen „Revision" historischer Tatsachen geben, gehört also bereits zur Strategie des Leugnens.
Vom rechtsextremen „Revisionismus“ zu unterscheiden ist der Versuch, die Ursachen des Holocausts außerhalb der Politik des Nationalsozialismus anzusiedeln und ihn als Reaktion auf stalinistische Verbrechen zu deuten. Diesen Versuch unternahm der Historiker Ernst Nolte, womit er 1986 einen Historikerstreit in der damaligen Bundesrepublik Deutschland auslöste. Kernthema des Streits war nicht die Tatsächlichkeit, sondern die Singularität des Holocaust.
Aber auch wissenschaftliche Angriffe auf eine starre fundamentalistische Geschichtsdeutung wurden als Revisionismus bezeichnet: So galten Mitte der 1990er israelische Historiker wie Benny Morris oder Ilan Pappe in Israel als Revisionisten, weil sie - unabhängig voneinander - die Vertreibung der arabischen Bevölkerung kurz vor der Gründung Israels 1948 untersuchten und die Zerstörung von 418 arabischen Dörfern im heutigen Staatsgebiet Israels belegten. Diese Fakten werden von einigen israelischen Hardlinern bis heute abgestritten oder verharmlost. Die Arbeiten erregten auch international Aufsehen, da die Quellenlage bis dahin kaum erschlossen und das Geschichtsbild auf beiden Seiten propagandistisch gefärbt war.
Siehe : Israelischer Historikerstreit
Historical revisionism | Revisionismo histórico | Révisionnisme | 歴史修正主義 | Rewizjonizm | Historierevisionism | 历史修正主义
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