Relativismus ist eine philosophische Denkrichtung, die davon ausgeht, dass es keine absolute Wahrheit und keine absoluten ethischen Werte gibt. Ähnliche Gedanken gibt es im Nihilismus und im Skeptizismus.
Einteilung
Relativistischen Theorien zufolge ist die Geltung von Aussagen prinzipiell abhängig von Voraussetzungen, die ihrerseits keine allgemeine Geltung beanspruchen können. Daher lassen sich relativistische Positionen danach einteilen, welche Klasse von Geltungsansprüchen als relativ angesehen wird und welche Art von Voraussetzungen in Anschlag gebracht wird. Entsprechend der dabei möglichen Kombinationen ergibt sich eine Vielzahl verschiedener Spielarten relativistischen Denkens.
Bedeutungsrelativismus
Der
Bedeutungsrelativismus (linguistischer Relativismus) nimmt an, dass sprachliche Ausdrücke nur im Zusammenhang der
Sprache verständlich sind, in der sie formuliert werden. Es wird davon ausgegangen, dass die Sprachen oder Sprachfamilien in andere Sprachen prinzipiell oder partiell unübersetzbar sind.
Kritik
Der
linguistische Relativismus wird unter anderem dafür kritisiert, dass er, um seine These zu belegen, auf Beispiele aus der betreffenden Sprache oder auf ausführliche Sprachvergleiche zurückgreifen muss, was ihm unter seinen eigenen Voraussetzungen überhaupt nicht möglich wäre. Deshalb argumentiert u.a.
Donald Davidson, dass der Begriff der Sprache selbst bereits Übersetzbarkeit impliziert, da es andernfalls keine Möglichkeit gebe, etwas überhaupt als Sprache zu identifizieren.
Wahrheitsrelativismus
Der
Wahrheitsrelativismus (epistemischer Relativismus) wiederum vertritt die Ansicht, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern die Wahrheit vom Beobachter abhängt. Jede Überzeugung (Religionen, Ideologien, Wissenschaften, Weltbilder etc.) baue auf Dogmen und Axiomen auf. Da diese Dogmen und Axiome vom Relativisten angezweifelt werden, findet er keine absolute Wahrheit mehr.
Kritik
Der Standardeinwand gegen den
epistemischen Relativismus besteht in dem Nachweis seiner selbstreferentiellen
Inkonsistenz: Wenn alle Behauptungen nur relativ gültig sind, betrifft dies auch die relativistische Behauptung selbst. Somit kann diese nicht gültiger als ihre
Negation angesehen werden. Ginge man davon aus, dass der epistemische Relativismus universell gültig ist, begeht der Relativist einen
performativen Selbstwiderspruch (
Karl-Otto Apel,
Jürgen Habermas,
Vittorio Hösle): Der
propositionale Gehalt seiner Behauptung steht im Widerspruch zu dem
Sprechakt, den er vollzieht. Autoren wie Hösle und Apel sehen in diesem Argument eine
Letztbegründung notwendiger Wahrheiten.
Werterelativismus
Der
Wertrelativismus (ethischer Relativismus) schließlich ist der Auffassung, dass
normative Maßstäbe menschlichen Handelns nicht universell wahr sind, sondern höchstens innerhalb einer bestimmten
Kultur (
Kulturrelativismus) beziehungsweise einer bestimmten historischen
Epoche (
historischer Relativismus) faktisch gültig sind.
Zentrales Element des Werterelativismus ist die Unterscheidung zwischen deskriptiven (was ist) und normativen Aussagen (was sein soll). Er macht keine Aussage dazu, ob und in welchem Sinne deskriptive Aussagen wahr sind, er verneint jedoch, dass normative Aussagen universell wahr sein können. Dies widerspricht nicht seinem eigenen Wahrheitsanspruch als deskriptive metaethischen Position. Er selbst beinhaltet keine Normen und Werte. Seine Vertreter können somit unterschiedlichste Wertvorstellungen haben.
Der Versuch die Wahrheit von Werten aus deskriptiven Aussagen herzuleiten oder beschreibende Theorien mittels moralischen Argumenten zu kritisieren wird als naturalistischer Fehlschluss gedeutet.
Kritik
Der
ethische Relativismus wird von manchen Kreisen als moralisch verwerflich oder gar politisch gefährlich angesehen. Er bezweifelt beispielsweise die universelle Geltung der
Menschenrechte. Weiterhin macht er die moralische Verurteilung von Praktiken wie der
Verstümmelung oder
Beschneidung weiblicher Genitalien auf einer absoluten Ebene unmöglich. Gegen den ethischen Relativismus argumentieren insbesondere der
Realismus, die (Neu-)
Scholastik und das
Naturrecht. Diese bestreiten keinesfalls, dass ethische Relativisten auch ethische bzw. moralische Überzeugungen haben bzw. praktizieren können. Allerdings weisen sie darauf hin, dass sich ihre Überzeugungen häufig widersprechen und so nicht (alle) wahr sein können. Außerdem begebe sich auch der ethische Relativist in einen Selbstwiderspruch, weil er die ethische Forderung nach einer völlig unsanktionierten Wahl ethischer Auffassungen und Lebensweisen als universell gültige Wahrheit vertrete.
Geschichte
Die zunehmende Bekanntschaft mit fremden Völkern und die damit einhergehende Einsicht in die Pluralität religiöser Vorstellungen, Weltbilder und lokaler Sitten und Gebräuche führte bereits in der
antiken Sophistik zur Entwicklung relativistischer Auffassungen. So ist etwa der "
Homo-Mensura-Satz" des
Protagoras bereits von seinen zeitgenössischen (göttertreuen, aristokratischen) Widersachern als Ausdruck eines extremen epistemischen Relativismus gedeutet worden: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden für ihr Sein und der Nicht-Seienden für ihr Nicht-Sein". Mit der begrifflichen Unterscheidung von
Natur ("physis") und menschlicher Satzung ("nomos") wurde zudem die Grundlage für einen ethischen Relativismus geschaffen, dem zufolge moralische Normen und Gesetze nicht auf der Natur, sondern auf menschlicher Übereinkunft beruhen und somit
kontingent, das heißt sowohl kulturrelativ als auch historisch veränderlich sind.
Neuere kritische Quellenforschung geht allerdings davon aus, dass der Homo-Mensura-Satz des Protagoras wie auch andere überlieferte erkenntnistheoretische Positionen der Sophisten statt im Sinne der heutigen (platonischen) Relativismusdefinition eher im Sinne der neuzeitlichen Systemtheorie beziehungsweise des (Radikalen) Konstruktivismus zu verstehen sind.
Der neuzeitliche Relativismus entwickelte sich insbesondere seit dem 18. Jahrhundert. Beeindruckt von der Entdeckung und Erkundung neuer Kontinente und der wachsenden Anzahl von Reiseberichten aus fernen Ländern entwickelten Gelehrte wie beispielsweise Herder, Humboldt oder Hamann in kritischer Distanz zum universalistischen Vernunftbegriff der Aufklärung Ansätze zu Sprach-, Kultur- und Rationalitätstheorien mit relativistischen Implikationen. Der Siegeszug der neuzeitlichen Wissenschaften schuf die weltanschaulichen Voraussetzungen für das Aufkommen einer Vielzahl relativistischer Theorien im Verlauf des 19. Jahrhunderts. So ging etwa der geschichtswissenschaftliche Historismus von der historischen Bedingtheit aller menschlichen Lebensäußerungen aus, während Biologismus und Psychologismus die relativistische Ansicht nahe legten, dass menschliches Denken und Verhalten nur mehr als Ausdruck der biologischen beziehungsweise psychischen Konstitution des Menschen zu verstehen seien.
Im 20. Jahrhundert wurden explizit relativistische Positionen, insbesondere von Evans-Pritchard und anderen in der Ethnologie, von Benjamin Lee Whorf und anderen in der Linguistik (Sapir-Whorf-Hypothese) und von Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend in der postempiristischen Wissenschaftstheorie entwickelt. Im Kontext der zeitgenössischen Philosophie weisen vor allem der Konstruktivismus, der Poststrukturalismus und der Pragmatismus vielfach relativistische Tendenzen auf.
Siehe auch
Literatur
- Meiland, J.W., M.Krausz (eds.), "Relativism, Cognitive and Moral", Notre Dame Ind., London 1982.
- Hollis, M., S. Lukes (eds.), "Rationality and Relativism", Oxford 1982.
Weblinks
Erkenntnistheorie
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