Das Reich Gottes, auch Königsherrschaft Gottes (griech. basileia tou theou) ist im Judentum die sichtbare Herrschaftsaufrichtung JHWHs in Israel mit dem Ende von Exil und Fremdherrschaft und im Christentum der Zustand der endgültigen Erlösung der Menschheit. Oft ist auch vom Himmelreich (griech. basileia tôn ouranôn) die Rede – dies ist ursprünglich zu verstehen als Herrschaft des Himmels, nicht etwa als Ein Land im Himmel. Friede.jpg
Der Begriff stammt aus der spät-alttestamentlichen Apokalyptik und stellt ursprünglich den Fremdherrschaften im Land Israel (Babylonier, Perser, Römer), aber auch der Gottvergessenheit Israels selbst die kommende sichtbare Herrschaftsaufrichtung JHWHs entgegen. Diese wird als umfassendes Gottesgericht hereinbrechen. Die Übertreter des Gesetzes und die Heiden werden bestraft und verworfen werden, die Gerechten erhalten den Zugang zum Gottesreich. Umkehrpredigt und Bußtaufe Johannes des Täufers sind noch ganz von diesem Hintergrund bestimmt.
Auf Griechisch heißt Reich Gottes basileia tou theou: (Königs-)Herrschaft Gottes. Reich Gottes besagt also die Herrschaft (Sozialordnung) der unbedingten Liebe, die entsteht, wenn Menschen aus dem Geist Gottes heraus leben. Im Matthäus-Evangelium wird zumeist nicht vom Reich Gottes gesprochen, sondern das Wort Gott wird mit dem Wort Himmel umschrieben. So heißt es nur bei ihm Reich der Himmel, Himmelreich.
Reich Gottes bezeichnet im christlichen Sinne einen menschlichen Zustand, bei dem Menschen nicht mehr aus Angst um sich selbst handeln – die die Wurzel allen Egoismus ist –, sondern in Liebe zum Nächsten, weil Menschen sich bedingungslos und absolut in Gott geborgen wissen (weder Schuld noch Tod ["absolut" können sie vom Geborgensein in Gott trennen), so dass Gott den Menschen im Bewusstsein so gegenwärtig wird, dass deren Zusammenleben von Gerechtigkeit und Frieden geprägt wird. Reich Gottes bezeichnet also auch ein neues Verhältnis der Menschen zu Gott und zwar auf personaler Ebene. Es lässt sich jedoch nicht in menschlichen Denkmustern wie Raum und Zeit beschreiben und eingrenzen. Es gibt eine Spannung zwischen "schon" und "noch nicht", denn es ist durch Jesus unwiderruflich angebrochen, aber noch nicht vollendet; Erst Gott wird sein Reich vervollständigen ("Dein Reich komme"). Eine weitere Spannung besteht zwischen den Begriffen "Diesseits" und "Jenseits", denn beide gehören zum Reich Gottes und lassen sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit nicht voneinander trennen. Die Antwort der Menschen auf das Geschenk des Gottesreiches ist die Hinwendung zu Gott, die "Umkehr", indem sie ihr Leben vor Gott bringen und es nach ihm ausrichten.
Auf diese Weise kann man geistig in das benannte Reich eingehen.
Weiter gibt es viele biblische Prophezeiungen die sich hiermit befassen.
Jesus spricht einerseits vom gegenwärtigen Gottes- oder Himmelreich, das er persönlich repräsentiert und andererseits von dem kommenden Reich (siehe Mustergebet aus Mathäus Kapitel 6: "Vater unser" genannt. Charakteristisch für ihn ist jedoch, dass die Perspektive sich umkehrt. Der göttliche Zorn tritt zurück hinter einer göttlichen Liebeszuwendung zu den Armen, Machtlosen, Ausgeschlossenen, Kranken, Sündern, Kindern und sogar Heiden (vgl. Mt 15,21-28). Diejenigen, die nach allgemeinem Maßstab und eigener Einschätzung als wertlos und verworfen galten, sind bei ihm die, die zuerst zum Gottesreich eingeladen sind: Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten (Mt 20,16).
Außerdem erklärt Jesus, dass die Gottesherrschaft in seinem Wirken (z. B. durch Wunder) bereits anfängt (z.B. Lk 11,20), und verschiebt den Akzent von der Zukunft auf die Gegenwart: Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch. (Evangelium nach Lukas 17,20-21), denn er ist der König in diesem Reich und verkörpert es in Persona. Damit ist demnach Jesus Christus und sein wirken auf der erde gemeint. (siehe Offenbarung 19:16)
In Mt 19,22 steht: Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Als das seine Jünger hörten, entsetzten sie sich sehr und sprachen: Ja, wer kann dann gerettet werden? Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist das unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.
Die nachösterliche christliche Verkündigung knüpfte hier an: Demnach ist durch Tod und Auferstehung Christi der glaubende Mensch bereits erlöst und befindet sich im Zustand der Naherwartung des Reiches Gottes (Parusie). Der gekreuzigte und auferstandene Herr ist die "Gottesherrschaft in Person". Der Mensch, der sich ihm öffnet und sein Kreuz teilt, ist eins mit Gott und der Liebe und verändert seine Maßstäbe (s. Bergpredigt).
In Matthäus 6, 10a (Vater unser) lehrt Jesus seine Jünger beten: "Dein Reich komme." Das bedeutet gemäß der meisten verschiedenen Kircheninstitutionen, dass sich Gottes Herrschaft immer weiter im eigenen Leben und in dieser Welt ausbreiten soll. Jeder Christ, der sein Leben Jesus unterstellt, kann und soll helfen, Gottes Reich aufzubauen. Jesu Herrschaft soll im eigenen Herzen beginnen, im Leben für andere sichtbar werden und sich auch auf sie ausbreiten. Dadurch kann jeder helfen, dass Gottes ewige Herrschaft so schnell wie möglich vollständig anbricht.
In der Kirchengeschichte ist von diesem Impuls vieles wirksam geworden, teils durch bekannte und unbekannte Christen (Heilige), teils in säkularisierter Gestalt und auch gegen die etablierten Kirchen gewendet. Der Graben zwischen "real existierenden Kirchen" und Reich-Gottes-Glauben bleibt aber unübersehbar. Das war auch das Schicksal aller neuen Glaubensgemeinschaften, die das Gottesreich reiner darstellen wollten. Diese Spannung auszuhalten und möglichst zu verringern, kann geradezu als Definition christlicher Existenz gelten.
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