article

Als realer Sozialismus (auch real existierender Sozialismus) wurde das politökonomische System der damaligen Sowjetunion (ab den 1930ern) und ihrer Satellitenstaaten bis zu deren Zusammenbruch 1989/90 bezeichnet. Manchmal wird der Begriff Realsozialismus auch noch für die verbleibenden Staaten mit sozialistischem Anspruch, wie Kuba, gebraucht. Ursprünglich wurde in der Sowjetunion versucht, gemäß dem Marxismus eine Gesellschaft zu entwickeln, in der die Werktätigen die politische Führung übernehmen und letztlich alle Klassenunterschiede aufgehoben werden. Unter dem Motto "Aufbau des Sozialismus in einem Land" wurde dann ab Mitte der 1920er in der Sowjetunion auf eine beschleunigte Industrialisierung hingearbeitet, bei der eine zentral gesteuerte Wirtschaft etabliert wurde. Jedoch blieben die Werktätigen dabei unbeteiligt.

Ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung sowie ein stetiger Anstieg des Lebensstandards unter der einfachen Bevölkerung ist für die ersten Jahrzehnte des Bestehens der Sowjetunion nachweisbar. Nach dem jahrzehntelangen Rückstand der industriellen Entwicklung Russlands im Vergleich zum Westen wurden viele russische Bauern erst mit aufkommender Industrialisierung nach der Oktoberrevolution zu Arbeitern. Eine weitere Errungenschaft war die Bildung. Während zuvor im Zarenreich ca. 98% der Bevölkerung Analphabeten waren, ging dieser Anteil in der Sowjetunion rasch auf unter 10% zurück. Ein breites Netz von Schulen, Bibliotheken und Universitäten wurde geschaffen, die für die gesamte Bevölkerung frei zugänglich waren. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch in anderen realsozialistischen Ländern erkennen, wie zum Beispiel Kuba, welches den Analphabetismus völlig überwunden hat. Genauso ist der freie Zugang aller zu Kultur und zu den Gesundheitseinrichtungen zu werten.

Weshalb der Versuch letztendlich scheiterte, ist umstritten. Kritiker des Marxismus bezeichnen diesen als wirklichkeitsfremd und nicht umsetzbar. Einige Marxisten hingegen argumentieren, der Sozialismus sei niemals so umgesetzt worden, wie er von Karl Marx gedacht war. Vor allem sei die Zeit für den Sozialismus noch nicht reif gewesen, da die Produktivkräfte noch nicht hochentwickelt genug waren, um den Kapitalismus abzulösen. Ein weiterer Ansatzpunkt für Kritik ist der Weg den der reale Sozialismus mit der Rolle Stalins, der den Begriff Marxismus-Leninismus als Staatsdoktrin und Ideologie aller realsozialistischer Staaten wesentlich geprägt hat, genommen hat.

Auch mussten unter den Bedingungen des Kalten Krieges Ressourcen in die Konfrontation mit dem Westen investiert werden, die sonst anderweitig zur Verfügung gestanden hätten. Dieser Konflikt und die Ideologie des Stalinismus rechtfertigte in den Augen der realsozialistischen Machthaber auch eine autoritäre Gesellschaft, die durch Zensur, Unterdrückung, Verfolgung von Regimekritikern (Dissident) und bürokratische Gängelung der Bevölkerung statt Demokratie und Selbstbestimmung gekennzeichnet war. Sicherheitsorgane wie die Stasi in der DDR waren bei großen Teilen der Bevölkerung unbeliebt und gefürchtet, selber sahen sie sich als Schild des Sozialismus. Reformversuche aus der Bevölkerung wie der 17. Juni 1953, der Volksaufstand in Ungarn oder der Prager Frühling wurden gewaltsam niedergeschlagen. In Kunst und Kultur war Sozialistischer Realismus die Vorgabe, eine Freiheit der Kunst wurde abgelehnt.

Ein Wendepunkt für die wirtschaftliche Entwicklung der realsozialistischen Länder kam mit der Politik von Chruschtschow (Ost-West-Annäherung), mit der die Integration in den (und damit die Unterwerfung unter den) Weltmarkt weiter vorangetrieben wurde. Hinzu kam die beidseitige Aufrüstung während des Kalten Krieges und die Abhängigkeit der UdSSR von Devisen kapitalistischer Länder, wodurch die wirtschaftliche und außenpolitische Lage zusätzlich beeinträchtigt wurde. Die Probleme spitzten sich zu und es mussten Schulden aufgenommen werden, welche der Sowjetunion spätestens 1990 zum Verhängnis wurden.

Spätestens ab den 1980er Jahren wurde der Realsozialismus von den Menschen immer weniger akzeptiert. Der Blick durch Medien in den Westen versprach ihnen mehr Produktvielfalt und einen höheren Lebensstandard, dem die realsozialistischen Länder durch innere und äußere Schwierigkeiten immer weniger nachkommen konnten. Die starre und bürokratisch verzerrte Planwirtschaft verhinderte eine ausreichende Bedürfnisbefriedigung, der wissenschaftlich-technische Fortschritt konnte nicht mit dem westlichen mithalten. Überall war die Allmacht der Staatspartei und ihrer Organe zu spüren, die jede basisdemokratische Regung unterdrückte und die Menschen wesentlicher Freiheiten beraubte.

Schließlich führte die friedliche Revolution von 1989 zum Zusammenbruch des Ostblocks (in der DDR: Montagsdemonstrationen).

Marxistische Analyse des Scheiterns des Realsozialismus


Unter anderem wurden folgende wesentliche Fehler festgestellt:

1. Im Ostblock sei keine Vergesellschaftung der Produktionsmittel erfolgt (wie von Marx gefordert), sondern nur eine Verstaatlichung und damit eine neue Klassenherrschaft ("Bürokratie"); "Staatskapitalismus"

2. Eine revolutionäre Umwälzung sei nicht gleichbedeutend mit einer bloß politischen Revolution auf Führungsebene. Sie müsse die gesamte Gesellschaft von unten bis oben erfassen und verändern, sonst seien neue diktatorische Herrschaftssysteme vorprogrammiert.

3. Der Aufbau einer neuen Gesellschaft sei nur mit Unterstützung der Bevölkerungsmehrheit möglich. "Die Mehrheit müsse durch eigene Erfahrung und Einsicht die Notwendigkeit einer umfassenden revolutionären Umwälzung erkennen und sie auch selbst durchführen" (Rosa Luxemburg).

Weltgeschichte | Zeitgeschichte | Marxismus-Leninismus

Realny socjalizm | Realsocialism

 

This article is licensed under the GNU Free Documentation License. It uses material from the "Realer Sozialismus".

Home Pageartsbusinesscomputersgameshealthhospitalshomekids & teensnewsphysiciansrecreationreferenceregionalscienceshoppingsocietysportsworld