Rattenlinien (englisch „rat lines“), auch Stille Hilfe, war die von US-amerikanischen Geheimdienst- und Militärkreisen geprägte Bezeichnung für Fluchtrouten führender Vertreter des NS-Regimes und Angehöriger der SS und der Ustascha nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Aufgrund einer aktiven Beteiligung des römisch-katholischen Klerus an den Fluchtrouten trugen sie bis zur Beteiligung des US-amerikanischen Geheimdienstes den Namen „Klosterrouten“.
Die Fluchtrouten führten über Italien (meist Südtirol und Rom) nach Südamerika und dort hauptsächlich nach Argentinien, aber auch in Länder Arabiens. Über diese Routen gelang es nach dem Zweiten Weltkrieg tausenden Nazis, sich der Verfolgung durch die amerikanische und europäische Justiz zu entziehen.
In manchen Fällen wurden die Nazis und Ustascha-Leute sogar über die gefälschten Papiere als Überlebende von Konzentrationslagern ausgewiesen. Wie der amerikanische Geheimdienst herausfand, halfen Angestellte aus der argentinischen Botschaft in Barcelona gegen ein hohes Honorar oft, diese falschen Papiere zu beschaffen. Ein weiterer Vorteil für die Fluchtorganisation war das Einwanderungsabkommen zwischen Argentinien und Italien, was ihnen erlaubte, viele der Flüchtlinge über Italien nach Argentinien zu schleusen.
Neben Italien war auch das von Franco beherrschte Spanien ein sicherer Platz für die flüchtigen Kriegsverbrecher, wo ihnen bis zu ihrer Abreise per Schiff eine Unterkunft, Taschengeld und Verpflegung, und nicht selten sogar Startkapital für ihre neue Existenz zur Verfügung gestellt wurde. Die Kosten für die Schiffsüberfahrt dieser Flüchtlinge übernahm in den meisten Fällen das Internationale Rote Kreuz.
Der US-amerikanische Geheimdienst CIC erkannte die Fluchtwege schon früh, unternahm aber keine Schritte dagegen und nutzte ab 1947 die Routen für eigene Zwecke, um zahlreiche Spione diskret und schnell aus dem von den Russen besetzten Teil Österreichs zu schaffen. Viele Mitträger des nationalsozialistischen Regimes wurden u.a. von amerikanischen Geheimdienstbehörden mit gefälschten Papieren ausgestattet, wobei viele auch unerkannt blieben. Die Amerikaner nannten die „Klosterrouten“ nach ihrem Eingriff in die Organisation der Routen in „rat lines“ um.
Die Spuren der Flüchtlinge lassen sich laut dem Historiker Uki Goñi, dem Autor des Buches „The Real Odessa“ nicht mehr verfolgen, da viele der Akten vernichtet oder geschwärzt worden seien. Er errechnete aber eine Zahl von mindestens 300 NS-Regime Vertreter, die Argentinien erreicht hätten, während die argentinische Historikerkommission CEANA in ihrem Abschlussbericht von 1999 berichtete, dass mindestens 180 bekannte Nazis über die „Rattenlinie“ nach Argentinien gelangt waren, was sie an vorhandenen Akten rekonstruiert hatten.
Unter den Flüchtlingen befanden sich unter anderem Klaus Barbie, Gerhard Bohne, Adolf Eichmann, Josef Mengele, Ante Pavelić, Erich Priebke, Walter Rauff, Eduard Roschmann, Franz Stangl, Gustav Wagner und Friedrich Warzok.
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