Rassistisches Wissen, ist ein Begriff, der Rassismus nicht als Vorurteil, sondern als Teil einer gesellschaftlichen Wertesystems beschreibt.
Mark Terkessidis bezeichnet mit diesem Begriff geltende und von einem unangezweifelten Konsens der Mehrheit aller Mitglieder der Gesellschaft gestützte Vorstellungen über „Fremde“, die vor allem durch gesellschaftliche Praxis „gelebt“ werden und eine enge Verbindung mit Institutionen – „materielle Apparate“ – wie z.B. Arbeitsmarkt, Staatsbürgerschaft und hegemoniale Kultur eingehen.
Aufgrund von Beschreibungen des Schriftstellers Richard Wright, sowie vor dem Hintergrund von Untersuchungsergebnissen Teun Adrianus van Dijki, Alphons Silbermann und Francis Hüser sowie insbesondere von Diskursanalysen von Siegfried Jäger zu rassistischen Phänomen bei Einzelpersonen, Gruppen und in Medien, lässt sich nach Terkessidis Rassismus nicht mehr als ein „Ausnahmephänomen im gesellschaftlichen Funktionieren“ erklären, nach dem Rassismus vor allem als ein Zustand individueller Irrtümer wie etwas Vorurteile und Stereotypen untersucht wird. Vor allem der Glaube vieler Rassismustheoretiker es gebe eine vorurteilsfreie Mehrheit der Gesellschaft und mittels ihren individualistischen Rassismusanalysen könne gleichzeitig eine Korrektur oder gar eine Therapie von „verzerrten Wahrnehmungen“ versucht werden, stehen nach Terkessidis im Widerspruch zu den Untersuchungen, da sie nicht erklären können, warum nur ganz bestimmte Gruppen der Gesellschaft von Rassismus betroffen sind und Rassismus verschiedene Konjunkturen erlebt. So zeigen die Untersuchungen, dass wesentliche Elemente des Rassismus in der Gesellschaft zum normalen – „normativen“ – Wissensbestand gehört.
(Zitate: Terkessidis 1998, S. 59f)
Diskursanalytische Untersuchungen von Teun A. Van Dijk (1987) von der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona und Jäger (1992) haben für die USA, Niederlande und Deutschland festgestellt, dass im rassistischen Wissen zu bestimmten Zeiten ganz bestimmte Themen in den Vordergrund stehen. Festgestellt wird dabei, dass in Deutschland der 90er-Jahre diese Themen vorrangig eine negativ interpretierte Andersheit, die Bedrohung – z.B. von Sicherheit und kultureller Identität – und ökonomische Konkurrenz umfassen. Untersucht werden die Themen, die den Autochthonen völlig selbstverständlich als erstes in den Sinn kommen, wenn sie über Ausländer nachdenken. Diese Themen werden nach Heinrich Popitz als Topoi bezeichnet. Rassistisches Wissen wird in diesen Topoi „organisiert“. Dabei ist die Menge von der thematischen, inhaltlichen und rhetorischen Aussagen überschaubar. Diese Topoi sind nicht abhängig von der persönlichen Erfahrung oder der Weltanschauung des Einzelnen, sondern von der Erfahrung und „Praxis“ der gemeinsamen Gruppe. Der Einzelne wählt für sich die Topoi aus, die ihm am meisten „einleuchten“.
Nach Terkessidis sind Topoi „hybride Gebilde, d.h. sie sind gleichzeitig Form und Inhalt. Zum einen handelt es sich um jene Themen, die mit der Erwähnung des Feldes Ausländer augenblicklich gegeben sind, zum anderen sorgen Topoi auch für die Kohärenz und Wiedererkennbarkeit des Diskurses, der sich um sie herum ordnet.“ Terkessidis verweist auf Gehlen, der Topoi als „Institutionen des Gedankenvolkes“ bezeichnet: „Sie wirken (…) mannigfaltig als Gravitationszentren, Wegweiser, Hemmungen, Koordinatoren.“ Die Gruppe der Autochthonen kann diese Topoi, so Terkessidis, „als gültige Selbstverständlichkeit immer wieder ohne das Risiko von Meinungsverschiedenheiten und Konflikten“ einsetzen.
Topoi sind nach Terkessidis nicht statisch, sondern sehr flexibel und bilden eine „diskursive Formation“: „Noch vor 50 Jahren hätte man nicht subtil die Andersheit beispielsweise von Schwarzen negativ bewertet, sondern offen von ihrer Minderwertigkeit gesprochen. Dabei hat sich zwar der Topos geändert, nicht jedoch die Grundlage der Aussage: Weiterhin gilt unangefochten, dass zwei grundsätzlich verschiedene Kollektive, also Weiße und Schwarze, mit bestimmten Eigenschaften existieren und sich als fremd gegenüberstehen.“ Jonathan Potter (Loughborough University) und Margaret Wetherell (Open University (UK)) bezeichnen die Gesamtheit einer solchen diskursiven Formationen als „interpretatives Repertoire“ (Vorrat an Deutungsmöglichkeiten). Somit sind Topoi nach Terkessidis „eingelassen in ein schier unerschöpfliches Universum von Vor-Konstruktionen zum Thema „Rasse“, Kultur und Ethnien, in mannigfaltige Möglichkeiten, rassistisches Wissen aktuell legitim zu artikulieren.“ Terkessidis verweist beispielhaft auf Alain de Benoist, der ebenso wie die Interviewten aus der Untersuchung aktuell Topoi von Andersheit und Bedrohung verwendet, und vergleicht ihn mit Arthur de Gobineau. Terkessidis stellt dabei fest, dass Alain de Benoist zwar andere Topoi als Gobineau verwendet, aber ein ähnlichen Repertoire verwendet. In dem Alain de Benoist sich auf Herder, Robert Ardrey und Arthur Jensen bezieht, kann er die Topoi „anders zur Sprache bringen“.
Die Topoi stehen im Zusammenhang mit „spezifischen“ Erfahrungen der Gruppe, während interpretative Repertoires sich verallgemeinern lassen. Terkessidis: „Die Topoi sind insofern spezifisch, als es etwa Weißen möglich ist, von der black race zu behaupten, sie sei happy-go-lucky und sexuelle ausufernd, es für Schwarze aber nicht möglich ist, von Weißen das Gleiche zu behaupten. Die Zuweisung der Eigenschaften „faul und schutzig“ zu Weißen besitzt keine Außenstützung in der Wirklichkeit. Schwarze allerdings können behaupten, sie seien sun people, während die Weißen unterlegene ice people seinen. Oder sie können etwa wie die Nation of Islam behaupten, sie seinen die „original people“ der Erde und Weiße seien blue eyed devils, ein genetischer Unfall, hervorgegangen aus den Experimenten des bösen Wissenschhaftlers Yakub. Dabei bleibt das Repertoire, das die Existenz zweier unterschiedlicher Rassen behauptet und ihnen aufgrund der sozialen Situation bestimmte Eigenschaften unterstellt, völlig intakt.“
Daraus folgert Terkessidis, das Repertoires in der Praxis eine „weitgehende Autonomie besitzen. Die „Objekte“ des rassistischen Wissens sind von der institutionalisierten Praxis sichtbar gemacht worden. Zu Beginn der Kolonisation brachten die Spanier durch die Praxis ihrer Rassen-Kasten-Gesellschaft die Schwarzen als Gruppe überhaupt erst zum Vorschein.“ So gibt es keine Anhaltspunkte, dass sich Schwarze vor der Kolonisation selbst „aufgrund ihrer Hauptfarbe als Gruppe wahrgenommen haben“. Erst, in dem eine Gruppe als „Objekt“ sichtbar gemacht wird, ist es möglich, sich dazu ein Wissen zu bilden oder zu „erwerben“. So schickten die Spanier anschließend „etwa ihre Forscher, um mit Hilfe der gültigen diskursiven Praxis der damaligen Wissenschaft die „Inferiorität“ der „Objekte“ festzustellen; eine Realität tatsächlich, allerdings eine, die die Spanier zuvor selbst geschaffen hatten. (…) Es entwickelte sich eine Flut von „Rassentheorien“. Heute werden die Repertoires des rassistischen Wissens allgemein verwendet, oft sogar von den Gegner des Rassismus, ohne dass noch deutlich wäre, welche Machtverhältnisse zur Entstehung der Repertoirs beigetragen haben.“
Terkessitis betont dabei, dass die Topoi in einer unmittelbaren Beziehung zu der jeweiligen sozialen Situation der jeweiligen Gruppe stehen und verweist auf das Lageschema des Bonner Psychologen Prof. Hans Thomae. Daran lässt sich rassistisches Wissen charakterisieren. So hat das rassistische Wissen die Wirkung einer „sozialen Erkenntnis“ für die autochthone Gruppe. So bietet rassistisches Wissen auch für komplexe Widersprüche einfache Erkenntnisse. Ein solcher Widerspruch ist das Postulat in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, „alle Menschen sind gleich“. Vor diesem Hintergrund sind gesellschaftliche Ungleichheiten wie Privilegien und Dominanz oder die Unterscheidung zwischen einer „1. Welt“ und einer „3. Welt“ erklärungsbedürftig. Terkessidis „Die Erklärungen sind selbstverständlich falsch, eine Täuschung jedoch sind sie nicht. Aber das Wissen dient nicht nur als Begründung für die Unterschiede, es fungiert auch als Legitimation für diese Unterschiede. Denn rassistisches Wissen „verwirklicht“ permanent die übergeordnete Position der Autochthonen.“
Eine Form diese Widersprüche zu umgehen, ist die Vorstellung rassistische Einstellung seien lediglich eine Ausnahmeerscheinung oder ein „Wahn“. Dagegen kann die Funktion von Rassismus nur verstanden werden, wenn sie als Einheit von Wissen und Institution untersucht wird. Der US-amerikanische Psychologe Joseph Renny Noel kehrte die traditionelle Perspektive auf Rassismus als individuelle Ausnahmeerscheinung 1972 um: "Da Rassismus so allgegenwärtig ist, ist es so gut wie unvermeidbar. Das wahre Problem könnte deshalb sein, nicht zu erklären, wieso Menschen Vorurteile aneignen, sondern warum manche Menschen diese voreingenommene Haltungen ablehnen."
Ein wesentliche Motivation, Rassismus als ein krankhaftes individuelle Problem wahrzunehmen ist auch die Tatsache, das eine „demokratische Gesellschaft nicht zugeben“ kann, dass „der gesellschaftliche Wissensvorrat ganz selbstverständlich auch rassistisches Wissen beinhaltet. Das rassistische Wissen besitzt einen “dilemmatischen Charakter“, d.h. es existiert unter Maßgabe seiner Illegitimität. Aus den diskursanalytichen Untersuchungen wissen wir, dass rassistische Bemerkungen oft eingeleitet werdenmit Sätzen wie Ich bin kein Rassist, aber... oder Wir sind doch alle Menschen, aber...“ (Terkessidis). Diese Strategien werden von Van Dyk als „apparent denial“ bezeichnet. Terkessidis schließt aus diesem „offensichtlichen Dilemma“, dass es „eine Praxis geben muß, die diesen Konflikt innerhalb des Wissens hervorruft.“
Michel Foucault schreibt in „Die Ordnung der Dinge“: „Noch grundlegender dringt das moderne Denken vor in jene Richtung, in der das Andere des Menschen das Gleiche werden muss, das er ist.“.
Sabine Forschner erläutert diesen Sachverhalt an dem antirassistischen Gutmenschen: „Hierauf gründet auch die Tyrannei der gutmeinenden Fremdenfreunde, die doch meist versuchen, im Fremden das Eigene zu erkennen, statt auch durch das Fremde das Fremde in sich anzuerkennen. Die Konsequenz daraus ist leider allzuhäufig, daß dem anderen Subjekt, ausgehend von der allgemeinen Gleichheit, eigene Bedürfnisse, ethische oder moralische Vorstellungen und Ziele aufoktroyiert werden, was m.E. im Widerspruch steht zu der ursprünglichen Gleichheitsforderung nach gleichem Recht für alle.“
Erzeugt werden diese Konflikte durch „die institutionalisierten Gleichheitspostulate der liberalen Demokratie. Allerdings muss man wohl historisch festhalten, dass sich die Praxis der liberalen Demokratie gegenüber der Praxis, die den Rassismus impliziert, immer als schwächer erwiesen hat. Gewöhnlich wird der Konflikt durch den „Einbau“ der einander widersprechenden liberalen Prinzipien in das rassistische Wissen „gelöst“.“
Ein weiterer Ursache für solche Konflikte sind die Widerstände der vom Rassismus betroffenen Menschen gegen Institutionen, die sie rassifizieren. Dabei haben sie die Möglichkeit in zwei Richtungen Forderungen zu stellen, mit denen der Konflikt „gelöst“ wird, die jedoch neue Formen des rassistischen Wissens hervorbringen. Terkessidis: „Entweder stützen sie sich auf die Werte der abstrakten Gleichheit (was Assimilation bedeutet) oder sie fordern die Anerkennung der eigenen Differenz bzw. Identität. So sind diese Kämpfe wiederum durch die Institutionen, deren Praxis sie fortwährend als partikulare Gruppe zum Erscheinen bringt.“ Aufgrund der ungleichen Machtverhältnisse werden dabei nicht die institutionelle Praxis geändert, sondern nur das rassistische Wissen. Terkessidis: „Dennoch: die Praxis der liberalen Demokratie und die Praxis der antiinstitutionellen Kämpfe bilden die einzigen Grundlagen dafür, dass jemand nicht prejudiced wird oder zumindest feststellt, dass er prejudiced ist.“
Da es sich bei dem Rassismus um eine „praktische Einheit von Wissen und Institutionen“ handelt, entsteht dieses „komplizierte Gesamtensemble“, das, „wenn es in „Betrieb“ ist, von allen Seiten beeinflusst werden“ kann. Terkessidis: „Auch Veränderungen des Wissens können Veränderungen in den Institutionen nach sich ziehen. Verschwinden allerdings wird der Rassismus erst mit den Institutionen, die ihn erzeugen.“
Der Begriff der Limitischen Symbolik bezeichnet in der Kultursoziologie und Ethnologie, ein Konzept, das die Funktion der Kultur als ein Archiv vielfältiger Ausdrucksformen für soziale Grenzziehungsprozesse untersucht. Als Ausdrucksformen dienen dabei Kultursymbolik oder Kollektivsymbolik, die wesentlicher Bestanteil zur Konstruktion von Kategorien wie „das Eigene“, „das Andere“ oder „das Fremde“ sind.
Ohne den Ideologiebegriff Althuessers zu übernehmen, entwickelte Terkessidis den Begriff des „rassistischen Wissens“ anhand der Theorie Louis Althussers und der Diskursanalyse nach Michel Foucault. Ähnlich oder vergleichbar finden sich solch komplexe Analysekathegorien in den durch die critical studies inspirierten Rassismusuntersuchungen, wie z.B. in der kritischen Weißseinsforschung, der "kritischen Diskursanalyse" oder in verschiedenen Theorien über gesellschaftliche Normalisierungsprozesse wie z.B. bei Jürgen Link, sowie in dem von Link entwickelten diskurstheoretischen Konzept Kollektivsymbolik.
„Rassistisches Wissens“, wie es hier vor allem nach Terkessidis vorgestellt wird, sind beispielsweise Gegenstand der Theorien über biopolitische Machtdispositive bei Siegfried Jäger, der ein Machtdispositiv als ein „Netz von Diskursen, Praktiken und Institutionen (Sichtbarkeiten)“ beschreibt, „das sich ständig neu ordnet und positioniert, weil und sofern es auf einen 'Notstand' bzw. auf Notwendigkeiten (urgence = Dringlichkeit) reagiert.“ Hier spielt die Analyse von Kollektivsymboliken, moderner und politischer Mythen und Mentalitäten sowie insbesondere interkultureller Kollektivsymboliken eine zentrale Rolle, um die Funktion und Produktion von "rassistischem Wissen" nachzuvollziehen.
Roland Barthes beschreibt in "Mythen des Alltags" wie Mythen rassistisches, ethnizistisches und nationalistisches Gedankengut ebenso wie die damit verbundenen Institutionen legitimieren: "Was dem Leser ermöglicht, den Mythos unschuldig zu konsumieren, ist, daß er in ihm kein semiologisches, sondern ein induktives System sieht. Dort, wo nur eine Äquivalenz besteht, sieht er einen kausalen Vorgang. Das Bedeutende und das Bedeutete haben in seinen Augen Naturbeziehungen. Man kann diese Verwirrung auch anders ausdrücken: jedes semiologische System ist ein System von Werten. Der Verbraucher faßt die Bedeutung als ein System von Fakten auf." Hinter mythischen Äußerungen verbirgt sich nach Barths jedoch keine Erklärung sondern die Intention, die bestehenden Verhältnisse zu konservieren.
Allgemein verfolgt die Wissenssoziologie in theoretischer und methodischer Hinsicht die Frage nach dem Zusammenhang von Diskursen, der gesellschaftlichen (Re-) Produktion von Wissen und der Bedeutung von Kultur.
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