Rassentheorien teilen die Menschheit in unterschiedliche Rassen ein, die hierarchisch bewertet und geordnet werden. Sie haben damit die Grundlagen für den modernen Rassismus geschaffen, die bis heute fortwirken. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ihnen gegenüber Kritik geäußertvgl. Elazar Barkan, 1992, die nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus im Bereich der Gesellschaftswissenschaften und durch die Entwicklung der Genetik im Bereich der Naturwissenschaftenvgl. Cavalli-Sforza, 1996 dazu führte, daß der Rassenbegriff heute weitgehend als unwissenschaftlich zurückgewiesen wird. Es gibt allerdings eine kleine Anzahl politisch überwiegend weit rechts stehender Wissenschaftler, die ihn nach wie vor verteidigen.
Die im 18. Jahrhundert entstehenden Rassentheorien wurden von einer Reihe von Bedingungsfaktoren beeinflußt. Die bedeutendste Rolle spielte zweifellos der europäische Kolonialismus (einschließlich der Eroberung Amerikas und des transatlantischen Sklavenhandels). Er lieferte zudem durch vermehrten Kulturkontakt fortlaufend neues Wissen über bislang unbekannte Weltteile, Völker und Sitten. Ein weiterer wichtiger Faktor war die seit Francis Bacon auf Naturbeherrschung ausgerichtete Säkularisierung der Wissenschaft. Sie führte zu verstärkten Ordnungsbemühungen hinsichtlich der sich rapide vermehrenden Erfahrungsdaten aus aller Welt. Hinzu kam, daß der Kolonialismus seinen Ausgang von Spanien nahm, das zur selben Zeit die Reconquista siegreich beendet hatte und die nationale Erneuerung mit einer auf Blutsreinheit ausgerichteten Diskriminierung von Mauren und Juden verband. In diesem Zusammenhang entwickelte sich auch der Begriff der Rasse (Conze, Sommer 1984), der den Rassentheorien schließlich das Stichwort lieferte. Er bedeutete im Spanien des 15. Jahrhunderts, von guter oder schlechter Herkunft (rraça) zu sein. In diesem Sinne wurde er auch in andere Sprachen übernommen. Im Französischen etwa diente er zur Unterscheidung des alten Erbadels vom neuen Amtsadel. Rasse war ein sozialer Begriff, der ursprünglich auf die hierarchische Ordnung unterschiedlicher sozialer Klassen verwies, die er mit dem Hinweis auf edle Abkunft und edles Blut zu legitimieren trachtete. Seine Übernahme in die Beschreibung der Bevölkerungen unterschiedlicher Weltteile war deswegen von Anfang an wertend.
Vermutlich hat der französische Arzt und Forschungsreisende François Bernier (1620-1688) in seiner 1684 publizierten Arbeit Nouvelle division de la Terre, par les differentes Espèces ou Races d'hommes qui l'habitent (Neue Einteilung der Erde nach den verschiedenen Arten oder Rassen, die sie bewohnen) als erster den Rassenbegriff zur Unterteilung der die verschiedenen Weltteile bewohnenden Menschen benutzt (Stuurman 2000). Einerseits schreibt er dabei selbstbewußt: "Bisher haben die Geographen die Erde nur nach den verschiedenen Ländern oder Regionen eingeteilt, die sie auf ihr fanden. * Ich habe aber nicht weniger als vier oder fünf Arten oder Rassen des Menschen bemerkt, deren Verschiedenheit so deutlich ist, daß sie regelrecht als Grundlage einer neuen Einteilung der Erde dienen kann" (nach dem französischen Original, S. 148). Andererseits verwendet er den Rassenbegriff noch nicht systematisch, sondern benutzt "race" gleichbedeutend mit espèce.
Eine erste wissenschaftliche Theorie versuchte Carl von Linné im 18. Jahrhundert zu formulieren. Er teilte in seinem Ansatz zur Systematisierung der belebten Natur ab der 6. Auflage auch die Menschheit in verschiedene Rassen ein. Er verknüpfte seine biologische Systematik mit der Säftetheorie und verteilte dabei die vier Temperamente auf die einzelnen Rassen:
Den Begriff der Rasse (Race) verwendeten Johann Friedrich Blumenbach und Immanuel Kant 1775 erstmals in deutschsprachigen Veröffentlichungen - womit Kant auch einen Gedanken der Über- bzw. Unterordnung einführte: für ihn gab es vier Rassen, die sich in ihrer Bildungsfähigkeit unterschieden. An der Spitze der Vernunftbegabten standen für ihn die weißen Europäer - am unteren Ende die Indianer.
In Blumenbachs Tagen ging die Beschreibung körperlicher Eigenschaften wie Hautfarbe und Schädelprofil aus durchsichtigen Gründen (Kolonialzeit) selbstverständlich Hand in Hand mit der Deutung charakterlicher Eigenschaften und intellektueller Fähigkeiten. So wurden etwa die "helle Farbe" und die verhältnismäßig hohe Stirn "der Kaukasier" als körperlicher Ausdruck eines hochfliegenden Geistes und großzügigen Temperamentes gewertet. Die dunkle Haut und die leicht fliehende Stirn "der Äthiopier" galten als Pauschalbeweis einer größeren genetischen Nähe zu den Primaten, obwohl die Haut von Schimpansen und Gorillas unter dem Haar weißer ist als die der durchschnittlichen "Kaukasier".
Aus Verschiedenartigkeit wurde Verschiedenwertigkeit. Höhere, kulturschöpferische Rassen standen niederen, kulturzerstörerischen Rassen gegenüber. Es entwickelte sich eine Vielzahl miteinander konkurrierender Rassentheorien (besonders bekannt sind die von Gobineau und Chamberlain), die alle immer wieder die Europäer und später die Arier oder germanische Rasse an der Spitze der menschlichen Entwicklung sahen.
Von größtem Einfluss war in diesem Zusammenhang Joseph Arthur Graf de Gobineau mit seinem "Essai sur l'inégalité des races humaines" (Versuch über die Ungleichheit der menschlichen Rassen) 1853/55, in dem er behauptete, die treibende Kraft der menschlichen Geschichte sei die "Rassenfrage". Rassenvermischung, insbesondere mit "minderwertigen Rassen" führe zu Degeneration und Untergang von Völkern und Nationen.
Seine Theorien der rassischen Überlegenheit der Arier wirkten nachhaltig auf Richard Wagner und dessen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, der sie in seinem Buch "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" (1899) weiter ausbaute. Chamberlain stilisierte den Juden zum rassischen Antitypus des Ariers und postulierte einen historischen Endkampf, in dem es nur Sieg oder Vernichtung geben könne.
Diese (Mach-)Werke fielen in vielfach popularisierter Form gerade im deutschsprachigen Raum auf fruchtbaren Boden. So ließ etwa der verkrachte Zisterziensermönch Adolf Lanz (alias "Jörg" Lanz "von Liebenfels") in seinen Ostara-Heftchen "blond-blaue" asische oder arische Herrenmenschen gegen "Sodoms-Äfflinge" antreten. Er erklärte die "Versklavung der Rassenminderwertigen" sei eine "ethisch und wirtschaftlich berechtigte Forderung". Diese gezielte Rassenhetze spielten bei der Genese des nationalsozialistischen Ideenkonglomerats eine entscheidende Rolle. Millionenfacher Mord war damit vorgedacht und "wissenschaftlich" begründet.
Von Eugenikern wie den Nationalsozialisten wurde diese "Vermischung" als Degeneration definiert und versucht, sie zu unterbinden. Deren Rassentheorie bekam während der Zeit des Nationalsozialismus - im "Dritten Reich" - den Charakter einer Staatsreligion, die das öffentliche und private Leben zersetzte und die Ermordung großer Bevölkerungsgruppen - besonders von Juden, Slawen und deren Abkömmlingen diktierte.
Die Rassentheorie wurde im Auftrag und unter Kontrolle der Nationalsozialisten pseudowissenschaftlich weiter entwickelt und verfeinert. Rassentheoretiker der Nationalsozialisten waren u. a. Alfred Rosenberg, Hans F. K. Günther und Egon Freiherr von Eickstedt. Die Ideologie baute auf vielen Fehlannahmen der noch unvollkommenen Völkerkunde und Biologie auf. Z. B. wurden alle Hochkulturen, die Griechen und Römer von den Nationalsozialisten auf die "Arier" zurück geführt. Es gibt jedoch immer wieder Versuche, den Biologismus der Rassen wissenschaftlich hoffähig zu machen. Z.B. behauptete der englische Biologe John Baker in seinem umstrittenen Werk "Race" von 1974, gehirnmorphologische, Intelligenz- und Charakterunterschiede zwischen den Ethnien gefunden zu haben, und leitet daraus die Überlegenheit bestimmter "Zivilisationen" ab. Er beruft sich dabei explizit auf überholte anthropologische Theorien der biologischen Determination.
Heute wird die Menschheit nicht mehr in Rassen unterteilt. Allerdings gibt es Versuche verschiedene genetische Gruppen voneinander trennen. Das Genographic Project untersucht mit Hilfe moderner Methoden, wie sich die Menschheit, als sie von Afrika den Rest der Welt besiedelte, in immer mehr Gruppen aufspaltete. Dabei kann jeder an dem Projekt teilnehmen, indem er seine DNA Probe untersuchen lässt. Auf diese Weise kann man herausfinden, woher die eigenen Vorfahren stammen.
Scotland Yard verwendet ebenfalls "Rassemerkmale" zur Personenbeschreibung. Dabei wird folgendermaßen unterteilt: W1 (White-British), W2 (White-Irish), W9 (Any other white background); M1 (White and black Caribbean), M2 (White and black African), M3 (White and Asian), M9 (Any other mixed background); A1 (Asian-Indian), A2 (Asian-Pakistani), A3 (Asian-Bangladeshi), A9 (Any other Asian background); B1 (Black Caribbean), B2 (Black African), B3 (Any other black background); O1 (Chinese), O9 (Any other).
In vielen Ländern ist der Exekutive eine derartige Klassifikation gesetzlich untersagt.
Aufgrund von Forschungsergebnissen, welche die umstrittene Hypothese stützen, dass eine Rassenklassifikation aufgrund von DNA-Tests mit geringer Fehlerwahrscheinlichkeit möglich ist, werden in den Vereinigten Staaten auch sogenannte "biogeografische Abstammungsprofile" (biogeographical ancestry - BGA) aus DNA Proben zur Strafverfolgung eingesetzt.
Parallel zu den biologisch argumentierenden Rassentheorien gibt es auch Ansätze, die mit anderen ethnisierenden Konzepten die Unterschiede zwischen den konstruierten Gruppen zu begründen:
Eine entsprechende Rassentheorie ohne Rassen aus unserer Zeit stellt z.B. Samuel Huntington in seiner Schrift Kampf der Kulturen dar, in der er von 7 oder 8 Kulturen spricht, die er ziemlich genau entlang der Linien entwirft, die auch die Rassentheoretiker des 19. Jahrhunderts für ihre Konstruktion genutzt haben. Und auch bei ihm erscheint das Zusammenleben unkalkulierbar gefährlich.
Anthropologen wie Theodor Weitz oder Franz Boas widersprachen dem jeweils zeitgenössischen Rassismus von Chamberlain bzw. des Nationalsozialismus. Spätestens mit den Ergebnissen der UNESCO-Arbeitsgruppe von 1950 ist der Rassebegriff wissenschaftlich widerlegt.
Hinter dem Interesse, Menschen in "Rassen" einzuteilen, verbarg sich oftmals ein Herrschaftsinteresse im Sinne von "divide et impera". Heute, nach der Erfahrung mit der "Herrenrasse" und der Apartheid, gilt solch ein Interesse als Zeichen eines sehr rückständigen Menschenbilds.
Die Zahl der aufgestellten Gruppen schwankte sehr stark, wobei sich die bereits von Linné angenommenen vier Urtypen (s.u. Exkurs über die Geschichte der Rassenforschung) oder dreier großer Rassenkreise - Europide (Europa, Naher Osten, Nordafrika, Indien), Mongolide (Ostasien und Ureinwohner Amerikas) und Negride (Afrika) - besonderer Beliebtheit erfreuten. Dies wurde häufig weiter ausdifferenziert in zahlreiche Mischformen (z.B. Turanide, Australide, Mestizen, Mulatten) und Unterteilungen. So wurden beispielsweise die Europiden nochmals aufgefächert in Nordide, Osteuropide, Dinaride, Dalo-Fälide, Alpinide, Mediterranide, Armenide, Orientalide, Indide.
Zwar sind diese Klassifikationen durch die Erkenntnisse der modernen Genetik überholt, aber im alltäglichen Denken der meisten Menschen als Altlast präsent. Humangenetiker wie Luigi Cavalli-Sforza argumentieren, dass äußerliche Unterschiede wie Haut- und Haarfarbe, Haarstruktur und Nasenform lediglich eine Anpassung an unterschiedliche Klima- und Ernährungsbedingungen sind, die nur von einer kleinen Untergruppe von Genen bestimmt werden. Im Prinzip ist jede beliebige Untergruppe - theoretisch auch die Bewohner eines einzelnen Dorfes - durchschnittlich von anderen unterscheidbar. Anders ausgedrückt ist beim Menschen die Vielfalt so groß, dass es unzweckmäßig ist, diesen als Art zoologisch zu untergliedern. Dieses Argument hat bereits 1871 Charles Darwin in seinem Buch über die Abstammung des Menschen benutzt.
Cavalli-Sforza und andere Wissenschaftler sprechen von Populationen (Gruppen, die einen präzise bestimmten Raum bewohnen) - ein Begriff, der nicht biologisch, sondern statistisch definiert ist. Genetische Unterschiede zwischen Populationen lassen sich anhand einzelner Merkmale (z.B. Blutgruppen) erfassen. Dabei liegt etwa 85% der bei Menschen erkennbaren genetischen Variabilität innerhalb einer Population vor; etwa 8% betreffen Unterschiede zwischen benachbarten Gruppen und nur 7% gehen auf Unterschiede zwischen den typologisch definierten "Rassen" zurück. Genetisch betrachtet können zwei Menschen aus verschiedenen Kontinenten näher miteinander verwandt sein als Individuen einer spezifischen Gruppe, auch wenn sie z.B. eine unterschiedliche Hautfarbe haben.
Populationen sind, in gewissem Sinn, einfach statistische Blöcke, die von der Wahl der jeweiligen Variablen abhängen, wobei es keinen bevorzugten Satz von Variablen gibt. Die "populationistische" Ansicht leugnet nicht, dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt; sie sagt aber, dass die historischen Rassekonzepte nicht besonders nützlich sind, um diese Unterschiede wissenschaftlich zu analysieren.
Im Vergleich mit vielen anderen Tierarten (etwa Primaten) zeigen Menschen eine sehr hohe genetische Ähnlichkeit. Daraus schließt man, dass vor etwa 100.000 Jahren die Menschheit nur eine geringe Populationsstärke besaß (neuere wissenschaftliche Erkenntnisse besagen, dass es um das Jahr 68.000 v.Chr. nur 2.000 Menschen gegeben hat, von denen demzufolge alle heutigen Menschen abstammen). Die geringe genetische Variabilität dieser Ausgangspopulation spiegelt sich in der genetischen Ähnlichkeit aller Menschen wider - die DNA zweier beliebiger Menschen ist sich zu 99,9% gleich.
Dass "Rasse" ein soziales, kein naturwissenschaftliches Konzept sei, sagt auch der amerikanische Genomforscher Craig Venter. Ob sich allerdings seine damit verbundene Hoffnung "ohne Rassen kein Rassismus" erfüllt, ist äußerst zweifelhaft (vgl. Rassismus ohne Rassen), schließlich betrachten andere Forscher den Rassenbegriff umgekehrt als Produkt des Rassismus.
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