James Ramsay MacDonald (* 12. Oktober 1866 in Lossiemouth (Schottland), † 9. November 1937 auf See), war ein britischer Politiker und zweimal Premierminister des Vereinigten Königreichs. Aus einfachen Verhältnissen stammend, wurde er 1924 der erste Labour-Premierminister. Während seiner zweiten Regierungszeit ging er angesichts der Weltwirtschaftskrise eine Koalition mit den Konservativen ein und wurde deshalb aus der Labour-Party ausgeschlossen.
Er besuchte die Grundschule im nahe gelegenen Drainie und arbeitete dort als Schüler-Lehrer, bis er 18 Jahre alt war und nach London ging. Für den Rest seines Lebens hatte er für Schottland und schottische Gesinnung nicht viel übrig.
In London arbeitete MacDonald als Büroangestellter und vervollkommnte seine Bildung durch Abendkurse und durch unablässiges Lesen über wissenschaftliche, wirtschaftliche und soziale Themen. 1894 trat er der Unabhängigen Arbeiterpartei (Independent Labour Party (ILP)) bei, einer der ersten sozialistischen Parteien in Großbritannien, und er begann, sozialistische Texte zu verfassen. Er begegnete Kier Hardie, dem ersten Labour-Abgeordneten, und wurde stark von ihm beeinflusst. 1895 kandidierte MacDonald zum ersten Mal für einen Parlamentssitz und zum zweiten Mal 1900. In jenem Jahr wurde er Sekretär des Labour Representation Committee, welches ein Vorläufer der Labour Party war. Gleichzeitig behielt er seine Mitgliedschaft in der ILP. Die ILP war zwar keine marxistische Partei, sie vertrat jedoch einen rigoroseren Standpunkt als die Labour Party.
Als Parteisekretär handelte MacDonald mit dem führenden liberalen Politiker Herbert Gladstone (ein Sohn des verstorbenen Premierministers William Gladstone) ein Abkommen aus, das es Labour erlaubte, sich um einige Parlamentssitze der Arbeiterklasse zu bewerben, ohne dass die Liberalen dagegen opponierten. Dadurch gelang Labour der erste Durchbruch ins Unterhaus. MacDonalds Verhältnis zu Gladstone wurde vertieft durch seine Heirat mit Margaret Gladstone, einer entfernten Cousine Herberts. In dieser Zeit unternahm er auch viele Reisen: 1897 nach Kanada und in die USA, 1902 nach Südafrika, 1906 nach Australien und Neuseeland und etliche Male nach Indien.
1906 wurde MacDonald als Abgeordneter von Leicester gewählt. Er wurde einer der Führer der "Parlamentarischen Labour Party", die zu dieser Zeit eine kleine Partei war und die liberalen Regierungen von Henry Campbell-Bannerman und Henry Asquith unterstützte. Trotz seiner Verbindungen zu den Gladstoneschen Liberalen wurde MacDonald Führer des linken Flügels seiner Partei. Er trat dafür ein, dass Labour die Liberalen als wichtigste progressive Partei verdrängen sollte.
1922 kehrte MacDonald als Abgeordneter von Aberavon (Wales) ins Unterhaus zurück. Die Partei war inzwischen wieder vereint und MacDonald wurde wieder zu ihrem Führer gewählt. Die Liberalen verloren stark an Bedeutung, und mit der Wahl von 1922 wurde Labour unter Führung von MacDonald die wichtigste Oppositionspartei zur konservativen Regierung unter Stanley Baldwin. Zu dieser Zeit hatte er sich von der Linken entfernt und den rigorosen Sozialismus der Jugend abgelegt. Er war sehr gegen die Welle von Radikalismus, die im Kielwasser der russischen Revolution durch die Arbeiterbewegung schwappte und er wurde ein entschiedener Gegner des Kommunismus. Anders als die französische sozialistische Partei und die deutsche SPD spaltete sich die Labour Party nicht. Die kommunistische Partei in Großbritannien blieb klein und isoliert.
Obwohl er ein begabter Redner war, wurde MacDonald wegen seiner verschwommenen Aussagen bekannt, und es war nicht klar, welche Politik er verfolgte. Es gab einiges Unbehagen in der Partei darüber, was er tun würde, wenn Labour an die Regierung käme. In der Wahl von 1923 verloren die Konservativen die Mehrheit. Als sie im Januar 1924 auch noch die Vertrauensfrage verloren, beauftragte König Georg V. MacDonald mit der Bildung einer Labour-Minderheitsregierung unter stillschweigender Unterstützung durch die Liberalen unter Asquith. So wurde MacDonald der erste Labour-Premierminister, der erste (und mancher würde sagen, auch der letzte), der aus der arbeitenden Klasse stammte und einer der wenigen ohne akademische Bildung.
Im Juni berief MacDonald eine Konferenz der Kriegsalliierten nach Londen ein und erreichte eine Einigung auf einen neuen Plan zur Regelung der Reparations-Frage und der französischen Besetzung des Ruhrgebiets. Deutsche Delegierte schlossen sich dann der Konferenz an und das Londoner Abkommen wurde unterzeichnet. Ihm folgte ein englisch-deutscher Wirtschaftsvertrag. Dies waren große Erfolge für einen Premierminister-Neuling ohne Mehrheit, und MacDonald wurde allseits gelobt. Im September legte er dem Völkerbund in Genf einen Plan zur Abrüstung in ganz Europa vor.
MacDonalds Regierung scheiterte, als er vorschlug, die Sowjetunion diplomatisch anzuerkennen. Die Konservativen und ihre Verbündeten in der Presse starteten eine antikommunistische Kampagne, und die Liberalen zogen ihre Unterstützung im Unterhaus zurück. Die Konservativen brachten dann einen Misstrauensantrag ein, den Labour verlor. MacDonald beantragte und erreichte daraufhin die Auflösung des Parlaments. Er wusste, dass Labour die folgenden Wahlen nicht gewinnen würde. Sein Ziel war jedoch, die Liberalen auszuschalten und ein Zwei-Parteien-System zu etablieren, in dem die Wähler nur die Wahl zwischen Labour und Konservativen haben würden. Dieses Ziel erreichte er mit der Wahl im Oktober 1924: Labour fiel von 191 auf 151 Sitze zurück, aber die Liberalen schrumpften von 158 auf 40 Sitze.
MacDonalds zweite Regierung hatte eine stärkere parlamentarische Position als seine erste. Im Jahr 1930 gelang es ihm, etliche Gesetze durchzubringen, darunter eine Rentenreform, eine großzügigere Versorgung der Arbeitslosen und ein Gesetz zur Verbesserung der Löhne und der Arbeitsbedingungen im Bergbau, die die Ursache für den Generalstreik gewesen waren. Er berief außerdem eine Konferenz nach London mit den Führern des Indischen Nationalkongresses ein, auf der er Indien eine verantwortliche Regierung, aber nicht die Unabhängigkeit anbot. Im April verhandelte er mit Japan und den USA über einen Vertrag zur Begrenzung der Rüstung auf See.
Wie alle Regierungen jener Zeit hatte auch MacDonalds Regierung keine effektive Antwort auf die Weltwirtschaftskrise, die auf den Börsencrash vom Oktober 1929 folgte. Snowdon war ein unflexibler orthodoxer Finanzpolitiker, der keinerlei Haushaltsdefizit zuließ, um die Wirtschaft zu beleben - trotz der Aufforderungen durch Mosley, Lloyd George und den Ökonomen John Maynard Keynes. Selbst wenn die Regierung solche Maßnahmen beschlossen hätte, hätten weder die Konservativen noch die noch konservativeren Liberalen - gar nicht zu reden vom Oberhaus - ihnen zugestimmt.
Im Lauf des Jahres 1931 wurde die wirtschaftliche Situation immer schlimmer. Der Druck von orthodoxen Ökonomen und der Presse nahm zu, die Staatsausgaben drastisch zu senken, also auch Renten und Arbeitslosengeld. MacDonald, Snowden und Thomas unterstützten derartige Maßnahmen als notwendig für einen ausgeglichenen Haushalt und um einen Run auf das Pfund zu vermeiden. Der Rest des Kabinetts, fast die gesamte Labour-Partei und die Gewerkschaften waren jedoch strikt dagegen. Ohne Absprache mit seinen Parteifreunden gab MacDonald dann im August 1931 seinen Regierungsauftrag zurück und erhielt einen neuen zur Bildung einer "Nationalen Regierung" unter Einbeziehung der Konservativen und der Liberalen (ohne Lloyd George). MacDonald, Snowden und Thomas wurden daraufhin aus der Labour-Party ausgeschlossen. Sie gründeten eine neue "National Labour Party", welche jedoch im Land und bei den Gewerkschaften wenig Unterstützung fand.
In den Jahren 1933 und 1934 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Seine Führungsqualitäten nahmen immer mehr ab, während die internationale Situation immer bedrohlicher wurde. Sein Pazifismus, der in den 20er Jahren allgemein bewundert worden war, brachte Winston Churchill zu der Beschuldigung, er versage angesichts der Bedrohung durch Hitler. MacDonald wurde später als Vater der Appeasement-Politik angesehen. Im Mai 1935 wurde er zum Rücktritt gezwungen. Er übernahm die eher repräsentative Funktion des Lord President von Baldwin, der an die Macht zurückkehrte. In der Wahl, die später in dem Jahr stattfand, verlor er seinen Parlamentssitz an Emanuel Shinwell. 1937 brach er physisch und psychisch zusammen. Ihm wurde zur Erholung eine Seereise empfohlen, auf der er im November 1937 starb.
Sein Verlassen der Labour Party, seine Allianz mit den Konservativen und der Niedergang seiner Macht als Premierminister nach 1931 machten ihn bei seinem Tod 1937 zu einer Person mit üblem Ruf. Generationen von Labour-orienrierten Historikern sprangen grob mit ihm um. Erst 1977 schrieb Professor David Marquand eine wohlwollende Biographie über ihn mit der erklärten Absicht, MacDonald zu würdigen für seine Arbeit bei Gründung und Aufbau der Labour Party und für seine Bemühungen, in den Jahren zwischen den Weltkriegen den Frieden zu erhalten.
Mann | Brite | Premierminister (Großbritannien) | Geboren 1866 | Gestorben 1937
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