Die Begriffe Radikalismus und Extremismus beschreiben politische Ziele und Methoden, die fundamental von den Werten der jeweils bestehenden Gesellschaftsordnung bzw. Wirtschaftsordnung abweichen. Umgangssprachlich werden die Begriffe oft synonym verwendet, wobei jedoch Definition und Unterscheidung beider Begriffe umstritten sind.
Im 19. Jahrhundert wurde ein Teil der gegen die konservative Ordnung der Restaurationszeit opponierenden liberalen Bewegung (in der Schweiz auch Freisinn genannt) als „radikal“ bezeichnet. Die Radikalen forderten die liberalen Freiheitsrechte, wollten aber weitergehend auch das Zensuswahlrecht durch ein allgemeines, freies Männerwahlrecht ersetzen und die völlige und sofortige Ablösung der feudalen Grundlasten erreichen. Die Radikalen waren außerdem auch bereit, ihre Ideen mit Gewalt durchzusetzen. In verschiedenen Kantonen der Schweiz kam es nach der Julirevolution 1830 zu radikalen Umstürzen, der sog. liberalen „Regeneration“. Gegen den konservativ-regierten Kanton Luzern organisierten die Radikalen 1844/45 sog. Freischarenzüge, um einen gewaltsamen Umsturz herbeizuführen. Nach 1847 wurde in der Schweiz oft „radikal“ und „freisinnig“ bzw. „liberal“ bedeutungsgleich verwendet. „Radikal“ war dieser Flügel der Liberalen also sowohl hinsichtlich ihrer Ziele (radikal-demokratisch) als auch ihrer Mittel (gewaltsamer Umsturz der konservativen Regierungen). In der französischsprachigen Schweiz nennt sich die Freisinnig-Demokratische Partei noch heute Parti radical-démocratique Suisse und wird im Volksmund als les radicaux bezeichnet.
In den 1960er Jahren galten in Deutschland „Radikale“ für die Bevölkerungsmehrheit, die im Bundestag vertretenen Parteien und die staatlichen Behörden überwiegend als gefährliche, den Bestand der Bundesrepublik Deutschland bedrohende Kräfte. Bis 1973 verwendete der Verfassungsschutz den Begriff „Radikalismus“ im Sinn von als verfassungsfeindlich angesehene Bestrebungen.
Der Ausdruck ist dennoch positiver konnotiert als der Begriff „Extremismus“. Er wird daher teilweise auch von Gruppen selbst verwendet, die die bestehende Staatsverfassung von Grund auf ersetzen wollen. Sie nehmen die ursprüngliche Fremdbezeichnung etwa wie die APO für sich in Anspruch: Wir sind eine kleine radikale Minderheit. Dabei beziehen sie das Attribut „radikal“ auf ihre Ziele, nicht ihre Methoden, während sie das Attribut „extrem“ als staatliche Abwertung verstehen und ablehnen.
In der Politologie wird der Begriff zur Beschreibung der Grauzone zwischen Demokratie und Extremismus verwendet.
Als Extremismus werden in der Wissenschaft politische Diskurse, Programme und Ideologien erfasst, die sich implizit oder explizit gegen grundlegende Werte und Verfahrensregeln demokratischer Verfassungsstaaten richten (Uwe Backes). Während der Rechtsextremismus dabei das "Ethos fundamentaler Menschengleichheit" nicht anerkenne, handele es sich beim Linksextremismus um "radikal-egalitäre Strömungen".
Der Begriff entstammt den Totalitarismustheorien und wurde vor und während des Kalten Krieges von westlichen Staatsbehörden geprägt. Heute verwenden die meisten der im Parlament vertretenen politischen Parteien ihn ebenso wie die Institutionen der repräsentativen Demokratie, darunter vor allem der bundesdeutsche Verfassungsschutz. Dieser definiert Extremismus als fundamentale Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates (definitio ex negativo). Darunter fallen alle Bestrebungen, die sich gegen den so genannten "Kernbestand" des Grundgesetzes oder die "Freiheitliche demokratische Grundordnung" (FDGO) insgesamt richten.
Da der Begriff eine starke Abweichung von der gesellschaftlichen Norm bezeichnet und diese zugleich negativ wertet, nennen sich so genannte Gruppen nicht selbst "Extremisten". Sie sehen in dieser Zuschreibung vielmehr eine Herabsetzung und Ausgrenzung ihrer politischen Positionen aus dem demokratischen Meinungsspektrum und dem gesellschaftlichen Diskurs.
Für die meisten Deutschen sind die Begriffe "Radikalismus" und "Extremismus" nach wie vor vergleichbar negativ besetzt. In der Umgangssprache werden sie daher kaum unterschieden. Meist wird "Extremismus" als Steigerung von "Radikalismus" verstanden: Beide Haltungen wollten die Gesellschaft gründlich verändern, wobei "Extremisten" Gewalt nicht ausschlössen. Oft werden beide Begriffe synonym mit der eher emotionalen als sozialwissenschaftlichen Kategorie des Fanatismus verwendet.
Beide Begriffe dienen dazu, Gruppen und Personen mit unterschiedlichen Zielen und Inhalten anhand idealtypischer Merkmale zu betrachten. Damit werden nach Ansicht ihrer Kritiker oft inhaltlich gegensätzliche Ziele mangelhaft berücksichtigt und gleichgesetzt. Dabei spielten eigene politische Interessen eine Rolle: So setzte die Totalitarismusthese schon vor 1939, vor allem aber nach 1945 aufgrund ihrer organisatorischen und institutionellen Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen den Stalinismus mit dem Faschismus und dem Nationalsozialismus gleich, obwohl beide Systeme einander als schärfste Gegner ansahen und mit allen Mitteln bekämpften. Bei der Gleichsetzung ihrer Ideologien wurden ihre sonstigen politischen Ziele, Staats- und Gesellschaftsstrukturen kaum differenziert, auch um das westliche Demokratiemodell als tendenziell einzige Möglichkeit einer freien und sozial gerechten Gesellschaftsordnung darzustellen und im Kontext des Kalten Krieges in andere Länder zu exportieren.
Anhänger des klassischen Extremismusbegriffs vertreten demgegenüber den Standpunkt, daß unterschiedliche Endzielvorstellungen und mögl. unterschiedliche moralische Wertigkeit verschiedener politischer Lager verhältnismäßig unbeachtlich sind, wenn trotz unterschiedlicher Ideale eine die persönliche Freiheit aufhebende Diktatur herauskommt oder herauszukommen droht.
Anhand der Kritik an idealtypischen Extremismusbegriffen werden in Teilen der Wissenschaft realtypische Begriffe z.B. für den Faschismus gefordert, die die Inhalte und Zielsetzungen der betrachteten Gruppen beachten sollen , während staatsnahe Vertreter nicht von einer grundsätzlichen Untauglichkeit der etablierten Begriffe ausgehen.
تطرف | Extremism | קיצוניות ורדיקליזם | Extremisme | Экстремизм | Extremism
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"Radikalismus und Extremismus".
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