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Der Radikale Konstruktivismus ist eine skeptizistische erkenntnistheoretische Position. Er steht für die Auffassung, dass Menschen als bewusst wahrnehmende Wesen die Wirklichkeit „erfinden“ (konstruieren) und nicht - wie nach realistischer Auffassung - objektiv „entdecken“. Eine ähnliche Auffassung vertreten Subjektivismus, Relativismus und Evolutionäre Erkenntnistheorie.

Die Hauptvertreter des Radikalen Konstruktivismus sind Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Francisco Varela.

In Deutschland wurde der Radikale Konstruktivismus vor allem durch die populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen von Paul Watzlawick bekannt. Auch in der akademischen Welt sind die radikal-konstruktivistische Theorieentwürfe in unterschiedlichen Disziplinen aufgenommen worden. In der Erziehungswissenschaft, der Psychologie, der Soziologie (insbesondere im Werk von Niklas Luhmann) und der Literaturwissenschaft bilden radikal konstruktivistische Ideen einen festen Bestandteil des Curriculums. Sie finden aber auch Anwendung in der Medienwissenschaft und der Managementwissenschaft. Der Radikale Konstruktivismus ist nicht zu verwechseln mit dem Erlanger Konstruktivismus. (Zur Abgrenzung siehe Konstruktivismus (Philosophie)).

Geschichte


1970 veröffentlicht der chilenische Physiologie-Professor Humberto R. Maturana den Forschungsbericht Biology of Cognition, in dem er eine durch biologische Studien fundierte kybernetische Theorie der Wahrnehmung vorstellt, welche sich an die damals noch recht junge Kybernetik anlehnt.

Ernst von Glasersfeld bezieht sich in seinen Arbeiten auf den Entwicklungspsychologen Jean Piaget, der seine Psychologie selbst als konstruktivistisch bezeichnete. Von Glasersfeld radikalisierte den Piagetschen Konstruktivismus, indem er - im Gegensatz zu Piaget - auf jeglichen Bezug auf objektive Realität verzichtet.

Der Kybernetiker Heinz von Foerster entwickelte eine „Systemtheorie 2. Ordnung“, die die operationelle Geschlossenheit von kybernetischen Systemen erkenntnistheoretisch interpretiert. Von Foerster bezieht sich auf die Arbeiten von William Ross Ashby und William T. Powers.

Vertreter in Deutschland sind unter anderen der Neurobiologe Gerhard Roth und der Literaturwissenschaftler Siegfried J. Schmidt.

Grundzüge der Theorie


Grundlegend geht der radikale Konstruktivismus davon aus, dass all unser Wissen über die Welt durch unser Gehirn aus Sinneswahrnehmungen konstruiert und dass eine objektive Erkenntnis nicht möglich sei. (Heinz von Foerster: „Objektivität ist die Illusion, dass Beobachtungen ohne Beobachter gemacht werden können.“) Danach sei der Mensch auf die Daten, die ihm seine Sinnesorgane liefern, beschränkt, und jede Erkenntnis sei eine Konstruktion aus diesen Daten, die aus der Autopoiesis des Wahrnehmenden heraus geschieht. Das heißt der Mensch ist ein operationell geschlossenes System entsprechend der Definition in der Kybernetik.

Wenn Wissen an Menschen und ihre Aktivitäten zum Wissenserwerb gebunden ist, dann könne diese Erkenntnistheorie nicht den Anspruch erheben, eine subjektunabhängige Realität zu beschreiben.Siegfried J. Schmidt, in: Ernst von Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus, 1997, S. 12. Im Radikalen Konstruktivismus wird nicht etwa geleugnet, dass es eine Welt „dort draußen“ gebe. Vielmehr wird betont, dass uns diese Welt nur via Beobachtung zugänglich ist, d.h. immer schon eine interpretierte Welt ist, über die wir uns nur kommunikativ verständigen/einigen können; es gibt also keine objektive Wirklichkeit, die dem menschlichen Erkenntnisvermögen zugänglich wäre.

Ethik


„Der Konstruktivismus kann keine Ethik produzieren,“ meint Ernst von Glasersfeld. Der radikale Konstruktivismus hat also keine eigene Ethik hervorgebracht. Dennoch ergeben sich daraus gewisse ethische Konsequenzen, wie etwa dass die Verantwortung für alles Tun und Denken dem zugerechnet werden muss, zu dem sie gehört: dem einzelnen Individuum. Andererseits akzeptiert er andere Menschen auch als „autonome Konstrukteure“. Grundsätzlich müssten Konstruktivisten alle möglichen Ideologien tolerieren, wenn sie jeweils viabel konstruiert werden.Ernst von Glasersfeld im Dritten Siegener Gespräch, abgedruckt in: Ernst von Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus, 1997, S. 335 - 336.

Abgrenzung


Der Konstruktivismus befindet sich somit im Gegensatz zum Induktivismus und zum Falsifikationismus, geht jedoch nicht so weit wie der Solipsismus.

Zwar entspricht der Prozess der Entwicklung neuer und besserer Theorien jenem, der im Rahmen des Falsifikationismus angenommen wird. Allerdings wird verneint, dass diese Theorien die Realität auch besser (oder überhaupt) beschreiben können. Als Kriterium für den Bestand von Theorien legt der Konstruktivismus vielmehr an, dass diese lediglich viabler (von via: der Weg, also eigentlich: gangbarer) oder passender sind als andere bzw. die gesehenen Probleme besser lösen. Aus dieser Viabilität kann keine Schlussfolgerung über eine reale Welt abgeleitet werden, denn zahllose andere Schemata könnten genauso gut funktioniert haben.

Dem Instrumentalismus, der in großen Teilen davon ausgeht, Theorien entwickelten sich evolutionär und unpassende Modelle der Realität würden somit zwangsläufig von passenderen, näher an der Realität stehenden Vorstellungen von der Welt ersetzt, stellt der Konstruktivismus entgegen, dass die einzige Motivation, eine bestehende Theorie oder Weltvorstellung zu ändern, nur die Kollision mit der „wahren“ Realität sein kann. Anpassung verlange jedoch lediglich, dass Reibungen und Kollisionen vermieden werden. Von einer Annäherung an eine objektive Realität kann also nicht gesprochen werden.

Der Relativismus sieht wissenschaftliche Paradigmen sogar als Sache des Glaubens an, die jeweils nur innerhalb einer bestimmten Wissenschafts-Kultur als wahr oder falsch gelten können.

Es lässt sich auch bis zu einem gewissen Grad eine Nähe zur Erkenntnistheorie Kants feststellen. Auch für Kant sind die Dinge an sich nicht erkennbar, wohl aber die Dinge, so wie sie sich für uns Menschen darstellen (vgl. Kritik der reinen Vernunft). Die Meinung, dass letztgültige Wahrheiten erkennbar sind, wird heute in den Wissenschaften auch eher selten vertreten. Dies gilt z.B. auch für den Kritischen Rationalismus, der dem Radikalen Konstruktivismus sonst konträr gegenübersteht. Bei Kant gibt es einen Weg, der von den Dingen, wie sie uns erscheinen, zu unseren Vorstellungen von den Dingen führt. Diese Unterscheidung in der Erkenntnis wird vom Radikalen Konstruktivismus so nicht getroffen. Ihm ist alles gleichermaßen unerkennbar und die Frage, was die Wirklichkeit - egal für wen - ist, stellt sich ihm nicht.

Damit jedoch nicht der Beliebigkeit Tor und Tür geöffnet wird, gibt es das Kriterium der Viabilität. Viabilität hat etwas von „Trial and Error“ und der Herstellung von Urteilen durch Wiederholbarkeit und Anschlussfähigkeit an vorhandene Erkenntnis. Damit rückt der Radikale Konstruktivismus in die Nähe des philosophischen Pragmatismus, dem als „wahr“ gilt, was nutzbringend eingesetzt werden kann. Viabilität ist ein Kriterium, das auch und gerade von der Kommunikation lebt, d.h. von der Übereinstimmung der Wahrnehmungen verschiedener Beobachter. Denn für den Radikalen Konstruktivismus gibt es keine gegebene gemeinsame Realität der Beobachter, sondern diese wird erst schrittweise durch gemeinsame Beobachtungen induktiv hergestellt.

Andere Konstruktivismen


Weitere Spielarten des Radikalen Konstruktivismus sind:

Im Sozialkonstruktivismus wird nur die Welt des Sozialen konstruiert. Die objektive Welt der Natur bleibt weiterhin objektiv zu erkennen.

In der Quantenphysik legt die Interpretation der gefundenen mathematischen Formel, der sogenannten Wellenfunktion, eine subjektivistische Lösung nahe, die die Messung auf der Quantenebene von der Beobachtung abhängig zu machen scheint. Berechnungen des Physikers John von Neumann, einem der Gründerväter der Quantentheorie, ermöglichten es dabei, auch „zum menschlichen Bewusstsein als dem eigentlichen „»Kollapsor « der Wellenfunktion seine Zuflucht zu nehmen“ John L. Casti, Verlust der Wahrheit, München 1990, S. 548. Diesen Gedankengang führte insbesondere sein Kollege Wigner in der Erweiterung des Gedankenexperimentes Schrödingers Katze durch den Zusatz „Wigners Freund“ zu einer Bewusstseinslösung der Quantenmechanik aus, um auf diese Weise das Messproblem zu umgehen. Für Wigner ist darin der eigene bewusste Geist die elementare Realität, und „die Dinge in der Welt »dort draußen« sind nicht vielmehr als nützliche Konstruktionen“ John L. Casti 1990, S. 550.

Der radikale Konstruktivismus ist nicht mit dem Erlanger Konstruktivismus zu verwechseln. Letzterer ist eine aus der mathematischen Logik heraus entstandene Wissenschaftstheorie. Für eine Abgrenzung siehe Konstruktivismus (Philosophie).

Kritik


Von Kritikern wird häufig angeführt, dass der radikale Konstruktivismus sich selbst widersprechen würde. Zum einen lehne er eine objektive Erkenntnis im Sinne des Positivismus ab, zum anderen würden aber genau solche Erkenntnisse zum Beweis der Theorie angeführt. Weiterhin wird kritisiert, dass nach dem radikalen Konstruktivismus keine wissenschaftliche Erkenntnis mehr möglich sei, da der Mensch die Wirklichkeit nicht direkt wahrnehmen könne.

Viel häufiger ist der Begriff „radikaler Konstruktivismus“ an sich Gegenstand der Kritik. Unter anderem führte dies bereits zu einer Umbenennung „benachbarter“ Theorien, wie dies etwa Peter Janich beim methodischen Kulturalismus Ende der 1990er vollführte. Kritiker werfen den Vertretern des radikalen Konstruktivismus vor, sie würden nur alte Erkenntnisse nehmen und diese in einem modernen Gewand neu verpacken. Insbesondere in der Philosophie seien die gedanklichen Figuren des radikalen Konstruktivismus schon seit langem in der Diskussion.

Zitate


Glasersfeld vertritt die Annahme,
„daß alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert, und daß das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage seiner Erfahrung konstruieren kann.“Ernst von Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus, 1997, S. 11.

Die Neurobiologen Maturana und Varela schreiben:

Wenn wir die Existenz einer objektiven Welt voraussetzen, die von uns als den Beobachtern unabhängig und die unserem Erkennen durch unser Nervensystem zugänglich ist, dann können wir nicht verstehen, wie unser Nervensystem in seiner strukturellen Dynamik funktionieren und dabei eine Repräsentation dieser unabhängigen Welt erzeugen soll H. Maturana / F. Varela: Der Baum der Erkenntnis, München 1987, S. 259.

Siehe auch


Weblinks


Fußnoten


Kybernetik | Konstruktivismus | Erkenntnistheorie

مدرسة البنائية في علم النفس | Constructivist epistemology | Constructivismo (filosofía) | קונסטרוקטיביזם (למידה) | Konstruktivism (filosofi)

 

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