Eine Radierung (lat.: radere = kratzen, wegnehmen, entfernen); ist ein grafisches Tiefdruckverfahren.
Für den Tiefdruck werden einer glatten, ebenen Oberfläche (die nach der Verletzung die ebene Form beibehält) Verletzungen zugefügt. In diesen Verletzungen bleibt Farbe haften, wenn man die gesamte Platte einfärbt und mit einem Lappen oder ähnlichem die auf der Oberfläche stehende Farbe wieder abwischt. Durch Aufpressen eines angefeuchteten Papiers wird die Farbe aus den Vertiefungen und Rillen wieder herausgesogen. Im Gegensatz zu den Hochdruckverfahren setzt der Tiefdruck die Benutzung einer Walzendruckpresse voraus.
Für die Radierung sind alle glatten Materialien geeignet, die verletzbar sind und mit meist terpentin- oder wasserlöslicher Farbe keine feste Verbindung eingehen. Die Druckplatten bestehen überwiegend aus Kupfer, oft auch aus Zink oder Messing. Eisenradierungen wurden in den Anfängen der Technik hergestellt, sind jedoch heute kaum noch gebräuchlich. Stahlstiche werden entweder durch Ausglühen und spätere Neuhärtung oder durch Ätzung gefertigt, haben jedoch in der künstlerischen Palette eine untergeordnete Bedeutung. Es werden auch andere Materialien wie Kunststoff, Holz oder Stein als Ausgangsmaterial für Tiefdrucke verwendet. In der Regel ist die Druckplatte ca. 1 bis 2 mm dick. Zu unterscheiden sind Verfahren, die auf physikalischer Kaltverformung der Druckplatte beruhen, und solchen, die auf chemischem oder auf galvanischem Wege Material entfernen. Ende des 20.Jahrhunderts kamen neue Verfahren hinzu, die mit einer auf einer glatten Oberfläche aufkaschierten (meist lichtempfindlichen) Polymerfolie hergestellt werden.
Je nach Zeitdauer der Säureeinwirkung werden die Linien stärker oder schwächer. Sollen einzelne Partien kräftiger erscheinen, werden die übrigen ebenfalls mit der säurebeständigen Schicht bedeckt und die Platte wieder ins Säurebad gelegt. Eine einzelne Druckplatte kann so eine Reihe von Ätzvorgängen aufweisen. Erzielt wird damit im Druck eine Abstufung vom hellsten Grau bis zum tiefsten Schwarz. Der entscheidende Schritt zur künstlerischen Entfaltung der Radierung lag in der Erfindung des stufenweisen Ätzens.
Nach Entfernung des Ätzgrundes wird die Platte mit der Druckfarbe eingefärbt, und durch Wischen soweit von Farbe gereinigt, dass nur die tiefer liegenden, druckenden Plattenteile farbtragend sind. Die Druckfarbe wird beim anschließenden Druck an das Druckpapier wieder abgegeben, wenn ein angefeuchtetes Blatt Tiefdruckpapier durch die Radierpresse gezogen wird.
Moderne Methoden des „Non-toxic-printing“ verwenden vorbeschichtete Platten, die mit einer lichtempfindlichen Photopolymerschicht überzogen sind. Dabei muss die Platte selbst nicht mehr geätzt werden. Es kann direkt von der Beschichtung gedruckt werden.
Zwischenzeitlich werden viele Mischtechniken verwendet, sodass die strikte Trennung zwischen trockenen Verfahren und nassen Verfahren nicht mehr so strikt getroffen wird. So wird heute auch von der „Kaltnadelradierung“ gesprochen.
Varianten der künstlerischen Tiefdrucktechniken sind:
Rembrandt.JPG, 3.Zustand Rijksmuseum, Amsterdam, Niederlande]]
Aus dem Jahr 1515 ist die erste Eisenätzradierung bekannt, ebenfalls aus dem Bereich der Waffenschmiedekunst, diese Technik setzte sich aber nicht durch, weil Eisen schnell Flugrost ansetzt. Anfang des 16. Jahrhunderts stellte Hercules Pietersz. Seghers (Niederlande) erste Ätzungen in Kupferplatten her. Als frühe Künstler, die sich dieses Verfahrens bedienten, seien Urs Graf (Schweiz) und Daniel Hopfer (Augsburg) genannt. Im 16. Jahrhundert diente die Kupferradierung vor allem als „billige Reproduktionstechnik“ so stellten diverse Künstler "Reproduktöre" ein, welche Kupferradierungen von ihren Kunstwerken herstellten. Diese Drucke wurden in ganz Europa verteilt, um Werbung für die eigene Werkstatt zu machen. Eine erwähnenswerte Nebenwirkung dieser Entwicklung ist, dass sich dadurch Stilentwicklungen viel schneller (in Europa) verbreiteten.
Erst im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Kupferradierung als eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel von Künstlern wie Rembrandt, Goya, Lorrain und Tiepolo verwendet. Damit zusammen hängt mit Sicherheit auch die Entwicklung der Technik der Flächenätzung (Aquatina), welche die Möglichkeit eröffnete, Flächen mit gleichmäßigen Grauwerten herzustellen.
Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts verloren Radierung und Kupferstich schlagartig ihre Bedeutung durch die Erfindung der Lithographie, Cliché und Autotypie, die erst den Druck hoher Auflagen in den Massenblättern ermöglichten. Erst durch den Zylinderrotationstiefdruck, der Millionenauflagen in höchster Farbbrillianz ermöglicht, kamen Kupferstich und Radierung - wenn auch hochtechnisiert - wieder in massenhafte Anwendung. Die Mehrzahl der hochwertigen Modezeitschriften wird heute im Rotationstiefdruck hergestellt, wobei die 4-Farbseparation im Unbuntaufbau sparsamen Farbauftrag mit höchster Farbtreue und Brillianz verbindet. Die Walzen werden dabei entweder computergesteuert graviert (wie vormals im Kupferstich), fotochemisch geätzt (wie in der Radierung) oder galvanochemisch vertieft.
Von der Bürde der Reproduktionstechnik befreit, entwickelte sich die Radierung zu einem eigenständischen Zweig der künstlerischen Grafik. Künstler entdeckten den Reiz und die Möglichkeiten neu, mehrere Künstler des 19.Jahrhunderts wurden als "Peintre-graveur", als "Malerradierer" bezeichnet (siehe Literatur). Auch in unserer Zeit ist die Radierung - wie bereits zur Zeit Rembrandts - bei Sammlern als unabhängige Kunstform beliebt, da sie das Sammeln von Kunst zu erschwingliche(re)n Preisen ermöglicht. Die Auflagenhöhen schwanken zwischen einigen wenigen und mehreren tausend Abzügen, die durch die galvanische Verstahlung der Platte möglich sind.
Wie die Radierung zählt auch der Kupferstich zu den Tiefdruckverfahren. Während beim Kupferstich durch das scharfe Einschneiden sehr exakte klare Ränder erzielt werden können, greift die Säure beim Ätzvorgang der Radierung das Metall ungleichmäßig an. Sie dringt, wenn auch nur sehr geringfügig auch unter die Ränder der Deckschicht ein. Dadurch entsteht die etwas körnig wirkende Linie.
Ein weiterer Unterschied zwischen Kupferstich und Radierung liegt in der Möglichkeit der Linienführung. Während bei der Radierung mit der Nadel so frei wie mit einem Bleistift gearbeitet werden kann und damit eine unmittelbare, spontane Zeichnung möglich ist, ist die Schnittführung des Kupferstichs auf gerade oder kurvige Linien beschränkt, die entweder in parallelen Zügen oder in Kreuzlagen geführt werden. Die Linienführung ist durch die unterschiedlichen Werkzeuge bedingt. Die Kaltnadel- und Ätzradierung verwendet eine Stahlnadel, die frei wie ein Zeichenstift über die Platte gezogen wird, während der Kupferstich einen Stichel verwendet, der vom Körper weg geschoben wird und das Material aus der Platte schiebt, schneidet bzw. "sticht".
Die Unterscheidung zum Kupferstich kommt so vorrangig aufgrund der unterschiedlichen Technik zustande. Der Kupferstich wurde - wie die technisch weniger zeitaufwändige Radierung - als "billige" Reproduktionstechnik, die hohe Auflagen erlaubte, bereits im 16. Jhdt. verwendet. Weil der Radierung die "Kälte" des Kupferstiches fehlt, wurde diese zunehmend als eigenständige und ursprüngliche Ausdrucksform von Sammlern des zu Wohlstand gekommenen Bürgertums im 17./18.Jahrhundert sehr geschätzt. Besonders Rembrandt bediente diesen "Markt" derer, die sich seine Ölgemälde nicht leisten konnten zunächst mit Reproduktionen, aber sehr bald auch mit eigenständigen radierten Werken, deren Formate oft nur die Größe einer halben Postkarte besitzen.
Die manuellen Verfahren sind - bedingt durch die zeit- und arbeitsintensiven Arbeitsabläufe - heute eine eher elitäre grafische Technik, die wegen ihrer eigenständigen grafischen Wirkungen und der Möglichkeit kostengünstiger Kleinauflagen von vielen Künstlern praktiziert wird.
Grafik | Drucktechnik (Kunst) | Radierer | Radierung | Künstlerische Technik
Aiguafort | Lept | Etching | Aguafuerte | Eau-forte | Ets | Bakropis | エッチング | Oforts | Ets | Etsning | Akwaforta | Офорт | Lept | Etsning | Травлення
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