Der Pullman-Streik begann als wilder Streik am 11. Mai 1894, als etwa 50.000 Arbeiter der Pullman Palace Car Company im südlichen Stadtteil Pullman von Chicago, Illinois, ihre Arbeit verweigerten. Er weitete sich zum bis dahin größten Arbeiterprotest in der US-Geschichte aus. Nach rund zweimonatiger Dauer wurde der Ausstand blutig niedergeschlagen.
Doch die Annehmlichkeiten hatten ihren Preis. Alles in Pullmans Stadt gehörte seiner Gesellschaft, nicht nur die Häuser sondern auch die Einrichtungen zur Grundversorgung ihrer Bewohner: Warenhäuser, Schulen und auch die Kirche, ein Theater und der Park. Wasser und Gas bezog die Firma aus Chicago und verrechnete den Verbrauch zu eigenen Preisen. Die Pullman Company steuerte so fast jeden Aspekt des Lebens ihrer Arbeiter und übte eine Art „Schuldensklaverei“ aus. De facto mussten die Mieter beim Lohnvertrag bleiben, wenn sie beim Einkauf anschreiben ließen oder es sich nicht leisten konnten, ihren Arbeitgeber, der ja zugleich ihr Hauswirt war, zu wechseln. Die Mieten lagen wegen des Komforts der Ausstattung um ein Viertel über jenen in umliegenden Gemeinden. Miet- und andere Schulden wurden automatisch beim Gehaltsscheck abgezogen und etliche der Arbeiter sahen nur allzu oft nie ihren ganzen Lohn. Es wird ein Fall kolportiert, wonach ein Arbeiter für einen Monat Arbeit nach diesen Abzügen nur noch 2 Cent Einkommen auf dem Lohnstreifen sah.
In Chicago, einem Eisenbahnknotenpunkt, gehörte die Pullman Palace Car Company zu den bedeutenden Unternehmen. Die Stadt erlebte einen hohen Zugang von Zuwanderern aus den USA – darunter viele Farbige – und Immigranten aus Europa (vor allem Ost- und Südeuropäer). In der Stadt brodelte es. Demonstrationen von Industriearbeitern für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne hatte es beim Haymarket-Aufstand im Mai 1886 und dem Homestead-Streik im Jahr 1892 gegeben, die auch Menschenleben forderten.
Im Anschluss an das Gespräch wurde drei Komiteemitgliedern gekündigt, angeblich wegen ihrer mangelnden Arbeitsleistung. Die Entlassung dieser Personen ihres Vertrauens sprach sich in Windeseile herum und die verdrossene Arbeiterschaft beschloss - ohne die Gewerkschaft zuvor zu konsultieren - einen Streik. Er begann am 11. Mai 1894. Der wilde Streik führte zu einem effektiven Rückgang der Produktion in den Pullman-Werkstätten. Das Angebot einer Schlichtung lehnte der Arbeitgeber ab und sperrte alle Beschäftigten durch Werksschließung aus.
Die ARU half, da nichts geschah, einen massiven Streik zu organisieren. Debs appellierte nun bei seinen Mitgliedern an die Solidarität mit den Pullman-Beschäftigten. Er verfügte einen Boykott der Pullman-Schlafwagen. Wo man die Pullman-Waggons nicht vom Zug abkoppeln konnte oder wollte, wurde das Netz dieser betreffenden Eisenbahngesellschaft bestreikt.
Andererseits sahen die Eisenbahngesellschaften jetzt eine Gelegenheit, die aufmüpfige ARU loszuwerden. Die General Managers Association (Generaldirektorenverband) der 24 die Stadt Chicago anlaufenden Bahnlinien wies die Entlassung jeden Arbeiters an, der einen Pullman-Waggon abhängte und ließ die Schlafwagen nun mit Postzügen zusammenspannen.
Viele Versorgungswege wurden lahmgelegt, als organisierte Eisenbahnarbeiter in der gesamten Nation Züge, die mit Pullman-Waggons (später auch Wagner-Eisenbahnwagen) fuhren, in einem Sympathiestreik blockierten, in dem sie deren Abfertigung verweigerten. Am Pullman-Streik beteiligten sich landesweit Zehntausende von Beschäftigten. Besonders effektiv war der Streik auf transkontinentalen Zugverbindungen von Chicago aus in den Westen der USA.
Die US-Regierung griff nun tatsächlich ein. Sie erwirkte am 2. Juli vor einem Bundesgericht mit Hilfe des Sherman Antitrust Acts ein Verbot jeglicher Streikunterstützung durch die Eisenbahnergewerkschaft. Als am 3. Juli 1894 Bundestruppen in Chicago auf der Bildfläche erschienen, rasteten dort die Streikenden aus.
Am 6. Juli steckten etwa 6.000 Revoltierende im Süden Chicagos 700 Eisenbahnwagen in Brand. Am 7. Juli 1894 wurden Gebäude der schon beendeten Weltausstellung 1893 am Jackson Park angezündet. Das Feuer brach auf dem Höhepunkt des Pullman-Streiks aus. Unter den Baulichkeiten, die Feuer fingen, waren die Halle der Ausstellungsleitung und die Ausstellungshallen für Fabrikation, für Elektrizität, für Mechanik, für Landwirtschaft sowie die Zugstation der Messe. Da Streikende andere Brände in dieser Woche legten, ist es möglich, dass unzufriedene Pullman-Beschäftigte auch dieses Feuer auslösten.
Die Büros der ARU wurden von Angehörigen der Polizei und Armee verwüstet, die Gewerkschaftsspitze verhaftet. Gewerkschaftsmitglieder wurden vom Arbeitgeber gefeuert und ihre Namen auf Schwarze Listen in den Lohnbüros gesetzt, um eine Wiedereinstellung zu verhindern.
Der Ausstand kostete insgesamt 13 Menschen das Leben, 57 wurden verletzt. Der Sachschaden wurde auf 80 Millionen US-Dollar geschätzt. Gewerkschaftschef Debs und andere ARU-Führer wurden als „Verschwörer“ angeklagt und der Störung des Postverkehrs für schuldig befunden. Debs wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
Am 2. August 1894 war der Streik beendet. Die Pullman Company nahm ihren Betrieb wieder auf, stellte aber Streikführer nicht ein. Die Beschäftigten mussten hinterher unterschreiben, sich nicht mehr gewerkschaftlich zu organisieren.
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