Psychologie (aus griech. ψυχολογία, psychología wörtl. übers. „Seelenkunde“, engl. (korrektere) Übersetzung „study of the mind“) ist die empirische Wissenschaft zur Beschreibung, Erklärung und Vorhersage (Prognose) vom Erleben und Verhalten des Menschen, deren Entwicklung in der Lebensspanne und deren inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen. Die Psychologie ist eine bereichsübergreifende Wissenschaft. Sie lässt sich nicht allein den Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften oder den Naturwissenschaften zuordnen.
Standortbestimmung der Psychologie
Entgegen ihrem Bild und dem Verständnis in der Öffentlichkeit, ist die Psychologie eine streng
empirische Wissenschaft. Eine „geisteswissenschaftliche“ Psychologie, im Sinne einer nur nachdenkenden, deutenden, sich nur theoretisch auseinandersetzenden oder nur theoretisch-beschreibenden Arbeitsweise, gibt es nicht. Die Psychologie ist „nur“ insoweit „Geisteswissenschaft“ (zumindest bezogen auf die engl. Bedeutung der „Humanities“), als dass sie sich mit dem
Menschen, bzw. genauer: ausgewählten Aspekten des Menschseins, eben dem Erleben und Verhalten, befasst.
Die Seele oder der Geist im philosophischen oder theologischen Sinn, ist nicht Gegenstand der Psychologie. Psychologie darf auch keinesfalls, insbesondere nicht im Hinblick auf die Darstellung ihrer Geschichte, mit dem Gebiet der Philosophie des Geistes verwechselt werden!
Dabei ist es ein weiterer populärer Irrtum, dass sich die Psychologie hauptsächlich mit gestörtem Verhalten und vorwiegend „psychischen Problemen“ beschäftigt. Tatsächlich stellt dieses nur einen Teilbereich des Faches dar. Die Psychologie vermittelt auch kein Know-How, wie man Menschen „durchschaut“ oder wie man jede Handlung und Äußerung eines Menschen „analysieren“ und „psychologisch“ deuten kann. Sie ist auch keine Lehre von der „Menschenkenntnis".
Psychologie unterscheidet sich von verwandten Forschungsgebieten anderer Fächer, wie solche der Philosophie, Soziologie, Pädagogik, Anthropologie, Ethnologie, Politikwissenschaft, den Wirtschaftswissenschaften, der Allgemeinen Linguistik, der Medizin oder Biologie dadurch, dass die Psychologie empirisch mentale Prozesse, konkrete Verhaltensmechanismen und Interaktionen von mentalen Prozessen und Verhalten von einzelnen Menschen (alleine oder als Individuum in Gruppen) beschreibt und erklärt.
Als empirische Wissenschaft vom Erleben und Verhalten obliegt es der Psychologie also, Theorien und daraus abgeleitete Modelle, Hypothesen, Annahmen für die Beantwortung einer konkreten Fragestellung usw. mit geeigneten wissenschaftlichen Methoden empirisch zu prüfen. Man beschränkt sich weitgehend auf naturwissenschaftliche, mithin quantitative Methoden in Verbindung mit experimentellem oder quasi-experimentellem Vorgehen. Daher stellt die Mathematik, insbesondere die Deskriptive Statistik, die Stochastik (v. a. die Induktive Statistik und die statistischen Testverfahren), sowie zunehmend auch Ansätze der Systemtheorie (insbes. mathematische Systemanalyse) eines der wichtigsten Werkzeuge des Psychologen dar.
Wenig bekannt ist, dass im Rahmen der psychologischen Grundlagenforschung, vornehmlich in der Allgemeinen und der Biopsychologie, aber auch z. B. in der Klinischen Psychologie, wie in anderen Naturwissenschaften und der Medizin, auch in der Psychologie Tierversuche durchgeführt werden. Schon in den 1920er Jahren v. a. im Rahmen der Lernforschung durchgeführt, wurden sie grundlegender Bestandteil der Aggressions-, Stress- und Angstforschung, später auch der Depressionsforschung und der Wahrnehmungsforschung. Insbesondere bei neuropsychologischen Fragestellungen wurden sie dann nochmals verstärkt eingesetzt (v. a. in Form von Läsionsexperimenten). Heute werden sie vornehmlich in Forschungen zur Psychoneuroendokrinologie und -immunologie, zur Umweltpsychologie, zur Ernährungspsychologie und z. B. auch in der Erforschung selbstverletzenden Verhaltens, v. a. aber in der Suchtforschung eingesetzt. Auch psychologische Tierexperimente unterliegen weltweit strengen ethischen Standards.
Methodisch finden sich heute neben den naturwissenschaftlichen Ansätzen teilweise auch solche der empirischen Sozialwissenschaften (eine Schwerpunktsetzung schwankt auch je nach Ausrichtung eines psychologischen Fachbereiches). Absolut vorherrschend sind auch hier quantitative Methoden, wiewohl natürlich auch qualitative Methoden zum Repertoire gehören (z. B. auch Grounded Theory oder Inhaltsanalyse); die Trennung zwischen qualitativer und quantitativer Sozialforschung ist dann auch nicht immer eindeutig, weshalb man in der Psychologie auch eher zwischen primär naturwissenschaftlichen und primär sozialwissenschaftlichen methodischen Ansätzen (die dann sehr oft zu den quantitativen in irgend einer Art und Weise auch qualitative Aspekte beinhalten) unterscheidet, obwohl auch da auf Seiten der rein quantitativen Methoden eine Trennung zwischen natur- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen nicht immer eindeutig möglich ist.
Zuordnung zu den unterschiedlichen Fakultäten
Die Anbindung eines psychologischen Fachbereichs an eine Fakultät (in der Regel naturwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche oder philosophische) sagt übrigens grundsätzlich
nichts über dessen Ausrichtung (eher naturwissenschaftlich oder eher sozialwissenschaftlich) aus. Diese Anbindungen sind in der Regel historisch und / oder verwaltungstechnisch begründet. Insofern kann man z. B. auch keine analogen Rückschlüsse über den Doktorgrad eines promovierten Psychologen ziehen; anders ausgedrückt: man kann als Psychologe im Extrem einen Dr.phil. mit einer Dissertation in
Mathematischer Psychologie erlangen und genauso im Extrem einen Dr. rer. nat. mit einer qualitativ-sozialwissenschaftlichen Arbeit (z. B. auf Basis der Grounded Theory).
Verhältnis zu Psychoanalyse
Bei der in der Öffentlichkeit häufig anzutreffenden Gleichsetzung von Psychologie und Psychoanalyse handelt es sich um einen populären Irrtum. Psychoanalytische Ideen spielen zwar in der Entwicklungspsychologie, pädagogischen Psychologie sowie der klinischen Psychologie eine gewisse Rolle. Die Trennung von Psychologie und Psychoanalyse schließt natürlich nicht aus, dass viele Psychologen nach dem Psychologie-Studium noch eine psychoanalytische / tiefenpsychologische Ausbildung an einem entsprechenden Privatinstitut absolvieren.
Die Psychoanalyse nach Sigmund Freuds sowie die Theorien anderer Vertreter einer Tiefenpsychologie wie Carl Gustav Jung oder Alfred Adler spielen in der heutigen Psychologie nur eine Nebenrolle, an vielen Fakultäten wird die Psychoanalyse praktisch ausgeklammert (häufig nur als Stunde in der "Geschichte der Psychologie" vermittelt). Schon zu Zeiten Freuds verlief die Entwicklung unabhängig voneinander. Erst viel später avancierten tiefenpsychologische Ansätze innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie kurzzeitig zum Forschungsparadigma. Insbesondere in den Bereichen Motivation und Kognition gabe es Versuche, tiefenpsychologische Annahmen in der Modellbildung zu berücksichtigen. Einiges konnte nach den vorherrschenden wissenschaftstheoretischen Vorstellungen in weiterführende Modelle integriert und weiter differenziert werden und einiges konnte anders oder zumindest sparsamer (siehe Ockhams Rasiermesser) erklärt werden. Insgesamt war die Psychoanalyse für die Psychologie wenig fruchtbar, als Forschungsparadigma spielte sie daher schnell keine Rolle mehr. Die wissenschaftliche Psychologie arbeitet heute fast ausschließlich experimentell (siehe oben). Die Psychoanalyse wird oft als unwissenschaftlich abgelehnt. Wolfgang Prinz, Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig kritisiert die Psychoanalyse und sagt: "Die Psychoanalyse ist keine Wissenschaft. Die Psychoanalyse Freudscher Prägung ist ein quasi-literarisches Selbst-Deutungssystem, das sich der empirischen Prüfung weitgehend entzieht. Eines, das nicht nur wissenschaftstheoretischen Grundprinzipien zuwiderläuft, sondern auch noch auf teilweise frisierten, teilweise frei erfundenen "Beobachtungen" basiert." (aus SpiegelOnline 05.05.2006)
Auf der Anwendungsseite haben aus der psychologischen Forschung stammende Ansätze, wie die Gesprächspsychotherapie und die Verhaltenstherapie die Psychoanalyse als Therapieform in der Klinischen Psychologie verdrängt. Die Kombination von klientenzentrierten und verhaltensanalytischen Ansätzen, ergänzt durch moderne kognitive Strategien, bildet heute im Rahmen der Diagnostik und Intervention und nahezu in jedem Anwendungsfach (also auch jenseits eines klinischen Ansatzes, z. B. auch durch Verhaltensanalysen in der Organisations- oder Kognitiv-Behaviorale Trainings in der Arbeitspsychologie usw.) einen grundlegenden praktischen Methoden- und Kompetenzbereich eines Psychologen.
Wissenschaftliche Paradigmen
Es gab und gibt innerhalb der Psychologie viele Ansätze (
Paradigmen). Die wichtigsten sind das Behavioristische Paradigma, das Informationsverarbeitende Paradigma und eben (historisch) auch das psychoanalytische/psychodynamische Paradigma. Ebenfalls wichtig sind das Phänomenologische/Humanistische Paradigma, das Eigenschaftsparadigma, das dynamisch-interaktionistische Paradigma und das Soziobiologische Paradigma / die
Evolutionäre Psychologie (EP).
Die Evolutionäre Psychologie stellt einen relativ jungen Ansatz dar. Evolutionspsychologische Ansätze finden sich heute in nahezu allen psychologischen Disziplinen und Forschungsfeldern, vor allem in der Entwicklungs- und Sozialpsychologie. Hier ist sie in der Aggressions- und Altruismusforschung, der Attraktivitätsforschung, in Forschungen zu Partnerschaft, Beziehungsgestaltung und Liebe sehr einflussreich und auch in der Organisations-/Personalpsychologie bildet sie eine theoretische Grundlage, ebenso wie z. B. in der Angstforschung.
Diese Paradigmen sind also keine Teildisziplinen der Psychologie (wie etwa die Allgemeine Psychologie), sondern jedes ist ein theoretisches Konzept für die verschiedenen Teildisziplinen und Forschungsprogramme der Psychologie. Diese Ansätze, die sich in Grundannahmen und auch in der Methodologie unterscheiden, werden in der Regel nicht explizit erwähnt, bilden aber eine sehr wichtige Grundlage für das (korrekte) Verständnis der Psychologie, ihrer Theorien und v. a. der psychologischen Forschungsergebnisse. Heute sind innerhalb eines psychologischen Faches (einer Disziplin) in der Regel verschiedene Paradigmen gleichberechtigt (so z. B. in der aktuellen persönlichkeitspsychologischen Forschung das Informationsverarbeitende Paradigma, das Eigenschaftsparadigma und das dynamisch-interaktionistische Paradigma). Diese Komplexität der Psychologie sollte man vor allem auch in Bezug auf die einzelnen Disziplinen berücksichtigen: es gibt eben innerhalb einer Disziplin immer verschiedene Ansätze, unter denen ein Gegenstandsbereich betrachtet werden muss, bzw. eben eine hohe methodologische Flexibilität, unter der eine Fragestellung möglichst optimal wissenschaftlich-methodisch beantwortet werden kann.
Vielfach wird auch von psychologischen Schulen gesprochen, was aber nicht korrekt ist. Dieser Begriff trifft sicher für die tiefenpsychologischen Schulen zu und auch für die Therapieschulen (z. B. teilweise für die Gesprächspsychotherapie - obwohl so sicher so nicht im Sinne des "Gründers" Carl Rogers, für die Gestalt-Therapie bis hin zu den New Age- oder anderen pseudowissenschaftlichen Formen). Schulen zeichnen sich durch ein ideologisches Fundament aus, dessen Grundfeste letztlich aus Dogmen bestehen. Dieses steht aber in absolutem Widerspruch zu einer empirischen Wissenschaft. Insofern ist die Bezeichnung von "psychologischen Schulen" nicht möglich; auch bei Anwendungen der Klinischen Psychologie, insbesondere der Verhaltenstherapie, ist der Begriff einer Schule im o.g. Sinn nicht korrekt.
Disziplinen
Man unterscheidet in der Psychologie i.A. zwischen den
Grundlagendisziplinen und der
Angewandten Psychologie.
Grundlagendisziplinen
Innerhalb dieser Disziplinen kann man noch zwischen solchen unterscheiden, die auch Fundus
anderer Grundlagenfächer sind, und solchen, die basale Erkenntnisse in spezifischen
Kontexten liefern. Zu den ersteren gehören natürlich die Psychologische Methodenlehre, sowie die Allgemeine Psychologie und die Biopsychologie (die wiederum untereinander stark vernetzt sind), zu den letztgenannten die Sozialpsychologie, die Entwicklungspsychologie und die Persönlichkeits- und Differenzielle Psychologie. Die neuere Einteilung (z. B. für die Bachelor-of-Science-Studiengänge) fasst die Allgemeine und die Biologische Psychologie unter "Kognitive und biologische Grundlagen des Verhaltens und Erlebens" zusammen, die Persönlichkeits-, Differenzielle, Sozial- und Entwicklungspsychologie unter "Grundlagen intra- und interpersoneller Prozesse".
- Die Psychologische Methodenlehre befasst sich mit der gesamten Bandbreite des Instrumentariums ("Handwerkszeug") psychologischen Erkenntnisgewinns. Sie stellt den existierenden Verfahrensfundus für andere Disziplinen der Psychologie bereit und ist gleichermaßen ein eigenständiges Forschungsgebiet mit dem Ziel, den Methodenbestand zu verbessern und zu ergänzen, etwa durch Eigenentwicklungen (wie z. B. der Metaanalyse) oder auch durch Adaption von Verfahren aus den Katalogen anderer Wissenschaften. Dabei reicht ihr inhaltliches Spektrum von Wissenschaftstheorie und Ethik über Experimentalmethodik, Evaluationsforschung bis hin zu Hilfswissenschaften mit hohem Stellenwert, v. a. Mathematik (insbes. Stochastik) sowie Informatik oder Spezialfällen der Psychologischen Methodenlehre wie der Mathematischen Psychologie. Auch die Psychologische Diagnostik gehört in weiten Teilen (insbes. Testtheorien, -konstruktion u. -analyse) nicht zu den praktischen Ausbildungsinhalten, sondern zu den Methodenfächern.
- Die Allgemeine Psychologie erforscht grundlegende psychische Funktionsbereiche, wie Kognition, Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnis, Denken, Problemlösen, Wissen, Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Volition, Emotion, Motivation und Sprache, sowie Psychomotorik.
- Die Biologische Psychologie (auch Biopsychologie), mit verschiedenen Unterdisziplinen wie z. B. Physiologische Psychologie, Psychophysiologie, Psychobiologie, Neuropsychologie oder interdisziplinären Teilgebieten wie Psychoneuroimmunologie oder Psychoneuroendokrinologie, widmet sich hingegen den physischen Funktionsbereichen, die sich auf Verhalten und Erleben auswirken (Genetik, neuronale Prozesse, v. a. Anatomie und Physiologie des Gehirns, Sinnesphysiologie und Endokrinologie). Sie beschäftigt sich zusammen mit der Methodenlehre auch mit Messverfahren (physiologische Verhaltenskorrelate, wie z. B. Herzrate, Blutdruck, Elektrodermale Aktivität, Durchblutungsstatus z. B. des Gesichts, Elektroenzephalogramm (EEG, Hirnströme), bildgebende Verfahren (CT, MRT, PET, SPECT, ...), Muskelaktivität, sowie Laborparameter (insbes. Konzentration von verschiedenen Hormonen etc. in Urin, Blut oder Speichel uvm.). Zusammen mit der Allgemeinen Psychologie und der Methodenlehre gewinnt auch das Formulieren und Testen von mathematischen Modellen biopsychologischer/neuropsychologischer Theorien und die Prüfung von Hypothesen über neuronale Mechanismen durch Simulation von Neuronenmodellen (Künstliche neuronale Netze) an erheblicher Bedeutung.
- Die Entwicklungspsychologie untersucht die psychische Wandlung des Menschen von der Empfängnis bis zum Tod (intraindividuelle Veränderungen, Ontogenese). Gegenstandsbereiche sind z. B. Faktoren der Entwicklung (Anlage, Umwelt), Entwicklungsstufen, Entwicklung der Wahrnehmung, der Psychomotorik, der kognitiven Kompetenzen, des Gedächtnisses, der Sprache, der Persönlichkeit, etc.
- Die Sozialpsychologie erforscht im weitesten Sinne die Auswirkungen sozialer Interaktionen auf Gedanken, Gefühle und Verhalten des Individuums („an attempt to understand and explain how the thought, feeling and behavior of individuals are influenced by the actual, imagined, or implied presence of others“, Allport 1968). Gegenstandsbereiche sind z. B. soziale Aspekte der Wahrnehmung (wie Personenbeurteilung, Vorurteile, Annahmen und Schlussfolgerungen über das Verhalten anderer Menschen, u.a.), soziale Aspekte der Emotion (z. B. auch Aggression), interpersonale Attraktion, Pro-soziales Verhalten, Einstellungen, Kommunikation oder auch Gruppenprozesse (Minoritäteneinfluss, Entscheidungsprozesse in Gruppen, Gruppendenken, Gehorsam (vgl. dazu z. B. das Milgram-Experiment oder das Stanford Prison Experiment), Gruppenleistung, Intergruppenbeziehungen uvm.).
Angewandte Psychologie
Angewandte Psychologie bedeutet entgegen landläufiger Meinung nicht, dass nun nur "praktisches Handwerkszeug" für Anwendungsgebiete erlernt wird. Vielmehr bedeutet der Begriff Angewandte Psychologie, dass
auf Basis der Grundlagendisziplinen nun Fragestellungen aus Anwendungsgebieten wissenschaftlich beantwortet werden; es handelt sich also auch hier primär um Forschung. Dieses führt natürlich
auch dazu, dass aus dieser Forschung heraus dann neue "Technologien" (im wissenschaftstheoretischen Sinn) entwickelt, und (zunehmend im Grenzbereich zur Praktischen Psychologie) implementiert und evaluiert werden (z. B. Therapien, Trainingsmaßnahmen, Maßnahmen zur Organisationsentwicklung, Personalauswahlverfahren, Qualitätssicherungssysteme, Maßnahmen zur Bedienungssicherheit bei Steuerungsanlagen, Verfahren zur Arbeitsanalyse, kognitiv-ergonomisches Design von Displays, Analysen von Käuferentscheidungen und -präferenzen, Softwaresystem zur Entscheidungs- und Nutzenanalyse, entscheidungspsychologisch-statistisches Modell zur Bestimmung von Gehältern von Führungskräften, Verfahren zur Messung des Unternehmensimages, System zur Analyse und Prognose des Absatzes von Produkten u.ä.). Aus Sicht der Psychologie ist es daher völlig unsinnig, Angewandte Psychologie losgelöst von den Grundlagendisziplinen zu betrachten. Vielmehr ist eine sehr fundierte, wissenschaftlich-forschungsorientierte Ausbildung in den Grundlagen
unabdingbare Voraussetzung für die Angewandte Psychologie. Die Praktische Psychologie wendet dann konkret psychologische Technologien zur Problemlösung an, dieses geschieht (naturgemäß) auch durch entsprechend geschulte Nicht-Psychologen (z. B. Personalauswahl und psychologische Testdiagnostik nach
DIN 33430, Durchführung von betrieblichen Trainingsmaßnahmen durch Schulungspersonal, Psychoedukation durch Hausärzte, Anwendung von Therapiemanualen durch ärztliche Psychotherapeuten u.ä.).
Das klassische Anwendungsgebiet (in Deutschland) ist die
Klinische Psychologie, die der
Psychologischen Psychotherapie als Grundlage dient. Primär ist die Klinische Psychologie allerdings Grundlagenforschung, in dem sie aus der Erforschung von "gestörtem" Erleben und Verhalten
Rückschlüsse auf "normale" psychische Funktionsbereiche liefert. Ebenso sucht sie auch im Rahmen angewandter Forschung nach den
Ursachen und
Wirkungszusammenhängen von gestörten Funktionsbereichen (z. B. gestörter Informationsverarbeitung) und erforscht in dem Zusammenhang auch Grundlagen zur Entstehung, Symptomatik und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen / psychiatrischen Erkrankungen (wie z. B. der
Depression). Hierzu gehört auch die Einbeziehung von externen Faktoren (
bio-psycho-soziales Modell). Aus den Forschungsergebnissen ergeben sich Möglichkeiten, Methoden zur Veränderung zu entwickeln, die dann wiederum Forschungsgegenstand der Klinischen Psychologie sind. Insofern kann die Klinische Psychologie neben der Psychotherapie auch in Form von Trainings (Psychoedukatives Training, etc.), Beratung und Training von Angehörigen usw. psychologische Hilfestellungen leisten. Sie überschneidet sich hier mit Diagnostik und Intervention bzw. wird durch diese ergänzt. Dabei gehört die allgemeine psychologische Diagnostik (insbes. Persönlichkeits- und Leistungsdiagnostik) und natürlich im Speziellen die klinisch-psychologische Diagnostik (
ICD,
DSM) einschließlich Befundung und Begutachtung ebenso zum Aufgabenfeld der Klinischen Psychologie wie die evidenz-basierte Therapieplanung, die Therapieevaluation und das
Qualitätsmanagement. In der Berufspraxis, bzw. -realität muss aber davon ausgegangen werden, dass für alle diese Tätigkeiten eine Zulassung als
Psychotherapeut unabdingbar ist (insofern ist fraglich, ob die Klinische Psychologie auch künftig gegenüber anderen Anwendungsfächern einen dominierenden Standpunkt in der Praxis haben wird).
Ein Spezialgebiet der Klinischen Psychologie ist die
Klinische Neuropsychologie, die sich klinsich-psychologisch mit schädigungsbezogenen Zuständen und Veränderungen des Zentralnervensystems und den sich daraus ergebenden gestörten Funktionsbereichen beschäftigt. Ein weiteres Teilgebiet der Klinischen Psychologie ist die
Gesundheitspsychologie, die sich mit gesellschaftlichen Fragen nach wirksamer
Prävention, gesundheitsförderlichem Verhalten (auch in Bezug auf die psychische Gesundheit) und den sozialen Faktoren von
Krankheit sowie
Stress beschäftigt.
Die A&O- oder ABO-Psychologie umfasst die Analyse der
Arbeit (im weitesten Sinn), die
Ergonomie, allgemeine psychologische
Diagnostik und im Speziellen Eignungsdiagnostik, Personalauswahl, Leistungsbeurteilung, Personal- und
Organisationsentwicklung,
Kommunikation,
Mediation, Gruppenprozesse, Führung, Trainings,
Werbe-,
Verkaufs- und
Marktpsychologie und
Marktforschung. Die Organisationspsychologie ist am stärksten mit der Psychologischen Diagnostik, der Sozial- und der Persönlichkeits- und Differenziellen Psychologie verbunden, die Arbeitspsychologie sehr stark mit der Allgemeinen, insbes. auch der
Experimentalpsychologie. Gerade das letztgenannte Teilgebiet erlebte und erlebt außerhalb Deutschlands einen Höhenflug und stellt (im Gegensatz zu Deutschland) international ein enormes (künftig kaum zu deckendes) Arbeitsmarktpotential v. a. in Industrie- und Dienstleistungsunternehmen dar; insbes. die Bereiche Human Factors, Applied Cognitive und Experimental Psychology stellen nach Prognosen in den USA in der nächsten Dekade einen der am stärksten wachsenden Märkte überhaupt dar. Bedarf gibt es derzeit v. a. in den Bereichen der Produktentwicklung, da insbes. bei Aspekten der (kognitiven)
Ergonomie, in der Arbeits- und Bedienungssicherheit, des
Fehlermanagements, im Bereich des Krisen- und
Risikomanagements und auch generell in der Analyse von Entscheidungsprozessen, v. a. im Zuge multidisziplinärer systematischer Fehlersuche, sofern aus der Mathematik (insbes.
Entscheidungstheorie und da auch
Spieltheorie)) entwickelte betriebswirtschaftliche Systeme nicht anwendbar sind. Weiteren Bedarf gibt es in den Bereichen der
Qualitätssicherung und
Evaluation. Die
Organisationspsychologie ist nach ihrem rasanten Boom in den 1980er und 1990er Jahren bereits international auf hohem Niveau gefestigt (in Deutschland allerdings nur auf sehr niedrigem Niveau, weil hier ein streng betriebswirtschaftlicher Ansatz v. a. auch in den Bereichen Organisation und Personal vorherrscht, während sich dieser im Ausland weitgehend auf Kernbereiche des reinen
Managements beschränkt; viele der international von ABO-Psychologen ausgeführten Tätigkeiten werden zudem in Deutschland traditionell auch von
Technikern oder
Ingenieuren mit
REFA Ausbildung ausgefüllt).
Thematisch ähnlich zur Organisationspsychologie ist die
Angewandte Sozialpsychologie.
Ursprünglich bedeutsames Beschäftigungsfeld von Psychologen war die
Erziehungsberatung, deren Weiterentwicklungen sich in der
Pädagogischen Psychologie wiederfanden, aus der sich auch die
Schulpsychologie entwickelte. Wobei sich heute die psychologische Erziehungsberatung kaum aus der Pädagogischen Psychologie, sondern vielmehr aus der Diagnostik und Intervention ableitet. Die Schulpsychologen sehen sich auch nicht mehr als Pädagogische Psychologen, sondern ihren Beruf vielmehr gleichzeitig als Teilbereich sowohl der Diagnostik und Intervention und der
Klinischen Psychologie (Diagnostik, Beratung, Training und Therapie von Schülern, Eltern und Lehrern, sowie Lehrersupervision), als auch der
Organisationspsychologie (Evaluation, Leistungsdiagnostik,
Organisationsentwicklung,
Trainings,
Schulentwicklung,
Mediation). Beide Disziplinen, v. a. aber die Schulpsychologie, stellen heute für Psychologen in Deutschland (anders als z. B. in den USA) eine äußerst geringe (und weiter schwindende) Bedeutung und Randexistenz dar.
Weitere Anwendungsbereiche der Psychologie bilden u.a. die Verkehrs-, Medien-, Rechts-, Kultur-, Geronto-, Sport-, Umwelt-, politische Psychologie, etc.
Bei allen Bereichen ist die Diagnostik von zentraler Bedeutung (Keine Intervention ohne Diagnose!).
Grundsätzlich sind auch andere Bezeichnungen möglich. Z. B. solche, die einen Forschungsgegenstand benennen und als Untergebiet oder Arbeitsschwerpunkt ausweisen oder diesen über alle ihn betreffende Disziplinen hinweg und zusammenfassend beschreiben (z. B. Wahrnehmungspsychologie, Emotionspsychologie, u.a.), oder auch solche, die zugrundeliegende Ansätze oder besondere Aspekte von Paradigmen betonen (z. B. Verhaltenspsychologie, Evolutionäre Psychologie, u.a.). Diese eher bereichsspezifischen Bezeichnungen (mit entsprechender thematischer Bündelung von verschiedenen Inhalten) finden sich auch häufig dann, wenn es um eine umfassende Vermittlung von spezifischen Inhalten und weniger um Forschung und methodische Zusammenhänge geht, also insbesondere wenn psychologisches Wissen im Rahmen von Neben- oder Hilfsfächern (z. B. an nicht-psychologsichen Fachbereichen, in Fachhochschulstudiengängen usw.) vermittelt wird. Hier werden auch zum Teil Bezeichnungen o.g. Grundlagendisziplinen anders inhaltlich ausgefüllt, wie z. B. Allgemeine Psychologie als eine den allgemeinen (ersten) Überblick gebende Einführung in die Psychologie (wie in den sprichwörtlichen 101 (number) Kursen in den USA) oder Pädagogische Psychologie als Psychologie für Pädagogen.
Begriffe der Psychologie
- Konstrukt, Paradigma, Modell
- Wahrnehmung, Lernen, Erinnern, Vergessen, Gedächtnis, Denken, Kognition, Problemlösen, Emotion, Motivation, Bewusstsein
- Psychologischer Test, Skala, Diagnostik
- Experiment, Methoden der empirischen Sozialforschung
- soziale Interaktion
- Intelligenz, Persönlichkeit
- Psychopathologie
Siehe auch
Literatur
Auswahl an Lehrbüchern
- Amelang, M. & Bartussek, D. (2001). Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Kohlhammer. ISBN 3170166417
- Aronson, E. et al. (2003). Sozialpsychologie. Pearson Studium. ISBN 3827370841
- Birbaumer, N. & Schmidt, R. F. (2005). Biologische Psychologie. Berlin: Springer. ISBN 3540254609
- Bortz, J. (2004). Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler. Springer. ISBN 354021271X
- Davison, G. C. & Neale, J. M. (2002). Klinische Psychologie. Weinheim: PVU. ISBN 3621274588
- Dörner, Dietrich u. Selg, Herbert (Hrsg.). Psychologie - Eine Einführung in ihre Grundlagen und Anwendungsfelder, 2. Auflage, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln, 1996. ISBN 3-17-012266-5.
- Felser, G. (2001). Werbe- und Konsumentenpsychologie, (2.Auflage). Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag. ISBN 3791019449
- Joachim Grabowski u. Elke van der Meer (Hrsg.): Hilgards Einführung in die Psychologie, Von Rita L. Atkinson, Richard C. Atkinson, Edward E. Smith u. a. Spektrum Lehrbuch. 2001. ISBN 3-8274-0489-4
- Lienert, G. & Raatz, U. (1998). Testaufbau und Testanalyse. Weinheim: PVU. ISBN 3621274243
- Wolfgang Metzger (2001). Psychologie - Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit Einführung des Experiments. 6. Auflage , Krammer: Wien.
- Myers, David G. Psychologie. Heidelberg, Berlin: Springer, 2005. 1029 S. ISBN 3-540-21358-9
- Schuler, H. (2003). Lehrbuch Organisationspsychologie. Bern: Huber. ISBN 3456840195
- Wickens, C. & Gordon, S. (1997). An Introduction to Human Factors Engineering. Prentice Hall. ISBN 0321012291
- Oerter, R. & Montada, L. (2002). Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU. ISBN 3621274790
- Pervin, L. et al. (2005). Persönlichkeitstheorien. UTB. ISBN 3825280357
- Zimbardo, Philip G.. Psychologie, Pearson 2004. ISBN 3-827-37056-6
- sonstige Literatur
- Dörner, Dietrich: Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt. 1989. ISBN 3-499-19314-0
- Gigerenzer, Gerd: Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Berliner Taschenbuch Verlag (BTV). 2004. ISBN 3-8333-0041-8
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