Die Psychiatrie (von griechisch ????at???? psichiatrikí [epistími – Wissenschaft der Seelenheilkunde, von Psyche – die Seele und iatrós – der Arzt) ist das Gebiet der Medizin, das sich mit der Diagnostik, Therapie und Prävention der psychischen Krankheiten befasst.
Hauptartikel: Geschichte der Psychiatrie
Der gemessen an der Zahl der Betroffenen größte Bereich der Psychiatrie befasst sich aber weniger mit den wahnhaften, als vielmehr mit den affektiven Störungen und als zweitgrößter Gruppe den Störungen durch Suchtmittel, etwas weniger auch mit den Erkrankungen des neurotischen Formenkreises.
Es stellt sich die für die Therapie wichtige Frage, auf welcher Bezugsebene (Gene, Zelle, Gewebe, Organ, Individuum, Gruppe) die Ursache einer Störung liegt („Schichtenregel nach Jaspers“). Die Ursachen können auch auf mehreren Ebenen zu finden sein (Es gibt z. B. genetische Disposition zu einer psychotischen Erkrankung Schizophrenie, manisch-depressives Kranksein. Sie kann bei einzelnen Personen, je nach genetischer Ausstattung, unter besonderen psychischen Belastungen oder/und Drogenkonsum - z. B. durch Ecstasy , LSD oder Haschisch - zum Ausbruch kommen). Im Sinne einer psychiatrischen Komorbidität sind z. T. auch mehrere Diagnosen zu stellen.
Kritik an der Psychiatrie bezieht sich meist auf die Geschichte der Psychiatrie, speziell auf die Anstaltspsychiatrie, als deren Vater in Deutschland der hallische Professor Johann Christian Reil (1759-1813) gilt. Bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts bestand die "Therapie" praktisch nur aus der Verwahrung der Patienten in den Anstalten. Eine medikamentöse oder sonstige symptomatisch bessernde Herangehensweise stand nicht zur Verfügung. Die damaligen Zustände bestimmen auch heute noch das öffentliche Bild von Zwangstherapie und Entmündigung in der Psychiatrie. Heutzutage stehen verschiedene neue Behandlungsmöglichkeiten, Medikamente und die Psychotherapie dem Facharzt für Psychiatrie zur Verfügung. Der durchschnittliche Hausarzt weist etwa zwei Patienten pro Jahr unter Zwang ein; gesetzliche Vorschriften schreiben jedoch eine richterliche Anordnung für eine Zwangseinweisung vor.
Sigmund Freud bezeichnete Militärpsychiater als "Maschinengewehre hinter der Front", da sie gewaltsame Methoden anwendeten, um traumatisierte Soldaten möglichst rasch an die Front zurück zu bringen. Auf die Interessen ihrer Patienten nahmen sie dabei keine Rücksicht. Die Militärpsychiatrie beeinflusste dabei immer auch die zivile Psychiatrie, beispielsweise entstammt die posttraumatische Belastungsstörung der Militärpsychiatrie.
Der bedeutendste Kritiker in der Nachfolge war der Soziologe Erving Goffmann. Im Mittelpunkt seiner Kritik standen die großen psychiatrischen Anstalten in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie wurden von ihm als "totale Institutionen" kritisiert, die offene Gewalt ausübten und die Identität der Patienten beschädigten. Im Dritten Reich wurden systematisch psychisch Kranke getötet und in größerem Umfang sterilisiert. Dies fand unter der Bezeichnung Euthanasie und Rassenhygiene statt.
Der portugiesische Neurologe Egas Moniz erhielt 1949 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin für die Erfindung der Lobotomie. Der amerikanische Arzt Dr. Walter Freeman führte diese als Behandlungsmethode in die Psychiatrie ein. Die heute nicht mehr praktizierte Lobotomie besitzt stark negative Nebenwirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des Patienten. So erschreckte unter anderem die Patientengeschichten von Frances Farmer und Rosemary Kennedy die Öffentlichkeit. An beiden wurde eine Zwangslobotomie durchgeführt. Ken Keseys 1962 erschienener und später verfilmter Roman "Einer flog über das Kuckucksnest" war eine Reaktion auf diese Entwicklung in der Psychiatrie. Moderne Kritiker psychiatrischer Behandlungsweisen sehen in der medikamentöse Therapie die Fortsetzung dieser Entwicklung.
In den 1960er und 1970er Jahren entwickelten sich neue Behandlungsmöglichkeiten, Medikamente und die Psychotherapie. Gleichzeitig gab es Versuche, die Psychiatrie zu reformieren oder grundsätzlich in Frage zu stellen. Es gab erste Organisationen von Menschen mit Psychiatrieerfahrung. Die Reform der Gesellschaft in den 1960er Jahren führte in Westeuropa zu einer Reform der Definition von psychiatrischer Behandlungsbedürftigkeit. Stand historisch die Angleichung an ein subjektiv abgeleitetes "Normal" im Vordergrund, so wandelte sich der Begriff in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hin zum Ziel einer Abschwächung destruktiver Tendenzen. Destruktive Tendenzen können dabei nach außen gewendet, also schädlich für die Allgemeinheit sein. Destruktive Tendenzen können aber auch auto-destruktiv sein, also nach innen gewendet, wie bei einem Suizid. Dennoch sieht sich die Psychiatrie durchaus auch in der Lage subjektives Leidens zu vermindern. Menschen mit sozialer Phobie haben keine destruktiver Tendenzen, können aber von einem Psychiater erfolgreich behandelt werden.
In der Folgezeit löste man in den USA und in Italien psychiatrische Anstalten aus Kostengründen auf, dies hatte sehr unterschiedliche Effekte. Patientinnen und Patienten wurden entlassen und in Pensionen ohne Betreuung untergebracht. In Italien bemühte man sich, den Entlassenen zu helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Auch in Deutschland wurden schnelle Entlassungen aus der Psychiatrie angestrebt. Psychiatrische Krankenhäuser versuchen neuerdings den Bettenabbau durch vermehrte Wilderung im Bereich der ambulanten Psychiatrie zu begenen. Institusambulanzen mit überfüllten Wartezimmern und ständig wechselndem Berufsanfänger als Ansprechpartner für den Patienten erhalten pro Patient in der Regel in drei Monaten 300 Euro, ein niedergelassener Psychiater für die selbe Arbeit 50 Euro. Da auch die Betten gefüllt werden müssen weisen Krankenhauspsychiater in Institutsambulanzen ihre Patienten auch häufiger stationär ein.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die angeblich unzureichende Handhabung von Fällen sexueller Straftaten. Entlassene sind wieder straffällig geworden, obwohl psychiatrische Gutachten von einer Heilung ausgingen. Forensische oder sozialmedizinische Gutachten werden durch das Abfragen von Symptomen erstellt, nachdem eine organische Ursache der Beschwerden ausgeschlossen wurde. Die Simulation einer psychischen Störung oder psychischer Gesundheit ist einfacher, als die Simulation einer organischen Erkrankung, der definierte Laborwerte oder Röntgenbefunde zugrunde liegen.
Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks wurde die Psychiatrie in diesen Staaten oft instrumentalisiert und zur Maßregelung unliebsamer Personen benutzt. Eine Aufarbeitung dieser Geschehnisse hat kaum stattgefunden.
Kritikern erscheint die Wissenschaftlichkeit psychiatrischer Diagnosen vielfach zweifelhaft, da diese oftmals nicht verifizierbar sind und folglich Fehldiagnosen bzw. willkürliche Diagnosen drohen. Diese Kritik triff allerdings auf Diagnosen nicht bzw. vermindert zu, welche auf nachweisbaren physischen (neurologischen) Veränderungen basieren. Kontroverser Auffassung ist man über die Frage, ob es überhaupt vertretbar ist, Aussagen über das menschliche Innenleben zu treffen, welches sich, aus Sicht von Kritikern, dem Erkenntnisbereich des Psychiaters entzieht. Auf erkenntnistheoretischer Ebene ergibt sich die Problematik, dass Diagnosen die sich nicht auf physische und konkret messbare Äquivalente gründen (zum Beispiel neurologische Veränderungen bzw tomografische Befunde (Hirnverletzungen, Tumore etc.) oder genetische Defekte), nicht dem Falsifikationsprinzip genügen und somit per Definition unwissenschaftlich sind. Erstellt der Psychiater beispielsweise eine Diagnose über eine Person nur unter Bezugnahme auf Gesprächsergebnisse und impliziert diese Diagnose, dass der Patient kein Krankheitsbewusstsein besitzt (u. A. Psychose), existiert kein Szenario, indem die Diagnose des Psychiaters eindeutig falsifiziert werden könnte (Einwände des Patienten könnten als Krankheitssymptome gedeutet werden); über die Richtigkeit der Diagnose sagt dies nichts aus.
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