Programmmusik (Programm von gr. prógramma, öffentliche, schriftliche Bekanntmachung) bezeichnet Instrumentalmusik, die sich von Themenvorgaben aus dem nicht-musikalischen Bereich (wie Filmkunst, Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Natur, Technik, Geschichte, Philosophie, Politik, Sport u.ä.) anregen und beeinflussen lässt.
Der Gebrauch des Begriffs Programmusik markiert eine grundsätzlich andere Position innerhalb des musikästhetischen Diskurses:
Im Gegensatz zur Absoluten Musik oder auch "reinen", ausschließlich den eigenen Gesetzen gehorchenden Musik, wird Programmmusik im weitesten Sinne von einer außermusikalischen Idee, einem Gefühl, einem Gedanken oder einem optischen oder akustischen Eindruck geleitet, welche der Komponist als Überschrift, Erläuterung oder Inhaltsangabe dem Werk beifügt und in Musik "übersetzt". Der Begriff bezieht sich im Wesentlichen auf Instrumentalmusik z.B. für Orchester oder Soloinstrumente.
Fließende Übergänge von absoluter zu programmatischer Musik bildet die sogenannte Tonmalerei, die mit musikalischen Mitteln aussermusikalische Geräusche schildert, z.B. in der Renaissancemusik.
Daneben gibt es auch Musik mit so genannten poetische Programmen, die sich durch eine lockerere Verbindung zwischen Programm und Musik auszeichnet, so z.B. in Beethovens 3. Sinfonie (Eroica), in seiner 6.Symphonie (Pastorale).
Filmmusik, Militärmusik oder Nationalhymnen, Lieder, Volkslieder, Oratorien, Opern, Messen, Kirchenlieder oder die gesamte Popularmusik sämtlicher Stilarten sind keine Programmmusik, sondern Gebrauchsmusik. Obwohl diese Musik sich dem Text oder dem Anlaß anpaßt, etwa in den wunderschönen Passagen des "et incarnatus est" im Credo zahlreicher Meßkompositionen, handelt es sich bei der musikalischen Reflexion eines untergelegten Textes nicht um Programmmusik.
- In der Musikgeschichte umstritten ist, ob sich der Begriff aus dem um 1800 in Frankreich entstandenen Begriff symphonie à programme über musique à programme entwickelt hat oder ob er unabhängig davon um 1850 als Programmmusik in Deutschland gebildet wurde und dann Aufnahme fand in das u.a. Italienische (musica a programma) und das Englische (program* music).
- Als 1855 eine Kontroverse um die Beschaffenheit der Instrumentalmusik im Allgemeinen und der Zeitgemäßheit klassischer Sinfonien im Besonderen entbrannte, wurde das Wort Programmmusik sozusagen "Programm".
Programmmusik ordnet man allgemein und musikhistorisch etwas unscharf der
Epoche der
Romantik zu (parallel zum Beispiel zu den zahlreichen aufkommenden
Naturbeschreibungen und
nationalpolitischen Themen vor allem in der
deutschen und
russischen Literatur). Die Einordnung ist allerdings nur bedingt zutreffend, da z. B. Romantiker wie
Schumann und
Brahms auch absolute Musik komponiert haben, Klassiker wie Beethoven hingegen auch schon programmatische Stücke im engeren Sinne abgeliefert haben, z. B.
Wellingtons Sieg und
Die Wut über den verlorenen Groschen.
Programmmusik in einzelnen Epochen
Barock
Bereits in der
Barockmusik gab es vereinzelt bereits Kompositionen, die äußere Eindrücke in Musik umsetzen wollten, frühe Beispiele sind die
Orchestersuite Les élémens von
Jean-Féry Rebel (1666-1747) und
Vivaldis berühmte
Violinkonzerte
Die vier Jahreszeiten.
Klassik
In der Klassik wurde diese musikästhetische Position nur vermindert fortgesetzt, da hier die Maxime eines
homophonen, "klaren Stiles" vorherrschte, "programmlose"
Sonaten und
Sinfonien die Musikszene beherrschten. Beispiele sind das Dorfmusikantensextett Mozarts und einige Sinfonien Haydns (etwa "Die Uhr").
Romantik
In der Romantik entfaltete sich die Programmmusik im allgemeineren Sinne in der Werkform der
Sinfonischen Dichtung -
Franz Liszt schrieb derer gleich zwölf - oder der
Konzertouvertüre , z.B. bei
Felix Mendelssohn Bartholdy. Als "Vater" der modernen Programmmusik gilt allerdings
Hector Berlioz mit z.B.
Harold in Italien, der
Symphonie Fantastique oder
Römischer Karneval, der u.a. großen Einfluss auf programmatische Werke von
Franz Liszt wie
Hunnenschlacht hatte.
In Russland erreichte die Programmmusik im engeren Sinne ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Komponisten wie Mussorgsky, Borodin oder Rimsky-Korsakow, die ausschließlich oder überwiegend Programmmusik komponierten. Am von politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen und Kontroversen geprägten Vorabend der
Russischen Revolution versuchten diese Komponisten, Patriotismus und Liebe zur russischen Heimat aus ihrer Sicht in Musikwerke umzusetzen. Bekannte Beispiele sind u.a. Mussorgskis Bilder einer Ausstellung und Borodins Steppenskizze aus Mittelasien. Rimsky-Korsakows berühmter Hummelflug, eigentlich eine Auskoppelung aus seiner Oper
Das Märchen vom Zaren Saltan, gilt in seiner exakten orchestralen Wiedergabe der Fluggerräusche der Hummeln als Kabinettstückchen der Programmmusik.
Etwa zeitgleich schrieben u.a. auch die Böhmen Antonin Dvorak (u.a. Mittagshexe, Aus der Neuen Welt) und Smetana (u.a. Die Moldau aus Mein Vaterland) im damaligen Österreich-Ungarn patriotische, jedoch romantisch-tonmalerisch eingefärbte Programmmusik. Auch Richard Strauss schuf mit Tondichtungen wie Ein Heldenleben und Also sprach Zarathustra Programmmusik.
Moderne
Mit dem beginnenden
20. Jahrhundert verlor der Begriff an Bedeutung, da es selbstverständlich wurde, Werke absolut oder programmatisch anzulegen. Allerdings ist es auch die Hochzeit programmatischer Musik. Beispiel sind die Sinfonischen Dichtungen von
Richard Strauss,
Siegfried Wagner und Emil Nikolaus von Reznicek. Während die genannten Komponisten eher der Nachromantik zuzuordnen sind, hat auch die Moderne einige berühmte Beispiele von Programmmusik hervorgebracht. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang so unterschiedliche Werke wie
Strawinskis Le Sacre du printemps,
Honeggers sinfonische Sätze
Pacific 231 und
Rugby, sowie
Messiaens Vingt regards sur l`enfant Jésus. Spätere Beispiele sind u.a.
Three Screaming Popes für Orchester des britischen Komponisten
Mark-Anthony Turnage nach einer Bildvorlage von
Francis Bacon oder das turbulente Orchesterstück
An Orkney Wedding (
Eine Orkney-Hochzeit) von
Peter Maxwell Davies.
Bekannte Beispiele
- Die Elemente, Jean-Fery Rebel
- Die Vier Jahreszeiten, Antonio Vivaldi
- Die Schöpfung, Joseph Haydn
- Wellingtons Sieg, Ludwig van Beethoven
- Die Wut über den verlorenen Groschen, ders.
- Harold in Italien, op. 16, Hector Berlioz
- Römischer Karneval, ders.
- Symphonie Fantastique, ders.
- Steppenskizze aus Mittelasien, Alexander Porfirjewitsch Borodin
- Bilder einer Ausstellung, Modest Mussorgski
- Hummelflug aus der Oper Das Märchen vom Zaren Saltan, Nikolai Sergejewitsch Rimski-Korsakow
- Mein Vaterland, daraus Die Moldau von Friedrich Smetana
- Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski
- Aus der Neuen Welt, Antonin Dvorak
- Der Zauberlehrling, Paul Dukas
- Karneval der Tiere von Camille Saint-Saens
- Till Eulenspiegels lustige Streiche, Richard Strauss
- Eine Alpensinfonie , ders.
- Also sprach Zarathustra, ders.
- An der schönen blauen Donau, Johann Strauß (Sohn)
- Die Planeten, Gustav Holst
- Pacific 231, Arthur Honegger
- Peter und der Wolf, Sergej Prokofjew
- Morgenstimmung, Edvard Grieg
- Clubbed to Death, Rob Dougan
- Chariots of Fire (long version) von Vangelis
- Three Screaming Popes, Mark-Anthony Turnage
- An Orkney Wedding, Peter Maxwell Davies
Siehe auch
Gattungen und Formen (Musik) | Programmmusik
Programní hudba | Program music | Música de programa | 標題音楽 | 标题音乐