Reziprozität (lat.: Gegenseitigkeit), auch Prinzip der Gegenseitigkeit genannt, stellt ein Grundprinzip menschlichen Handelns dar.
Reziprozität in der Soziologie
In der Soziologie wird es als ein universelles soziales Prinzip angesehen. Menschen sind voneinander gegenseitig abhängig, Reziprozität gehört sogar zu einer Bedingung des Menschwerdens selbst (H.S. Becker, 1956, "Man becomes human in Reciprocity"). Durch Gegenseitigkeit entstehen Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen.
Bekannte Studien, die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen, stammen oft aus der Ethnologie. Beispiele sind Malinowskis Untersuchung über den Kularing auf den Trobriand-Inseln. Dabei handelt es sich um den Austausch von Muschelhalsketten und -armbändern, der zu engen Bindungen zwischen den Bewohnern entfernter Inseln führte.
Ein anderer Klassiker ist Marcel Mauss, der über die Gabe als beziehungsstiftendes Element schrieb, aber auch über die Möglichkeit, mittels der Gabe den sozialen Abstand zu manifestieren.
Es lassen sich in der Soziologie mindestens vier Reziprozitätsformen unterscheiden (Stegbauer 2002):
Direkte "echte" Reziprozität
Einfachste Regel ist das "Tit for tat", wie du mir, so ich dir. Aus dieser Reziprozitätsform wird auch der Tauschhandel abgeleitet, aus dem der moderne Markt entstanden sein soll. Marcel Mauss hat für den Gabentausch die folgenden Regeln beschrieben, wodurch sich die Beteiligten gegenseitig verpflichten: a.) Es kommt zu einer Eröffnungsgabe. b.) Die Gabe muss angenommen werden (häufig gibt es hierfür Normen). c.) Es muss eine Gegengabe erfolgen. Während der Partner, der die Eröffnungsgabe machte, auf die Gegengabe wartet, besteht eine Ungewissheitsphase, welche für die Beziehung besonders wichtig ist. In dieser Zeit ist die Beziehung von beiden Seiten durch Erwartungen geprägt.
Generalisierte Reziprozität
Man unterscheidet Generalisierungen über einen längeren Zeitraum und Generalisierung über ein bestimmtes Merkmal. Während bei der direkten Reziprozität ein Ausgleich für eine Gabe oder eine Handlung im Vordergrund steht, werden einzelne Gaben mit der Zeit vergessen. Ein Beispiel für die Generalisierung über die Zeit sind Generationenbeziehungen. Eltern erbringen für ihre Kinder Pflegeleistungen und materielle Unterstützung. Vielfach wird daher von den Kindern im Falle einer Pflegebedürftigkeit der Eltern erwartet, dass sie die ihnen entgegengebrachten Leistungen "erwidern".
Merkmale, über die hinweg Generalisierungen stattfinden, können sehr vielfältig sein. Beispielsweise kann es sich um Landsmannschaft, Hautfarbe oder Geschlecht etc. handeln. Generalisiert über ein Merkmal bedeutet, dass für jemanden eine Leistung erbracht wird, ohne dass eine Gegengabe von genau jener Person, der sie zugute kam, erwartet werden könnte. Eine Gegengabe wird möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt von jemand anderem erwartet, der das Merkmal des Empfangenden teilt.
Reziprozität von Positionen (reziproke Rollenbeziehungen)
Damit ist gemeint, dass im Rollensystem bestimmte Positionen gleichzeitig einen Gegenpart besitzen, ohne den sie nicht bestehen würden. Ein Beispiel hierfür ist der Vater mit seinem Kind. Ohne Kind hätte der Mann nicht die Position des Vaters inne.
Reziprozität der Perspektive
Reziprozität der Perspektive ist die Möglichkeit, den Standpunkt eines anderen einzunehmen. Sie kann wissenssoziologisch als eine Bedingung des gegenseitigen Verstehens angesehen werden. Diese Idee ist vor allem mit Theodor Litt (1926), George Herbert Mead (1934)und Alfred Schütz (1971) verbunden.
Obwohl Reziprozität eine grundlegende soziale Tatsache ist, wird sie durch zahlreiche Beziehungs- und Gabenormen reguliert und überformt.
Literatur
- Becker, H. S., 1956, Man in Reciprocity. Introductory Lectures on Culture, Society and Personality. New York: Praeger.
- Litt, Theodor, 1926, Individuum und Gemeinschaft. Grundlegung der Kulturphilosophie. Berlin: Teubner (2. sehr stark erweiterte Auflage, zuerst 1917).
- Mauss, Marcel, 1990, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt: Suhrkamp. (orig. 1950, Essay sur le don. Paris).
- Malinowski, Bronislaw, 1984, Argonauten des westlichen Pazifik. Ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesich-Neuguinea. Frankfurt: Syndikat (zuerst: 1922, Argonauts of the Western Pacific. New York: Reynolds).
- Mead, George Herbert, 1973, Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp (zuerst: 1934, Mind, Self and Society. From the Standpint of a Social Behaviorist).
- Schütz, Alfred, 1971, Gesammelte Aufsätze I. Das Problem der sozialen Wirklichkeit. Den Haag: Marinus Nijhoff.
- Stegbauer, Christian, 2002, Reziprozität. Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Reziprozität in der Handelspolitik
Reziprozität ist ein Prinzip in der internationalen
Handelspolitik. Es besagt, dass sich zwei Staaten Vergünstigungen im
Außenhandel auf Gegenseitigkeit gewähren. Im Zuge der Gründung des
GATT und später der
WTO hat das Prinzip der Reziprozität an Bedeutung für die Regelung internationaler Handelsbeziehungen verloren zu Gunsten der Prinzipien der
Meistbegünstigung und der
Inländerbehandlung.
Reziprozität in der Mathematik
In der Mathematik und insbesondere in der
Zahlentheorie gibt es verschiedene
Reziprozitätsgesetze, z.B. das
Quadratische Reziprozitätsgesetz oder das
artinsche Reziprozitätsgesetz. Ersteres bringt gewisse Eigenschaften, die zwei Primzahlen zueinander haben zum Ausdruck.
Des Weiteren tritt die Reziprozität auch in der Geometrie auf. Hier verhalten sich die Steigungen zweier zueinander rechtwinkligen Geraden "negativ reziprog". Das heißt, die Steigung der einen Geraden ist der negative Kehrwert der Steigung der anderen Geraden.
Reziprozität in der Telekommunikation
Telekommunikationsanbieter verstehen unter Rezipozität die gegenseitige Berechnung von Durchleitungsgebühren (siehe auch
Interconnection). Ruft ein Kunde des Anbieters A einen Kunden des Anbieters B an, so fallen Durchleitungsgebühren an. Diese sind in der Regel bereits im Telefontarif des Anrufers enthalten.
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