Präzession ist allgemein die Lageveränderung der Achse eines rotierenden Kreisels, wenn äußere Kräfte auf ihn einwirken. Im Speziellen ist damit die Präzession der Erdachse gemeint.
Die Präzession lässt sich bei jedem Spielzeugkreisel beobachten. Steht die Drehachse des Kreisels genau senkrecht zur Erdoberfläche, wirkt kein Drehmoment auf ihn ein, da die Schwerkraft parallel zu dieser Drehachse ist. Deshalb bleibt die Achse senkrecht, es findet keine Präzession statt.
Setzt man einen Kreisel schräg auf, würde er durch die Schwerkraft umkippen, wenn er nicht rotieren würde. Dieses „Kippmoment“ (analog F1) bewirkt bei einem rotierenden Kreisel, dass seine Drehachse aufgrund der Ausweichbewegung (durch F2) eine Bewegung ausführt, die Präzession.
Ist die Drehachse des Kreisels insbesondere parallel zur Erdoberfläche, und ist der Kreisel auf der Drehachse, jedoch nicht im Schwerpunkt gestützt, so rotiert die gesamte Anordnung um den Stützpunkt des Kreisels.
Deutlich zu spüren ist die Ausweichbewegung, wenn man ein ausgebautes, schnell rotierendes Rad eines Fahrrades in den Händen hält und versucht, das Rad nach rechts oder links zu neigen. Man spürt eine deutliche Kraft, die versucht, die Achse des Rades nach rechts oder links zu drehen. Auch beim Powerball, einem kürzlich sehr populären kugelförmigen Hand- und Unterarmmuskulaturtrainer, kann man diesen Effekt deutlich spüren.
Technische Anwendungen der Präzession sind etwa der Kreiselkompass, der Wendezeiger, das Zweirad (vgl. Gyroskopischer Effekt bei Zweirädern) oder das Gyroskop als Beschleunigungssensor.
Die Frequenz für die Präzession wird bestimmt durch:
Is sei das Trägheitsmoment, Ts ist die Drehperiode und M das Drehmoment. Es handelt sich hierbei um eine vereinfachte Verformelung.
Praezession.png Die Erde hat keine exakte Kugelform, sondern durch die Abplattung des Erdellipsoids von 1:298,25 einen zusätzlichen "Äquatorwulst" (engl. equatorial bulge) von 21 km. Dadurch bewirken die Gezeitenkräfte von Mond und Sonne ein Drehmoment, welches die Erdachse aufzurichten versucht und zur Präzession der Erdachse führt (in der Zeichnung mit P bezeichnet). Für eine volle Kegelbewegung benötigt die Erdachse etwa 25.750 Jahre. Dieser Zeitraum wird Zyklus der Präzession (auch platonisches Jahr) genannt.
Die Mondbahn selbst ist ebenfalls Präzessionsbewegungen mit einer Periodenlänge von 18,6 Jahren unterworfen, was mit ihrer Neigung von 5° und der wechselnden Knotenlage zusammenhängt. Dieser Effekt hat ebenfalls kleinere Auswirkungen auf die Präzession der Erdachse von etwa 20". Die entstehende nickende Bewegung der Erdachse heißt Nutation (in der Zeichnung mit N bezeichnet).
Die Präzession der Erdachse führt dazu, dass das tropische Jahr, das sich nach dem Winkel der Erdachse zur Sonne richtet, etwas kürzer ist als das siderische Jahr (ein Umlauf um die Sonne). Dadurch verändert sich die Schnittlinie Äquator-Ekliptik (der sog. Frühlingspunkt), welcher als eine Art „Nullmeridian“ auf der Himmelssphäre dient. Infolgedessen ändern sich auch die Positionen der Fixsterne am Himmel langsam - um etwa 0,01° pro Jahr.
Dieser Effekt ist schon seit über 2000 Jahren bekannt. Der griechische Astronom Hipparchos verglich etwa um 150 v. Chr. die Sternörter seines neu gemessenen Kataloges mit den Daten aus mehrere hundert Jahre alten Aufzeichnungen und stellte Unterschiede fest. Die Babylonier dürften die Präzession aber schon 170 Jahre früher entdeckt haben.
Gegenwärtig zeigt die Erdachse recht genau in Richtung des Polarsterns, um den sich scheinbar alle Fixsterne drehen. Als Folge der Präzession wird in fernerer Zukunft der Himmelspol nicht mehr beim Polarstern liegen, sondern in verschiedenen Sternbildern auf einem Kreis von 23,5° Radius (Schiefe der Ekliptik) um den Ekliptikpol. In 12.000 Jahren wird sich der Himmelspol beim hellsten nördlichen Stern befinden, der Wega im Sternbild Leier (siehe hierzu: Polwanderung)
Astronomisches Koordinatensystem
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