Der Positivismusstreit war eine in den 1960er Jahren, vor allem im deutschen Sprachraum (Westdeutschland, Österreich) ausgetragene gesellschaftstheoretische Auseinandersetzung über Methoden und Werturteile in den Sozialwissenschaften.
Den Begriff Positivismusstreit prägte Theodor W. Adorno, wobei er einseitig sein Verständnis von Positivismus zur Kennzeichnung der gegnerischen Seite zu Grunde legte. Popper dagegen lehnte die Bezeichnung Positivismus für seine Position ab, weil er nicht mit dem Neopositivismus des Wiener Kreises, von dem er sich in seiner Laufbahn als Philosoph stets absetzen wollte, in zu enge Verbindung gebracht werden wollte.
Der Positivismusstreit ist in dem gleichnamigen Buch in seinen Hauptbeiträgen dokumentiert. Im Wesentlichen enthält er drei Stränge:
Popper postulierte gemäß seiner Theorie des Kritischen Rationalismus, dass eine Theorie nur dann wissenschaftlich sei, wenn sie falsifizierbar, das heißt widerlegbar ist. Danach kann man sich der einer Theorie zugrunde liegenden Realität nur durch Erfahrung annähern. Dies gelte auch für die Sozialwissenschaften.
Die Vertreter der dialektischen Position kritisierten daran die ihrer Meinung nach Nichtbeachtung der Werturteile und bestritten, dass es wertfreie Erfahrungstatsachen geben könne. Grundlegend für die gesellschaftliche Analyse der Vertreter der Frankfurter Schule ist das "Wesentliche": Das Wesen der Gesellschaft soll analysiert werden, nicht einzelne Teilbereiche, wie Adorno es dem Soziologen Ralf Dahrendorf vorwirft. Soziologie soll dementsprechend gesellschaftliche Missstände aufdecken und nicht nur deskriptive Analysen liefern, ohne sie zu bewerten. Der grundlegende Begriff auf Seiten der Kritischen Theorie ist dabei der Terminus der Totalität. Diese wird gesehen als grundlegender strukureller Zusammenhang, welcher den Charakter der Gesellschaftsform bestimmt. Gesellschaftliche Analyse hat dabei nach Ansicht der Frankfurter Schule diese grundlegende Totalität aufzuspüren. Auf dieser Grundlage soll die Begrifflichkeit der Analyse entwickelt und so dem Gegenstand gerecht werden. Ein angemessenes Verständnis sei ansonsten nicht möglich. Popper forderte im Rahmen des Positivismusstreits, diesen Begriff von Totalität angemessener zu erläutern.
Die Debatte innerhalb der Soziologie ist zwar bis heute noch nicht abgeschlossen, jedoch "erkaltet". Die Vertreter dialektischer Theorien und des Popperschen kritischen Rationalismus treffen sich inzwischen auf einer pragmatischen Analyseebene.
Von distanzierteren Beobachtern wurde die Kritik geäußert, dass der Streit vor allem um Wörter - insbesondere: Dialektik, Totalität, Positivismus - geführt wurde. Der Disput habe durch Verständigungsprobleme oder sogar -verweigerung über diese Begriffe eine Schärfe angenommen, welcher keine Entsprechung in - keineswegs unüberbrückbaren - inhaltlichen Differenzen zu Grunde gelegen habe.
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